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Dörte Hansens "Mittagsstunde" Abschied von der Dorfkindheit

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Die Städter mögen all das, was die Dorfmenschen wegwerfen.

imago/Joana Kruse

Vor drei Jahren landet Dörte Hansen mit "Altes Land" einen Überraschungserfolg. Diesmal zieht es sie noch weiter nach Norden, in die schleswigsche Geest. Hierher kehrt Ingwer Feddersen zurück, in das Dorf seiner Kindheit, in dem seine Großeltern jetzt sterben.

Ingwer Feddersen hat es weit gebracht, von Brinkebüll bis nach Kiel. Vom Gastwirtssohn bis zum Wissenschaftler. Aber wie der Volksmund sagt, man bekommt den Mann aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus dem Mann: Und so entscheidet sich Ingwer für ein Sabbatjahr, in dem er sich um die alten Großeltern kümmern will, die eigentlich seine Eltern sind.

Aber schon da wird es in Dörte Hansens Roman "Mittagsstunde" kompliziert, denn genauso gut könnte man von Ella und Sönke Feddersen als Ingwers Eltern sprechen, die eigentlich seine Großeltern sind. Jedenfalls sind beide jetzt wirklich alt, Ella vergisst immer mehr von dieser Welt und Sönke wird jeden Tag steifer und sturer. Ihre Tochter Marret ist schon vor Jahren verschwunden, einen anderen Vater als Sönke hat Ingwer nie kennengelernt.

Mittagsstunde: Roman
EUR 22,00
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Also räumt er das Büro an der Uni und auch das WG-Zimmer und lässt überraschend leicht sein Kieler Leben hinter sich, um in Brinkebüll wieder in sein Kindheitsuniversum einzutauchen. "Das hier war Altmoränenland, es hatte ewig unter Gletschereis gelegen, es war geschliffen und verschrammt, das bisschen Wind und Regen machte ihm nichts aus." Hier, in der schleswigschen Geest haben Menschen nicht viel zu melden, egal, wie sehr sie gegen Wind und Regen anschreien.

Sozialer Aufstieg als Makel

Es würde dem Gastwirtskind und Historiker Dr. Ingwer Feddersen sowieso nicht im Traum einfallen, laut zu sein. Bis heute kann er kaum fassen, dass er nicht nur Abitur gemacht, sondern auch noch studiert und promoviert hat. Dozent und Grabungsleiter, niemand hätte das gedacht, als sich Ingwer überraschend als Fünftklässler mit dem Bus nach Husum aufs Gymnasium aufmachte. Deutlicher hätte das Scheitern der Eltern kaum sein können. Dieser Junge würde nicht den Gasthof übernehmen, obwohl er doch gemolken und Mist gestreut, in der Schankstube ausgeholfen und Tenorhorn im Musikzug gespielt hatte.

Aber Lehrer Steensen, der jahrzehntelang die Dorfschule in Brinkebüll verkörperte, hatte ihn langsam und behutsam Richtung Ortsausgang geschoben. Hatte ihn angesteckt mit dem Steine umdrehen, bis sie ihre Geschichte erzählten. Und hatte Gründe dafür, die im Dorf kein Geheimnis waren.

Das ist lange her. Steensen ist tot, längst ist die Dorfstraße asphaltiert, die Heuballen liegen in Plastik eingeschweißt auf den Feldern, überall stehen die großen Tanks der Biogasanlagen und nachts verbreiten die Windkraftanlagen ihr rotes Leuchten. Aus stattlichen Höfen sind Ferienhäuser geworden und im Brinkebüller Dorfkrug wird neuerdings zu Countrymusik getanzt. Nach einigem Fremdeln lässt sich Sönke von Ingwer waschen, der jede Scham im Umgang mit Alten schon vor Jahrzehnten im Zivildienst in einem Flensburger Altenheim abgelegt hat. So bekommen die Dinge doch noch einen Sinn.

Nur noch ein paar Wochen, dann feiern Ella und Sönke Gnadenhochzeit, 70 Jahre sind sie dann beieinander. Bei Ostwind fallen Sönke die Kriegserinnerungen an, machen ihm Kopfweh, das nur besser wird, wenn er sein altes Tuch so fest um den Kopf knotet, dass es ins Fleisch schneidet. Oder wenn Ella ihm die Schläfen mit Pfefferminzöl massiert. Ingwer muss es ihr in die Hände geben, erst dann erinnert sie sich an diese beständige Geste ihrer Ehejahre. Sie kneift ihren Mann auch und sagt schlimme Dinge zu ihm. Sönke fällt es schwer, es nicht persönlich zu nehmen, dass seine Frau langsam den Verstand verliert.

Still wie ein betäubtes Tier

Ingwer genießt diese Zeit mit den beiden Alten, auch wenn er manchmal vor der Tür einen Joint rauchen muss, wenn er zu lange im Haus gesessen hat. Noch immer fällt ihm zu jedem Haus und jedem Stein eine Geschichte ein. Manchmal übermannen ihn die Erinnerungen und er wird überschwemmt von seinen Kindheitserinnerungen. "Man musste warten, bis das Dorf wie ein betäubtes Tier zusammensackte. Bis in den Küchen und Stuben nach und nach die Tageszeitungen zu Boden glitten und tief geatmet wurde auf den Eckbänken und Sofas. Die Brinkebüller Kinder lernten früh, dass man das leise Schnarchen hören musste, bevor man auf den Strümpfen durch die Dielen huschen konnte, zum Heuboden hinauf, wo die versteckten Comic-Hefte lagen oder die blinden, jungen Hunde, die man eigentlich nicht haben durfte."

Er trifft alte Freunde wie Heiko "Jaulnich" Ketelsen wieder, der als Kind ständig von seinem Vater verdroschen wurde und den alten Mann heute trotzdem versorgt. Und er fragt sich, wie sein eigenes Leben weitergehen soll.

Demenz und Sterben, die Wunden des Zweiten Weltkriegs, Verlust, Verrat, die neuen Zeiten und ihre demographischen Auswirkungen, das Leben der Babyboomer und eine üppige Familiengeschichte – das alles packt Dörte Hansen in ihren gut 300-Seiten-Roman. Wie schon in ihrem vor drei Jahren gefeierten Debüt "Altes Land" erzählt sie beinahe beiläufig von den Lebenskatstrophen der Menschen und davon, wie es danach weitergeht. Wortkarg sind Hansens Figuren, und wenn sie etwas sagen, dann auf Plattdeutsch.

Trotzdem ist da nichts kitschig oder rückwärtsgewandt. Dafür werden Schuld und Scham zu genau benannt, die menschlichen Abgründe, die jedes lange Leben nun mal hat. "Er hatte das Archiv der Brinkebüller Untergänge eingesehen, jetzt fiel ihm alles ein, was er vermisste." So geht es dem Dorfmenschen und Gastwirtssohn Ingwer. Aber Zeitalter beginnen und enden irgendwann, der Historiker Dr. Feddersen weiß das.

Quelle: n-tv.de

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