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Siegfried Lenz: "Die Maske"Auf der Suche nach der Wirklichkeit

22.11.2011, 13:10 Uhr
imagevon Katja Sembritzki

Mit Spannung hat die Lenz-Fangemeinde dem Erscheinen des angekündigten Romans "Die Maske" entgegengefiebert. Ein Roman ist es dann doch nicht geworden. Dafür sind fünf Geschichten entstanden, in denen sich Lenz einmal mehr als großartiger Erzähler erweist, der Kraft der Illusion nachspürt und sich auf die Suche nach der Wirklichkeit begibt.

Kaum ein Leben verläuft gradlinig. Auch nicht das von Sven. Seine Mutter lauscht – gerührt und verblüfft zugleich – den Schilderungen ihres Mannes. Der hat den Lebensweg des gemeinsamen Sohnes aufgeschrieben. Er berichtet von einem Jungen, der sich für andere einsetzt und dabei auch schwierige Situationen nicht scheut, von einer folgenschweren Rangelei an Deck eines Schiffes, von Svens Sehnsüchten als junger Mann und von seinem tragischen Tod auf der Elbe.

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Siegfried Lenz erzählt vom Leben und von der Liebe. (Foto: picture alliance / dpa)

"Ein Entwurf" ist die ergreifendste Geschichte in dem jetzt erschienenen Erzählband des großen Altmeisters Siegfried Lenz. Die eigentliche Pointe sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: sie ist bitter – wie die der anderen vier Geschichten auch.

"Das Schicksal verzichtet oft auf Kommentare, es begnügt sich damit, zuzuschlagen", heißt es auf der letzten Seite des Buches. Der 85-jährige Lenz interessiert sich in seinen Geschichten für die Brüche im Leben, für die alles verändernden Momente. Er fragt nach der Kraft der Fantasie und lotet die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit aus.

So zum Beispiel in der Erzählung "Rivalen", in der ein Museumswärter sich in die Gemälde-Schönheit "Antonia mit dem blauen Schal" verliebt und seine Frau zu einer Verzweiflungstat treibt. Oder wenn der Kapitän eines bei schwerem Sturm gesunkenen Schiffs in "Die Sitzverteilung" für seinen heroischen Einsatz an Bord des Holzschoners geehrt wird – ein Einsatz, der durch ein kleines, verschwiegenes Detail in ein ganz anderes Licht rückt.

"Dir kannst du nicht entkommen"

Schein und Sein ist auch das Thema der titelgebenden Geschichte "Die Maske". Nach einem Sturm wird ein Container mit Tiermasken, der sich auf dem Weg zum Hamburger Museum für Völkerkunde befand, an einen norddeutschen Strand gespült. Die Menschen dort probieren die Masken auf und begegnen sich als Ente, als Bär und als Frosch. Plötzlich gelten alte Feindschaften nicht mehr. Nach der Demaskierung aber brechen die alten Fronten wieder auf. Und nicht nur das. Auch die Liebe wird unmöglich.

Die Liebe zwischen Jan und Lene hätte sich wahrscheinlich ohne den Schutz der Masken nie entwickeln können. Zärtlich nähern sie sich als Wildkatze und Drachen einander an. Dann aber folgt die Enttäuschung: "Dir kannst du nicht entkommen. (...) Ob Du es glaubst oder nicht, Jan, aber mit der Maske warst du ein anderer." Der Traum einer gemeinsamen Zukunft zerplatzt jäh wie eine Seifenblase.

Mit 40 Seiten ist die Erzählung die längste in dem Band. Lange Zeit war "Die Maske" als Roman angekündigt worden. Und das merkt man der Geschichte ein wenig an: Einige Übergänge wirken sehr unvermittelt, manche Charaktere sind wohl auf einen größeren Erzählbogen hin angelegt worden, etliche Details scheinen auf den ersten Blick von Bedeutung zu sein, verlaufen aber im Nichts.

Aber das ist nur ein winziger Wermutstropfen. Denn Lenz wäre nicht einer der brillantesten Erzähler der deutschen Literatur, wenn er ansonsten nicht präzise erzählte Geschichten vorlegen würde. Wieder einmal versteht er es, mit einer klaren und einfachen, aber ausdrucksstarken Sprache atmosphärisch dichte Bilder zu schaffen. Auch seinen so typischen, liebenswürdigen Humor lässt er an einigen Stellen aufblitzen.

Und noch etwas darf natürlich nicht fehlen: die norddeutschen Zutaten, die einen Lenz erst zu einem Lenz machen. Also Personen mit Namen wie Frauke Pienkogel und Opa Klaas, die Dünenlandschaft der Küste und nicht zuletzt das von allen Wettern gepeitschte Meer, das in vier der fünf Geschichten eine Hauptrolle spielt.

Kunst als roter Faden

Aber letztendlich ist es immer wieder die Kunst – in Form eines Gemäldes, eines am Strand gezeichneten Porträts, eines Films oder der von Svens Vater verfassten Erinnerungen –, die Lenz zum Leitmotiv seiner Geschichten macht.

In seiner Dankesrede für die Ehrenbürgerschaft seiner polnischen Geburtsstadt Elk im Oktober 2011 sagte Lenz über die Literatur: "Was sie uns vermitteln kann, ist alles, worin sich Leben offenbart. Es können Träume sein und Furcht, Sehnsucht und Hoffnungslosigkeit. Wer den Wunsch hat, deutlicher zu leben, dem werden manche Fragen durch Literatur beantwortet."

Auch die Frage nach der Wirklichkeit? Vielleicht. Die Erzählungen jedenfalls lassen den Leser nachdenklich zurück und wirken lange nach.

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