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Heute gallert's aber mal richtig Bettina Rust und ihr Berlin

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Frau 1 liest. Frau 2 hört zu? Falsch. Frau 1 erzählt Geschichten, Frau 2 moderiert.

"Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau, du kannst so schön schrecklich sein ..." sang Peter Fox einst in "Schwarz zu Blau". Dass es auch anders geht, zeigt Bettina Rust, bekannte Radiomoderatorin, Berlin-Kennerin und Autorin in ihrem Buch "Lieblingsorte - Berlin".

Sie haben schon einen Berlin-Reiseführer? Macht nichts, dann können Sie ein Buch mit authentischen Geschichten von authentischen Orten, aufgeschrieben von einer der authentischsten Hörfunk-Journalistinnen Deutschlands, ja bestens gebrauchen. Bettina Rust nimmt uns mit an ihre Lieblingsorte in der Hauptstadt, und die können verdammt romantisch sein. Oder lustig. Oder ruhig. Oder bekannt. Aber das macht nichts. Die Frau, die in ihrer Sendung "Stadt Land Hund" mit dem Fahrrad durch Berlin fuhr, hat eine Menge zu erzählen. Man merkt, wie sehr sie diese Stadt, abseits von Rollkoffer-Romantik und Generation Easyjet, liebt. Und wie realistisch sie ist. Mit n-tv.de hat sie über Fotos früher und heute, die Bewahrung lustiger alter Begriffe und die Freude am Vorlesen gesprochen.

n-tv.de: Man möchte alles, was in dem Buch steht, ausprobieren.

Bettina Rust: Das ist gut, ich habe tatsächlich alles ausprobiert, natürlich alle Fotos gemacht, mit allen gesprochen - ich kann sagen, dass ich vollkommen hinter diesem Buch stehe.

Wenn der Leser bereits Orte oder Tipps kennt, dann macht das gar nichts, denn man bekommt wieder Lust, alles auszuprobieren. Wie bist du bei der Auswahl vorgegangen? Berlin ist so groß ...

Mir wurde dieses Buch angeboten, weil ich die TV-Sendung, die "Stadt Land Hund" im RBB moderiert habe ...

... diese herrliche Sendung, die es leider nicht mehr gibt ...

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Bettina Rust liebt vergessene Wörter und Berlin.

(Foto: imago/eventfoto54)

... genau (lacht), aber nun, alles hat seinen Grund. Jedenfalls war ich da an so vielen wunderbaren Orten. Und zuerst dachte ich, dass das 'ne Menge Holz ist, so einen subjektiven Stadtführer über Berlin zu verfassen. Ich hätte bestimmt 70 Orte vorschlagen können, dann wäre es pro Kapitel alles etwas kürzer geworden, aber ich habe mich dann lieber für eine kleinere Auswahl entschieden und mich von Freunden an bestimmte Orte auch wieder erinnern lassen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel hatte ich den Botanischen Garten gar nicht mehr auf dem Schirm.

Dann hast du einige Orte quasi selbst für dich wieder neu entdeckt ...

Ja, wie man eine Platte von vor Jahren mal wieder durch Zufall hört und den Text wie selbstverständlich mitsingen kann. Das war in einer ganz verborgenen Schublade und - zack - ist alles wieder da.

Deine Lieblingsorte - trifft man dich da? Wie in einigen Restaurants zum Beispiel?

Ja, schon. Nehmen wir zum Beispiel das "Restlos glücklich" - die waren, als ich das geschrieben habe, noch gar nicht so richtig fertig. Es sieht inzwischen viel schöner aus. Ich kann nicht behaupten, dass ich da regelmäßig bin, aber es ist ein toller Ort mit einer tollen Geschichte, die ich durch die Erwähnung in meinem Buch ganz klar unterstützen will. So ein Laden kann der Lieblingsort vieler Menschen werden. Restaurants, in denen man gut essen kann, gibt es natürlich viele in Berlin, aber wer mit einem Restaurantbesuch etwas Sinnvolles - wie in diesem Fall einen bewussteren Lebensmittel-Konsum - verbinden will, der geht dann vielleicht auch mal dort hin.

Was gehört noch zu deinen Favoriten?

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"Erguns Fischbude" - unglaublich! Und - hier kommt das Zauberwort - sehr authentisch. In Zeiten sozialer Medien scheinen viele Dinge nur zu entstehen, um gepostet zu werden. Dieses Restaurant führt den Gedanken einer arrangierten Realität ad absurdum, hier ist alles gewachsen, sehr durcheinander und läuft doch nach einem Prinzip. Nach welchem auch immer. Tarantino würde es mögen, das Ambiente und das Essen.

Hast du den "Insta-Blick" eigentlich schon verinnerlicht? Gehst du durch die Stadt, durchs Leben, und denkst: "Das würde sich auf meiner Time-Line aber super machen ...!" Also, anstatt den Sonnenuntergang zu genießen, fotografiert man ihn, um ihn dann zu posten, um dann zu lesen: "Das ist ja mal ein toller Sonnenuntergang!"

(lacht) Ich hab' schon immer sehr gerne fotografiert, um den Moment festzuhalten und auch, um mich zu erinnern. Aber sicher ertappen sich sehr viele heutzutage genau bei dem, was du gerade gesagt hast. Ich glaube , dass beides möglich ist: Situationen einerseits nur für sich selbst festzuhalten, sie andererseits auch mit anderen teilen zu können. Man muss gar nicht so streng mit sich selbst sein. Denn zuerst ist da doch das Gefühl: "Ach, ist das schön!" Wichtig ist, dass man das überhaupt noch merkt, ganz für sich allein.

Berlin ist deine Stadt ...

Das kann man wohl sagen, aber ich fürchte, ein paar Orte werden sauer mit mir sein ...

Weil?

Weil die vielleicht ein bisschen unterrepräsentiert sind. Aber ich musste ganz stark selektieren. Ich habe mir irgendwann eingestanden, dass niemand diese Stadt in seiner Gänze erfassen kann, außer vielleicht, eine 80-köpfige Hydra betreibt einen Live-Blog. Wenn an der einen Stelle gerade etwas neu eröffnet oder gebaut wird, wird an anderer Stelle garantiert etwas geschlossen oder abgerissen. Deswegen habe ich mich auch nicht nur auf supersupersecret Hot Spots und Subkultur verlassen, weil sich da die Szene fast wöchentlich ändert.

Das macht es wirklich nicht einfach, eine Auswahl zu treffen ...

Nein, und ich bin auch verdammt froh, dass "Lieblingsorte" kein typischer Reiseführer ist. Es ist eher ein Kolumnenbuch, eine Ansammlung persönlicher Geschichten mit besonderem Bezug zu den Orten.  Die Geschichten, das sollte ich einräumen, nehmen in der Regel einen viel größeren Platz ein als die nüchternen Informationen über den Ort. Aber so machte es auch viel mehr Spaß, darüber zu schreiben. Anders darüber zu schreiben. Irgendwie geht beides Hand in Hand.

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Bettina Rust ist Berlinern als Moderatorin bei Radio Eins bekannt.

Das Schöne an dem Buch ist unter anderem, dass du alte Orte aufgesucht hast, wie den geheimsten Geheimtipp des Westens ...

... das Café am Neuen See ...

... weil es zum einen denen, die da gerne hingehen, doch auch wieder das Gefühl gibt, echt angesagt zu sein. Und zum anderen ist es eben auch wirklich schön dort, da gibts ja nichts dran zu mäkeln.

Genau. Ein Ort wird ja nicht weniger schön, bloß weil er schon eine Weile da ist. Möglicherweise war der Leser also schon mal dort. Ansonsten stelle ich ihm erstmal meine Geschichte zur Verfügung, meine Eindrücke. Und die darf er dann gerne mit seinen eigenen überschreiben, den alten oder den neuen. (lacht).

Du benutzt ja auch sehr lustige, teils Berlin-typische, teils echt schon fast vergessene Wörter. Zum Beispiel: "Da kann man eine Molle zischen", sprich: ein Bier trinken.

Stimmt, das steht so bei "Clärchens Ballhaus". Das gehört zu dem alten Slang dazu.

Du liebst diese Wörter, oder? So etwas wie "pfiffig", da kramst du doch ganz nonchalant in der Mottenkiste.

Ja, Worte beschützen, das mag ich sehr. Ist jetzt aber nicht der Fokus dieses Buches (lacht). Als ich neulich mit dem Hund rausgehen wollte, sagte ich laut in Gedanken: "Ohmann, draußen gallert's." Und musste sofort lachen, weil ich dieses Wort so lange nicht gehört, geschweige denn benutzt habe. Meine Mutter verwendete es für starken Regen. Ich habe mich so gefreut, dass es mir in den Kopf schoss. Solche Bezeichnungen und Worte dürfen nicht aussterben. (lacht)

Man erfährt eh eine Menge über dich in dem Buch ...

Ja, obwohl "Lieblingsorte" ja eine Reihe ist. Das heißt, der Klappentext ist relativ standardisiert. Vielleicht würde ich nicht unbedingt behaupten - wie es dort steht - die Stadt "wie meine Westentasche" zu kennen, aber so steht es bei den anderen - Mailand, Paris, Rom - eben auch drauf. Und für Berlin erzähl' eben ich meine Geschichten, da erfährt man zwangsläufig etwas über mich.

Magst du Lesungen eigentlich?

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Lesen macht Spaß, Kinder! Mit Bettina Rust und Linda Zervakis auf jeden Fall.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Spaß ich schon auf den Lesungen hatte. Oft wurden diese Abende von Freunden moderiert, Jörg Thadeusz oder Linda Zervakis, und das Publikum war jedes Mal großartig. Schon allein die Atmosphäre auf Lesungen wäre für mich ein Grund, um mit dem Schreiben weiterzumachen. Ich habe vor Freude immer knallrote Wangen.

Mit Bettina Rust sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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