Wörter fern der HeimatBlitzkrieg und Butterbrot
Auswanderer-Shows liegen im Trend. Gern beobachtet man dabei Deutsche, die in fremden Ländern ihr Glück versuchen. Ein Nebeneffekt wird in einem Buch dargestellt: Die Auswanderer verbreiten auch die deutsche Sprache.
Was haben Kaffeepause, Berufsverbot und Buchhalter gemeinsam? Oder Schadenfreude, Katzenjammer und Schiebedach? Sie alle sind deutsche Wörter, die sich auf den Weg in eine neue Sprache gemacht haben und dort heimisch geworden sind. Genauso wie Büro, Tornado und Mikado im Deutschen, haben diese Wörter dabei teilweise ihre Schreibweise verändert, auch ihre Bedeutung oder die Aussprache.
So bezeichnet der Begriff "kanitzeen Boot" im Afrikaans ein Gefährt, das man eben "nicht sehen kann" - weil es unter Wasser fährt. Die Kaffeepause wurde im Finnischen zur "kaffepaussi", der Besserwisser zum "besservisseri". Andererseits haben sich die "Schlafstunde" für Mittagsschlaf im Hebräischen, die sportliche "Schwalbe" im Niederländischen und das "Butterbrot" im Russischen kaum verändert.
6000 Einsendungen aus 60 Sprachen
Diese und andere Beispiele präsentiert das Buch "Ausgewanderte Wörter", das jetzt als Taschenbuch vorliegt. Die Sammlung entstand nach einer internationalen Ausschreibung des Deutschen Sprachrates, der Gesellschaft für deutsche Sprache und des Goethe-Instituts. Über 6000 Einsendungen aus aller Welt, aus über 60 Sprachen kamen zusammen.
"Wörterwanderung ist eine weltweite Erscheinung", sagt die Herausgeberin Jutta Limbach. Und je lebendiger und wandlungsfähiger eine Sprache sei, so Limbach weiter, desto besser gemeinde sie zugewanderte Wörter ein und bereichere so ihren Wortschatz.
Dem Buch gelingt dabei eine gute Mischung. Da stehen die bekannten ausgewanderten Wörter - Zeitgeist, Angst, Weltanschauung, Kindergarten und Wunderkind - neben unbekannteren, witzigen Beispielen. So kennt das Englische die Bezeichnung "kaffeeklatsching", der Australier erfreut sich an der "OOM PAH PAH Music" (gemeint ist Blasmusik), der Pole nennt das Gesicht ironisch "Cyferblatt" und im Iran öffnet man bei Sonnenschein das "Schiebedach" des Autos.
Die Kommentare der Leser bleiben teils an der Oberfläche
Das Buch verlässt sich dabei auf die Kommentare der Einsender. Und diese suchen leider in den seltensten Fällen nach den tieferen Wurzeln der Sprach-Reise. Die Kommentare beschränken sich teilweise auf die Nennung des Fundortes - ein Zeitungsartikel, ein Buch oder, im schlechtesten Fall, nur der Ausspruch eines Einheimischen. Ob das Wort wirklich in der jeweiligen Sprache angekommen ist, lässt sich damit nicht belegen.
Die interessantesten Beispiele sind deshalb jene, die den direkten Zusammenhang zur deutschen Geschichte zeigen. Es ist hier nicht verwunderlich, dass unter den Einsendungen die meisten Hinweise aus dem (amerikanischen) Englisch und dem Russischen kamen, denn beide Länder haben eine lange deutsche Tradition - durch Einwanderung, durch dynastische Verbindungen, aber auch durch Krieg und Besatzung.
Auch der Zweite Weltkrieg hat zur Verbreitung deutscher Wörter geführt - allerdings meist mit negativer Konnotation: "Blizkrig" bzw. "Blitzkrieg" finden sich noch im Russischen und Englischen. Das Wort "Ersatz" für Produkte, die aus Mangel ersetzt wurden, ist vielen Franzosen noch ein Begriff, die die deutsche Besatzung erlebt haben. "Degausing" als englische Bezeichnung für Entmagnetisierung geht auf den deutschen Physiker Gauß zurück, dessen Name die magnetische Feldstärke bezeichnet. Der Begriff kam mit deutschen Bodenminen auf die Insel, wo der verwendete Magnetzünder noch unbekannt war.
Tief blicken lassen die Beispiele aus Afrika
Neben die kaum überraschenden Beispiele aus europäischen Sprachen treten jedoch auch Wörter, die heute in afrikanischen Sprachen verwendet werden - als Überreste der deutschen Kolonialgeschichte. Denn diese zeigen nicht nur, wie weit der Einfluss der deutschen Sprache reicht, sondern auch, wie die Deutschen in ihren Kolonien aufgetreten sind und wie diese Präsenz auf die Bevölkerung gewirkt hat.
"Dagi" nennt man in Burundi Deutsche, da diese zu Kolonialzeiten immer mit "Guten Tag" gegrüßt haben. "Aberjetze" heißen die Deutschen in Afrikaans - nach der oft vorgebrachten Aufforderung zur schnelleren Arbeit. Auch Wörter wie "dumm" und "banop" (für Bahnhof) in Kamerun und "nusu kaput" ("halb kaputt" - für Narkose) in Tansania erinnern an deutsche Großmachtträume. Im Türkischen heißt das Kommando zur Abfahrt eines Zuges immer noch "fertik" - seit dem Bau der Bagdadbahn.
Allerdings sind diese langlebigen Beispiele selten. Denn ausgewanderte Wörter hängen auch an ihrer Zeit. Und so verwundert es kaum, dass sich wenig aktuelle Beispiele in dem Buch finden. Diese haben sich entweder noch nicht in der neuen Sprache etabliert, oder sie zeigen, dass die deutsche Sprache - vor allem gegenüber dem Englischen - an Einfluss verloren hat.
Geradezu ironisch wirkt deshalb ein Wort, das seine Reise gerade erst angetreten hat und nicht in dem Buch auftaucht: Der deutsche Scheinanglizismus "Handy" für Mobiltelefon (das in den USA "cell phone" genannt wird), findet mittlerweile auch in Amerika seine Nutzer.
Limbach, Jutta: "Ausgewanderte Wörter", Rowohlt-Verlag 2007, 143 Seiten, 7,95 Euro.