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Dicke Weiber und DampfnudelnDer Genießer Heinrich Heine

14.02.2006, 02:00 Uhr

Er liebte dicke Weiber und Dampfnudeln. Seine Ehefrau wog im Alter von 35 Jahren 180 Pfund und überlebte ihn um fast drei Jahrzehnte.

Er liebte dicke Frauen und Dampfnudeln, hatte Sehnsucht nach Sauerkraut, aber Verdauungsprobleme damit; er setzte feine Lyrik, derbe Sprüche und Erbsensuppe ein, um an Herz, Hirn und Magen der Konsumenten zu rühren, besang die französische Kochkunst und überzog die britische Küche mit beißendem Spott: Heinrich Heine.

Tatsächlich, wir haben nicht nur Mozart-Jahr! Sondern auch Schumann-, Brecht-, Freud- und Rembrandt-Jahr. Und es starb H.H. Am 17. Februar 1856, morgens in der Frühe um fünf Uhr.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat aus diesem Anlass eine Neuausgabe von "Essen und Trinken mit Heinrich Heine" (Herausgeber: Jan-Christoph Hauschild) aufgelegt. Ein ansprechendes Plauderwerk, das sich wohltuend abhebt von manch trockenen Abhandlungen über den weltberühmten Dichter, der selbst alles andere war als ein verstaubter und vertrockneter Bücherwurm. Wunderschöne zeitgenössische Illustrationen und Rezepte von 3-Sterne-Koch Jean-Claude Bourgueil, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen, runden das Buch ab.

Die Mischung macht's, dass dieses literarische Menue Heine-Verehrer, Hobby-Köche und Kochbuch-Sammler gleichermaßen anspricht. Der Matre hat sich von Heine, seinem Bruder im Geiste, zu neun delikaten Gerichten inspizieren lassen. Da finden sich elegante und teure Hummern und Austern ebenso wieder wie handfeste Kalbsfüße und ein ehrlicher Sauerbraten, dem aber selbstverständlich auch die Raffinesse einer Sterne-Küche eigen ist. Die Rezepte sind erwartungsgemäß anspruchsvoll, aber für den geübten Hobby-Koch durchaus nachkochbar. Düsseldorfer haben's gut: Die bestellen sich einfach einen Tisch in des Meisters eigenen Restaurants am Kaiserswerther Markt in Heines Geburtsstadt. Das Buch liefert auch die Telefonnummer.

Ich gestehe: "Richtig" (?) gelesen habe ich Heine das letzte Mal wohl zum Abitur. Das ist schon ziemlich lange her. Und da hatte ich sicher noch nicht den Zugang zu Heines Lebens- und Esslust gefunden. Das Büchlein des Germanisten und Heine-Forschers Hauschild dürfte nicht nur für mich Anlass sein, sich mit Heines Auslassungen über Küchen- und Liebeskünste erneut oder das erste Mal zu befassen. Heines Vergleiche der europäischen Küche mit den Weibern ("eine gewisse Aehnlichkeit") sind allzu köstlich: Da sind die britischen Schönen, so "konsistent" wie Gemüse in Wasser gekocht. Und in Frankreich, wo "der Braten selber manchmal weniger werth ist als die Sauce", locken die Damen mit Geschmack, Grazie und Eleganz. Italiens Küche "weint vor Zwiebelduft und Sehnsucht", und die deutsche Küche hat "nur einen einzigen Fehler". Bei den Holländern tadelt der Poet, dass die schönen Töchter "Unterhosen von Flannel" tragen. Lob dagegen kassiert die Zubereitung der Fische, die "unbeschreibbar liebenswürdig" ist.

Das Buch ist ein Leckerbissen. Gedichte, Prosa, Briefe – alles rankt sich ums Essen und Trinken und folgt doch Heines Lebensspuren. Heines "Köchel-Verzeichnis" und biografische Daten fehlen ebenso wenig wie ein ergötzliches Nachwort des Herausgebers sowie Wissenswertes über Hauschild und Bourgueil.

Die Texte vermitteln Heines Zorn über politische Suppenköche, die aus Menschen "Satte" oder "Hungerleider" machen, seinen Sinn für Erotik und fleischliche Genüsse. Letzteren sprach der Gourmet Heine eher in Maßen als in Massen zu, denn selbst für den Genießer hätte seine Mathilde in der Mitte herum "ein bischen schmäler seyn" können. Nichts desto trotz – das "süße, dicke Kind", das mit 35 Jahren 180 Pfund wog, überlebte den Gatten um fast drei Jahrzehnte.

Heidi Driesner

"Essen und Trinken mit Heinrich Heine" (Hg.: Jan-Christoph Hauschild), mit neun Heinrich-Heine-Creationen von Matre Jean-Claude Bourgueil; Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2005, 144 Seiten; 15,00 Euro