Das große TuntenbuchDie Diva ist ein Mann
Laut Duden ist eine Tunte ein "Homosexueller mit femininem Gebaren" – dass da noch mehr ist, zeigt neue Literatur.
Schräg, schrill, schlagfertig - so lauten die Klischees für Männer in Frauenkleidern. Sie werden Drag Queens, Transen, Damendarsteller, Travestiekünstler, Fummeltrinen oder Tunten genannt. Und allein diese Begriffsverwirrung lässt erahnen, welche Vielfalt dieses Phänomen an den Tag legt. Der Psychologe und Autor Patrick Hamm hat im schwul-lesbischen Querverlag "Die Diva ist ein Mann. Das große Tuntenbuch" zur Aufklärung herausgebracht. Er wolle zur Rehabilitation der Tunte beitragen, sagt er. Die Klischees von Knickhand und Colliergriff werden bei seinem Ausflug in den "Tuntenkosmos" differenziert betrachtet und um andere Facetten ergänzt.
"Alle, die in welcher Form auch immer das alte Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit in Frage stellen, ergeben in ihrer Unterschiedlichkeit "die Tunte"", schreibt TV-Star und -nach eigenen Worten -"Tunte" Lilo Wanders alias Ernie Reinhardt im Grußwort.
Laut "Duden" ist eine Tunte ein "Homosexueller mit femininem Gebaren". Eine Tunte muss also nicht unbedingt Frauenkleider tragen. Doch vor allem in Berlins Homo-Subkultur ist der Begriff gerne dahingehend umgedeutet worden. Der oft abfällig gebrauchte Begriff wurde so zurückerobert und zu einem Ausdruck des Stolzes. Da heißt es dann, es komme nicht darauf an, wie man sich bewegt, sondern was man bewegt.
Im Tuntenbuch werden etwa die spezielle Körpersprache erklärt oder Überfiguren wie Dame Edna alias Barry Humphries oder Mary alias Georg Preusse porträtiert. Darüber hinaus lässt das Buch mehr als 100 Szene-Größen in Interviews zu Wort kommen. In ihren Antworten räumen sie mit Klischees auf - zum Teil auch unter der Gürtellinie. Die meisten haben sich amüsante Namen gegeben wie Daphne de Baakel oder Barbie Breakout, andere auch absichtlich bürgerliche wie Edith Schröder oder Margot Schlönzke.
Besonders unterhaltsam sind die Listen im Buch. Sie handeln etwa von den klassischen Tunten-Wörtern ("Huch", "Schalömchen") oder den tuntigsten fiktiven Tieren (Biene Majas Freund "Willi"). Außerdem kommen Verweise auf Filme mit Tunten nicht zu kurz wie etwa "Manche mögen's heiß", "Ein Käfig voller Narren", "Der Schuh des Manitu" oder "Priscilla -Königin der Wüste". Der Leser bekommt einen satten Einblick in die Szene, von der er sonst nur Häppchen hingeworfen bekommt - etwa bei der Berichterstattung über die alljährlichen Schwulenparaden im Sommer.
Zeitgleich hat der Berliner Querverlag ein Buch zum Gegenphänomen veröffentlicht, also über Frauen in Männerposen. Es ist wesentlich ernsthafter und heißt "Drag Kings. Mit Bartkleber gegen das Patriarchat".
Patrick Hamm (Hrsg.): Die Diva ist ein Mann. Das große Tuntenbuch, Querverlag, Berlin, 224 S.,
Euro 19,90
Pia Thilmann/Tania Witte/Ben Rewald (Hrsg.): Drag Kings, Querverlag, Berlin, 224 S., Euro 19,90
Phänomen "Tunte" - Über das Spiel mit den Geschlechterrollen
Von Gregor Tholl, dpa