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Fake News, Hass, Dummheit "Hannah Arendts Kopf würde explodieren"

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Denken, handeln, lieben. Und immer nach der Wahrheit suchen: Hannah Arendt

(Foto: Ken Krimstein)

Ein Kentucky-Fried-Chicken? Ausgerechnet dort, wo sich einst im "Romanischen Café" Hannah Arendt mit Zeitgenossen wie Fritz Lang, Bertolt Brecht und Albert Einstein austauschte? "Vor diesem Europa-Center zu stehen, ist tatsächlich ernüchternd", sagt Ken Krimstein.

Das ist aber auch das einzige, was den US-Autor und Cartoonisten in seiner Berlin-Begeisterung bremst. Krimstein und seine Frau Alex Sinclair sind gekommen, um seine neue Graphic-Novel "Die drei Leben der Hannah Arendt" vorzustellen. "Es fühlt sich an, als hätten wir Hannah nach Hause gebracht. Das Buch in der großartigen Übersetzung von Hanns Zischler zu sehen, ist wirklich etwas ganz Besonderes."

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Das ganze Projekt ist etwas Besonderes: Krimstein erzählt die Geschichte der Jahrhundertdenkerin, zu deren Hauptwerk das Buch über den Eichmann-Prozess ("Ein Bericht über die Banalität des Bösen") gehört, auf neue, moderne und vor allem unglaublich zugängliche Weise. "Philosophie ist vielen zu kompliziert, dabei ist es für die Menschen gemacht", sagt Krimstein, dessen Cartoons regelmäßig im "The New Yorker" erscheinen. Tatsächlich sind manche Gedanken von Hannah Arendt heute wieder beängstigend aktuell. Wie zum Beispiel ihre Beobachtung, dass totalitäre Herrscher meinen, dass Fakten in der Macht dessen liegen, der sie sich ausdenkt. "Was Hannah denken würde, wenn sie miterleben könnte, was sich heute in der Welt abspielt? Ihr Kopf würde explodieren!"

Je weiter man sich mit Hilfe der Graphik Novel ins Leben Hannah Arendts vorarbeitet, desto mehr will man über diese streitbare Frau erfahren. Auch ihre intellektuellen Sparrings-Partner wie den Philosophen Walter Benjamin will man unbedingt besser kennenlernen. "Wenn du einmal bei Hannah Arendt eingecheckt hast, checkst du nie wieder aus", stimmt Krimstein zu.

ntv.de: Sie sind für eine gemeinsame Lesung mit Hanns Zischler nach Berlin gekommen. Wie funktioniert das bei einer Graphic Novel, was ja eher ein Comic ist?

Ken Krimstein: Mein iPad war mit einem großen Bildschirm verbunden. Ich habe gezeichnet, während Hanns vorgelesen hat. Das Publikum mochte das sehr, weil es live sehen konnte, wie sich meine Ideen entwickelt haben. 

Ich glaube, wir müssen den Lesern kurz das Konzept der Graphic Novel vorstellen - dafür gibt es hier noch keine so lange Tradition wie beispielsweise in Frankreich. Comics sind hier für die meisten noch Micky Maus und Donald Duck.

Ja, in Frankreich ist das sehr, sehr weit entwickelt. In den USA waren Graphic Novels dagegen auch lange vor allem etwas für - mit allem nötigen Respekt und Liebe - Nerds. Für Comic-Fans. Aber jetzt kommt es langsam bei einem breiterem Publikum an. Das Interessante an Graphic Novels ist, dass du mit Bild und Wort arbeiten kannst. Wo Charles Dickens fünf Seiten braucht, um eine Szene zu beschreiben, packe ich alles in ein einziges Bild.

Sie arbeiten unter anderem als Cartoonist für "The New Yorker". Wie sind Sie selber zu den Graphic Novels gekommen?

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Bis heute immer einen Zeichenstift zur Hand: Ken Krimstein

(Foto: Samira Lazarovic)

Ich war schon immer das Kind, das zeichnen konnte. In der Schule und überall. Mein Vater war ein Künstler, arbeitete am Art Institute und in der Werbung. Überall lagen zu Hause Stifte, Farben, Materialien herum, und ich konnte mich bedienen. Auch mein Onkel war Künstler, und wir sind alle Linkshänder. Mein Sohn ist jetzt auch Illustrator, er ist der einzige Rechtshänder von uns!

Wie sind Sie darauf gekommen, das Leben der Philosophin oder vielmehr politischen Theoretikerin Hannah Arendt zu bebildern?

Ich wollte sie für ein Publikum sichtbar machen, die nur den Namen, aber nicht den Menschen Hannah Arendt kennen. Es war aber ein schwieriger Prozess, weil sie ihr Leben vorwiegend mit Denken verbracht hat, was man nicht ohne weiteres bebildern kann. 

Wie sind Sie dann an die Sache rangegangen?

Als ich 2015 angefangen habe, wusste ich tatsächlich nicht viel über Hannah Arendt. Ihr bekanntestes Buch, die Banalität des Bösen, war mir ein Begriff. Ich habe Leute getroffen, die sie kannten, mit ihr gearbeitet haben, ihre Studenten. Ich war an ihrem Alltagsleben interessiert. Aber je mehr ich erfuhr, desto mehr Fragen hatte ich. Ich habe zum Beispiel eine Fotografie eingefügt, die in der "Times" erschien, als sie die "erste Professorin in Princeton" wurde. (Seite 170 in der deutschen Ausgabe, Anm. der Redaktion) Sie sitzt in der ersten Reihe, als einzige Frau zwischen lauter Anzugträger, und streckt keck ein Bein vor. Warum sitzt sie in der ersten Reihe? Wie war das für sie, dort zu sitzen? Warum streckt sie den Fuß vor?

Diese Art Bild ist mir und den meisten Deutschen wohlvertraut - es erinnert an die vielen Fotografien von Kanzlerin Angela Merkel als einziger Frau zwischen lauter männlichen Würdenträgern.

Ja, Angela Merkel wird dieses Gefühl gut kennen. Es ist bis heute sehr schwierig für Frauen, einen gleichberechtigten Fuß in die Tür zu kriegen, ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer es früher war.

Was interessierte Sie noch an Hannah Arendt?

Ich wollte herausfinden, warum sie, die ich für eine großartige Philosophin halte, später davon Abstand nahm, als Philosophin bezeichnet zu werden. Das wäre so, als ob, sagen wir Maradona, auf dem Höhepunkt seiner Karriere gesagt hätte: Ich bin gar kein Fußballspieler. Schauen Sie sich mal das Interview von Günther Gaus mit Hannah Arendt 1965 auf Youtube an. Großartig! Sie ist so eine Kämpferin! Gleich zu Anfang fragt er sie, wie es sich anfühlt, die einzige Frau in der Welt der Philosophen zu sein. Sie nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, schaut ihn an und sagt: "Ich muss Ihnen widersprechen. Ich sehe mich selbst nicht als Philosophin, sondern als politische Theoretikerin." Eine richtige Ohrfeige! Außerdem trieb mich die Frage um, was sie nun wirklich von Heidegger dachte.

Martin Heidegger war einer der bekanntesten deutschen Philosophen. Hannah Arendt hatte als 18-Jährige eine Affäre mit ihm, später geriet er wegen seines nationalsozialistischen Engagements in Verruf.

Es liegt für mich auf der Hand, dass sie ihm privat abgeschworen hat, obwohl sie ihn in der Öffentlichkeit verteidigt hat. Heidegger hatte sie aber quasi in der Hand. Egal, was sie noch erreichen würde, die Geschichte würde sich für immer an ihre Affäre erinnern. Die Jüdin, die mit dem Nazi zusammen war.

Hannah Arendt hat ein bewegtes Leben geführt und ein umfangreiches Werk hinterlassen. Wieviel künstlerische Freiheit haben Sie sich gegönnt?

Ich habe mir selber ein paar Regeln auferlegt. Keiner darf in einer Szene erscheinen, der nicht dort war, der zu der Zeit nicht gelebt hat. Zum Beispiel die Szene im Romanischen Cafe. Ich konnte Louis Armstrong reinzeichnen, weil er in den frühen 1930ern durch Deutschland getourt ist. Hannah Arendt hat Marc Chagall in Lissabon getroffen, als sie beide versuchten zu flüchten. Der Besuch bei Heidegger nach dem Krieg hat auch stattgefunden.

Dennoch spricht Hannah in der Graphic Novel mit dem verstorbenen Walter Benjamin – er erscheint ihr in Form eines Wasserflecks an der Decke ihrer New Yorker Wohnung.

Stimmt! Der "Walter-Stain", wie ich es in der englischen Version genannt habe. Wir lebten früher in einer Wohnung in der Upper West Side, nicht weit von dem Apartment, wo Hannah Arendt gewohnt hatte, und hatten immer diese Wasserflecken an der Decke. Also dachte ich, dass ihr Walter Benjamin so erscheinen könnte. Interne Dialoge waren von meinen Regeln ausgenommen. Ich musste eine Form finden, ihre Gedanken zu visualisieren. Ich habe zum Beispiel ihren inneren Dialog mit zwei Hannahs dargestellt - schließlich war sie selbst ihr bester Sparrings-Partner. Ich kann zeigen, wie sie in ihrem Kopf mit den Leuten diskutierte.

Bis heute polarisiert ihr Buch über den Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem. Das Buch erschien keine 20 Jahre nach dem Holocaust. Ich habe das Gefühl, dass sie die Fähigkeit der Leser überschätzt hat, mit Sarkasmus und Ironie über eines der brutalsten und emotionalsten Themen unserer Zeit zu sprechen.

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Es ist das größte Beispiel für das, was wir auf Englisch "Too soon" nennen. Hannah war in jedem Fall ein "Agent provocateur". Für sie war das ein Schauprozess, und damit hatte sie ein Problem. Außerdem hat sie den Judenräten eine Mitverantwortung am Holocaust zugewiesen. Sie hat die Wirkung auf jeden Fall unterschätzt. Beim Prozess wurde schließlich zum ersten Mal der Holocaust in der Öffentlichkeit diskutiert. In Israel sorgt Hannah bis heute für Kontroversen, meine Graphic Novel ist auch noch nicht dahin verkauft worden.

Wie sind Sie auf die drei Fluchten gekommen?

Um das Buch zu einem Drama werden zu lassen, habe ich auf die griechischen Tragödien zurückgegriffen, die Hannah Arendt so liebte. Aristoteles sagte, in der Dichtkunst sollte es drei Akte geben. Hannah hat mir zwei schon vorgegeben. Das erste war die erste Flucht vor der Gestapo in Berlin, als sie Material über die Nazis sammelte und kurzzeitig verhaftet worden war. Die zweite war die Flucht aus Marseille in die USA. Aber was könnte die dritte sein? Da gab es eine Reihe von Vorfällen, die interessant gewesen wären. Außerdem brauchte es noch eine innere Herausforderung. Ich habe in Hannah jemanden gesehen, der besessen von der Wahrheit war. Deshalb heißt das Buch in der englischen Fassung: "A tyranny of truth". Sie sagte: Wenn Menschen konstant angelogen werden, besteht die Gefahr nicht darin, dass sie die Lügen oder Fake News glauben. Die Gefahr besteht darin, dass sie gar nichts mehr glauben.

Mit diesem Problem kämpfen wir Journalisten täglich.

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Und das ist sehr hart, schmerzhaft und schwierig, besonders in unserer Cyber-Welt. Ich glaube, die große Frage, die Hannah beantworten wollte, war: Wie können wir alle in dieser Welt leben, ohne uns gegenseitig umzubringen? Meine Hannah Arendt ist aber nicht DIE Hannah Arendt, sie ist eine Figur, die das erlebt, was Hannah Arendt erlebt hat. Für mich war sie eine Frau, die ein außergewöhnliches, mutiges Leben gelebt hat. Mit legendären Liebesaffären und Ehen. Manchmal auch mit Fehlern. Ich will es nicht bewerten, ich will es beschreiben. 

Das Buch macht auf jeden Fall Lust, mehr von Hannah Arendt und all den anderen Philosophen zu lesen. Und es macht definitiv mehr Spaß als Wikipedia. 

Das ist witzig, weil ich erst dachte: Na, wenn ich all diese seltsamen Namen im Buch erwähne, würden die Leser diese Leute einfach googeln. Dann dachte ich: Vielleicht machen sie es nicht, und deshalb habe ich noch das Personenregister hinzugefügt. Ich wollte, dass es ein Anfängerpaket für Leute ist, die Hannah Arendt und die anderen kennenlernen wollen. Etwas zu lernen, macht Freude. Ich habe zumindest eine Menge über viele Leute gelernt, die ich vorher nicht kannte. Gerade Frauen sollten sichtbarer sein. Bei so vielen Schriftstellerinnen und Künstlerinnen frage ich mich: Wo sitzen diese Frauen im Pantheon? Ich hoffe, mein Buch bringt die Leute dazu, sich mit Hannahs Arbeiten zu beschäftigen, sie zu diskutieren.

Mit Ken Krimstein sprach Samira Lazarovic

Quelle: ntv.de