Bücher

Bad Boy Ulis "Höllenritt" "Ich habe die Hells Angels überlebt"

uli.JPG

Der Aussteiger: Bad Boy Uli rechnet ab mit seinen ehemaligen "Brüdern".

Ulrich Detrois war acht Jahre bei den Hells Angels: "Ich hatte alles: Geld, Luxus, Mädchen und viel Zeit." In seinem Buch "Höllenritt" berichtet er von Drogen, Sex und Gewalt.

2007 war plötzlich alles zu Ende. "Im Flur standen meine Brüder: sechs Member und ein Prospect, alle von meinem Charter in Kassel." Ulrich Detrois ist zu überrascht, um reagieren zu können. "Ohne jede Begrüßung drängten sie in meine Wohnung." So wenig Respekt ist der Vizepräsident nicht gewöhnt. "Ich hatte keine Ahnung, was sie von mir wollten. Eine feindliche Stimmung lag in der Luft." Es geht alles ganz schnell: Kleidung, Schmuck und Bilder mit Hells-Angels-Symbolen verschwinden in blauen Müllsäcken, auch den Schlüssel seiner Harley nehmen seine "Brüder" mit. Dem Engel werden die Flügel gestutzt. "Im Flur sagte einer: 'Das war’s jetzt für dich, Uli. Out.'" Von nun an ist Detrois zum Abschuss freigegeben, es ist sein Todesurteil. "Ich bin mir sicher, dass sie es irgendwann vollstrecken werden." Doch noch sagt er: "Ich habe die Hells Angels überlebt." Detrois ist untergetaucht.

Der 52-Jährige kennt die Gesetze der Rocker nur allzu gut. Schließlich hat er eine fast 30-jährige kriminelle Karriere als "Bad Boy Uli" hinter sich, davon 12 Jahre als Mitglied einer Rockerbande – erst bei den Bones, dann bei den Hells Angels. Mit ganzem Herzen war Detrois dabei. "Ich ging immer als Erster auf unsere Feinde los und tat den ersten Schlag. Und jetzt sollte alles vorbei sein?"

buchcover.JPG

Ulrich Detrois: "Höllenritt", Econ Verlag 2010, 256 Seiten, 18 Euro.

Dreißig Kilogramm Kokain soll er an seinen Brüdern vorbei verkauft haben, den Club um Millionen betrogen haben. Detrois bestreitet das vehement. Doch der Rausschmiss ist nicht rückgängig zu machen, bei den Rockern gibt es keine Einspruchsmöglichkeiten. Weil nicht nur sein eigenes, sondern auch das Leben seiner Schwester in Gefahr ist, entscheidet er sich für den endgültigen Bruch mit den Höllengeln und geht zur Polizei. Und weil auch die ihn nicht dauerhaft beschützen kann und er mit seinen ehemaligen Brüdern abrechnen will, schreibt er seine Geschichte auf. "Höllenritt - Ein deutscher Hells Angel packt aus", heißt das Buch, in dem Bad Boy Uli nun erstmals Einblicke in das Innenleben der deutschen Rockerbande gewährt.

"Alles nur aus Eigennutz"

Dabei will Detrois auch endgültig aufräumen mit dem Easy-Rider-Mythos, mit dem sich die Hells Angels bis heute umgeben. Der Aussteiger will die Rocker als das zeigen, was sie sind: Eine kriminelle Vereinigung, "voller Gewalt, Drogen, Erpressung und Lügen", die auch über Leichen geht.

In seinem Buch zeichnet Detrois das Bild einer international gut vernetzten, straff organisierten Vereinigung mit mafiosen Strukturen. Vorwiegende Geschäftsfelder: Zuhälterei, Frauen-, Waffen- und Drogenhandel. "Hells Angels machen fast alles nur aus Eigennutz. Was finanzielle Vorteile bringt, wird knallhart durchgezogen, was Verluste einfährt, wird ausrangiert."

Rocker folgen "World Rules"

In 43 sogenannten Chartern, den regionalen Clubs, sind die Hells Angels in Deutschland organisiert. Jede Gruppe hat ihren eigenen Präsidenten und dessen Stellvertreter sowie einen Waffenchef, Verkehrsbeauftragten, Schriftführer und Schatzmeister. So etwas wie einen Deutschlandchef gibt es nicht – oberster Boss ist der US-Amerikaner Sonny Barger. Alle Mitglieder müssen den strengen Regeln der Höllenengel folgen, den "World Rules". Detrois hat einige von ihnen in seinem Buch veröffentlicht, was unter Todesstrafe verboten ist.

harley.JPG

"Einige seiner Member besitzen nicht mal einen Führerschein": Detrois auf einer Harley.

Darin sind die Rechte und Pflichten eines jeden Mitglieds geregelt. Zu den Pflichten gehört vor allem, seine Beiträge zu zahlen: 20 Dollar jährlich an die Gesamtorganisation, ein dreistelliger Betrag an die jeweilige Länderkasse und monatlich zwischen 100 und 400 Euro an das eigene Charter. Mit dem Geld werden gemeinsame Partys, Anwalts- und Gerichtskosten, Waffen, Clubhäuser und Fahrtkosten bezahlt. Ein Mitglied der Hells Angels muss gut verdienen. "Die Grundvoraussetzungen für die Aufnahme sind ein gut gefülltes Konto und viel Zeit", fasst Detrois zynisch die gesunkenen Ansprüche an neue Mitglieder zusammen.

"Höllenritt" ist auch die Abrechnung eines von der Entwicklung Enttäuschten, der die Ideale der Szene verraten sieht und sich selbst als zwar kriminellen, aber aufrichtigen Rocker stilisiert. "Einige seiner Member besitzen nicht mal einen Führerschein, geschweige denn ein Mopped; und ordentlich hauen können die sich auch nicht", schreibt Detrois etwa über die heutige deutsche Szene. Ganz anders in den USA, wo der Club noch vor dem Eigeninteresse komme und die Regeln etwas gelten würden. Mit dem Leitspruch "Einer für alle, alle für einen" habe das Rockerleben in Deutschland nichts mehr zu tun.

Karriere als Zuhälter

Bad Boy Uli kennt noch die alten Zeiten, als er ins "big business" eingestiegen ist. Detrois hat eine geradezu klassische Verbrecherkarriere hingelegt. Angefangen hat der ausgebildete Fernseh- und Radiotechniker mit Anfang 20 als Zuhälter. "Tagsüber arbeitete ich in meinem Angelladen und abends ging ich in den Puff – zum Abkassieren", beschreibt er seinen Einstieg in die Szene. Er wollte das große Geld. Mit Gewalt hatte er nie ein Problem. "Wenn die Mädels auf den Zimmern Probleme mit ihren Freiern hatten, drückten sie den Alarmknopf. Dann kam ich ins Spiel. […] Manche wehrten sich, doch dann gab es eine rechts, eine links, und schon waren sie vor dem Puff. Für die Hartnäckigen gab es eben zwei auf die Ohren. Das Ergebnis war immer gleich."

tattoo.JPG

Die Tättowierung hat sich Detrois bei einem Treffen in den USA stechen lassen.

Es folgen Ausflüge ins Drogengeschäft, das ihn zweimal ins Gefängnis bringt und von dem er deshalb irgendwann die Finger lässt. Prostitution bleibt sein Metier, Frauen seine Ware. Das Geschäft in Kassel baut er kontinuierlich aus. "Ich habe in einer Welt gelebt, die mir großen Spaß gebracht hat. Ich hatte alles: Geld, Luxus, Mädchen und viel Zeit." Nebenbei liebte er das Fahren mit seinem "Mopped". So kam er 1995 schließlich zu den Rockern, die Drogen, Sex, Gewalt und Partys genauso liebten wie er.

"Bad Boy Uli ist out"

"Ich bereue diese Zeit nicht", schreibt Detrois. "Es war eine großartige Show." Er baute die Gruppe in Kassel auf, feierte Party nach Party, fuhr durch Europa und die Welt und mehrte seinen Reichtum. In der Hierarchie stand er als Vizepräsident dabei relativ weit oben, in der Rockerszene als Höllenengel allemal.

Zum Problem wurde Bad Boy Uli nach eigenem Bekunden, dass er "eine schwierige Persönlichkeit, unnachgiebig und kompromisslos" war. "Ich lebte nach den Regeln der Amerikaner und wollte den Ursprungsgedanken des Clubs erhalten", schreibt er. Deshalb habe er sich oft gegen die eigenen Brüder in Deutschland und die in seinem Kasseler Club gestellt. Viele Abstimmungen seien an seiner fehlenden Stimme gescheitert. "Über die Jahre hinweg hatte ich es mir deshalb mit vielen deutschen Membern verscherzt." Das wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Während seines Urlaubs im Herbst 2007 ging eine E-Mail an alle Hells-Angels-Charter auf der Welt. "Betreff: Bad Boy Uli ist out."

"Höllenritt - Ein deutscher Hells Angel packt aus" im n-tv Shop bestellen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema