Bücher

Craig Russell im Interview "Jan Fabel ist eine Herzenssache"

AuthorPic1 copy 2.jpg

Craig Russells Bücher stehen regelmäßig auf den deutschen Bestsellerlisten.

(Foto: Jonathan Russell)

Craig Russell ist Schottlands bekanntester Thriller-Autor, seine in Hamburg spielende Jan-Fabel-Reihe ein Bestseller und TV-Quotenerfolg. Mit "Wo der Teufel ruht" entführt er den Leser nun nach Tschechien in die Jahre um 1935. Wie es dazu kam, was aus seiner Erfolgsreihe um Jan Fabel geworden ist und weshalb er die britischen Politiker "peinlich" findet, verrät er ntv.de im Interview.

n-tv.de: Herr Russell, in Deutschland sind Sie vor allem für Ihre Thriller-Reihe über den Hamburger Ermittler Jan Fabel bekannt, in Ihrer Heimat Schottland eher für Ihre "Lennox"-Serie, die in Glasgow spielt. Mit Ihrem neuen Buch "Wo der Teufel ruht" entführen Sie die Leser nach Tschechien, in die Zeit um 1935. Wieso dieser Schritt, was steckt dahinter?

Craig Russell

Craig Russell wurde 1956 in Schottland geboren. Schon als Kind hatte er den Traum, einmal als Schriftsteller bekannt zu werden. Russell arbeitete viele Jahre in der PR-Branche, ehe er sich ab Anfang der 1990er als Schriftsteller versuchte. Seit 2004 ist er Romanautor. Seine Thriller über den Hamburger Ermittler Jan Fabel sind ebenso Besteller wie seine in Glasgow spielende "Lennox"-Reihe. Daneben landet er auch außerhalb dieser Buchserien regelmäßig internationale Bestseller. Nahezu jährlich erscheint ein neues Werk. Sein neuestes Buch "Wo der Teufel ruht" ist im Aufbau Verlag erschienen, die Filmrechte bereits an Hollywood verkauft.

Craig Russell: Meine größte persönliche Leidenschaft ist die Geschichte. Daher hat alles, was ich schreibe, eine historische Dimension. So spielt auch die Handlung der "Lennox"-Serie in der Vergangenheit, im Glasgow der 1950er-Jahre. Auch die "Fabel"-Romane haben alle ein historisches Element. "Wo der Teufel ruht" ist so gesehen eine logische Weiterentwicklung. Ich wollte schon immer einmal eine Story schreiben, die in den 1930er-Jahren spielt.

Und weshalb gerade der Schauplatz Tschechien beziehungsweise Böhmen?

Ich bin Schotte, komme vom äußersten Rand Europas. Aber ich hatte schon immer eine starke Affinität zum Kontinent, zu Mitteleuropa. Für mich ist Tschechien das wirkliche Herz Europas, dort treffen die slawischen, germanischen und keltischen Kulturen aufeinander. Es gibt dort so viel Geschichte - und ich interessiere mich sehr für Folklore und Mythen, da muss man als Schriftsteller einfach etwas schreiben. Mit "Wo der Teufel ruht" ist so gesehen ein Traum für mich in Erfüllung gegangen. Ich wollte einen klassischen gotischen Roman schreiben, etwas Düsteres, mit psychologischen Elementen - dafür ist Böhmen mit seinen Bergen, dichten Wäldern und alten Burgen der perfekte Schauplatz!

Was verbirgt sich hinter dem Titel "Wo der Teufel ruht", worum geht es in Ihrem neuen Bestseller?

ANZEIGE
Wo der Teufel ruht: Thriller
EUR 16,99
*Datenschutz

"Wo der Teufel ruht" ist auch der ursprüngliche englische Titel des Buches gewesen, "Where the Devil hides". Aber für die USA meinte der Verleger von Dan Brown, dass "The Devil's Aspect" ("Der Teufelsaspekt") griffiger, besser wäre. Aber das nur am Rand. Das Buch handelt von Jung'scher Psychologie. Der junge Psychiater Viktor tritt eine neue Stelle in einer Irrenanstalt auf einer alten Burg in Böhmen an. Viktor glaubt, dass es in jedem Menschen etwas gibt, das der Ursprung für Gewalt und Mord, für das Böse an sich ist. Er nennt das den "Teufelsaspekt". In der Irrenanstalt gibt es die "Satanischen Sechs", sechs unglaublich gefährliche Insassen, allesamt Massenmörder, und er will bei ihnen den Teufelsaspekt finden. Gleichzeitig treibt aber auch ein Serienkiller in Prag sein Unwesen. Das Buch verbindet also Crime und Thriller mit klassischen Horror-Elementen.

Was hat Sie zu "Wo der Teufel ruht" inspiriert?

Die Jung'sche Psychologie hat mich immer fasziniert. Ich wollte auch immer schon einen Roman zu diesem Thema schreiben. Ich war dann einmal in Tschechien und habe die Burg Karlstein besucht. Sie ist imposant und erinnert an Dracula, an Frankenstein. Die Burg atmet Geschichte. Sie diente als Schatzkammer Karls IV., war deshalb besonders gesichert.

Karl IV. soll die am Burgbau beteiligten Arbeiter umbringen lassen haben ...

Ja, absolut, das stimmt! Gruselig, oder? Und auch sonst hatte die Burg so ihre Besonderheiten: Der Thron Karls IV. steht so, dass Karls Gesicht immer im Schatten lag und etwas Geheimnisvolles und Düsteres hatte. Der perfekte Ort für eine Irrenanstalt, dachte ich - und hatte damit schon fast das Buch geschrieben (lacht).

Die Freude am Schreiben ist beim Lesen greifbar, Ihre Detailliebe spiegelt sich in jeder Figur wider. Haben Sie einen Lieblingscharakter? Oder: Wo steckt besonders viel Craig Russell drin?

(lacht) Ich mag Judita sehr, sie ist die Sekretärin Viktors, eine wirklich starke Frau. Und auch die Einzige, die etwas von der düsteren Zukunft ahnt, von der Gefahr, die Viktors Forschungen umgibt. Ich finde aber auch den Prager Polizeikapitän Smolak sehr sympathisch. Ich selbst finde mich aber in keiner Figur wieder, alle Charaktere sind frei erfunden, auch die "Satanischen Sechs", die damals gefährlichsten Killer Mitteleuropas, existieren nur in meinem Kopf.

Auch Jack the Ripper spielt eine Rolle im Buch.

Richtig! Zunächst: Ich hege keinerlei Sympathien für ihn. Er war ein richtiges Monster! Grausam und böse. Was mich aber fasziniert, ist die Mythenbildung um seine Person. Heute wird Jack the Ripper romantisiert. Wie kann das gehen? Dieses Thema habe ich bei "Wo der Teufel ruht" mit einfließen lassen.

Ihr neues Buch unterscheidet sich von Ihren beiden Buchreihen zu Jan Fabel und Lennox. Für mich ist es mehr Horror als klassischer Crime-Thriller. Was ist es in Ihren Augen?

54239104.jpg

Peter Lohmeyer spielt in den TV-Verfilmungen Hauptkommissar Jan Fabel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein neuer Craig Russell - und auch wieder nicht. Ich bin kein Schriftsteller, der auf ein Genre festgelegt ist, das war ich nicht, bin ich nicht und will es auch nie sein. Ich wollte etwas schreiben, das ich auch selbst lesen würde. Und da ich mich für 'gothic fiction', also klassischen Horror interessiere und für düstere, historische Geschichten, ist "Wo der Teufel ruht" nur die logische Konsequenz, ein neuer Weg, eine Weiterentwicklung.  

Wird diese sich fortsetzen?

Ja, auch das Buch, an dem ich derzeit schreibe, wird in diese neue Richtung gehen.

Können Sie schon etwas verraten?

Es wird in Edinburgh spielen, im späten 19. Jahrhundert. Es wird düster sein und auch psychologische Horrorelemente beinhalten. Mehr will ich momentan aber noch nicht preisgeben.

Das heißt aber auch, dass Fans der Jan-Fabel-Reihe erst einmal weiter auf einen neuen Fall warten müssen. Bisher gab es sieben Bücher, das letzte erschien 2016.

Ja, sie müssen wohl noch etwas warten. Die "Lennox"-Fans aber auch. Ich kann aber bereits verraten, dass beide Reihen weitergehen werden, dass ich mit den Figuren Fabel und Lennox noch lange nicht fertig bin und noch einiges erzählen möchte!

Apropos erzählen: Einige der Fabel-Bücher wurden für das deutsche Fernsehen verfilmt, mit Peter Lohmeyer in der Hauptrolle. Kennen Sie die Filme?

Ja, ich habe sie gesehen. Und ich habe sogar in einem mitgespielt: "Carneval". Eine ganz kleine Rolle, Kommissar Nummer fünf oder so. Es waren die wichtigsten 3,5 Sekunden des gesamten Films (lacht). Ich habe kein einziges Wort gesagt.

Wie gefiel Ihnen die Umsetzung der Filme, wie fanden Sie Lohmeyer?

Peter Lohmeyer war klasse in der Fabel-Rolle! Aber natürlich ist der TV-Fabel ganz anders als der, den ich in meinem Kopf habe, der dort seit 15 Jahren lebt. Überhaupt: Filme, speziell fürs Fernsehen, verkürzen natürlich. Müssen sie ja auch. Aber mir haben sie gefallen, keine Frage!

Gibt es für "Wo der Teufel ruht" bereits Filmpläne? Der Stoff schreit ja förmlich nach der ganz großen Leinwand.

Ja, wie soll ich es sagen: Es war ein Schock für mich (lacht), aber die Filmrechte waren bereits vor der Veröffentlichung des Buches an Hollywood verkauft. Mehrere Studios hatten Interesse, obwohl sie bis dahin nur das Manuskript kannten. Am Ende bekam Columbia den Zuschlag - sie haben mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte. Das war schön. Ich bin sehr gespannt!

Wieso schreibt eigentlich ein Schotte eine Thriller-Reihe, die in Hamburg spielt?

Ich bin Deutschland-Fan durch und durch. Ich mag die Sprache, die Kultur, die Geschichte. Dazu ist Hamburg die englischste Stadt außerhalb Großbritanniens. Und Fabel ist ja Ostfriese. In Deutschland sorgt das immer für den einen oder anderen Lacher. Aber die Ostfriesen sind den Ost-Schotten, wie ich einer bin, sehr ähnlich. Ein seltsamer, aber grundguter und liebenswerter Menschenschlag, mit sehr viel verstecktem Humor (lacht). Fabel ist für mich eine Herzenssache. Ich sehe ihn als kulturellen Brückenbauer zwischen Norddeutschland und Ostschottland. Übrigens habe ich später herausgefunden, dass ich ostfriesisches Blut in meinen Adern habe, neben meinem schottischen natürlich.

Apropos Schottland. Der Austritt Großbritanniens aus der EU steht noch in diesem Jahr bevor. Was halten Sie davon?

Der Brexit ist für mich der pure Wahnsinn! Er wäre eine absolute Katastrophe und das Ende des Vereinigten Königreichs. Der Brexit würde ein neues Unabhängigkeitsreferendum der Schotten nach sich ziehen. Und obwohl ich eigentlich dagegen bin, würde ich diesmal, wie wohl auch der Großteil aller Schotten, mit "Yes" stimmen. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Für mich ist es wichtiger, Schotte und EU-Bürger zu sein, als Schotte und Brite. Alles in allem also eine durchaus kuriose Situation. Oder besser gesagt: Lächerlich und peinlich, welches Bild Großbritannien und vor allem die führenden Politiker derzeit abgeben. 

Mit Craig Russell sprach Thomas Badtke

Zur Besprechung von "Wo der Teufel ruht"

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema