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"Wo der Teufel ruht" Russell entführt ins dunkle Herz Europas

Man nehme die sechs berüchtigtesten Massenmörder Mitteleuropas, packe sie in eine als Irrenanstalt umgebaute Burg mit jahrtausendealter düsterer Geschichte und lasse gleichzeitig einen Serienkiller eine Metropole heimsuchen - und fertig ist ein Horrorthriller, der sich sehen lassen kann.

Thüringen ist das grüne Herz Deutschlands. Geht es nach dem neuen Bestseller von Craig Russell, schlägt das dunkle Herz Europas in der Tschechoslowakei Mitte der 1930er-Jahre. Genau in dieser Zeit, in diesem Land, siedelt Russell (in Deutschland vor allem wegen seiner in Hamburg spielenden und für das Fernsehen verfilmten Jan-Fabel-Reihe bekannt) sein Horrorthriller-Werk "Wo der Teufel ruht", an. Er hätte keine bessere Zeit, kein besseres Land dafür finden können.

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"Wo der Teufel ruht" von Craig Russell ist im Aufbau Verlag erschienen.

(Foto: Aufbau Verlag)

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Arzt und Psychiater Viktor, der von Prag aus seine neue Stelle auf Rad Orlu antritt, der Adlerburg, in der Nähe von Mlada Boleslav. Warum zieht ein Psychiater aus der pulsierenden Metropole in die Provinz? Der Arbeit und seines Ehrgeizes wegen. Er ist dem sogenannten Teufelsaspekt auf der Spur, dem Bösen, das in jedem Menschen von Geburt an vorhanden ist - so seine Meinung. Aber bei manchen Individuen bricht er sich dann Bahn und derjenige mordet, meuchelt oder foltert dann. Kann man den Teufelsaspekt finden, kann man ihn eliminieren und den Menschen durch "Operationen an der Seele heilen".

Die Satanischen Sechs

Rad Orlu ist ein Irrenhaus, aber keines von der normalen Sorte. Die Adlerburg blickt auf eine Geschichte zurück, die sich über mindestens Jahrhunderte, wohl aber Jahrtausende erstreckt, denn sie ist auf einem gespaltenen Fels-Monolithen errichtet worden. Und da thront sie nun hoch oben über den dichten Fichtenwäldern der Region, schier uneinnehmbar und düster. So düster wie die Geschichten, die sich um sie ranken. Wie die über Jan vom schwarzen Herzen, der sie einst als Jagdburg ausbauen ließ und nutzte. Damals verschwunden Frauen und Kinder. Sie wurden nie wieder gefunden. Aber die Burg hatte seitdem ihren Ruf weg: Der Teufel herrsche hier, die Burg sei ein Portal zu seinem Reich.

Die Gerüchte erhielten immer wieder neue Nahrung, denn auch in den Jahrhunderten nach Jan vom schwarzen Herzen verschwanden Kinder, schien das Böse nicht verschwunden zu sein. Die Einheimischen spekulierten deshalb, dass Jan nie wirklich gestorben sei und er einen geheimen Weg aus der Burg nutze, um die Lebenden heimzusuchen.

Passenderweise ist sie zu Viktors Zeit eben ein Irrenhaus - eines, welches die sogenannten Satanischen Sechs beherbergt. Dabei handelt es sich um die berüchtigtesten Massenmörder Mitteleuropas jener Zeit: die Vegetarierin, der Holzschnitzer, der Clown, der Totenbeschwörer, der Glassammler und der Dämon. Dessen "Form des Wahnsinns ist die bösartigste und die ansteckendste", erklärt Professor Romanek, der die Irrenanstalt leitet, Viktor bei dessen Ankunft.

Viktor sind die Satanischen Sechs ein Begriff, sie sind der Grund, weshalb er sich für die Stelle auf der Adlerburg beworben hatte. An ihnen sollte das Vorhandenseins des Teufelsaspekts in der menschlichen Natur leichter nachweisbar sein als bei normalen Menschen, so Viktors Theorie. Viktors naive Theorie.

Ein Massenmörder und eine Spur

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Craig Russell ist in Deutschland vor allem vor allem für seine "Jan Fabel"-Reihe bekannt, deren Bücher teilweise schon für das TV verfilmt wurden. Daneben sind auch seine "Lennox"-Thriller Bestseller.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

 Viktor nutzt eine narkotische Hypnose, um zum Bösen vorzudringen. Aber das Böse wütet mittlerweile in Prag: Ein brutaler Massenmörder, dessen Markenzeichen eine Schlachterschürze ist und der in der Bevölkerung deshalb nur "Lederschürze" genannt wird, treibt sein blutiges Unwesen. Die Opfer sind immer grauenvoll zugerichtet, gequält, die Gesichtshaut abgezogen. Aber Zeugen gibt es nicht, geschweige denn brauchbare Hinweise.

Auf Rad Orlu führt Viktor indes seine Untersuchungen an den Satanischen Sechs durch, keine geht ohne Zwischenfälle vonstatten. Der Clown kommt dabei sogar ums Leben. In Professor Romanek reifen Zweifel, ob Viktor mit der Suche nach dem Teufelsaspekt wirklich auf dem richten Weg ist. Und ganz nebenbei spielen auch die Entwicklungen der Gegenwart eine immer größere Rolle: In Deutschland formieren sich die Nationalsozialisten, in der Tschechoslowakei nimmt die Partei der Sudetendeutschen zunächst deren Stellen ein - und zwei Parteimitglieder arbeiten als Ärzte auf Rad Orlu.

Mythische Geschichtsstunde(n)

Nationalsozialismus; ein einsam gelegenes Irrenhaus in einer Burg mit dunkler Geschichte; ein Massenmörder in Prag, dessen Taten an Jack the Ripper erinnern; ein junger, ehrgeiziger Arzt und dazu noch die Eigenheiten der Menschen in der Region Mlada Boleslav, Böhmen: Was Craig Russell mit seinem Buch "Wo der Teufel ruht" auffährt, ist ganz großes Kino. Wer das 544-Seiten-Werk einmal in der Hand hat und anfängt zu lesen, kann es erst nach der letzten Seite wieder weglegen.

Russell entführt mit einer spannenden und düsteren Geschichte bildgewaltig in eine Welt, die den meisten Deutschen völlig fremd sein dürfte. Das Thema Tschechoslowakei und Nationalsozialismus war bei den meisten nur eine kleine Randnotiz im Geschichtsunterricht. Slawische Mythen und Dämonen dürfte kaum in den Schulen eine Rolle gespielt haben. Und genau das macht "Wo der Teufel ruht" so außergewöhnlich. Es ist nicht nur bloß ein spannungsgeladener Thriller, es ist ebenso ein Historienroman wie ein Horrorepos, das Altmeister Stephen King wirklich alt aussehen lässt.

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Und ganz nebenbei schwirrt auch noch ein Stück Gesellschaftskritik mit herum: "Geschichte interessiert mich. Sie hilft mir, die Gegenwart zu verstehen", sagt da Viktor etwa, als er erstmals die Gerüchte um das Alter der Burg, ihre Herren und ihr dunkles Wirken vernimmt. Ein Satz, der auch in die heutige Zeit wie die Faust aufs Auge passt. Das düstere Herz Europas schlägt zwar derzeit etwas südlicher der Slowakei und Tschechiens. Das grüne Herz Deutschlands ist aber nach wie vor Thüringen.

Quelle: n-tv.de

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