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"Calvin & Hobbes" in der Gesamtausgabe Kritik der reinen Vernunft

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(Foto: 1992 by Bill Watterson)

Wenn es eine Maßeinheit für kindliche Phantasie gäbe - sie müsste Calvin heißen. Denn mit Leichtigkeit erweckt der Sechsjährige seinen Stofftiger Hobbes zum Leben. Zusammen gelten sie als Meisterwerk der Comicgeschichte. Ihr "Vater" Bill Watterson bleibt allerdings weiterhin ein Mysterium.

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Calvin bewertet seinen Vater - Bild anklicken für den gesamten Strip.

(Foto: 1992 by Bill Watterson)

Ein strenger Reformator des 16. Jahrhunderts und ein nicht viel jüngerer Philosoph, der den Menschen für des Menschen Wolf hielt - sie dienten als Namenspaten für eines der bekanntesten Paare der Comicgeschichte: Calvin und Hobbes. Mit der enthaltsamen Ethik Johannes Calvins und den absolutistischen Staatstheorien Thomas Hobbes' haben der sechsjährige Junge und sein Tiger allerdings recht wenig am Hut.

Natürlich - in dem Comicstrip geht es auch um die großen Fragen der Menschheit, etwa warum man mit einer Propellermütze nicht fliegen kann, warum Popel im Winter einfrieren und warum man zwölf Jahre in die Schule gehen muss. Aber daneben gibt es auch eine Menge Spaß mit Schlittenfahrten, Weltraumabenteuern und Thunfischsandwiches. Es ist eine Mischung aus überbordender Phantasie, anarchischem Chaos und tiefgreifender Lebensanalyse, die "Calvin und Hobbes" zu einem Meisterwerk macht.

Tiger oder Stofftier?

Dabei gibt es längst keine neuen Abenteuer mehr. Gerade mal zehn Jahre zeichnete Bill Watterson die Strips, von Ende 1985 bis Silvester 1995. Trotzdem haben sie sich ihre Aktualität erhalten und gesellen sich als Klassiker zu weitaus länger laufenden Serien wie "Popeye", "Hägar der Schreckliche", "Garfield" und die "Peanuts". Vor allem die "Peanuts", denn auf den ersten Blick erinnern die Abenteuer des Sechsjährigen natürlich an Charles M. Schulzes klassischen Strip um Charlie Brown und seine Freunde.

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Calvin, der Anti-Popeye: Selten wurde der Kampf mit dem Spinat lustiger erzählt. Klicken zum Vergrößern.

(Foto: 1992 by Bill Watterson)

Und doch schuf Watterson mit "Calvin und Hobbes" etwas völlig Neues, denn der Strip nimmt eine besondere, bis dahin nie so konsequent umgesetzte Perspektive ein. Anders als bei den "Peanuts", die etwas brav und mitunter altklug und besserwisserisch daherkommen, werden alle Geschichten aus der Sicht von Calvin erzählt. Die beiden Hauptfiguren reflektieren nicht die Ansichten von Erwachsenen oder ersetzen diese, sondern sie entführen den Leser in ihre eigene Welt. Und in der ist alles möglich.

Dies erkennt man bereits an der doppelten Bedeutung von Hobbes. Für Calvin ist der Tiger ein gleichberechtigter Partner, mit dem er spricht, spielt, sich rauft und viele Abenteuer erlebt. Für Calvins Eltern und andere Figuren jedoch ist Hobbes nichts weiter als ein Stofftier. Wo besorgte Eltern nach einem Psychologen schreien oder das Kind unter Tabletten setzen würden, lässt Watterson der Phantasie seines Helden freien Lauf. Das kann man durchaus als Kritik an der zunehmenden Unterdrückung kindlicher Phantasie lesen. Eine Kritik, die heute aktueller denn je ist.

Katzenhafte Beweglichkeit

Da kommt es gerade recht, dass der Carlsen-Verlag dieser Tage die deutsche Gesamtausgabe von "Calvin und Hobbes" herausbringt. Sie umfasst 1440 Seiten, aufgeteilt in drei großformatige, in Halbleinen gebundene Bände, die in einem stabilen Schuber stecken. Enthalten sind (fast) alle Strips, die jemals erschienen sind - schon in der englischen Gesamtausgabe fehlte ein alternativer Strip und zwei hatten veränderte Texte, aber das fällt hier nicht ins Gewicht. Versammelt sind sowohl die schwarz-weißen Strips, die montags bis samstags erschienen, als auch die kolorierten, größeren Sonntagsstrips. Hinzu kommen Zeichnungen und Extramaterial, das Watterson für frühere Sammelbände anfertigte.

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Schule? Wozu Schule? Calvin weiß es nicht - Hobbes schon. Klicken für den gesamten Strip.

(Foto: 1992 by Bill Watterson)

Schnell wird klar, warum Calvin und Hobbes so erfolgreich waren und sind. Die Zeichnungen wirken leicht und haben einen sehr hohen Wiedererkennungswert, was bei einem täglichen Strip unerlässlich ist. Calvins Strubbelfrisur, sein gestreiftes Shirt, sein großer Torso mit den kleinen Beinen - sie spiegeln perfekt einen kleinen Jungen wieder. Hobbes wiederum, mit seinen charakteristischen Streifen, wurde von Watterson katzenartig angelegt, was ihn geschmeidiger wirken lässt.

Daneben ist der Zeichenstil aber auch noch ungeheuer dynamisch. Die beiden Titelfiguren legen eine stilbildende Beweglichkeit an den Tag, die ihresgleichen sucht. Das sieht man etwa an den rasanten Schlittenfahrten oder wenn Hobbes wieder einmal seinem aus der Schule kommenden Freund auflauert. Auf einer dritten Ebene wirkte Watterson auch im Aufbau seiner Strips vorbildhaft. Klar, bei vier Bildern ergeben sich nicht allzu viele Gestaltungsmöglichkeiten. Doch die schöpft Watterson konsequent aus und beeinflusste auch hiermit andere Künstler.

Auch inhaltlich weiß "Calvin und Hobbes" auf ganzer Linie zu überzeugen. Gerade in der chronologischen Lektüre der Gesamtausgabe erkennt man kleine und größere Spannungsbögen, die Watterson aufbaut. In ihnen erzählt er vom alltäglichen Wahnsinn einer amerikanischen Durchschnittsfamilie. Vor allem Eltern dürften so manche Szene aus eigener Erfahrung kennen: von Calvins Mäkelei am Essen (legendär sind die Kämpfe mit dem Spinatmonster) über die Weigerung, Schlafen zu gehen, bis zur fundamentalen Kritik an der Schule.

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Ein typischer Tag im Leben eines Jungen. Klicken zum Vergrößern.

(Foto: 1992 by Bill Watterson)

Mit viel Sensibilität und Witz setzt sich Watterson dabei mit den Ängsten und Nöten eines Kindes auseinander. Calvin wird von Schulschläger Moe drangsaliert, fürchtet Babysitterin Rosalyn genauso wie die Kochkünste seiner Mutter und ärgert sich mit dem Nachbarmädchen Susi Derkins herum (woraufhin er den Club "Eklige Mädchen Sollen Verduften" gründet).

Diesen Problemen der erwachsenen Welt setzt Watterson immer wieder den Spaß der kindlichen Welt von Calvin und Hobbes entgegen. Da geht es mit dem Schlitten rasant den Berg hinunter, während man philosophische Gedanken austauscht. Da werden Pappkartons zu Zeitmaschinen oder Duplikatoren, die Menschen klonen. Da erlebt Calvin als Weltraumfahrer Spiff unglaubliche Abenteuer und kämpft gegen extraterrestrische Monster (die sich dann als Lehrerin Frau Wurmholz entpuppen). Der Leser mag selbst entscheiden, für welche der beiden Welten er sich entscheidet.

Identifikationsfigur für Berufsjugendliche

Vielleicht ist "Calvin und Hobbes" auch heute noch so erfolgreich, weil er eine nostalgische Sehnsucht bedient. Er unterstützt die zunehmende Unfähigkeit, die eigene Kindheit loszulassen. Im Fernsehen laufen die alten Serien, man kauft sich das Spielzeug, das man als Kind nie geschenkt bekommen hat und überall wimmelt es nur so von Berufsjugendlichen. Calvin mit seinen anarchischen Ansichten und atemberaubenden Abenteuern ist die perfekte Identifikationsfigur für eine künstlich verlängerte Kindheit - und damit ein Statement gegen die reine Vernunft der Erwachsenenwelt.

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Was tun? Der Propellerhut funktioniert nicht? Klicken für den gesamten Strip.

(Foto: 1992 by Bill Watterson)

Das heldenhafte Image von "Calvin und Hobbes" wird dabei noch verstärkt durch die Weigerung von Watterson, seine Figuren zu kommerzialisieren. Es gibt keine Tassen, T-Shirts, Bettwäsche oder sonstiges Merchandising mit den beiden. Und das, obwohl der Strip zu seinen Glanzzeiten von etwa 2400 Tageszeitungen abgedruckt wurde und 45 Millionen Bücher verkaufte. Watterson wehrte sich stets dagegen, seine beliebten Figuren außerhalb dieser beiden Medien auftreten zu lassen und legte sich dafür sogar mit dem allmächtigen Vertrieb seiner Strips an. Diese Anti-Haltung färbt natürlich auf die Figuren ab, die sich das Image charmanter Rebellen bewahren.

Dabei ist diese Verweigerung gegenüber der Öffentlichkeit typisch für Watterson. Seit der Strip zum Jahresende 1995 eingestellt wurde, lebt Watterson mit seiner Familie äußerst zurückgezogen in Ohio. Fotos und Interviews von ihm sind seitdem erst recht Mangelware. Da sorgte es schon für Aufsehen, als ein kleines Magazin kürzlich ein Interview mit ihm veröffentlichte - auf Twitter machte die Nachricht sehr schnell die Runde.

Auf der Suche nach Bill Watterson

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"Calvin & Hobbes" Gesamtausgabe, Carlsen, 1440 Seiten in drei in Halbleinen gebundenen Bände im Schuber.

Nevin Martell hat zumindest versucht, etwas Licht in das Leben von Watterson zu bringen. "Auf der Suche nach Calvin und Hobbes" heißt sein Bericht, der ebenfalls bei Carlsen erschienen ist. Es handelt sich allerdings nicht um eine autorisierte Biographie und Martell konnte auch keinen Kontakt zu dem berühmten Zeichner herstellen. Deshalb beschränkt er sich auf die Wiedergabe bereits bekannter Interviews mit Watterson und auf dessen Vorworte zu Sammelbänden. Zudem hat er zahlreiche Wegbegleiter Wattersons interviewt, von Mitschülern und Kommilitonen bis zu Comicexperten und Kollegen.

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"Auf der Suche nach Calvin und Hobbes" erscheint bei Carlsen, 304 Seiten im Hardcover, 24,90 Euro (D).

Martells Buch liefert eine akribische Zusammenfassung von Wattersons Werdegang und seinen Auseinandersetzungen rund um seinen Strip. Doch natürlich bleiben etliche Fragen offen. Begrüßenswert ist, dass er auch das Geschäftsmodell Comicstrip erkundet und von Wattersons Schwierigkeiten berichtet, seinen Strip zu verkaufen. Zudem bietet er ein paar witzige Anekdoten. So verschönerte der spätere Comiczeichner etwa die Decke seines Zimmers im Studentenwohnheim mit einer Reproduktion von Michelangelos "Die Erschaffung Adams". Und direkt nach seinem Studium der Politikwissenschaften arbeitete er sechs Monate lang als politischer Karikutarist - und scheiterte damit komplett. Manch eine Anekdote überschreitet allerdings die Grenze zur Belanglosigkeit - man muss eben nicht jede Kleinigkeit wissen.

Ein großer Minuspunkt ist zudem, dass es in Martells Buch keinerlei Abbildung gibt. Vor allem Werke aus Wattersons Anfangszeit - Zeichnungen aus Schülerzeitung, Studentenzeitung oder politische Karikaturen - hätten dem Buch gut getan, um die Entwicklung seines Stils nachvollziehen zu können. So bleibt es bei Beschreibungen. Störend ist auch, dass sich Martell als großer Fan erweist, der nicht müde wird, Wattersons Meisterschaft zu betonen, was für den Leser schnell ermüdend wirkt. "Auf der Suche nach Calvin und Hobbes" lohnt sich deshalb vor allem für Fans des Strips, der mit so viel Witz und Leichtigkeit von einem Jungen, einem Tiger und ihrer Welt erzählt.

Die Gesamtausgabe Bei Amazon bestellen. Die Gesamtausgabe gibt es bis zum 31. März 2014 zum Subskriptionspreis von 99 Euro (D), danach kostet sie 149 Euro (D).

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Quelle: ntv.de