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Reisen statt Urlaub Lasst Reiseführer und Kameras weg

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Wer mit dem Nachtzug nach Paris fährt, dem eröffnen sich neue Perspektiven.

(Foto: Rike / Pixelio)

Entspannung, Flucht aus dem Alltag - das erhoffen sich die meisten von ihrem Urlaub. Und doch kommen sie oft unbefriedigt zurück. Wie es anders geht, verrät der "Meister des langsamen Reisens" Dan Kieran in "Slow Travel".

Flugreisen sind anstrengend. Kaum ist der Koffer abgegeben, die Sicherheitskontrolle passiert und sind Mantel und Schuhe wieder angezogen, muss man sich auf die Suche nach dem Gate machen. Denn die Nummer auf der Bordkarte ist natürlich schon wieder überholt. Verzögert dann noch plötzlicher Frühlings-Schneefall den Abflug, ist das der falsche Moment, um das Buch des britischen Reiseschriftstellers Dan Kieran, "Slow Travel", hervorzuholen und Kapitel mit Überschriften wie "Heiße Katastrophen willkommen" zu lesen. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um einer Anekdote über eine abenteuerliche Spritztour durch Großbritannien in einem alten Milchwagen zu folgen. Und es ist ganz sicher der falsche Ort, um sich von Dan Kieran sagen zu lassen, dass Menschen in der Wartezone vor einem Gate mehr als allem anderen einem Frachtgut ähneln, das überprüft, gewogen und schließlich in einen zu engen Flugzeugsitz verstaut wird.

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Slow Travel erscheint im Rogner & Bernhard Verlag, 223 Seiten, 19,95 Euro

Auf dem Sofa, eine Tasse Tee in der Hand, sieht die Sache schon anders aus: Da kommt umgehend die Lust auf, sich ebenfalls Stefan Zweig lesend von einem Zug nach Wien tragen zu lassen. Oder auf den Fährten des "Schakals" von Frederick Forsyth durch Paris zu laufen. Denn das gehört zu den Maximen Dan Kierans: Nimm auf deinen Reisen ein gutes Buch mit, am besten eines, das zu dem Ort passt, an den du reist.

Dan Kieran hat seit 20 Jahren kein Flugzeug von innen gesehen. Nicht der Umwelt zuliebe, sondern weil es ihm unterhaltsamer erscheint. Und weil er fürchterliche Flugangst hat. Gezwungen auf andere Transportmittel, wie Züge, Fähren oder eben Milchwagen umzusteigen, fing Kieran an, über das Reisen nachzudenken und zu schreiben, unter anderem für "Guardian", "Telegraph" und "Times". In Zeiten, in denen Entschleunigung ein Zauberwort und alles Langsame - wie etwa "Slow Food" - in Mode ist, macht ihn das zum "Meister des langsamen Reisens" (Newsweek). Auch wenn sich Kieran selbst nicht als Teil der "Slow Bewegung" sieht. Doch auch er ist überzeugt, dass weniger Tempo uns allen gut tut. So hat ein Jet-Lag seiner Ansicht nach nichts mit Schlafmangel zu tun. "Es ist das Gehirn, das danach schreit, dass man langsamer macht", schrieb Kieran bereits 2006 im "Guardian".

Ohne Fotoapparat und Reiseführer

Um die Welt neu zu erleben, ließ der Autor aber nicht nur Flugzeuge hinter sich, sondern auch Reiseführer, Sehenswürdigkeiten und teure Hotels. Und wer braucht schon Fotos von einer Reise? An die wirklich wichtigen Dinge erinnert man sich ohnehin, ist der 1975 geborene Brite überzeugt. Schon mal aufgefallen, wie seltsam Menschen, die sich vor Sehenswürdigkeiten fotografieren lassen, aussehen? Wozu braucht man etwa ein Foto von sich vor dem Buckingham Palace, einer roten Telefonzelle oder einem Doppeldeckerbus, vielleicht noch stolz die Finger zum Victory-Zeichen erhoben? Wem will man beweisen, dass man da war? Was man in dem Moment empfunden hat, werden solche Bilder ohnehin nicht wiedergeben, ist Kieran überzeugt. "Das ist auch der Grund dafür, dass es so ermüdend ist, sich anderer Leute Reisebilder anzusehen."

Doch die Lektüre von Reiseführern, die Sehenswürdigkeiten vor Ort und jede Menge Fotos  machen für viele erst den Reiz einer Reise aus. Dem will Kieran gar nicht widersprechen. Er will sich nur von einem Reiseführer nicht sagen lassen, wohin er gehen soll - sie sollen stattdessen seinen Trip zum Leben erwecken. Statt ihm im Eiltempo von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu hetzen, sollen sie ihm mit Informationen versorgen und Raum für eigene Entdeckungen lassen.

Geduld auch beim Lesen

Nun hat beileibe nicht jeder die Zeit, wochenlang in Zügen durch Europa zu fahren. Doch das ist egal, denn man kann auch Reisen, wenn man nur ein paar Stunden oder Tage hat, ist sich der selbst gut beschäftigte Familienvater sicher. Da reicht schon ein ausgedehnter Spaziergang durch ein noch unbekanntes Viertel in der eigenen Stadt - die Heimat verändert sich, wenn man sie mit den Augen eines Reisenden sieht, verspricht Kieran.

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"Meister des langsamen Reisens": Dan Kieran.

Obwohl im leichten Plauderton geschrieben, verlangt Kieran auch von seinen Lesern Muße und Geduld - Exkurse über die Geschichte Wiens oder Tschechiens und Zitate aus wissenschaftlichen Abhandlungen über das Wesen der Zeit und der Fähigkeit unserer Gehirne diese unterschiedlich zu erleben, lassen manchmal schon Zweifel aufkommen, ob der Autor vom Weg abgekommen ist, nur um einen lächeln zu lassen, wenn er plötzlich doch zum - überraschenden - Punkt kommt.

Erfährt man in "Slow Travel" etwas komplett Neues? Vielleicht nicht. Denn wissen wir nicht alle, wie schnell die Zeit verfliegt, wenn wir im Alltag feststecken? Wie man manchmal die allzu bekannte Strecke zum Arbeitsplatz so geistesabwesend abfährt, dass man sich hinterher nicht daran erinnern kann? Kierans Leistung ist, die Leser daran zu erinnern, dass es auch anders geht. Wer hat noch nicht ein ereignisreiches Urlaubswochenende verbracht und danach das Gefühl gehabt, tagelang unterwegs gewesen zu sein, weil man so viel Neues erlebt hat? Statt sich darüber Gedanken zu machen, wie wir unsere Lebensdauer verlängern können, sollten wir die Qualität des Lebens verbessern. Das gelte auch für die vermeintlich zu wenigen Urlaubstage, die man hat, so Kieran. Denn das ist der Unterschied zwischen Urlaub machen und Reisen. Bei ersterem behält das Unterbewusstsein die Kontrolle, dann machen wir Urlaub. Etwa in einem Ferienressort, wo selbst die gewohnte Frühstücksschokocreme nicht fehlt. Oder wir lassen uns auf Neues ein und reisen.

Gelegentlich Urlaub in Centerparks

Der perfekte Reisende ist Dan Kieran selbst auch nicht. Wie sein einstiger Herausgeber-Kollege beim "Idler" (monatliche Zeitschrift für den Müßiggänger), Tom Hodgkinson, im Vorwort verrät, macht selbst Dan Kieran gelegentlich Urlaub in Centerparks. Als Vater zweier Kleinkinder brauche er auch mal einen Urlaub, wo das Unterbewusstsein die Überhand hat, räumt der Autor 100 Seiten später freimütig ein.

"Slow Travel" macht Lust, auf der nächsten Städtetour vielleicht mal wieder an der einen oder anderen langen Schlange zur Sehenswürdigkeit vorbeizulaufen und lieber in die verlockend aussehende kleine Straße einzubiegen. Und im Alltag, wenn die U-Bahn wieder streikt, die Katastrophe willkommen zu heißen und zu Fuß auf der eigentlich altbekannten U-Bahn-Strecke eine neue Welt zu entdecken. Nur beim nächsten Streik des Sicherheitspersonals sollte man sich lieber in der Flughafenbuchhandlung einen guten Krimi suchen. Denn Kierans Buch hat dort nichts zu suchen.

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Quelle: ntv.de