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Famoses Droste-Hülshoff-Porträt "Nervensäge" schliddert in Liebeskatastrophe

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Annette von Droste-Hülshoff (1797-1884) hatte in ihrer Familie den Ruf einer Nervensäge.

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Sie ist vorlaut und pfeift auf weibliche Sittsamkeit: Annette von Droste-Hülshoff ist das Enfant terrible ihrer blaublütigen Familie. Wie die Dichterin im Sommer 1820 in eine Liebesfalle gelockt wird, davon erzählt Karen Duve in ihrem neuen Roman.

Ein Buch über Annette von Droste-Hülshoff? Alleine bei der Erwähnung des Namens mag der eine oder die andere denken: Auweia, bloß nicht. Erinnerungen an dröge Deutschstunden mit der "Judenbuche" oder dem "Knaben im Moor" werden wach. Aber Droste-Hülshoff geht auch frisch und mit beißendem Witz. Jedenfalls wenn sich Karen Duve der Dichterin annimmt. Ihr neuer Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" ist wirklich famos.

Schon die ersten Zeilen machen Lust auf die Lektüre des fast 600 Seiten starken Wälzers. "Es war früh am Morgen. Der Himmel hing tief, und die Sonne war kraftlos und hing noch tiefer. Aus einem Buchenwald traten ein kleiner, grundhässlicher Mann namens Heinrich Straube und ein zartes, sehr blondes und etwas glotzäugiges Freifräulein."

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Karen Duve erzählt mit großer Sachkenntnis und einem Gespür für Komik von einer einschneidenden Erfahrung im Leben der Biedermeier-Dichterin.

(Foto: picture alliance/dpa)

Duve, die zuletzt unter anderem den Selbstversuch "Anständig essen" und die polarisierende Gender-Dystopie "Macht" veröffentlicht hat, greift sich genau den Moment aus dem Leben der Biedermeier-Dichterin heraus, in dem ihr übel mitgespielt wird: In den Jahren zwischen 1817 und 1821 entspinnt sich ein Liebeskomplott mit weitreichenden Folgen.

"Nette" ist zu diesem Zeitpunkt Anfang 20 und das kränkliche, fast blinde Mitglied einer riesigen, westfälischen Provinzadel-Familie (14 Tanten und Onkel alleine mütterlicherseits!). Sie dichtet gerne, was zwar unterstützt, aber belächelt wird. Und sie spielt Klavier und singt dazu, meist ein wenig zu schrill. Doch es ist nicht ihre künstlerische Ader, die sie zur "Nervensäge" der Familie macht.

Hämmerchen statt Sticknadel

Zwitschernd sprechen - nicht zu viel, nicht zu laut - und mit Schwester und Nichten handarbeitend am Kamin sitzen? Weibliche Sittsamkeit liegt "Nette" nicht. Statt brav zu sticken, sucht sie lieber mit einem Hämmerchen in Steinbrüchen nach seltenen Mineralien und kehrt mit schmutzigem Kleidersaum wieder heim.

Was aber in den Augen der Verwandtschaft das Allerschlimmste ist: Mit herber Stimme und spitzer Zunge platzt "Nette" ungefragt in Männerunterhaltungen. Sie äußert eigene Meinungen über Kunst und Politik, scherzt und hat Widerworte. Die Damen sind peinlich berührt, die Herren fühlen sich gestört, der Märchen sammelnde Familienfreund Wilhelm Grimm verfällt gar in Panik, sobald er "Nette" nur von Weitem sieht.

Fräulein Nettes kurzer Sommer: Roman
EUR 25,00
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Ganz anders Heinrich Straube. Der als zweiter Goethe gehandelte Langzeitstudent lernt die kecke Freiin über seinen Freund August kennen, der gleichzeitig der nur wenige Jahre ältere Onkel von "Nette" ist. Straube verliebt sich in sie und "Nette" erwidert seine Annäherungsversuche. Doch es gibt ein Problem. Straube ist ein Bürgerlicher, hält sich nur dank der monetären Zuwendungen von August über Wasser und hat als Protestant auch noch die falsche Religion - für ein blaublütiges, katholisches Fräulein ein absolutes Tabu. Dann taucht ein junger Adeliger auf, der ebenfalls ein Auge auf "Nette" geworfen zu haben scheint. Und plötzlich findet sich die junge Frau mit Billigung ihrer Verwandten inmitten einer Intrige wieder.

Die sogenannte "Jugendkatastrophe", über die Droste-Hülshoff ihr Leben lang nicht hinwegkommt, ist historisch belegt. Die Konsequenzen auch: Sie meidet über lange Zeit den Kontakt zu ihrer Verwandtschaft, heiratet nie und bleibt im Korsett adliger Konventionen gefangen. Eine der bekanntesten deutschen Dichterinnen wird sie trotzdem.

Vielschichtiges Sittengemälde

Was allerdings "tatsächlich im Sommer 1820 auf dem Bökerhof vorgefallen ist, liegt im Dunkeln. Nur wenige Hinweise sind vorhanden", erklärt Duve in einem Vorwort. Für ihren Roman orientierte sie sich an Briefen, Tagebucheinträgen und Lebensbeichten der Beteiligten. Und sie nahm sich ein paar Freiheiten heraus - "aber nicht sehr viele".

Mit großer Sachkenntnis (davon zeugen 13 Seiten Literaturnachweise) katapultiert Duve ihre Leserinnen und Leser mitten hinein ins beginnende 19. Jahrhundert. Männer sagen "Ey sapperment", fordern zum Duell, leisten sich studentische Saufgelage und schwingen große Reden. Frauen hingegen pflücken Blumen, seufzen leise und streben nach dem Ideal der "anmutigen Einfachheit".

Es ist ein äußerst vielschichtiges Sittengemälde, das Duve entwirft. Sie lässt das Biedermeier mit seinen politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen lebendig werden: den Alltag des konservativen, um seine Existenz kämpfenden Landadels, die Hoffnungen des aufstrebenden Bürgertums und den wachsenden Nationalismus mit seinen antiaufklärerischen und antisemitischen Tendenzen. Zudem porträtiert sie eine ganze Künstlergeneration: Unter anderem sind sechs Geschwister Grimm dabei, kurz vor seinem Mord an dem Dichter Kotzebue wird der Student Sand von Karl Drais auf dem Laufrad umgefahren und auch Heinrich Heine, als er noch Harry hieß, hat seinen Auftritt.

Langweilig wird einem bei der Lektüre von "Fräulein Nettes kurzer Sommer" nie. Duve schreibt süffig, mit einem Gespür für Komik und auf ihre bekannte etwas schnodderige Art. Den sehr heutigen Ton färbt sie ab und an auf charmante Weise mit Zeitkolorit ("Hätte hätte Epaulette"). Und so schafft sie es, dass einem die Droste-Hülshoff, mit deren Werken man in der Schule gequält wurde, von Seite zu Seite mehr ans Herz wächst.

Quelle: n-tv.de

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