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Timoteo Arboledo ist 98 Jahre alt. Um zu seinem Feld zu gelangen, muss er täglich mehrere hundert Meter eines Berges erklimmen.
Timoteo Arboledo ist 98 Jahre alt. Um zu seinem Feld zu gelangen, muss er täglich mehrere hundert Meter eines Berges erklimmen.(Foto: Ricardo Coler)
Donnerstag, 07. Oktober 2010

Keine Brille und keine Erektionsprobleme: Reise ins Tal der Hundertjährigen

Markus Lippold

In einem Tal in Ecuador werden die Menschen gleich reihenweise 100, 120 oder 130 Jahre alt. Dabei bleiben sie gesund und vital. Ricardo Coler hat Vilcabamba besucht, nach dem Geheimnis des Jungbrunnens gesucht – und ist ins Grübeln gekommen.

Mit über 50 Jahren bekommen sie noch Kinder. Mit 70 denken sie ernsthaft darüber nach, ob sie noch einmal – oder erstmals – heiraten. Mit 100 haben sie keine Chance, Dorfältester zu werden. Die Bewohner des ecuadorianischen Tales Vilcabamba erreichen, wovon viele träumen: ein hohes Alter. 110 oder 120 Jahre sind hier keine Seltenheit, auch 130 Jahre kann man werden – hier leben zehnmal mehr Hundertjährige als anderswo auf der Welt. Der argentinische Arzt und Journalist Ricardo Coler hat das Tal besucht und versucht, das Geheimnis der ewigen Jugend zu entschlüsseln. Doch "Das Tal der Hundertjährigen", erschienen bei Rütten & Loening, ist mehr als die Beschreibung eines Jungbrunnens.

Der Argentinier Ricardo Coler ist Arzt, Journalist und Fotograf.
Der Argentinier Ricardo Coler ist Arzt, Journalist und Fotograf.(Foto: Esther Cross)

"Osteoporose kennt man hier nicht, ebenso wenig wie Patienten mit Krebs", sagt der ansässige Arzt Wilson Corea über seine Alten. "Auch im hohen Alter haben sie immer noch regelmäßig guten Sex", fügt er hinzu. Coler fällt auf: Die Hundertjährigen, die er besucht, haben keine schweren Krankheiten, sie sind körperlich fit und agil. Sie tragen keine Brille, haben keinen Bluthochdruck, aber gesunde Zähne. Ist die Ernährung ohne Chemie und Pestizide verantwortlich? José Medina widerlegt diese These: Der 112-Jährige hantiert gerade mit einer Hacke auf seinem Acker, als ihn Coler besucht. Und Medina erzählt: Er trinke Kaffee und bis vor kurzem noch Puro, einen Zuckerrohrschnaps. Er rauche sogar regelmäßig Chamico, die getrockneten Blätter des giftigen Stechapfels, der schwer halluzinatorisch wirkt.

"Der Abwasserkanal ist ein Albtraum"

Coler sucht weiter nach Antworten: Hat die stark mit negativen Ionen aufgeladene Atmosphäre einen positiven Einfluss? Ist es das Gletscherwasser oder der familiäre Zusammenhalt? Doch es gibt auch Schattenseiten: Die Hundertjährigen arbeiten bis ins hohe Alter, weil sie sonst verhungern würden. Das tägliche Leben in Vilcabamba ist hart. Der Arzt Corea gibt zu bedenken: "Die sanitären Anlagen sind eine Katastrophe. Der Abwasserkanal ist ein Albtraum." Auch die zunehmende Bautätigkeit und der Zuzug zerstören Vilcabamba. "Das natürliche Gleichgewicht im Tal gerät total aus dem Lot", sagt Hotelbesitzerin Carol Rosin zu Coler. Früher war sie in der Weltraumindustrie tätig, leitete das Institute for Cooperation in Space, war Sprecherin von Wernher von Braun.

"Das Tal der Hundertjährigen" umfasst 186 Seiten und ist bei Rütten & Loening erschienen. Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg übersetzt.
"Das Tal der Hundertjährigen" umfasst 186 Seiten und ist bei Rütten & Loening erschienen. Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg übersetzt.

Schließlich beginnt Coler, über den Tod und den gesellschaftlichen Umgang mit dem Sterben nachzudenken: Ist der Tod nur eine Krankheit, die man bekämpfen kann, fragt sich der Arzt. Kann man die Zellen daran hindern, zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach ihre Funktion einzustellen? Kann man den Tod also wie eine normale Krankheit bekämpfen? Für Coler eine realistische Vorstellung – und eine höchst wünschenswerte: Sein Vater liegt in Argentinien im Sterben, er braucht regelmäßige Dialysen. Permanent erhält Coler Anrufe von Schwestern und Ärzten, weil es seinem Vater schlecht geht.

Aus dieser Gegenüberstellung, aus der Darstellung der fidelen Alten und der Reflexion über den Tod, ergibt sich der Reiz des Buches. Amüsant und immer wieder verblüffend erzählt Coler von den Hundertjährigen und ihren Leistungen. Doch er feiert nicht die Entdeckung des ewigen Lebens, sondern fragt auch, was wir mit den 30 oder 40 zusätzlichen Jahren anfangen würden, die uns in Vilcabamba erwarten. Würden wir dafür unseren hohen Lebensstandard hergeben? Ist es überhaupt sinnvoll, den Traum vom ewigen Leben zu träumen?

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Quelle: n-tv.de