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Helga Schuberts später Erfolg Vom Aufstehen und der Weisheit

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Die Schriftstellerin Helga Schubert lebt in Mecklenburg.

(Foto: picture alliance/dpa/dtv)

Völlig überraschend für viele gewinnt Helga Schubert im vergangenen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sie berührt und überzeugt die Jury mit einem Text über die verstorbene Mutter, den noch lebenden Mann und sich selbst. Davon gibt es nun mehr, und das ist wunderbar.

Die 80-jährige Helga Schubert war im vergangenen Jahr die Überraschungssiegerin des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt. Ihr zwischen Wachsein und Schlafen, dem Heute und einem langen Leben mäandernder Text berührte die Mitglieder der Jury so sehr, dass sie schon unmittelbar nach dem Vortragen kaum eine andere Siegerin für möglich hielten. Und genauso kam es.

Mit 40 war Schubert schon einmal nach Klagenfurt eingeladen, doch die DDR, das Land, in dem die Autorin zufällig landete und dem sie doch nicht entkommen konnte, ließ sie nicht reisen. Damals war Marcel Reich-Ranicki Jurypräsident, ein aus Sicht der DDR-Oberen "berüchtigter Antikommunist". Also legte die Staatssicherheit Schubert nahe, den Reiseantrag gar nicht erst zu stellen. Sie tat es trotzdem und "sie mussten es mir verbieten".

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Schubert erzählt diese Geschichte in einem ganz anderen Zusammenhang in ihrem nach dem Bachmann-Text benannten Buch "Vom Aufstehen". So, wie sie immer einen Gedanken mit dem nächsten verwebt: Die Ankunft des Lektors aus dem Westen mit dem Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams und eines Polizisten auf dem Bahnhof von Bad Kleinen mit der Gnadenlosigkeit der Mecklenburger Menschen sich selbst gegenüber, um schließlich bei einem sprachlosen Wellensittich zu enden.

Die Ablehnung der Mutter

Die 29 Texte, die sie für das vielleicht auch für sie etwas unerwartet entstandene Buch auswählte, waren teilweise schon geschrieben. Manche überarbeitete die Autorin, andere schrieb sie unter dem Eindruck der Kraft ihres eigenen Textes ganz neu. Als frischgebackene Bachmann-Preisträgerin sagte sie, sie habe ihren Siegertext erst mit 80 schreiben können. Auch das ist eine dieser Geschichten, die mit einem Gedanken beginnt und von dort aus immer weiter führt, bis sich die ganze Welt öffnet.

Es ist ein Text über eine schwierige Beziehung einer Tochter zu ihrer vom Krieg geprägten Mutter, über Lieblosigkeit und Anmaßung. "Sie wollte, dass ich über sie eine Geschichte schreibe. (…) Aber wie sollte ich über sie schreiben, als sie noch lebte." Nun hat Schubert vermutlich ein ganzes Buch über ihre Mutter geschrieben. Und natürlich diese eine Geschichte, in der Schubert sich nach dem Aufwachen dem Nachdenken über die schwierige Frau hingibt, deren Tochter sie ist. Vier Jahre ist die Mutter nun tot und hat ihrer Tochter große Berge von Ablehnung, Missachtung und Grausamkeit hinterlassen. Außerdem Aktenordner voller Rechnungen, unzählige Bücher und die Repliken von zwei Barlach-Figuren.

Nach all den Jahrzehnten klingt noch immer nach, dass sie lieber einen Jungen gehabt hätte und dass die ungeliebte Tochter vor allem der fremden Schwiegermutter ähnelt. Was um so fataler ist, weil der Ehemann und Vater die Tochter nie kennenlernte. Kurz nach deren Geburt wird er auf dem Raubzug der Deutschen von einer Handgranate zerrissen. So bleibt sie Kriegskind, Flüchtlingskind, Einzelkind. Vielleicht hätte die Mutter die Tochter aber auch in jedem Fall nicht leiden mögen, so wie sie in jedem Fall zu viel Geld ausgab und trotz des Diabetes Weintrauben und Müsliriegel mit Schokolade aß.

Raus aus der Schublade

Aber Schubert hat inzwischen gelernt, dass man Vater und Mutter nicht lieben muss, nur ehren. Eine junge Pastorin hat ihr in der Not geholfen, dass sie die Mutter nicht lieben kann, wie die Mutter sie nicht lieben konnte. "Liebe ist etwas Freiwilliges, ein Geschenk", sagte die Pastorin fast lapidar und heilte damit eine lebenslange Wunde, die sich die studierte Psychologin in all den Jahrzehnten nicht selbst heilen konnte. Die Lieblosigkeit ist auch nur zwischen Mutter und Tochter, anderen ist die Mutter durchaus zugewandt. Und die Tochter pflegt ihren Mann voller Liebe, er ist der, zu dem sie gehen wird - nach dem Aufstehen.

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Schuberts Buch mausert sich gerade zum Bestseller, sie bekommt viel Post in ihr mecklenburgisches Dorf. Oft geht es um zwei Themen: die Eltern oder die Politik. Viele Menschen danken ihr für die Botschaft, dass man kritisch über die eigenen Eltern denken darf, erzählte sie gerade dem "Spiegel". Oder sie sind froh, auf die DDR "ohne Hass" zurückblicken zu dürfen. Wahrscheinlich haben die beiden Komplexe viel miteinander gemein. "Ein Leben in Geschichten" nennt Schubert ihr Buch im Untertitel. Und obwohl es vor allem ihr Leben ist, ist es auch das Leben einer Generation. Anfänge in der Kriegs- und Nachkriegszeit, eine DDR-Existenz, die nicht zu führen war, ohne die Einschränkungen zu fühlen, dann die Bundesrepublik mit ihren neuen Herausforderungen.

Hätte Schubert den Bachmann-prämierten Text nicht geschrieben, wäre sie vielleicht in der Schublade DDR-Schriftstellerin gelandet. Auch, wenn sie selbst Schubladen nicht besonders schätzt und ihnen in ihren früheren Werken der DDR immer irgendwie ausgewichen ist. Nun aber ist ihr nachdenkliches Erzählen gesamtdeutsch und universal. Von zarter sprachlicher Schönheit und menschlicher Kraft, die viele Leser und Leserinnen völlig zu Recht begeistern.

Quelle: ntv.de

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