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Inseln, Schuld und eine Grenze Was Norwegen zu erzählen hat

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Um Inseln kommen Norwegens Autoren nicht drum herum - zum Glück.

(Foto: imago images/CHROMORANGE)

Norwegen hat nicht nur Fjorde und Elche zu bieten, sondern auch jede Menge Literatur. In diesem Jahr ist das Land Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Hier eine kleine Auswahl an Büchern, mit denen Sie perfekt über die regnerischen Herbsttage kommen.

"Durch die Nacht"

"Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. Man wird gefüllt und geleert. Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich."

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Durch die Nacht: Roman
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In seinem letzten Roman "Durch die Nacht", den Stig Sæterbakken vor seinem Suizid 2012 schrieb, erzählt er eine Familiengeschichte. Der 18-jährige Sohn Ole-Jakob hat das Auto des Vaters frontal in einen Lkw gesteuert. Mit dieser Tatsache muss die ganze Familie leben, doch besonders schwer ist es für den Vater. Denn der war gerade mit einer außerehelichen Affäre beschäftigt, während der Sohn den Willen zum Weiterleben verlor. Was genau Karl Mayer zu Mona trieb, bleibt vage, vielleicht sogar für ihn selbst.

Denn noch immer ist Eva, seine Frau, die Liebe seines Lebens. Zu ihr und der Tochter kehrt er denn auch zurück. Doch was geschehen ist, ist geschehen. Ole-Jakob ist tot, die Ehe irreparabel beschädigt. Daran ändern auch die Selbstbezichtigungen Mayers nichts, der langsam über dem eigenen Scheitern den Verstand zu verlieren scheint. Am Ende flieht er vor Schuld und Versagen in ein Haus in der Slowakei und nimmt doch sich selbst mit. Die Norweger lieben Sæterbakken, vielleicht gerade für diese gnadenlose Sicht auf das menschliche Sein, das oft einfach unverständlich bleibt. (sba)

"Die Unsichtbaren"

Es ist eine gigantische Zahl: 150.000. So viele Inseln gibt es entlang der norwegischen Fjordküste. Und sogar das ist nur eine Schätzung. Die geologische Besonderheit schlägt sich auch in der Literatur des Landes nieder. Roy Jacobsen hat gleich eine ganze Insel-Saga geschrieben, die sich vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg spannt. Nun ist auch das bisher letzte der drei Bücher ins Deutsche übersetzt worden und zusammen mit den Vorgängern in dem Sammelband "Die Unsichtbaren" erschienen. Üppige 600 Seiten sind dabei herausgekommen - definitiv keine zu viel.

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Die Unsichtbaren: Eine Insel-Saga
EUR 28,00
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In seinen Romanen begleitet Jacobsen Ingrid und ihre Familie, die als Fischer auf Barrøy ein entbehrungsreiches Leben führen. Die Insel misst einen halben mal einen Kilometer, es gibt drei Weiden, vier Birken, fünf Ebereschen und viel Wind. Der spült immer wieder nützliche und kuriose Dinge an den Strand: Treibholz, Fischhaken, halbe Schuhe, eine Karnevalsmaske und einmal einen jungen russischen Kriegsgefangenen. Neun Monate später bekommt Ingrid eine Tochter und folgt Alexanders Spuren durch ein Nachkriegs-Norwegen, das eigentlich nur eines möchte: vergessen.

Jacobsen erzählt auf berührende Weise von der kargen Insel und ihrer oft unwirtlichen Natur, von eigenwilligen Frauen, von Schuld und Kollaboration. Dabei verzichtet er komplett auf die Emotionen und Gedanken seiner Figuren. Mit einer spröden Eleganz beschreibt er einfach nur, was passiert. Es ist genau diese Distanziertheit, über die einen die Geschichte packt. (kse)

"Der Sturm"

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Der Sturm: Roman
EUR 22,00
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Auch der Roman "Der Sturm" von Steve Sem-Sandberg spielt auf einer abgelegenen norwegischen Insel. Dorthin kehrt Andreas in den 1990er-Jahren zurück. Das "Gelbe Haus" muss nach dem Tod des Adoptivvaters ausgeräumt werden. Bei ihm sind Andreas und seine rebellische Schwester Minna aufgewachsen, nachdem ihre Eltern auf mysteriöse Weise verschwanden. Es wird gemunkelt, dass sie bei einem Flugzeugunglück ums Leben kamen. Aber stimmt das wirklich? Andreas sucht nach der Wahrheit und stößt auf Schweigen und Feindseligkeit.

Wer sich für die Lektüre von "Der Sturm" entscheidet, sollte eines wissen: Einige Rätsel werden nicht gelöst. Jedenfalls nicht offensichtlich. Denn mit Andreas lässt Sem-Sandberg einen Ich-Erzähler auftreten, der alles andere als zuverlässig ist. Aber irgendwie macht das auch den Reiz dieses Romans aus. Dazu kommt: Sem-Sandberg ist ein wirklich großartiger Erzähler. Er entwirft ein komplexes Geflecht aus Kindheitserinnerungen, Schuldgefühlen, Interpretation von Gesehenem, Gehörtem, Geahntem. Und er beschreibt eindrücklich, wie das Machtgefüge der Insulaner während der Nazizeit bis in die Gegenwart hineinwirkt. (kse)

"Ich habe die Welt noch nicht gesehen"

Lars Bakken ist ein unappetitlicher Mann. Er riecht nach Kaffee, Tabak und Schlaf, wäscht sich eher selten, seine Unterwäsche wechselt er noch seltener. Doch der namenlosen Ich-Erzählerin aus der Kurzgeschichte "Nichts über Liebe" von der Norwegerin Roskva Koritzinsky ist das egal. Ekel gehört nicht in das Repertoire ihrer Empfindungen. Auch den einen, "richtigen" Mann braucht sie nicht. Ihre ständig wechselnden Bettbeziehungen haben nur einen Sinn: "Sie musste die Zeit, die das Leben war, zum Vergehen bringen."

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Ich habe die Welt noch nicht gesehen: Erzählungen
EUR 18,00
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In ihrem Erzählband "Ich habe die Welt noch nicht gesehen" schreibt Koritzinsky über zwischenmenschliche Nähe und Distanz. Die Frauen und Männer in ihren sechs Geschichten sind allesamt Suchende. Sie erhoffen sich eine Antwort auf die Frage, warum sie oder die Personen in ihrem Umfeld sich so verhalten, wie sie es nun mal tun. Und sie wollen glücklich sein - oder wenigstens ein bisschen glücklicher. Doch irgendwie funkt immer die Realität dazwischen und alle Illusionen sind dahin.

Anders als gedacht entwickelt sich zum Beispiel die raffiniert verschachtelte Geschichte über einen charmanten und eloquenten Vater. Schon bald zeigt sich, dass er es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt. Für eine Ballettschülerin zerplatzt der Traum vom Tanzen, als sie ihr Idol durchschaut. Und die namenlose Ich-Erzählerin entflieht der Wirklichkeit auf ihre Weise: Als sie Hand in Hand neben Lars Bakken einschläft, träumt sie schon von neuen Abenteuern. Genauer gesagt: von einem ganzen Flur voller Männer.

Jede einzelne der Geschichten ist klug durchdacht. Koritzinsky, die in ihrem Heimatland als literarische Senkrechtstarterin gefeiert wird, ist eine scharfe Beobachterin und spürt mit viel sprachlicher Poesie der Zerbrechlichkeit menschlichen Daseins nach. (kse)

"Über die Grenze"

Seit ihren Bestsellern "Die Geschichte der Bienen" und "Die Geschichte des Wassers" ist Maja Lunde wahrscheinlich die bekannteste norwegische Autorin derzeit. Ihr allererstes Buch schrieb die Mutter dreier Söhne jedoch für Kinder. "Über die Grenze" erschien 2012 auf Norwegisch und ist nun übersetzt worden.

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Über die Grenze
EUR 16,00
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Gerda und Otto sind Geschwister, sie leben 1942 unter deutscher Besatzung in Norwegen. Der Vater ist Arzt und macht keinen Hehl daraus, was er von Landsleuten hält, die mit den Deutschen kollaborieren. Daniel und Sarah sind ebenfalls Geschwister und Juden, und das ist gerade lebensgefährlich. Deshalb sind die beiden auch im Keller der Arztfamilie versteckt, so gut, dass sie bei einer Durchsuchung nicht gefunden werden. Dafür werden Gerdas und Ottos Eltern verhaftet. Damit ist klar, dass die Kinder auf sich gestellt sind.

In Schweden wären Sarah und Daniel in Sicherheit, aber Schweden ist ziemlich weit weg. Also machen sich die vier auf eine abenteuerliche Reise, immer auf der Suche nach Erwachsenen und immer in der Gefahr, den Falschen zu vertrauen. Eine spannende Abenteuergeschichte, aber auch ein Buch über Geschwisterliebe, Mut und eine Vergangenheit, die gar nicht so lange her ist. Empfohlen für Leser ab neun Jahren. (sba)

Quelle: n-tv.de

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