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Mehr als #blacklivesmatter Yaa Gyasi erforscht die Opioid-Krise

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Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC starben allein im Jahr 2020 rund 90.000 Menschen in den USA an einer Drogen-Überdosis.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Eine junge Frau verliert den Vater an die Demütigungen eines schwarzen Migrantenlebens, den Bruder an Schmerzmittel. Auch mit ihrem zweiten Roman erobert Yaa Gyasi die US-Bestsellerlisten, will aber keine Medizin für weiße Leser sein.

Gifty weiß, wie ihre Familie offiziell aussieht. Wie ihr Bruder aus der Vogelperspektive aussieht: schwarzer, männlicher Immigrant aus einem alleinerziehenden Haushalt der unteren Mittelklasse. Die Stressfaktoren eines einzigen dieser Aspekte wären ausreichend, um seinen Drogenkonsum zu erklären. Selbst für die Wissenschaftlerin Gifty ist es schwierig, die eigentliche, die tatsächliche Ursache seines Todes zu finden. Egal, wie oft sie in die Gehirne ihrer Labormäuse schaut, die sie eigens von zuckrigen Protein-Drinks abhängig gemacht hat.

"Ein erhabenes Königreich" ist der zweite Roman der preisgekrönten ghanaisch-US-amerikanischen Autorin Yaa Gyasi. Nachdem sie in ihrem Bestseller-Debüt "Heimkehrer" die Geschichte der Nachkommen einer ghanaischen Frau über acht Generationen bis in die Gegenwart in den USA verfolgt hat, bleibt sie in ihrem neuen Roman dicht an einer Figur, an einem Ort: der persönlichen Hölle von Gifty.

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Einem Mädchen, das machtlos zuschauen muss, wie ihre aus vier Personen bestehende Familie auf drei, dann auf zwei schrumpft, nachdem der Vater verschwindet und der Bruder stirbt. Eigentlich bleibt sie alleine, denn die Mutter versinkt in Depressionen und der Liebe zu Gott. Doch derselbe Gott, der der kleinen Gifty seit dem Kinderbibel-Unterricht in einer evangelikalen Kirche Alabamas so zuverlässig über die Schulter geschaut hat, sendet dem Mädchen keine Zeichen mehr. So tauscht Gifty schließlich die Pfingstbewegung ihrer Kindheit gegen die Wissenschaft aus, erhofft sich von dieser nun Transzendenz, den Eintritt in das erhabene Königreich. Erforscht, wie Mäuse abhängig werden und wie man sie wieder davon abbringen kann. Ohne ihren Kommilitonen oder auch nur sich selbst einzugestehen, warum sie das tut.

"Ein erhabenes Königreich" beleuchtet die Opiod-Krise der USA, in dem der Roman einen vermeintlich klassischen Fall zeigt und dann individualisiert. Giftys Bruder Nana verletzt sich beim Basketball, einem Sport, in dem er bejubelt wurde, aber erst, nachdem der Rassismus am Rande des Fußballfeldes ihn aus seiner ersten sportlichen Wahl vertrieben hatte. Einmal auf Schmerzmittel gesetzt, die endlich auch den Schmerz um den nach Ghana zurückgekehrten Vater lindern, können seine Schwester und seine Mutter nur noch zusehen, wie Nana verfällt. Mit einem "diese Leute scheinen eine Schwäche für Drogen" zu haben, ist seine Geschichte nicht erklärt. Das weiß Gifty, das wissen die Leser. Aber weiß es die Welt?

Mit Literatur das weiße Gewissen beruhigen

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Bestsellerautorin zu sein hatte sich Yaa Gyasi anders vorgestellt.

(Foto: Peter Hurley/The Vilcek Foundation)

Dass sich weiße Leser auch mit ihren Büchern versuchen, sich mehr Wissen über schwarze Lebenswelten anzueignen, ist für Yaa Gyasi ein zweischneidiges Schwert. Ebenso wie ihre aktuellen Top-Positionen auf den Bestsellerlisten.

Sie glaube an die Kraft der Literatur, herauszufordern, zu vertiefen, zu verändern, so Gyasi. Ihre steigenden Verkaufszahlen schreibt die 1989 in Ghana geborene Autorin dennoch dem schlechten Gewissen vieler ihrer Käufer zu: "Ich wünschte, ich könnte unbeschwert darauf schauen, aber mein Erfolg beruht auch auf der 'Black Lives Matter'-Bewegung, auf dem Tod von George Floyd", schrieb sie in ihrem im Guardian erschienenen Essay "White People, Black authors are not your medicine". Und das stört sie ebenso, wie die Tatsache, dass sie in Interviews mehr zum Rassismus in den USA befragt wird, als zu ihrer Schreibtechnik.

Dazu gibt es mehrere Dinge zu sagen: Ja, Lesen erweitert den Horizont und kann Empathie erzeugen. Ob der Kaufimpuls durch ein schlechtes Gewissen ausgelöst wurde, wird so nebensächlich.

Mehr als eine Rassismuslektüre

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Es ist zudem davon auszugehen, dass Gyasi auch ihrer überragenden Schreibe ihren Bestsellerstatus zu verdanken hat. Über ihre Schreibtechnik oder die Bandbreite an Wissen, die Gyasi in ihren Büchern präsentiert, lässt sich nämlich in der Tat trefflich diskutieren. Zum Beispiel darüber, wie sie ihre Inspiration für die Forschungsarbeit ihre Figur Gifty in der Doktorarbeit ihrer Freundin Christina Kim fand. Nicht nur für die Details zu aktuellen, neurologischen Forschungsergebnissen über Suchterkrankungen, sondern auch für die lebendigen Beschreibungen des Labors, der Beziehungen der Forscher untereinander, dürften die Touren durch die Hallen der Stanford University geholfen haben.

Am Ende führen die Erfolge, die die Autorin mit ihren beiden Romanen "Heimkehrer" und "Ein erhabenes Königreich" feiert, vor allem dazu, dass mehr und mehr Platz in den Bestsellerlisten für schwarze, weibliche Stimmen geschaffen wird. Ja, James Baldwin und Toni Morrison mögen das alles bereits in den 1960er- bzw. 1980er-Jahren niedergeschrieben haben, ja, wir könnten weiter sein. Das heißt aber nicht, dass wir hier aufgeben sollten.

Quelle: ntv.de

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