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"Mädchen, Frau etc.f Die starken Stimmen der schwarzen Frauen

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Weil sie sich ärgert, dass sie nicht gesehen werden, hat Bernardine Evaristo in ihrem Bestseller gleich 12 schwarze Frauen reingeschrieben. Am Ende wünscht man sich noch mehr.

(Foto: picture alliance / empics)

"Mädchen, Frau etc." von Bernardine Evaristo ist die perfekte Lektüre für den "Black History Month", perfekt für die, die sich für schwarze Autorinnen interessieren und für alle, die verdammt gute Literatur mögen.

An diesem Abend hat Ammas Stück "Die letzte Amazone von Dahomey" im Londoner National Theatre Premiere. Ihre 19-jährige Tochter Yazz hofft nur, dass das Stück der Mutter für sie nicht zu peinlich wird. Noch ein Grund, dass Amma ihre Freundin Dominique, mit der sie in den 1980er-Jahren die Theaterszene aufgemischt hat, vermisst. Doch die ist schon vor ewigen Zeiten in den USA hängengeblieben. Zum Glück nicht mehr in dieser toxischen Beziehung mit dieser durchgeknallten Amerikanerin.

Immerhin wird Ammas älteste Freundin Shirley zur Premiere kommen. Shirley, deren Alltag mit Mann, Töchtern und einem anstrengendem Lehrberuf nicht weiter weg sein könnte von Ammas schillerndem Leben als lesbische Dramaturgin. Shirley ist immerhin stolz auf ihre Schüler. Wie zum Beispiel Carole, eine Problemschülerin, die es mit ihrer Hilfe nach Oxford geschafft hat und Investmentbankerin geworden ist. Doch Carole hat ihr nie gedankt. Weder Shirley, noch ihrer eigenen Mutter Bummi, die alles für ihr Kind gegeben hat und es nun nicht wiedererkennt.

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Mädchen, Frau etc. - Booker Prize 2019: Roman
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In ihrem Buch "Mädchen, Frau etc." lässt Bernardine Evaristo insgesamt zwölf verschiedene Frauen zu Wort kommen. Von denen sind viele lesbisch, einige 19 Jahre alt, eine 93 Jahre alt und eine wird sich im Laufe des Romans nicht mehr als Frau identifizieren. Sie wachsen heran, lernen, lieben, arbeiten, werden geliebt, bewundert, verachtet, misshandelt.

du hast es doch auch gewollt, und übrigens, du warst super
dann waren sie weg
und
weg
war
auch
sie.
(Auszug aus "Mädchen, Frau etc")

Amma, Yazz, Bummi, Carole und die anderen haben afrikanische, indische, karibische Wurzeln. Sie habe unterschiedliche kulturelle Hintergründe und sexuelle Vorlieben, gehören in Sachen Bildung und Herkunft verschiedenen Klassen an. Und doch sind sie miteinander alle verbunden - als Freundinnen, Mütter, Töchter, Kolleginnen, Schicksalsgenossinnen.

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Bernardine Evaristo zählt sich schon länger zum etablierten Mainstream - aber der Booker-Prize hat ihrer Karriere noch einen unerwarteten Schub gegeben.

(Foto: Jennie Scott)

Wie in einem Kaleidoskop lässt die 1959 in London geborene Autorin ihre Figuren ineinanderfallen und zeigt so immer neue Facetten eines schwarzen Lebens. Ursprünglich habe sie sogar die Idee gehabt, über 1000 Frauen zu schreiben, verrät Evaristo in Interviews. Dann habe sie auf 100 reduziert und das sei immer noch verrückt gewesen. So seien es am Ende zwölf geworden. Auf den letzten Seiten des immerhin 500-seitigen Romans wünscht man sich, Evaristo sei ihrer ersten Eingebung gefolgt. Oder das man wenigstens nochmal zu der einen oder anderen Figur zurückkehren könnte.

Sie sehe es als ihre Aufgabe an, Stimmen nach draußen zu tragen, die normalerweise nicht stattfinden, sagt die Tochter einer weißen, englischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, vierte von acht Kindern. Dabei bleibt Evaristo auch in Sachen Stil ehrgeizig: "Ich will experimentell sein."

sie habe gelernt, sagt sie, sofort zu reagieren,
wenn irgendwer sie fragt, ob sie mit Osama bin Laden verwandt sei
wenn irgendwer ihr sagt, sie sei Migranten-Ungeziefer
wenn irgendwer ihr sagt, sie solle doch zu ihrem Dschihadisten-Lover
zurückgehen
wenn irgendwer sie fragt, ob sie zwangsverheiratet werde
(Auszug aus "Mädchen, Frau etc.")

Das ist ihr bei "Mädchen, Frau etc." unbestreitbar gelungen. Evaristo setzt buchstäblich kaum mal einen Punkt. Viele Absätze sind gestaltet wie in einem Lyrik-Band. Eine Überraschung für einen Romanleser. Doch das Buch liest sich leicht und flüssig, man hört die Frauen. Sie selbst hat diesen Stil "Fusion Fiction" getauft. Nach einer Weile kommen einem Satzzeichen, Absätze, herkömmliche Strukturen tatsächlich fast so altmodisch und eingrenzend vor, wie die binäre Einordnung der Welt in Schwarz und Weiß, in weiblich und männlich.

Die Professorin für Kreatives Schreiben ist mindestens so "woke" wie ihre jungen Figuren, hat schon so viel Weisheit und Gelassenheit erworben, wie ihre ältesten Charaktere, und sich dabei viel Humor bewahrt. Ihr Buch ist eine warme Einladung, sich in anderen Welten umzuschauen. Ohne sich zu fürchten, für eigene Ansichten lächerlich gemacht zu werden. Ein Königsweg. Pardon, Königinsweg.

Mit ihren Lebensthemen Diversität und Gender trifft Evaristo mit ihrem achten Roman in Zeiten von #metoo und #blacklivesmatter einen Nerv. Das Buch wurde 2019 mit dem renommierten Booker-Prize ausgezeichnet, es verkaufte sich bisher gut eine Million Mal und wird aktuell in 35 Sprachen übersetzt. Ihre neue Popularität will Evaristo dafür einsetzen, auch andere schwarze Schriftsteller verstärkt zu Wort kommen zu lassen. Mit dem Penguin Verlag bringt sie gerade in einer neuen Serie sechs nicht mehr verlegte Bücher heraus: "Black Britain: Writing Back".

Quelle: ntv.de