Kino

Gier ist geil? Gier ist tödlich! "Assault On Wall Street"

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Jim Baxford räumt auf, er hat auch allen Grund dazu.

Splendid Film

Die Finanzkrise als Filmthema? Bisher gibt es das nur aus der Sicht der Banker und des Finanzsystems. Der "kleine Mann", der sein Erspartes verliert, weil er es gewissenlosen Finanzberatern anvertraut, bleibt außen vor. Der deutsche Kult-Regisseur Uwe Boll ändert das mit einem absolut sehenswerten Rachethriller.

Die Lehman-Pleite liegt fünf Jahre zurück und dennoch windet sich die Welt noch immer in den Fängen der Finanzkrise. Die Nachwirkungen sind noch immer weltweit spürbar: Konjunkturelle Probleme, hohe Arbeitslosenzahlen, soziale Unruhen - der Ärger über und die Wut auf die Machenschaften der Banken, des weltweiten Finanzsystems und ihrer Strippenzieher wird nicht kleiner. Aber obwohl die ganze Krise - mit all ihren Facetten und Folgen - genug Stoff für unzählige Filme bietet, hält sich die Branche merklich zurück. Vielmehr stellte sie bisher immer nur die Protagonisten des unmoralischen Systems in den Mittelpunkt, wie etwa bei "Margin Call" oder "The Supercapitalist". Und auch bei Oliver Stones "Wall Street 2: Geld schläft nicht" sind Investmentbanker, Finanzhaie und ihre unstillbar scheinende Gier die tragenden Charaktere. Selbst "Company Men" lässt von diesem Credo nicht ab. Der berühmte "kleine Mann", der Durchschnittsbürger, bleibt außen vor. Bis jetzt.

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Rosie und Jim wünschen sich nichts sehnlicher als ein Baby.

(Foto: Splendid Film)

In "Assault On Wall Street" machen die gegelten und aalglatten Typen in Nadelstreifen-Anzügen Jim Baxford (Dominic Purcell; "Prison Break", "Equilibrium", "Blade: Trinity") Platz. Er ist der typische Durchschnittsbürger: Er liebt seine Frau Rosie (Erin Karpluk), hat einen gut bezahlten Job als Wachmann bei einer Sicherheitsfirma und Freunde in Polizeikreisen. Dazu noch ein hübsches kleines Häuschen, das er fleißig abbezahlt. Baxford hat aber auch zwei Probleme.

Rosie ist krank. Ein Tumor in ihrem Gehirn kann nur mit teuren Therapien bekämpft werden. Der Wunsch der beiden nach einem gemeinsamen Kind muss deshalb warten. Baxfords zweites Problem: Das ganze Ersparte hat er zur Bank geschafft. Dort wollte man sich sehr gut darum kümmern: "Acht bis zehn Prozent", versprach ihm sein Finanzberater Robert (Lochlyn Munro; "Erbarmungslos", "Freddy vs. Jason") - mit "todsicheren Anlagen", von hinten bis vorne geprüft. Dann bricht die Hölle los.

Gier ist geil

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"Assault On wall Street" ist bei Splendid erschienen.

(Foto: Splendid Film)

Die Finanzkrise ist plötzlich da. Aus einem lauen Lüftchen wird schnell ein schwerer Sturm, der droht, das Bankensystem zu verschlingen und die ganze Welt gleich mit. Das Finanzsystem reagiert auf seine Weise: Jeder ist sich selbst der Nächste, lautet das neue Credo in der Bankenbranche. Statt die eigenen Kunden zu schützen, sind die Finanzhäuser nur auf ihr eigenes Wohl bedacht. Das Sichern des eigenen Überlebens hat absolute Priorität - komme, was wolle.

Baxford verfolgt die Krise am Fernseher, in der Zeitung, im Netz. Es grummelt in ihm. Die Versicherung will die Behandlung seiner Frau nicht weiter zahlen, ein ominöses Limit sei erreicht, heißt es. Zum Glück gibt es die Kreditkarte, so dass die mehrere Hundert Dollar teuren Hormonspritzen für seine Frau erst einmal gesichert sind. Aber auch die Kreditkarte hat ein Limit. Das Ersparte muss herhalten. Doch davon ist nichts mehr übrig. "Es tut mir leid", sagt Robert mit traurigem Blick zu Baxford, als dieser ihn zur Rede stellt. Keiner habe etwas gewusst. Keiner habe das Ganze kommen sehen. Das Geld sei in Schuldverschreibungen angelegt gewesen, "todsicher", hätte die Rechercheabteilung ihm versichert, windet sich Robert.

Gier ist tödlich

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Sean (Edward Furlong; r.) leiht Jim die 10.000 Dollar für den Anwalt.

(Foto: Splendid Film)

Baxford ist fassungslos. Er behält aber alles für sich, denn Rosie soll sich nicht aufregen, damit sie keinen Rückfall erleidet. Er beginnt Sonderschichten zu schieben. Das Geld reicht dennoch hinten und vorne nicht - obwohl ihn auch seine Freunde unterstützen. Baxford schaltet einen Anwalt ein, aber der will zuerst einmal 10.000 Dollar, damit er überhaupt einen Finger rührt. Zu allem Überdruss bekommt Rosie von der ganzen Misere Wind, als ein Brief der Bank zu Hause eintrudelt - ein Zuhause, das ihnen scheinbar nicht mehr gehört, sondern der Bank. Auch sein Arbeitgeber erfährt von der ungewollten finanziellen Schieflage und Baxford wird gekündigt: Ein Wachmann für Sicherheitstransporte mit finanziellen Problemen - wie solle man das den Kunden beibringen? Immerhin zahlt der Chef ihm eine Abfindung von 9000 Dollar - in bar, damit die Bank und der Zwangsvollstrecker nicht die Hände darauf legen können.

Rosie indes hat genug. Sie gibt sich selbst die Schuld an all den Problemen, die auf sie und ihren geliebten Ehemann urplötzlich niederprasseln. Ohne ihre Krankheit wäre das alles nicht passiert. Sie zieht einen Schlussstrich - mit einem Messer. Baxford findet sie wenig später tot im Ehebett, auf dem Tisch ein paar letzte Worte und ihr Ehering. Tränen brechen sich Bahn - und dann spürt er nichts als blanke Wut: Auf die Banker, die seine Frau in den Tod getrieben. Auf das Finanzsystem, das sein Leben zerstört hat. Auf die Nadelstreifen-Typen, die ungeschoren davonzukommen scheinen. Es ist Zeit, etwas dagegen zu tun. Und mit 9000 Dollar lässt sich eine Menge Feuerkraft kaufen.

Rachethriller, der unter die Haut geht

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Jim macht Jagd auf Investmentbanker.

(Foto: Splendid Film)

Machen wir uns nichts vor, in die Rolle Jim Baxfords möchte manch einer doch selbst einmal schlüpfen. Da sieht man die Bosse der Großbanken, der internationalen Finanzelite, rotzfrech in die Fernsehkameras lächeln, als sie Hunderte Milliarden an Steuergeld für ihr Fehlverhalten einfordern. Sie drohen sogar mit dem Ende der Welt, wie wir sie kennen - und werden gerettet. Aber anstatt aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, wird weitergemacht wie bisher. "Moral Hazard" in Reinkultur. Und der "kleine Mann" muss das Ganze ausbaden, muss blechen für die Gier der Banken. Wem schwillt da nicht der Kamm? Von daher war es höchste Zeit für "Assault On Wall Street". Und dafür bereits ein großes Dankeschön - an Uwe Boll.

Uwe Boll? Ja, der - noch vor Til Schweiger - wohl meistkritisierte und -diskutierte deutsche Filmemacher ist der Regisseur des Films. Er hat auch das Drehbuch verfasst und gleichzeitig den Streifen produziert. Und egal, wie man zu seinen früheren Werken wie etwa der "Bloodrayne"-Saga oder "Schwerter des Königs" stehen mag, mit "Assault On Wall Street" ist ihm ein absolut sehenswerter, brisanter und hochaktueller Rachethriller gelungen.

Wiedersehen mit Edward Furlong

Die Schauspielerriege kann sich zudem wirklich sehen lassen. Sowohl Purcell als auch die bisher überwiegend in TV-Serien und -Filmen aufgetretene Karpluk spielen intensiv, bei Purcell ist man fast schon positiv überrascht. Auch für ein Wiedersehen mit einem alten Jugendstar gilt es, Boll zu danken: Edward Furlong ("Terminator 2: Tag der Abrechnung", "American History X") spielt Baxfords Kumpel Sean und man muss schon zweimal hinschauen und die Brille putzen, um Furlong wiederzuerkennen.

"Assault On Wall Street" ist kein vor Gewalt triefender Film. Er setzt stattdessen auf Mitgefühl und Sympathie - und das geht unter die Haut. Dass am Ende scharf geschossen wird und sich Baxfords angesammelte Wut auf das Finanzsystem in einem Amoklauf entlädt, macht gierig auf mehr.  

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Quelle: n-tv.de

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