Kino

Zerlegt und zelebriert "Anonymus" mischt Shakespeare auf

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Im Film ein Aufschneider und Trunkenbold: William Shakespeare (Rafe Spall).

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Normalerweise lässt Roland Emmerich im Kino gern die Welt untergehen. In "Anonymus" indes geht es nur einer Person an den Kragen: William Shakespeare. Der Skandal ist programmiert und übertüncht eins: "Anonymus" ist ein verdammt guter Film.

"Ach, niemals! NIEMALS!" Roland Emmerichs Antwort auf die Frage, ob er denn mit seinem neuen Film "Anonymus" womöglich Oscar-reif sei, fällt eindeutig aus. Vielleicht kokettiert er da ein wenig. Vielleicht hält er sich angesichts seines Images jedoch auch ganz ehrlich für chancenlos. Schließlich war der deutsche Regisseur bislang nicht unbedingt der Liebling der Kritiker - trotz oder gerade wegen seiner Blockbuster.

Ob "Independence Day", "Godzilla", "The Day After Tomorrow" oder "2012" - Emmerichs brachiale Sci-Fi-, Monster- und Katastrophen-Orgien waren bisher ebenso Garant für klingelnde Kinokassen wie für Rezensenten in Rage. In seiner Wahlheimat USA brachte ihm das schon mal die "Goldene Himbeere" ein. Außerhalb der Staaten verspottete man ihn, wegen seines nicht selten allzu patriotischen Schwulsts, amerikanischer als die Amerikaner zu sein. Und hierzulande verpasste man ihm den nur bedingt schmeichelhaften Spitznamen "Schwäbisches Spielbergle".

Verschwörungstheorie mit Tradition

Auch "Anonymus" birgt auf den ersten Blick Potenzial für einen Verriss. Schließlich nimmt sich Emmerich darin einer nur allzu umstrittenen These an: Die Werke William Shakespeares stammten gar nicht, wie landläufig angenommen, aus der Feder des Mannes aus dem Örtchen Stratford-upon-Avon nordwestlich von London. Anders als bei vielen anderen Verschwörungstheorien hat diese Annahme jedoch nicht nur wirre Kindsköpfe als Anhänger. Der Streit um die Urheberschaft der Shakespeare-Werke schwelt vielmehr schon seit Jahrhunderten. In die Riege der Skeptiker reihen sich dabei ebenso Wissenschaftler wie Prominente - von Mark Twain bis Sigmund Freund - ein.

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Der wahre Shakespeare? Edward de Vere (Rhys Ifans).

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Wer, wenn nicht der Mann namens William Shakespeare, der von 1564 bis 1616 lebte, aber war dann der Autor der rund drei Dutzend Dramen und der Gedichte, die ihm zugeschriebenen werden? Kandidaten dafür gibt es mehrere, als Favorit gehandelt wird jedoch ein gewisser Edward de Vere, Earl von Oxford. Dieser Adelige, im Film gespielt von Rhys Ifans, ist es auch, den Roland Emmerich in "Anonymus" die wahre Urheberschaft von Klassikern wie "Ein Sommernachtstraum", "Richard III." oder "Romeo und Julia" andichtet.

"Das glaube ich 100 Prozent"

Ohne mindestens knietief und bis über beide Ohren in die Materie einzutauchen, hat es wenig Sinn, sich in dieser Debatte auf eine Seite zu schlagen. Und selbstredend wird bei n-tv.de zwar viel geklärt, aber sicher auch nicht abschließend die von "Anonymus" aufgeworfene Frage, ob Shakespeare ein "Betrüger" war. Roland Emmerich lehnt sich da im Gespräch mit n-tv.de schon weiter aus dem Fenster: "Heute gehe ich so weit, dass ich sage, das glaube ich 100 Prozent. Ich glaube nicht zu 100 Prozent, dass es Edward de Vere war, weil es auch noch zwei, drei andere wirklich plausible Kandidaten gibt. Aber der Earl von Oxford ist schon der plausibelste."

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Die Provokation ist ihm in jedem Fall gelungen: Roland Emmerich.

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Auch Rhys Ifans nimmt in dieser Hinsicht kein Blatt vor den Mund. "Natürlich ist es glaubwürdig - es gibt keinerlei konkrete Beweise dafür, wer diese großen Stücke zu Papier gebracht hat", sagt der Schauspieler. "Das Ärgerliche ist, dass die akzeptierte Version, die in Schulen und Universitäten gelehrt wird, die ist, dass es William Shakespeare aus Stratford war." Davor, dass er sich mit solchen Aussagen über das englische Nationalheiligtum Shakespeare womöglich keine allzu großen Freunde im Vereinigten Königreich macht, ist dem Waliser nicht bange. Er freue sich vielmehr schon darauf, dass Strohpuppen von ihm in Stratford verbrannt würden.

Joely Richardson ist da etwas vorsichtiger. Doch auch sie findet, dass der Film eine "berechtigte Frage" aufwirft. "Natürlich kenne ich die Antwort nicht", erklärt sie. Aber nachdem sie sich mit der Thematik nun so intensiv auseinandergesetzt habe, gebe es bei ihr zumindest "ein Fragezeichen." Richardson spielt in "Anonymus" an der Seite ihrer Mutter Vanessa Redgrave. Sie beide verkörpern Königin Elisabeth I. - in jüngeren Jahren und im hohen Alter. Besondere Ironie dabei: Sowohl Richardson als auch Redgrave arbeiteten im Laufe ihrer Schauspiel-Karrieren eng mit der "Royal Shakespeare Company" zusammen.

Mini-Budget - große Wirkung

Eines ist Roland Emmerich mit seinem zwielichtigen Plot in jedem Fall gelungen. "Anonymus" wurde schon vor dem eigentlichen Kinostart enorm viel Aufmerksamkeit zuteil. "Ich finde es gut, dass es Diskussionen gibt", sagt der Regisseur. "Das ist genau das, was ich wollte." Kein Wunder: Gemessen an dem für Emmerichs Verhältnisse lächerlichen Budget von lediglich 30 Millionen Dollar dürfte der Streifen so abermals ein Kassenschlager werden - und das ganz ohne Außerirdische, Riesenechsen und die Apokalypse.

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Überzeugt als Elisabeth I.: Vanessa Redgrave.

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Dabei ist es eigentlich fast schade, dass die Shakespeare-Debatte nahezu alles in der Auseinandersetzung mit Emmerichs Werk zu überstrahlen droht. Denn lässt man die Frage nach der historischen Korrektheit oder Inkorrektheit der Shakespeare-These einfach mal weg und nimmt "Anonymus" nur als das, was er ist (ein fiktionaler Film!), dann bleibt eigentlich nur eine Feststellung: Der Streifen ist brillant. Und man fragt sich, warum Emmerich sein Talent bislang eigentlich stets auf dem Altar des drohenden Weltuntergangs geopfert hat.

"Erstunken und erlogen"

In Potsdam-Babelsberg ist ein beeindruckendes Gemälde des elisabethanischen Londons entstanden. Das in den Hauptrollen nur mit britischen Schauspielern besetzte Ensemble strotzt vor Spielfreude. Allen voran triumphiert Vanessa Redgrave in ihrer Rolle als Elisabeth I. Die Nachbauten des Globe- und Rose-Theaters lassen Shakespeares Welt von damals wieder auferstehen. Die vielschichtige Handlung ist Thriller, Liebesdrama und Intrigenspiel um die Königsfolge zugleich. Und letztlich ist der mit Zitaten aus den Dramen gespickte Streifen eine große Hommage an Shakespeares Werk an sich - ganz egal, wem man die Autorenschaft nun zuschreiben will. "Das ist 100 Prozent Shakespeare", sagt Joely Richardson. Und sie hat Recht.

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"Anonymus" läuft ab sofort im Kino.

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Meldungen, die geplante Fortsetzung von "Independence Day" könne an zu hohen Gagenforderungen von Hauptdarsteller Will Smith scheitern, weist Roland Emmerich, im Interview darauf angesprochen, barsch zurück: "Alles, was du im Internet über Film liest, ist meistens erstunken und erlogen." In diesem Fall jedoch ist es das nicht. Nein, wir hätten auch nicht gedacht, dass wir das einmal über einen Emmerich-Streifen schreiben würden. Aber wenn wir Ihnen sagen, dass "Anonymus" ein absolut sehenswerter Film mit - ganz ohne Koketterie - vielleicht doch hauchdünnen Oscar-Chancen ist, dann können sie dem Internet ruhig mal glauben. Ausnahmsweise.

Quelle: n-tv.de

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