Kino

Kung-Fu, Fracking und Mutterinstinkte Berlinale lässt die Fäuste fliegen

DI10009-20130205.jpg5056704190916473872.jpg

Szene aus dem Berlinale-Eröffnungsfilm "The Grandmaster" von Jury-Präsident Wong Kar-Wai mit Chinas Superstar Zhang Ziyi.

(Foto: dapd)

Ein Kung-Fu-Meister wird herausgefordert, Nina Hoss reitet durch Amerika, Matt Damon will Bauern ihr Land abluchsen und Shia LaBeouf geht seinem Tod entgegen: Die Berlinale hat auch in diesem Jahr einiges zu bieten. Sogar einen iranischen Regisseur, der trotz Arbeitsverbot einen Film gedreht hat. Für die Fans bedeutet das Filmkunst, Glamour und Schlangestehen.

Morgens kurz vor acht Uhr in Berlin: Ein kleines Häufchen Menschen steht vor einem Kino. Es ist nicht so kalt, wie es der Februaranfang in diesen Breiten normalerweise verheißt. Aber es reicht doch für einige missmutige Blicke. Umso erfreulicher, dass pünktlich um acht die Türen des Kinos International geöffnet werden. Der Vorraum, in dem sich die Menschen nun sammeln, ist zwar zugig, aber man ist vor dem immer mal einsetzenden Regen geschützt.

39si4808.jpg2112180912565098640.jpg

Vom 7. bis 17. Februar ist Berlin wieder im Berlinale-Fieber - die Stadt erwartet 120.000 Besucher.

(Foto: dpa)

Ja, wer hier ansteht, macht das nicht aus Langeweile, sondern weil er Filme liebt. Und weil er Zeit und Geduld mitbringt. Es ist ein Ritual, das man während der gesamten Berlinale beobachten kann, die an diesem Donnerstag eröffnet wird: Schlangen bilden sich, wo immer Karten verkauft werden, Filme starten oder Stars flanieren. Der Andrang des Publikums ist gewaltig, wie in jedem Jahr.

Die Ersten in der Reihe stehen hier vermutlich seit sechs Uhr. Und immerhin kommen sie mit jeder Minute ihrem Ziel etwas näher: Karten für die Berlinale zu ergattern. Karten für Filme, die man noch nicht kennt, die kaum ein Kritiker gesehen hat und die oft nie im Kino starten. Filme von Regisseuren, die mitunter ihr Debüt vorlegen und aus Ländern wie Kasachstan, Indonesien und der Elfenbeinküste kommen. Filme in Sprachen wie Tamil, Bengali und Mandinga - Untertitel sind willkommen.

39st0404.jpg812552565448514280.jpg

In "Promised Land" versucht Matt Damon, Bauern Land abzukaufen, um dort durch Fracking Erdgas zu fördern.

(Foto: dpa)

Das ist natürlich nur die eine Variante, für die ganz Hartgesottenen. Die Berliner Filmfestspiele bieten auch Filme renommierter europäischer und amerikanischer Regisseure - die dann allerdings seltener wirkliche Weltpremieren sind. Große Namen sind zwar noch kein Qualitätsgarant, locken aber doch den einen oder anderen Fan an die roten Teppiche und in die Kinosäle. Das diesjährige Programm jedenfalls ist ein überzeugender Spagat zwischen Filmkunst und Glamour, das verspricht zumindest ein erster Blick auf den Wettbewerb.

Iranischer Regisseur mit Arbeitsverbot

Das geht schon mit Berlinale-Stammgast Gus van Sant ("Good Will Hunting", "Elephant") los, der im Wettbewerb "Promised Land" mit Matt Damon, John Krasinski und Frances McDormand präsentiert. In dem Streifen versucht Geschäftsmann Steve Butler, Bauern ihr Land abzukaufen, um dort mit dem höchst umstrittenen Fracking nach Erdgas zu suchen - die verheerenden Folgen für Umwelt und Gesundheit verschweigt er. Gesellschaftliche Zustände behandelt auch US-Regisseur Steven Soderbergh ("Out of Sight", "Ocean's Eleven"). Sein Wettbewerbs-Beitrag "Side Effects" mit Jude Law, Rooney Mara und Catherine Zeta-Jones setzt sich mit Machenschaften von Pharmakonzernen und den Auswirkungen von Psychopharmaka auseinander.

DI10044_20130205.jpg7719062711921001505.jpg

"Paradies: Hoffnung" von Ulrich Seidl ist der österreichische Wettbewerbsbeitrag.

(Foto: dapd)

Ein deutliches politisches Signal geht in den Iran: Regisseur Jafar Panahi wurde in seiner Heimat mit einem 20-jährigen Arbeitsverbot belegt. Der Gewinner des Silbernen Bären 2006 und Jury-Mitglied von 2011 (er durfte allerdings nicht anreisen) ist diesmal zusammen mit seinem Kollegen Kamboziya Partovi mit "Pardé" (Geschlossener Vorhang) im Wettbewerb vertreten - was die iranischen Behörden angesichts des verhängten Maulkorbs gar nicht freuen dürfte. Der Film schildert nicht nur die Willkür im Iran, sondern Panahi reflektiert auch seine eigene Lage, indem er im Film als Regisseur seinen Darstellern gegenübertritt.

Korruption, Armut und Einsamkeit

DI10019-20130206.jpg6297010399184246114.jpg

Deutschland ist zwar an mehreren Wettbewerbs-Filmen beteiligt, doch nur "Gold" von Thomas Arslan mit Nina Hoss in der Hauptrolle gilt offiziell als deutscher Beitrag.

(Foto: dapd)

Im Wettbewerb finden sich insgesamt 19 Filme aus Frankreich, Russland, Kasachstan, Chile, Südkorea, Polen und anderen Ländern. Sie alle eint, dass ihre Protagonisten existenzielle Nöte durchleben, sich mit Korruption, Armut und Einsamkeit auseinandersetzen müssen. Im einzigen deutschen Wettbewerbs-Film schickt Regisseur Thomas Arslan deutsche Auswanderer, darunter Nina Hoss, Ende des 19. Jahrhunderts auf eine gefährliche Reise durch den damals noch bedrohlichen Wilden Westen Amerikas. Catherine Deneuve setzt sich in "Elle s'en va" (On my Way) in ein Auto und lässt ihr bisherigen Leben hinter sich. Boris Chlebnikow wiederum schildert in "A Long and Happy Life" das harte Leben auf der nordrussischen Kola-Halbinsel, wo Sascha um sein Fleckchen Land kämpfen muss.

39sk0242.jpg8844590357084142992.jpg

Die Berlinale-Jury mit deren Chef Wong Kar Wai.

(Foto: dpa)

Über den Gewinner des Goldenen Bären entscheidet die Jury unter Vorsitz von Wong Kar-Wai. Dessen Martial-Arts-Drama "The Grandmaster" über einen Meister des Kung-Fu (den späteren Lehrer von Bruce Lee) eröffnet die Berlinale. Ebenfalls in der Jury sitzen unter ande rem Regisseur Andreas Dresen ("Halt auf freier Strecke", "Wolke 9"), US-Schauspieler Tim Robbins und die iranische Regisseurin Shirin Neshat. Der erste Preisträger steht aber bereits fest: Der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann erhält den Goldenen Ehrenbären. Sein neuneinhalbstündiger Dokumentarfilm "Shoah" von 1986 über den Holocaust wird gleichzeitig in einer restaurierten Fassung gezeigt.

Isabella Rossellinis Mutterinstinkte

Ja, die Berlinale ist auch in diesem Jahr sehr politisch, zwischen afrikanischem Dokumentarfilm und US-amerikanischem Independent-Streifen. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz. Tom Hooper ("The King's Speech") präsentiert etwa das siebenfach Oscar-nominierte Musical "Les Misérables" mit Hugh Jackman, Russell Crowe und Anne Hathaway, die nach Berlin kommen will. Richard Linklater lässt in "Before Midnight" zum dritten Mal Ethan Hawke und Julie Delpy gemeinsam über die Liebe und das Leben philosophieren.

DI10024-20130206.jpg7202541978935977836.jpg

Auch Shia LaBeouf will auch nach Berlin kommen und den Wettbewerbsbeitrag "The Necessary Death of Charlie Countryman" von Fredrik Bond vorstellen.

(Foto: dapd)

Ein Spektakel verspricht der 3D-Animationsfilm "The Croods" mit den Stimmen von Nicolas Cage, Emma Stone und Ryan Reynolds. Michael Winterbottom präsentiert "The Look of Love" über den "King of Soho" Paul Raymond, der mit Nachtclubs und Erotikmagazinen zu einem der reichsten Männer Großbritanniens wird. In der Action-Komödie "The Necessary Death of Charlie Countryman" von Fredrik Bond spielt Til Schweiger an der Seite von Hollywoodstar Shia LaBeouf. Und Bille August zeigt die Romanverfilmung "Nachtzug nach Lissabon" mit Jeremy Irons, Martina Gedeck, Christopher Lee und Charlotte Rampling. Zu den schrägsten Beiträgen zählt wiederum "Mammas!" von Isabella Rossellini. Während sie 2008 mit "Green Pornos" das Paarungsverhalten verschiedener Tieren nachspielte, geht die Tochter von Ingrid Bergman diesmal den Mutterinstinkten der Flora auf den Grund.

Die neueste Reihe der Berlinale aber ist "Native". Sie präsentiert 24 Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme von indigenen Filmemachern aus aller Welt, die ihre Kulturen auf der Leinwand wieder zum Leben erwecken. Der Fokus der Reihe liegt in diesem Jahr auf Ozeanien, Australien, Nordamerika und der Arktis. Die Retrospektive widmet sich derweil den Einflüssen des Kinos der Weimarer Republik. Gezeigt werden Klassiker wie "Casablanca" und Werke ausgewanderter deutschsprachiger Filmemacher wie Billy Wilder und Ernst Lubitsch.

So kommen rund 400 Filme aus aller Welt zusammen, die bis zum 17. Februar in verschiedenen Sektionen zu sehen sind. Eine der begehrtesten Reihen hat dabei weniger mit der kritischen Bestandsaufnahme der Welt zu tun, als vielmehr mit Genuss: Die Sonderreihe Kulinarisches Kino, bei der Sterneköche von Filmen inspirierte Menüs servieren, ist allerdings auch sehr schnell ausverkauft. Da gibt es bereits zu Beginn des Vorverkaufs lange Gesichter in den Schlangen.

Quelle: ntv.de, mit dpa