Kino

"Dafür muss man Eier haben!" Bourne ohne Bourne - herrlich

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Hat keine Angst vor nichts und niemandem: Aaron Cross.

Der beste "Bourne"-Film kommt jetzt in die Kinos, und das ganz ohne den Namensgeber. Schade für Matt Damon, aber Jeremy Renner rennt ihm im wahrsten Sinne des Wortes des Rang ab. Und Rachel Weisz hat einen besonders eleganten Stil, um ihr Leben zu rennen. Apropos rennen - das werden die Menschen, und zwar ins Kino.

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Eine der besten Szenen ...

Es geht um das Vermächtnis. Und darum, dass es auch noch andere Typen vom Schlage eines Jason Bourne gab. Zum Beispiel Aaron Cross, den wir dabei beobachten, wie er über Berge klettert, friert, Gewehre zusammen- und auseinanderbaut, der der Wildnis trotzt, Wölfe killt und alles grillt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wortkarg und bärtig den Umständen trotzt, und das alles mit diesem typischen, trotzigen Jeremy-Renner-Gesicht, das wir aus Filmen wie "Tödliches Kommando - The Hurt Locker" oder "The Town - Stadt ohne Gnade" kennen und das sagt: "Ey, komm mir nicht zu nahe!". Auch an der Seite von Tom Cruise im Agententhriller "Mission: Impossible - Phantom Protokoll" überzeugte Renner schon im Action-Genre, und dennoch ist der 41-Jährige kein typischer Hollywood-Star.

Fast schüchtern kommt er daher, ein wenig zerknautscht, zerknirscht, und der Regisseur des neuesten Bourne-Abenteuers, Tony Gilroy, verrät im Interview kurz zuvor bereits: "Jeremy ist speziell." Aha, und wie speziell jetzt? "Er ist nicht durchschaubar, man weiß nie, was gerade in ihm vorgeht. Er ist immer überraschend, für mich, für die Kamera. Naja, nehmen wir mal diese Interview-Situation hier im Hotel - da wäre ich zum Beispiel der Gastgeber, und Jeremy wäre der Gast. Er hat nie das Bedürfnis, jemandem gefallen zu müssen. Ich dagegen versuche ständig, es alles Leuten recht zu machen, antworte möglichst freundlich auf alle Fragen und bin dann auch noch echt froh darüber, dass mich überhaupt jemand etwas fragt (lacht), während Jeremy Ihnen den Eindruck vermitteln wird, dass er eigentlich gerade etwas anderes lieber machen würde. Maximal verhält er sich wie ein freundlicher Gast, aber wie einer, der öfter zwischendurch auf die Uhr guckt." Na bravo, da freuen wir uns ja schon auf das Gespräch.

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Ein bisschen schüchtern, aber nur abseits der Leinwand: Jeremy Renner.

(Foto: dapd)

Der Regisseur hat schließlich mit dem Hauptdarsteller über Wochen zusammengearbeitet, er muss es wissen, er meint das überhaupt nicht böse, und als wir dann Herrn Renner treffen, wissen wir auch, wie er es tatsächlich meint, denn es ist wahrhaftig so und  wirklich nicht böse gemeint. Renner wirkt nur wie einer, der eben gar nicht so gerne interviewt wird, das ist ihm zu viel Trara, zu viel des Aufhebens. Er hat schon wieder die nächste Rolle im Kopf, und, dass er sein Haus gerade umbaut (und damit ist gemeint, dass tatsächlich er es umbaut und nicht irgendein Handwerker), und seine körperliche Konstitution lässt darauf schließen, dass er am liebsten gleich eine Runde durch den Wald rennen würde, Klimmzüge und Liegestütze inklusive. Wenn er jetzt noch einmal tief einatmet, knallt wahrscheinlich gleich ein Knopf ab von seinem schicken Jogi-Löw-Oberhemd ...

Besser als das Original

Zurück zum Thema: Bei der Frage, ob Matt Damon, der Ur-Bourne-Schauspieler, sich denn schon bei ihm gemeldet hätte, zögert er ein bisschen: "Nein, hat er nicht, ich würde mich sehr freuen. Matt Damon ist aber ein sehr beschäftigter Mann, wissen Sie." Klar wissen wir das, aber vielleicht wird er sich auch gar nicht melden, denn beim "Bourne-Vermächtnis" ist tatsächlich passiert, was bei Fortsetzungen ganz selten passiert: Die Fortsetzung ist besser als das Original. Und Jeremy Renner ist so viel mehr ein geheimnisvoller Typ als Matt Damon, dass sich die Frage aufwirft: Warum nicht gleich so? Nichts gegen Matt Damon, aber mal ganz subjektiv gesagt hat er noch nie so ganz in die Rolle eines toughen Agenten gepasst. Das mögen andere anders sehen, aber das ist ja erlaubt. Damon spielte ab 2002 den unter Amnesie leidenden Auftragskiller der CIA, Jason Bourne. Nach dem Erfolg des ersten Teiles ("Die Bourne Identität") gab es zwei Fortsetzungen: "Die Bourne Verschwörung" und "Das Bourne Ultimatum".

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Brauchten keinen Stunt für die "Injection-Scene": Der Hauptdarsteller und Rachel Weisz.

(Foto: AP)

Jeremy Renner nun ist ein durch und durch maskuliner Typ, meilenweit entfernt vom charmanten Lächeln Matt Damons, Lichtjahre entfernt von seinen freundlichen, blitzenden Augen. Er ist wesentlich unmenschlicher, fast schon wie eine Maschine, aber das trifft den Kern eines Auftragskillers ja auch ganz gut. Im Laufe des Films erfahren wird dann jedoch auch, dass er eine weichere Seite hat, dass er durchaus jemand ist, der sich um andere sorgt und dass er zu wahren Gefühlen fähig ist.

Es menschelt nicht so wie anno dazumal bei Damon und Franka Potente, und Jason Bourne, der auf der Suche nach seiner Identität war, kommt wesentlich humaner rüber als Agent Cross, der dagegen anzukämpfen hat, dass er seine durch Tabletten hervorgerufene mentale und physische Stärke zu verlieren droht. Doch natürlich kreuzt eine Frau seinen Weg, die wunderbare Rachel Weisz, die schon als "Sexsymbol des denkenden Mannes" tituliert wurde, obwohl dieser Titel doch bislang Susan Sarandon gehörte. Weisz gibt eine - nach einem brutalen Mordanschlag in ihrem Labor - verängstigte Wissenschaftlerin, die attraktive Dr. Shearing. Als Ärztin war sie mitverantwortlich für die mentale und körperliche Aufrüstung aller Agenten der "Operation Outcome", auch Cross gehörte zu ihren Patienten. Vor der Schießerei im Labor jedoch war er nichts weiter als eine Nummer für sie.

You gotta have balls!

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Das Team mit Produzent Frank Marshall und Regisseur Tony Gilroy.

(Foto: AP)

Doch es kommt, wie es kommen muss, die beiden finden sich gemeinsam auf der Flucht, und die ist spektakulär: Selten hat man so eine rasante, spannende und wahnsinnige Verfolgungsjagd auf Motorrädern gesehen, und Weisz gab nach den Dreharbeiten zu: "Wenn ich gewusst hätte, dass Jeremy gar kein so guter Motorradfahrer ist, hätte ich mich da nie hinten raufgesetzt." Regisseur Gilroy bemerkt an dieser Stelle bloß: "Es ist super, dass sie Angst hatte, dass sie zittert und keine Ahnung hat, was da vor sich geht, denn sie ist 'wir', sie verkörpert unsere Angst vor solchen Dingen!" Das Ziel der beiden sind die Labors der Fima, für die Rachel gearbeitet hat, in Manila. Der US-amerikanische Geheimdienst ist dem ungleichen Paar jedoch dicht auf den Fersen, denn dass Cross noch lebt, grenzt an ein Wunder. Der zuständige CIA-Mann, eiskalt gespielt vom fantastischen Edward Norton, kennt keine Skrupel: Er will Cross mit einem dafür vorgesehenen, ferngesteuerten Fluggerät eliminieren - Cross kommt ihm jedoch zuvor und schießt die Drohne vom Himmel. Das hätte er nicht tun dürfen - die Hetzjagd beginnt.

Doch zwischendurch, immer wenn die beiden Hauptdarsteller mal nicht rennen oder Motorrad fahren, kommen sich Cross und Dr. Shearing näher. Nicht zu nahe, wie man am Schluss fast enttäuscht feststellen muss, aber das schreit nach einer Fortsetzung. Die Chemie zwischen den beiden stimmt jedenfalls: "Rachel ist wunderbar. Sie hat alles genau richtig gemacht, auf dem Motorrad war sie fantastisch. Und gerannt ist sie, als hätte sie nie etwas anderes im Leben gemacht", erzählt Renner fast schwärmerisch.

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"Ich bin der Gastgeber, er ist der Gast." Gilroy und Renner in Berlin.

(Foto: dapd)

Obacht - die Dame ist immerhin die Frau von Daniel Craig, fast besser bekannt als James Bond. An James Bond erinnert der "Bourne"-Streifen übrigens überhaupt nicht, man könnte sagen, er hat eine ganz andere Ästhetik. Das liegt zum großen Teil an Renner, der nicht die erste Wahl war, der aber von Regisseur Gilroy, der bisher für die Drehbücher der "Bourne"-Reihe verantwortlich war und nun hinter der Kamera stand, bestens ins Szene gesetzt wird. In den USA ist der Agenten-Thriller bereits an der Spitze der Kino-Charts gelandet - einer Fortsetzung dürfte nichts im Wege stehen, auch wenn Regisseur und Hauptdarsteller das noch offen lassen. Gilroy: "Ich weiß nicht, aber das wird das Publikum entscheiden (lacht). Wir hätten bei den ersten Teilen niemals gedacht, dass es so erfolgreich werden würde, und dass es mehrere Teile geben würde, das hätten wir nie erwartet. Aber da ich so eine Art achtjährigen Jungen in mir sitzen habe, der gerne Häuser in die Luft jagt und Brücken sprengt - warum nicht? Ich weiß, was ich meinem Publikum schuldig bin, dafür braucht man aber eine Menge Testosteron (Anm.d.Red.: Gilroy sagt original: "You gotta have balls."). Und davon hatten wir genug am Set (lacht)."

Interessanter Schönling

Renner ist demnächst (2013) in "Hänsel und Gretel. Hexenjäger" zu sehen: "Der Film ist aber nichts für Kinder," warnt er noch. "Wir knallen da eine Hexe nach der anderen ab!" Auch in einer romantischen Komödie werden wir ihn vorerst nicht erleben: "Das ist nichts für mich", wehrt er ab. Gefragt, ob er einen Stunt hatte in der Szene, in der Rachel Weisz ihm eine Spritze gibt, lacht er und sagt: "Nein." Und Rachel Weisz? "Ob die einen Stunt hatte, als sie mir eine Spritze gab? Nein, natürlich nicht! (lacht)". "Also sind Sie sich recht nahe gekommen? "Ja, näher geht's kaum! (lacht)". Macht es ihm eigentlich etwas aus, das er in Hollywood nicht als der typische Schönling gehandelt wird? "Als was werde ich denn gehandelt?", fragt er erstmal vorsichtig. "Nun, als - interessant." Er lacht. "Ja, also wenn das die Auswahl ist, dann bin ich lieber interessant als ein Schönling, ich denke, das hat mehr Bestand."

Als er den Anruf bekam, ob er Interesse an der Rolle in einem Bourne-Film habe, war er gerade in Berlin. "Ich fühlte mich echt geschmeichelt, dass sie an mich gedacht haben, auch wenn sie vorher ungefähr hundert andere Typen angerufen haben (lacht), aber ja, klar, warum nicht. Die Frage, die ich mir nur gestellt habe, war: Wie wollen die einen Bourne-Film drehen ohne Jason Bourne?" Well, es hat geklappt.

Die Szenen, in denen er quasi mühelos eine Hauswand hochrennt, gehören zu den besten in diesem Film und in diesem Genre. "Das war wirklich anstrengend, eine Herausforderung. Da ist nichts geschnitten. 25 Mal bin ich diese Wand hochgerannt, mein Gott ... Und es hat eine Menge blaue Flecken gegeben am Set (lacht)." Aber der Mann, der eher spät mit dem Schauspielern angefangen hat und bereits in vielen Bereichen gearbeitet hat, schafft auch das - er war schließlich auch schon mal als Make-Up-Artist hinter den Kulissen. Regie, interessiert ihn das? "Ja, schon (lacht), vielleicht später, jetzt habe ich erstmal keine Zeit."

Und - hat er jetzt Angst davor, ständig auf der Straße erkannt zu werden? "Das ist keine Angst, das wäre eine Ehre." Angst davor, nur noch in Action-Filmen eingesetzt zu werden? "Nein. Wer sollte mir das diktieren, ich kann machen, was ich will." Okay, wir haben verstanden, dieser Typ hat keine Angst vor nichts und niemandem, und ja, das glaubt man ihm sofort.

"Das Bourne-Vermächtnis" startet am 13. September in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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