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Vom Dorf ins Rampenlicht: Marc Übel, Philipp Hülsenbeck und Fabian Altstötter (v.l.n.r.) alias Sizarr.
Vom Dorf ins Rampenlicht: Marc Übel, Philipp Hülsenbeck und Fabian Altstötter (v.l.n.r.) alias Sizarr.(Foto: Eric Weiss / Sony Music)
Dienstag, 11. September 2012

Die talentierten Kinder von Landau: Brandneu, blutjung, bombig: Sizarr

Zwei sind 20, einer 19 - und trotzdem klingt das Trio Sizarr schon richtig groß. So groß, dass manch einer die Jungs aus der Pfalz gar bereits zu "Hoffnungsträgern" in der deutschen Musiklandschaft erkoren hat. Im n-tv.de Interview sprechen Fabian Altstötter, Philipp Hülsenbeck und Marc Übel alias Deaf Sty, $P-Money$ und Gora Sou über die Vorschusslorbeeren, die Schule, Kraftklub, Melancholie, das schöne Landau und ihr Debütalbum "Psycho Boy Happy".

n-tv.de: Ihr habt gerade eben erst auf dem Berlin Festival gespielt. Wie war es?

Fabian: Es lief echt gut. Und es war schön. Es waren viele Leute da, was ja nicht unbedingt …

Philipp: … selbstverständlich ist.

Fabian: Genau, das wollte ich sagen. Und bei uns hat auch alles geklappt.

War es nicht ein bisschen unglücklich für euch, dass ihr parallel zu Kraftklub aufgetreten seid?

Philipp: Aber es waren doch trotzdem extreme viele Leute bei uns, oder?

Marc: Kraftklub spielen doch überall. Die hat man doch schon so oft gesehen.

Fabian: Ich glaube, das war eher ein Vorteil für uns - im Gegensatz zu uns sind die schon Stars.

Einige haben das sicher aufgeteilt, sich ein bisschen von Kraftklub angesehen und ein bisschen von euch. Wie macht ihr das auf Festivals, seid ihr auch so Bühnen-Hopper?

Fabian: Ich bin eigentlich ein scheiß Zuschauer, weil ich nicht ausraste und nicht so euphorisch bin, auch wenn es mir echt gefällt. Und ich bin auch nicht so lang da. Ich gucke mir nicht ewig Konzerte an und bin echt froh, wenn eine Band nur so eine Stunde spielt - dann ist gut.

Philipp: Wenn überhaupt. Ich bin ein verdammt guter Verpasser. Mir passiert es oft, dass ich zufällig irgendetwas sehe und dann das verpasse, was ich eigentlich sehen wollte.

Marc: Ich guck mir auch immer nur ungefähr die Hälfte an. Ich halte es nie ganz durch.

Ihre Künstlernamen $P-Money$, Gora Sou und Deaf Sty haben nach eigenem Bekunden ebenso keine großartige Bedeutung wie ihr Bandname.
Ihre Künstlernamen $P-Money$, Gora Sou und Deaf Sty haben nach eigenem Bekunden ebenso keine großartige Bedeutung wie ihr Bandname.(Foto: Eric Weiss / Sony Music)

Das ist, ehrlich gesagt, ziemlich skurril. Kraftklub ist ja zum Beispiel eine Band, die legt einfach los und dann geht es ab. Gerade euch muss man aber doch ein wenig länger zuhören, damit der Funke überspringt …  

Philipp: Aber das ist doch cool.

Fabian: Okay, auf einem Festival vielleicht nicht so. Das merken wir auch auf der Bühne. Wir sind sicher keine Party-Band. Das wurde am Anfang auch oft missverstanden, als von uns nur ein Song online war, der etwas mehr in die Dance-Richtung ging. Da waren wir dann zum Teil auch auf Events, auf denen es etwas schwierig war, weil wir hauptsächlich ruhigere Songs gespielt haben, die Leute aber Party machen wollten. 

Von Kraftklub gibt es den berühmt-berüchtigten Song "Ich will nicht nach Berlin". Wie steht ihr zu der Aussage?

Fabian: Wir wollen nicht nach Berlin, aber wir lehnen das auch nicht ab. Für uns ist es momentan einfach extrem angenehm in Mannheim und Heidelberg. Von daher stellt sich die Frage gar nicht.

Ihr wohnt jetzt in Mannheim beziehungsweise Heidelberg, kommt jedoch ursprünglich aus dem schönen Landau …

Fabian: Richtig!

Philipp: Das schöne Landau!

Ich behaupte mal einfach, dass es schön ist - ich war noch nie da.  Was sollte denn jeder, der nach Landau kommt, unbedingt gesehen haben?

Marc: Weinberge. Wald. Das ist eine okay schöne Kleinstadt. Und der Marktplatz ist echt schön.

Fabian: Das ist eine alte Ringstadt. Es gab eine Stadtmauer früher.

Philipp: Und es gibt zwei Tore, das deutsche und das französische Tor. Landau war von den Franzosen besetzt, vom Sonnenkönig ...

Fabian … und wurde von Vauban entworfen. Die Tischtennis-Marke Joola kommt aus Landau …

Marc: … und die Landauer Kutschen.

Fabian: Bei der Royal Wedding sind sie in einem Landauer vor- und wieder weggefahren.

Eigentlich sind sie "zu jung für den Scheiß".
Eigentlich sind sie "zu jung für den Scheiß".(Foto: Eric Weiss / Sony Music)

Alles klar, Landau hat also einiges zu bieten. Zugleich gibt es ja auch diesen von Harald Schmidt geprägten Spruch über "Die dicken Kinder von Landau". Den hört ihr wahrscheinlich öfter, oder?

Philipp: Ja, das werden wir heute schon zum zweiten Mal gefragt.

Marc: Aber wegen dem Spruch wurde er jetzt ja auch abgesetzt. Das hängt ihm echt noch nach.

Noch wichtiger als euer Auftritt auf dem Berlin-Festival ist für euch sicher die Veröffentlichung eures Albums "Psycho Boy Happy" …

Philipp: Das ist alles wichtig.

Viele sagen, ihr hättet euch ganz schön Zeit mit dem Album gelassen. Seht ihr das auch so?

Fabian: Natürlich war das ein langer Prozess, über den wir aber auch sehr froh sind. Über uns wurde schon in einem Stadium geredet, in dem wir noch ganz am Anfang waren - wir hatten gerade mal fünf Songs. Der Rest musste erst erarbeitet werden. Von daher haben wir erstens die Zeit gebraucht und zweitens war es gut, um uns und das, was wir machen wollen, überhaupt erst einmal zu finden.

Dabei wurde mit extrem viel Lob über euch geredet. Und das nicht nur von der Musikpresse. Sogar die "Bild"-Zeitung hat euch zu möglichen kommenden Stars erklärt. Wie nehmt ihr das wahr - als Hype oder seid ihr schon abgehoben?

Philipp: Ich glaube, das ist insofern ein Hype, als die Leute über uns geschrieben haben, ohne wirklich etwas von uns gehört zu haben. Dass wir so etwas wie "Hoffnungsträger" wären, war ja an relativ wenig festzumachen.

Fabian: Dass wir uns sehr rargemacht haben, war im Nachhinein betrachtet, glaube ich, sehr geschickt. (lacht) Das hat sich einfach hochgeschaukelt. Wir hatten bis vor Kurzem gerade mal zwei Songs online, die die Menschen hören konnten.

Aber es muss doch schon ganz gut tun, so etwas zu lesen …

Fabian: Ja, natürlich ist das das, wo man hinwill. Und es ist immer schön, wenn man für das, was man gerne tut, anerkannt wird.

Inzwischen kann man ja etwas mehr von euch hören. Und siehe da: Die "Spex" zum Beispiel nennt euer Album "eine der besten Platten des Jahres" …

Philipp: Merci!

Fabian: Danke!

Marc: Das war auch ein Bekannter von uns, der das geschrieben hat.

"Internetband" ja - "Internet-Phänomen" nein.
"Internetband" ja - "Internet-Phänomen" nein.(Foto: Eric Weiss / Sony Music)

Ach so, alles klar. Habt ihr ihm was gezahlt?

Marc: Ja, ein bisschen habe ich ihm gegeben.

Allerdings bescheinigen euch auch viele andere Kritiker, wie extrem "erwachsen" ihr trotz eures jungen Alters schon klingen würdet. Könnt ihr das nachvollziehen?

Marc: Nein, gar nicht. Wie kann etwas erwachsen klingen? Wie geht das?

Fabian: Ich weiß noch, wie Marc, als das Album fertig war, meinte: "Ich bin eigentlich zu jung für den Scheiß."

Ich haue trotzdem mal in dieselbe Kerbe: Ich finde auch, dass ihr euch bereits außergewöhnlich reif anhört. Es klingt einfach nicht, als hättet ihr gerade eure erste Platte aufgenommen. Das liegt sicher auch an Florians Stimme. Wie viel trinkst und rauchst du denn so am Tag?

Fabian: Nichts!

Marc: Der ist straight edge.

Fabian: Ich trinke keinen Alkohol und rauche auch nicht. Aber ich kotze … (lacht)

Ich hoffe mal, nicht indem du dir regelmäßig den Finger in den Hals steckst …

Fabian: Nein, ganz natürlich.

Und das bewirkt dann auch so einiges an den Stimmbändern …

Marc: Da bleibt was hängen.

Fabian: (lacht)

Mal abgesehen davon, kann man euch eine gewisse Melancholie in eurer Musik nicht absprechen. Seid ihr schwermütig?

Fabian: Ich für meinen Teil kann auf jeden Fall sagen, dass ich eher ruhig, melancholisch und "sad" bin. (lacht) Wenn man das sagt, klingt das immer bescheuert. Aber natürlich hat ein Mensch eine Grundeinstellung. Und ich glaube, auch für unsere Musik im Gesamten ist das Melancholische die treibendste Kraft. Das fühlt sich einfach immer richtiger an, als etwas Lustiges oder Fröhliches zu machen. Man kommt dazu ja auch erst in so einer Stimmung. Wenn ich fröhlich bin, verschwende ich eigentlich keinen Gedanken daran, Musik zu machen.

Ihr habt euch in einem anderen Interview selbst als "Internetband" bezeichnet ...

Marc: Das kann man, glaube ich, ein bisschen falsch interpretieren.

Das Debütalbum "Psycho Boy Happy" erscheint am 14. September 2012.
Das Debütalbum "Psycho Boy Happy" erscheint am 14. September 2012.(Foto: Sony Music)

Wie soll es denn interpretiert werden?

Fabian: Nicht im Sinne "Internet-Phänomen", ...

Marc: … sondern, dass das Internet ein großer Einfluss ist. Es ist für uns eben die Bibliothek.

Fabian: Bei uns im Dorf ist das einfach so - man hat seinen Laptop und hängt im Internet rum, weil sonst nicht viel geht.

Trotzdem gibt es ja noch einen Unterschied zwischen dem reinen Musik-Verständnis durch das Hören und dem Musikmachen. Zumal ihr ja keine reine Computerband seid, sondern Instrumente spielt. Wie habt ihr das gelernt?

Marc: Ich habe mit sechs angefangen.

Philipp: Ich habe auch immer Instrumente gespielt. Aber eigentlich habe ich mit dem Gitarrenspielen angefangen, als wir auf die Idee gekommen sind, eine Band zu gründen.

Fabian: Wir hatten alle Unterricht auf unseren Instrumenten - mehr oder weniger. Natürlich braucht man die Grundkenntnisse. Aber ich finde, ein generelles musikalisches Verständnis macht schon viel aus. Und das bekommt man, wenn man viel Musik hört. Das kann man einem nicht beibringen.

Charakteristisch für eure Musik ist, dass ihr viele verschiedene Stile - von Electro über Indie und Hip-Hop bis hin zu Weltmusik - in sie einfließen lasst. Die Menschen lieben Schubladen und Etiketten. Deshalb: Habt ihr einen Namen dafür?

Fabian: Nein. Wir tun uns damit sehr schwer, da es nichts gibt, womit wir uns voll und ganz identifizieren können und wollen. Und es ist uns auch gerade wichtig, das nicht festzulegen. Dadurch fahren wir uns nicht fest und haben mehr Möglichkeiten, uns in alle Richtungen, die uns gefallen und irgendwann vielleicht einmal gefallen werden, weiterzuentwickeln.

Philipp: Das mit den Schubladen kann man ja auch umgekehrt sehen: Vielleicht würde es Leute ja auch abschrecken, wenn sie einen bestimmten Begriff zu unserer Musik lesen, obwohl ihnen die Musik doch zusagen würde.

Weshalb habt ihr euch entschieden, englisch zu singen?

Fabian: Das kam ganz natürlich. Es hat sich einfach besser angefühlt zu der Musik, die wir machen wollten. Als ich angefangen habe, Songs zu schreiben, war ich zudem gerade in Kanada. Da war es auch ganz natürlich, auf Englisch zu singen. Und ich finde es nicht so herausfordernd, wie auf Deutsch zu singen oder zu schreiben. Man kann mehr sagen, ohne abgedroschen zu klingen.

Eure Schulzeit ist ja noch nicht so lange her. War Englisch dein Lieblingsfach?

Fabian: Nee, ich hatte echt kein Lieblingsfach. Ich habe mich in der Schule in den letzten Jahren auch sehr schwer getan, weil ich das echt gehasst habe.

Und Marc und Philipp - wie wart ihr in der Schule?

Marc: Ich habe abgebrochen. Das sagt schon einiges aus. Ich war auch ein Schulhasser. Und im Nachhinein glaube ich, dass ich auch kein netter Schüler war. (lacht)

Andere machen nach der Schule erst mal eine Lehre oder ein Studium. Ihr konzentriert euch aber erst mal voll und ganz auf die Musik, oder?

Fabian: Ja, durch das Album haben wir jetzt die Möglichkeit dazu.

Philipp: Wir lernen dabei ja auch jeden Tag.

Fabian: Und wir sind ja noch saujung. Wenn wir in vier Jahren vielleicht feststellen sollten, dass es nicht klappt, dann sind wir 24. Da können wir immer noch ein Studium anfangen.

Mit Fabian Altstötter, Philipp Hülsenbeck und Marc Übel sprach Volker Probst

Das Album "Psycho Boy Happy" von Sizarr bestellen

Bilderserie

Sizarr befinden sich im Oktober und November 2012 in Deutschland auf Tour: Nürnberg (17.10.), München (22.10.), Stuttgart (23.10.), Frankfurt (26.10.), Köln (27.10.), Hamburg (29.10.), Hannover (30.10.), Berlin (31.10.), Leipzig (1.11.), Dresden (2.11.)

Quelle: n-tv.de