"Uli Chaussy ist für mich ein Held"Der blinde Fleck

Das Oktoberfest-Attentat 1980 - fast ist es in Vergessenheit geraten. Doch beim Gespräch mit Benno Fürmann, der die Hauptrolle eines investigativen Journalisten, der sich nie hat abspeisen lassen, spielt, wird klar: Vergessen ist da gar nichts!
"Der blinde Fleck" erzählt von dem Reporter Ulrich Chaussy (glaubhaft verkörpert von Benno Fürmann) und seinen Recherchen zu dem blutigen Terroranschlag auf das Oktoberfest vom 26. September 1980. Es ist der bisher schwerste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: 13 Menschen, darunter 3 Kinder, wurden getötet und mehr als 200 zum Teil schwer verletzt. Bei seinen Recherchen stößt Chaussy auf Ungereimtheiten. Bald beginnt er, Zweifel an den offiziellen Ermittlungsergebnissen und der von dem Leiter des bayerischen Staatsschutzes Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach) vertretenen Einzeltäterversion zu hegen. Die Suche nach der Wahrheit wird zu Chaussys Lebensaufgabe. n-tv.de sprach mit Benno Fürmann unter anderem darüber, ob der Film zur weiteren Aufklärung der noch immer offenen Fragen beitragen kann.
n-tv.de: Wir haben das bereits vergessen, dieses "Wiesn"-Attentat von 1980, oder?
Benno Fürmann: Ja, ich war acht Jahre alt, ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, und auch nicht an die Ausmaße. Die habe ich jetzt erst durch die Rolle des Ulrich Chaussy so richtig begriffen, auch die Frustration, die dahinter stecken muss, wenn man weiß, dass da einiges schiefgelaufen ist und von staatlicher und polizeilicher Seite aber so gemauert wird, dass sämtliche Nachforschungen ins Leere laufen. Besonders erschreckend fand ich, dass ihm ständig und immer die Möglichkeit genommen wurde, Licht ins Dunkel zu bringen. So etwas ist in einer Demokratie nicht zu akzeptieren.
Aber der Chaussy wirkt kein bisschen frustriert, oder?
Nö! (lacht) Das ist beachtlich. Da würd' ich mir gern 'ne Scheibe von abschneiden, der hat nie lockergelassen oder aufgegeben, großartig. Er hat eine so ruhige, sichere Art, seinen Weg zu gehen. Und immer wieder hat er gesagt: "Entschuldigung, aber ich muss da nochmal nachhaken …!" Für mich ist Uli ein Held, der immer wieder der Demokratie auf die Finger geklopft hat. Gerade in unserer Zeit, wo sich die Meldungen, vor allem online, ja im Stundentakt ablösen, kann man sich kaum mehr vorstellen, dass da einer mal so richtig, über Jahrzehnte, an einer Story dranbleibt.
Nervt Sie das als Konsument, wenn Sie auf so eine Nachrichtenseite gehen?
Jein. Das ist ja wahnsinnig interessant, Neuigkeiten immer und immer wieder ganz schnell zu erfahren. Die Gefahr allerdings ist, finde ich, dass man sich mit keinem Thema mehr so richtig ausführlich auseinandersetzt. Man speichert Überschriften ab und die Substanz fehlt.
Meinen Sie denn, dass Typen wie Chaussy heute nicht mehr existieren, oder dass sie aussterben werden?
Ich weiß es nicht. Sagen Sie es mir (lächelt). Wahrscheinlich ist der Uli auch damals schon extrem gewesen, so auf seine Art. Der wurde von seinen Kollegen ja belächelt. Erst die Zeit hat ihm eigentlich Recht gegeben. Insofern ist dieser Film in seinen ganzen Auswirkungen einer der wichtigsten Filme, die ich je gemacht habe. Wir haben den Film im bayerischen Landtag gezeigt, und da wurde uns vor laufender Kamera versprochen, dass Akten freigegeben werden, die früher niemals zugänglich gewesen wären.
Die Akten wurden ja zum großen Teil vernichtet …
… ja, aber an anderen Stellen gibt es noch immer Material, das zur Aufklärung beitragen könnte. Es ist zum Beispiel noch immer ungeklärt, wem die Hand, die am Tatort gefunden wurde, gehört. Ist es Köhlers (Anm.: Gundolf Köhler wird der Bombenanschlag auf das Oktoberfest zur Last gelegt, er starb selbst bei dem Anschlag). Und wenn nicht, dann muss die Hand von jemandem sein, der bisher nicht unter den Verletzten geführt wurde. Also, alles sehr dubios.
Gehen Sie gerne auf solche Großveranstaltungen wie ein Oktoberfest?
Ich hasse Massenaufläufe. Zu viele Menschen! Für mich sind Weihnachtsmärkte & Co. der blanke Horror. Meine Ex-Freundin macht diesen Ausflug zum Glück mit unserer Tochter. Ich mag's lieber etwas privater. Ich geh' in kleinere Biergärten, oder jogge im Englischen Garten. Das andere ist mir alles zu "krachert".
Regisseur Daniel Harrich macht ja so eine Art Familienproduktion - ist das einfach, da mitzumachen?
Ja, denn der Daniel hat mich direkt angefragt. Er wollte mich für die Rolle, deswegen hat das von Anfang an gut geklappt mit uns (lacht). Als ich das Drehbuch gelesen habe, war es keine Frage für mich, ob ich die Rolle spielen will oder nicht. Dann hab' ich den Chaussy getroffen und angefangen, die Geschichte von diesem Mann zu verfolgen.
Wie ist das Verhältnis von Fakten und Fiktionen in dem Film?
Der Film orientiert sich absolut an der Wahrheit. Aber ich versuche nicht, den Uli zu personifizieren, ich bin eine durch ihn inspirierte Filmfigur. Die Frau vom Uli zum Beispiel hat gar keine Lust, noch nie, in der Öffentlichkeit zu stehen. Daher ist die Interpretation von Nicolette Krebitz auch eher darauf basierend, die Frau eines Mannes darzustellen, der abtaucht in Bereiche, in die er sie nicht mitnehmen kann, der tagelang am Schreibtisch sitzt, Akten wälzt und sein Privatleben vernachlässigt.
Ich finde das sehr beruhigend, zu erfahren, dass dieser Mann auch noch ein Leben hatte und hat, und dass es auch gut gelaufen ist, trotz dieser Geschichte.
Ja (lacht), das stimmt. Die sind immer noch zusammen …
… und sie hat ihn dann Jahre später ermutigt, weiterzumachen …
… das ist toll. Und ansonsten sind die Figuren eben so angelegt, dass man in 90 Minuten Spielfilmzeit die Möglichkeit hat, die Rollen und ihre Beweggründe zu verstehen. Das ist nicht einfach. Manche Figuren setzen sich zusammen aus mehreren echten, das geht nicht anders, man verheddert sich sonst in der Erzählung.
Auch das Wiedersehen mit Franz Josef Strauß ist mit dem zeitlichen Abstand ja irgendwie lustig – aber auch gruselig. Was verbinden Sie mit der "Strauß-Ära"? Seine Nazi-Rede ("ihr wärt alle gute Nazis geworden, ihr seid das Produkt eurer Erziehung, ihr könnt einem ja fast schon leid tun …") hatte ich so nicht mehr auf dem Schirm. War das noch einer, der gesagt hat, was Sache war? Fehlt so einer heute?
(lacht) Also, er als Person fehlt mir jetzt absolut nicht. Es fehlen allerdings Menschen, die für das, was sie tun und sagen, auch einstehen. Das kann man gut oder doof finden, aber ich weiß schon, was Sie meinen. Heutzutage ist alles ein bisschen weniger krass und politisch gesehen eher einlullend. Was da das größere Übel ist, werden wir erst in der Zukunft sehen. Ich hab' da keine Antwort. Ich denke aber, es ist wie bei Schauspielern, da wird auch gesagt: "Solche Typen wie Marlon Brando, Paul Newman, Elizabeth Taylor, die gibt’s doch gar nicht mehr." Werden wir als Menschen also langweiliger, wo wir auf der anderen Seite doch einen hochgradigen Individualismus feiern? Die persönliche Entfaltung ist größer und mehr denn je. (überlegt) Aber wieso sich diese Tatsachen diametral entwickeln - keine Ahnung.
Heiner Lauterbach, der ja furchtbar arrogant im Film ist und eine schlimme Frisur hat, sagte in einem Interview, dass Schauspieler so ihre Probleme mit Journalisten haben - das macht die Sache nicht einfacher. War es denn schwierig, einen Journalisten zu spielen?
Nee! Aber es gibt natürlich ein paar Parallelen. Beide müssen sich aufeinander, auf das Thema, auf den Menschen,vorbereiten. Beide, Journalist und Schauspieler, müssen sich in Personen hineinfühlen, das ist schon eine große Überschneidung. Mir ist das also gar nicht so schwergefallen, einen Mensch zu verkörpern, der versucht, sich Dinge zusammenzureimen, der ein Gefühl hat, gepaart mit Intelligenz, das fand ich superspannend. In dem Fall des Journalisten Chaussy kam auch noch die Rolle des Kommissars dazu (lächelt), und zwar jeglicher investigativer Couleur.
Für mich lustig war zu sehen, wie der Journalist Chaussy an seinen Schreibtisch zurückkehrt und dort steht kein Computer.
Ja, Wahnsinn, oder? Kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie das gegangen sein soll.
Ist das eine Ihrer wichtigsten Rollen?
Schon, auch, aber vor allem glaube ich, dass das einer der wichtigsten Filme ist.
Haben Sie das Gefühl, dass lieber über den Terror der anderen berichtet wird als über den Terror im eigenen Land?
Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Man benutzt das, was woanders krasser ist, um zu sagen: "Uns hier geht’s doch gut!" Dass deswegen noch eine Menge im Argen liegt - Klimawandel, Flüchtlingsschutz, soziale Ungerechtigkeit - steht auf einem anderen Blatt. Die Angst vor Terrorismus steht meiner Meinung nach in keinem Verhältnis dazu, wie wir uns zum Beispiel in unserer Privatsphäre beschneiden lassen. Ich finde, der Staat wird immer intransparenter, und wir dafür umso durchsichtiger.
Denken Sie, der Film kann etwas bewirken?
Hoffentlich! Denn er schlägt ja erschreckende Parallelen zu Themen wie NSU, Geheimdienst und solchen Dingen, eine Riesen-Grauzone! Diese Welt kann und darf natürlich nicht für jeden transparent sein, aber zum Beispiel den Quellenschutz als Totschlagargument – das kann auch nicht Antwort sein auf die Frage, wie beispielsweise ein V-Mann wirklich tickt.
Was sagen Sie zu dem Film-Titel "Der Blinde Fleck"?
Tja, der blinde Fleck - eine Aussparung unserer Wahrnehmung, Elemente, Bereiche des Blickfeldes, wo kein Licht rauffällt. Das war die Absicht von Uli, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Und hoffentlich wird diese Lichtquelle durch den Film ein bisschen stärker! (lacht) Ganz guter Schlussatz, oder?
Perfekt!
Mit Benno Fürmann sprach Sabine Oelmann
"Der Blinde Fleck" läuft seit dem 23. Januar 2014 in den deutschen Kinos.