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"David Guetta sehe ich eher selten" Die Evolution des Paul van Dyk

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"Es sollte ein geiler Track sein": Paul van Dyk.

Man kennt ihn rund um den Globus. Wenn er ruft, kommen auch mal Millionen. Und bei seinem Terminplan schlackern einem die Ohren. Sein Name: Paul van Dyk. Im n-tv.de Interview spricht der Star-DJ über die besten Clubs, gute und weniger gute Kollegen und die Liebe zu geiler Musik.

n-tv.de: Du bist einer der erfolgreichsten DJs der Welt. Trotzdem hast du immer auch Wert auf die Veröffentlichung von Alben gelegt - "Evolution" ist dein sechstes Studioalbum. Was bedeutet dir das?

Paul van Dyk: In den letzten ein, zwei Jahren wird ja sehr massiv Track by Track released. Das heißt: Wenn jemand im Januar mit etwas erfolgreich ist, dann macht derjenige dasselbe wieder im Februar, im März, im April … Der künstlerische und kreative Output eines musikalischen Genres ist dabei natürlich sehr limitiert. Musikalisch weiterentwickeln kann man sich letztendlich nur mit einem Album, auf dem man auch mal andere Facetten von sich darbieten kann. Das hört man ja auf "Evolution". Da gibt es Stücke mit ganz unterschiedlichen Einflüssen - von Drum'n'Bass bis hin zu klarem, technoidem Electro.

Wie entstehen bei dir Songs?

Das ist bei jedem Track sehr unterschiedlich. Meine größte Inspirationsquelle ist das Leben allgemein. Bei mir fließt alles, was ich erlebe, am Ende immer auch irgendwo in die Musik ein. Manchmal gehe ich wirklich ins Studio und spiele da vor mich hin. Aber es kann auch wie zum Beispiel bei "The Sun After Heartbreak" sein. Da saß ich mit der Gitarre im Garten und habe angefangen, die Akkorde zu spielen, während unsere Hunde um mich herumgesprungen sind.

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Auch wenn er oft nicht da ist - seine Heimat ist Berlin.

(Foto: Christoph Köstlin / Universal Music)

Steht der Album-Titel "Evolution" für deine persönliche Entwicklung oder die der elektronischen Musik an sich?

Weder noch - es geht um die allgemeine Entwicklung und darum, wie sich allein in den vergangenen 20 Jahren in und zwischen den Gesellschaften noch einmal alles komplett verändert hat. Die elektronische Musik und ihre Entwicklung von einer kleinen Subkultur zur größten Musikkultur der Welt ist dafür ja nur ein Beispiel. Facebook, Twitter - all diese Sachen gab es vor zehn Jahren noch gar nicht. Und diese ganzen Veränderungen haben natürlich auch einen Einfluss auf das, was ich mache, und darauf, wie ich mich selbst in der Gesellschaft sehe. Insofern hat der Name "Evolution" einfach gepasst.

Du hast dir als DJ die neuen technischen Möglichkeiten, etwa in Form von Software, rasch zunutze gemacht. Wie hat das deine Arbeit verändert?

Also, in allererster Linie bin ich mal Musiker. Und die herkömmlichste Variante, elektronische Musik zu präsentieren, ist die als DJ. Dabei habe ich in den vergangenen 20 Jahren für das Musikmachen und die Arbeit als DJ denselben Enthusiasmus entwickelt. Deswegen habe ich in der Sekunde, in der es technisch möglich wurde, Elemente des Musikmachens mit auf die Bühne zu nehmen, das auch gemacht. Das ist das ultimative Set-Up für mich. Mir reicht es eben nicht, nur den richtigen Song zur richtigen Zeit zu spielen. Bei mir geht es darum, die richtigen Elemente zur richtigen Zeit miteinander zu verbinden und on top dazu noch das Richtige live zu spielen.

Das klingt, als wäre das Auflegen dadurch eher schwieriger geworden …

In jedem Fall ist es wesentlich komplexer als noch vor vielleicht zwölf Jahren, als man mit Vinylen gespielt hat. Ich war immer relativ gut im Beatmatchen. Das heißt: Ich brauchte nicht wirklich lange, um zwei Platten von der Geschwindigkeit her anzugleichen. Dann hab ich eigentlich acht Minuten lang nur noch dumm rumgestanden. (lacht) Jetzt hingegen bin ich wirklich die ganze Zeit mit irgendetwas beschäftigt. Sicher kann man die Technik auch so nutzen, dass man sich nur einen easy Job macht. Es gibt ja auch genug Kollegen, die das so machen. Meine Herangehensweise aber ist es, das Ganze kreativ einzusetzen.

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Paul van Dyk zählt seit Jahren zur internationalen DJ-Oberklasse.

(Foto: picture alliance / dpa)

Kommen wir von der Technik wieder zur elektronischen Musik, die sich in den vergangenen Jahren ja auch beständig weiterentwickelt hat. Wo würdest du dich da heute verorten?

Das weiß ich nicht. Ich kann nur sagen: Ich habe musikalisch immer kompromisslos das gemacht, was ich für richtig gehalten habe. Als Künstler finde ich das auch ganz wichtig. Nur so kannst du überzeugend sein und den Leuten authentisch vermitteln, dass das, was du ihnen gerade vorspielst, dir auch wirklich viel bedeutet. Zugleich bin ich aber auch kein "snobby ass", der da oben auf der Bühne nur sein Ding runterleiert. Ja, ich habe eine klare Vorstellung von dem, was ich machen will. Aber es ist immer auch eine Frage der Interaktion mit den Leuten, wie es dann letztendlich auf den Punkt kommt. Ich glaube, es ist diese Kombination, die es ausmacht. Und vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich immer noch da bin.

Wie beurteilst du denn, was musikalisch gerade in den USA passiert? Manchmal hat man ja fast den Eindruck, die elektronische Musik sei dort erst jetzt allmählich angelangt …

Ich glaube, das muss man ein wenig relativieren. Offensichtlich hatten viele dieser, sagen wir mal, "R'n'B-Popstars" keine wirkliche Idee mehr, wie sie ihr eigenes musikalisches Genre füttern sollen. Für mich hat das, was da im Massenbereich der Top-40 stattfindet, wenig mit elektronischer Musik zu tun. Oder wer würde denn wirklich behaupten, dass Leute wie Rihanna oder Usher "electronic music" machen? Das wäre doch absurd.

Wie siehst du dann jemand wie David Guetta?

Den sehe ich eher selten.

Er ist ja unglaublich erfolgreich in den Charts. Beneidest du ihn darum?

Nein, denn um solchen Chart-Erfolg zu haben, müsste ich ja solche Musik machen.

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Musik hat für ihn "einen riesigen ideellen Wert".

Dein Album "Evolution" gibt es natürlich als MP3-Download, als CD und auch als Vinyl. Wenn du der Käufer wärst - als was würdest du es dir kaufen?

Ich bin da eher pragmatisch. Um nicht zu sagen, ich bin eine ziemlich faule Sau. (lacht) Ich kaufe mir das dann echt bei iTunes, damit ich es schön aufgeräumt auf meinem Telefon habe. Ich bin ja ein Riesenfan von Placebo. Und ich habe von unserem Label-Partner in Mexiko eine limitierte Special-CD-Edition von deren Album geschenkt bekommen. Die habe ich aber bis heute nicht ausgepackt. Stattdessen habe ich mir das Album am Tag danach einfach bei iTunes gekauft. Da nutze ich schon die neue Technologie.

Trotzdem musst du ja noch unglaublich viele Platten besitzen. Weißt du, wie viele?

Oh, sehr viele. Ich habe auch keine weggeschmissen. Allerdings habe ich schon einmal Ende der 90er, als wir umgezogen sind, bestimmt so 50.000 einfach an einen Plattenladen verschenkt. Als ich beim Zusammenpacken die Platten durchgegangen bin, habe ich mir gesagt: Wenn ich irgendeinen Bezug zu der Platte habe, behalte ich sie. Wenn nicht, dann nicht - denn dann werde ich auch nie mehr nach der Platte gucken oder mich an sie erinnern.

Dass du auf Placebo stehst, zeigt ja, dass du für sehr unterschiedliche Genres offen bist. Bist du ein Musik-Freak?

Für mich hat Musik in jeder Form einen riesigen ideellen Wert. Das liegt ein Stück weit auch daran, dass ich im Osten groß geworden bin. Die einzige Verbindung nach draußen war für mich das West-Radio. Sicher ist die elektronische Musik meine absolute Lieblingsmusik - weil ihre Facetten und kreativen Möglichkeiten so breit gefächert sind wie in keinem anderen musikalischen Genre. Aber trotzdem gibt es natürlich auch andere Sachen, die ich fantastisch finde - ob Placebo, die Jungs von Linkin Park, The Thermals, The Wombats, Caligola, Ray … (Ray Garvey, Anm. d. Red.) Für mich ist wichtig, dass Musik intensiv ist und ich das spüre. Selbst bei - in Anführungsstrichen - ganz normaler Popmusik will ich nicht das Gefühl haben, dass es sich nur um etwas handelt, das von Marketing und Management von vorn bis hinten durchkalkuliert ist. Es sollte ein geiler Track sein, der so ist, weil sich Leute getroffen haben, die zusammen geile Musik gemacht haben.

So kommt es dann auch, dass Caligola alias die Jungs von Mando Diao oder Adam Young, der Sänger von Owl City, dich auf deinem Album unterstützen …

Ja. Und da war wirklich keiner, der gesagt hätte: "Du musst mal mit dem zusammenarbeiten. Das wäre gut für die Zielgruppe." Wir sind einfach alles Leute, die freundschaftlich oder musikalisch miteinander verbunden sind und die Passion für Musik teilen.

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Von wegen Spaßgeneration - auf den Kopf gefallen ist Paul van Dyk definitiv nicht.

(Foto: Christoph Köstlin / Universal Music)

Du hast schon Rea Garvey genannt, ein alter Freund von dir. Hast du "The Voice Of Germany" geguckt?

Ja, allerdings nur den Anfang. Danach war ich wieder auf Tour.

Wie fandest du das?

Bis zu dem Punkt, an dem die Leute mitentscheiden durften, fand ich es cool. Aber danach wurde es schon ein bisschen wie immer - da gewinnt entweder das Nischen-Programm oder der Schönling. (lacht)

Ein Casting-Format für elektronische Musik und DJs gibt es noch nicht. Was hieltest du davon?

Es gab ja mal Gerüchte, dass Simon Cowell (britischer Musikproduzent sowie Erfinder der Casting-Shows "Britain's Got Talent" und "The X Factor", Anm. d. Red.) so etwas machen will. Aber ich weiß nicht, wie das funktionieren sollte. Ich glaube nicht, dass man ermitteln kann, ob jemand ein besserer DJ als ein anderer ist. Bezogen auf Film hat Harrison Ford einmal etwas sehr Schönes gesagt: "I don't believe in competition in art." ("Ich glaube nicht an einen Wettkampf in der Kunst", Anm. d. Red.) Genau so ist es. Ob ein DJ-Set richtig cool war, entscheidet sich letztlich erst nach zwei, drei Stunden. Wie lange soll die Sendung denn gehen? Das funktioniert als Konzept nicht oder wäre eine Farce.

Du hättest für so etwas wahrscheinlich eh keine Zeit. Ich hab mal deinen Reiseplan bis Ende Mai angesehen. Heute bist du in Berlin, morgen in Birmingham, dann Hongkong, Seoul, Tokio, Mexiko, USA, Vereinigte Arabische Emirate … Hast du das noch im Kopf?

Also, Birmingham weiß ich. Und klar, das Wochenende darauf geht es nach Asien. Und dann in die USA? Äh, also so die nächsten zwei Wochen weiß ich.

Kennst du noch so etwas wie Jetlag?

Meistens sind wir nicht lange genug da, um wirklich jetlagged zu sein. Außerdem sind wir ja auch vor Ort nie in der normalen Zeit, sondern nachts. Von daher pendelt es sich immer halbwegs ein. Aber klar, hin und wieder ist es schon echt anstrengend.

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2006 wurde er für seine Verdienste um Berlin geehrt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Du scheinst schon überall auf der Welt einmal gewesen zu sein - oder gibt es noch einen Ort, von dem du träumst?

Island! Da war ich noch nie. Und es soll fantastisch sein. Von den etwas mehr als 300.000 Leuten, die es da gibt, sind etwas mehr als 300.000 völlig verrückt. Das muss eine coole Atmosphäre sein.

Hier in Berlin befindet sich das "Berghain", das bereits mehrfach zum besten Club der Welt gekürt wurde. Welchen Club würdest du dazu küren?

DEN besten Club der Welt gibt es nicht. Das ist eine Erfahrung, die ich in den letzten 20 Jahren gemacht habe. Das Problem ist: Ich kann an einem Freitag irgendwo hingehen und es dort total klasse finden. Dann gehe ich aber am Samstag wieder hin - und es ist total scheiße. Es hängt immer davon ab: Was ist los, wer legt auf, was sind da für Leute, mit was für Leuten bin ich selbst da, waren die Türsteher nett … Das gehört alles zusammen, um einen tollen Abend zu erleben. Natürlich gibt es Locations, die etwas Besonderes haben. Und das "Berghain" gehört definitiv dazu. Genauso der "Gatecrasher"-Club in Birmingham - für mich ist das einer der besten Clubs in ganz Europa. Aber auch dort kann man bestimmt einen furchtbar schlechten Abend erleben.

Du hast dich immer auch sozial engagiert und ein ums andere Mal politisch klar Stellung bezogen. Bist du das Beispiel dafür, dass das Klischee von der Spaßgeneration, das man mit Techno und Electro oft verbindet, nicht stimmt?

Eigentlich möchte ich nicht als Beispiel dastehen. Ich glaube einfach, dass Demokratie das beste System des Zusammenlebens ist, das ich auf meinen Reisen kennengelernt habe. Aber es ist noch mit sehr vielen Fehlern behaftet. Von daher kann Demokratie immer nur so gut sein, wie sich Leute einmischen und versuchen, diese Fehler zu beheben. Wenn du siehst, dass irgendetwas in deiner Nachbarschaft nicht in Ordnung ist, dann helfe, ändere es, mache es besser. Zugleich gebe ich auch nicht zu allem meinen Senf ab. Nur: Wenn ich zu etwas gefragt werde, habe ich auch die Eier, meine Meinung dazu zu sagen. Das lasse ich mir auch nicht ausreden. Die Rede- und Meinungsfreiheit ist eine der Grundfesten eines demokratischen Systems.

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Paul van Dyks aktuelles Album ist "Evolution".

(Foto: Universal Music)

Vermutlich spielst du dabei auf ein Interview an, das du den Kollegen vom "Tagesspiegel" gegeben hast. Darin hast du dich unter anderem zur Berliner Clubszene und ihrer Verdrängung aus bestimmten Gebieten geäußert. Für deine Aussagen musstest du einige Kritik einstecken …

Ich setze mich gern mit Leuten an einen Tisch und argumentiere über meinen Standpunkt. Aber zu allem, was ich da gesagt habe, stehe ich. Und ich sage es gern noch einmal: Wenn alle Möglichkeiten geprüft sind, es keine Alternative gibt und es dem Allgemeinwohl dient, würde ich auch eine Straße durch meinen Garten bauen lassen. Wenn es zum Wohl von vier Millionen Berlinern ist, dann muss es auch okay sein, eine Location, die von 500 Leuten genutzt wird, zu schließen. Zumal Berlin wirklich auch die Rahmenbedingungen bietet, um woanders wieder neu anzufangen. Das privatwirtschaftliche Interesse eines Ladens wie dem "Watergate" geht nicht über das Allgemeinwohl. Sorry!

Du bist mittlerweile 40 Jahre alt. Mal ehrlich: Wie leicht fällt es dir noch, ein DJ-Set durchzuhalten?

Also ich bin weder besonders müde noch besonders kaputt danach. Ich glaube, wenn man etwas mit so viel Leidenschaft und Enthusiasmus macht, tut es auch nicht weh.

Dann wirst du also noch eine Weile hinterm DJ-Pult stehen?

Ich denke schon!

Mit Paul van Dyk sprach Volker Probst

Das Album "Evolution" von Paul van Dyk bestellen

Quelle: ntv.de