Kino

Wo sich Herzen und Körper berühren Delpy & Hawke in "Before Midnight"

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Celine (Julie Delpy) und Jesse (Ethan Hawke) machen auch in "Before Midnight" das, was sie am besten können: Sie laufen, diesmal durch die wunderbaren Landschaften Südgriechenlands, und sie reden. Über das Leben, das war und über das Leben, das noch kommt.

(Foto: Prokino)

"Muss ich dafür nackt sein?", fragt Celine. Zu einem Zeitpunkt, da das authentischste Liebespaar der jüngeren Kinogeschichte nicht gespart hat an Verletzungen und Gemeinheiten. Richard Linklaters dritter Film über … die Liebe.

Julie Delpy ist wunderbar. Eine wundervolle Frau ist aus ihr geworden, dieser Celine, die uns als junges, 23-jähriges Mädchen entgegentrat in "Before Sunrise", auf der Suche, formbar, voller Begeisterung, Neugier, Heiterkeit, voller Lust auf die Liebe und das Leben. Und nun ist sie eine Frau. Sie hat ein halbes Leben hinter sich, sie hat Grübchen um die Augen und Falten, sie hat Kinder bekommen und breite Hüften, den aufregenden Körper einer 41-Jährigen. Und deren Träume, Sehnsüchte, Sorgen und deren Pragmatismus auch. Und er? "Die roten Haare in deinem Bart sind gar nicht mehr da", sagt Celine, als sie Jesse küsst. "Dabei waren sie einer der Gründe, warum ich mich in dich verliebt habe." "Sie sind noch da", haucht er zurück. "Sie sind nur grau geworden." Auch Jesse ist inzwischen über 40. "Ist das wirklich mein Leben, das da jetzt gerade stattfindet?", fragt er. Ja, das ist es. Jesse macht manchmal einen Scherz, wo er ernst bleiben sollte, er ist ganz einfach gestrickt, im positiven Sinne, er kann klug und geistreich sein, charmant, ist auch ein Macho. Aber in der Lage, nein willens, über seine Gefühle zu sprechen, seine Ängste.

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Julie Delpy und Ethan Hawke bei der Präsentation von "Before Midnight" auf der Berlinale in Berlin 2013. Der Film lief im Wettbewerb außer Konkurrenz.

(Foto: REUTERS)

"Du bist noch genau derselbe", sagt Celine zu ihm. Sie sagt es liebevoll, fasziniert, fast ein wenig überrascht. Und der Kinogänger, der dieses vielleicht letzte echte Liebespaar der Kinogeschichte schon seit fast zwei Jahrzehnten begleitet und vermutlich selbst Anfang 40 ist, er denkt genau dies. So ist es, denkt er. Celine und Jesse sind noch so, wie sie vor 18 Jahren waren. Er ist der Rom antiker geblieben, der an die ewige Liebe glaubt, der den Trübsal von einer Sekunde auf die andere wegschieben kann, der in der Lage ist, Celine zu begeistern. Sie ist in all den Jahren die Rationale geblieben, eine Skeptikerin, die den Versprechungen misstraut. Und wir selbst, so stellen wir fest, wir selbst, wir Zuschauer, sind auch dieselben geblieben. Mit 20 konnten wir uns einen 40-Jährigen beim besten Willen nicht vorstellen. "Mein Gott", sagt Celine irgendwann, "ich habe Sex mit einem über 40-Jährigen." Ja, wir sind plötzlich 40 und stellen fest, dass wir noch dieselben sind wie vor 20 Jahren. Nur der Sex ist besser geworden. Es steht zu befürchten, nein, wir wollen hoffen, dass wir auch in 20 oder 40 Jahren noch dieselben sind.

Warum funktioniert die Trilogie von Richard Linklater so ungemein gut? Julie Delpy und Ethan Hawke spielen 1995 nicht nur zwei lebenshungrige, unerschrockene, junge Reisende. Sie sind es. Die überschäumende Magie ihres Zusammenseins in Wien ist ihnen ganz nah. Und neun Jahre später spielen sie nicht nur zwei Menschen, die sich von der Leichtigkeit der Jugend verabschieden und Entscheidungen treffen wollen. Sie sind es. Sie sind neun Jahre älter geworden, sie haben Lebensspuren abbekommen, sie haben Erfolge und Misserfolge hinter sich. Und nun, in "Before Midnight", sind sie wieder neun Jahre älter geworden, Celine und Jesse. Und Delpy und Hawke. Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Gescheiterte Beziehungen haben sie hinter sich, Hawke schreibt tatsächlich Bücher und Kinder haben sie auch. Konsequenterweise hat Regisseur Richard Linklater darum Delpy und Hawke auch dieses Mal am Drehbuch mitschreiben lassen und herausgekommen ist ein genauer, geistreicher und witziger dritter, aber hoffentlich nicht letzter Teil dieser inszenierten Langzeitdokumentation.

Der rechte Augenblick

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"Before Sunrise" - Wien, 1995.

(Foto: PROKINO)

Immer geht es um die Zeit bei Linklater. Vergangene Zeit. Erlebte und erfüllte Zeit. Es gibt diese Momente, denen die Griechen ei nen eigenen Gott widmeten: Kairos, die günstige Gelegenheit, der lebensverändernde Moment, der möglicherweise alles andere außer Kraft zu setzen in der Lage ist. Celine und Jesse erleben diesen magischen Moment 1995 auf einer Zugfahrt. Sie will von Budapest zurück nach Paris, er muss in Wien aussteigen, um am nächsten Morgen sein Flugzeug nach New York zu nehmen. Spontan beschließen sie, den Tag und die Nacht gemeinsam zu verbringen, streifen durch die wunderbare Kulisse Wiens, die Kaffeehäuser und Bars und reden, reden, reden. Über das Leben, die Möglichkeiten, das Glück, die Liebe. Den Tag - und fast die ganze Nacht. Und als sie sich trennen, im Morgengrauen, da versprechen sie sich, genau sechs Monate später wieder auf diesem Bahnsteig zu stehen. Was für ein mitreißender Kitsch.

Das Wiedersehen findet dann erst neun Jahre später statt in "Before Sunset". Denn Celine war nicht wie verabredet auf dem Wiener Westbahnhof erschienen. Ihre Großmutter war gestorben, sie musste sich entscheiden, rechnete auch nicht wirklich damit, dass der junge Amerikaner tatsächlich in Wien stehen würde. Und weil man damals ganz auf sich selbst vertraut und weder Adressen noch Telefonnummern ausgetauscht hatte, wurden aus den sechs Monaten neun Jahre. Neun Jahre nicht geteilte Lebenszeit.   

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"Before Sunset" - Paris, 2004.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Jesse ist inzwischen Schriftsteller geworden und hat die Nacht mit Celine, die ihn nicht mehr losgelassen hat, zu einem Bestseller verarbeitet. Nun ist er auf Lesereise in Europa und macht Station in Paris. Celine hat davon erfahren. Als sie sich sehen, stellt sich der Zauber wieder ein, die Vertrautheit ist sofort wieder hergestellt. Eine Nähe, die sich nahezu nahtlos einstellt. Auch "Before Sunset" spielt an nur einem Tag, Wieder spazieren die beiden durch die Straßen und Gassen, wieder wird nur geredet. Nicht über die Möglichkeiten und Träume. Es sind die Irrungen und Fehltritte, Zweifel und Kompromisse, die die Stunden prägen. Und während sie durch Paris laufen, wünscht sich der Zuschauer mehr und mehr, dass diese beiden erkennen mögen, wie sehr sie miteinander schwingen, wie sehr sie einander berauschen. Wieder muss Jesse ein Flugzeug erreichen. Wieder kommt einer dieser Momente, die man verstreichen lassen kann oder ergreifen. Sie sitzen in Celines Wohnung. "Du verpasst deinen Flieger", sagt sie am Ende. Er antwortet: "Ich weiß."

Tatsächlich ist Jesse geblieben, wie sich nun zeigt. Celine und Jesse, die zuvor gerade einmal 36 Stunden mit einander verbracht haben, sind einfach zusammengeblieben.

Auch "Before Midnight" folgt dem Schema der Vorgänger. Die Handlung spielt an einem einzigen Tag, wieder sitzen die beiden, laufen und laufen. Und reden, reden und reden. Nur ist jetzt, 2013, aus den romantischen Beziehungsmöglichkeiten ein reales Paar geworden, mit Jahren gemeinsamer Vergangenheit, mit Glück und Last eines Familienalltags.

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"Before Midnight" - Griechenland, 2013.

(Foto: PROKINO)

"Before Midnight" stellt dabei manches auf den Kopf. Linklater beendet seinen Film nicht mit dem Davonfliegen, sondern beginnt ihn damit. Wir befinden uns auf dem Peleponnes. Am Flughafen von Kalamata muss Jesse seinen 13-jährigen Sohn verabschieden, der nach sechs gemeinsamen Wochen in Griechenland zurück zur Mutter in die Staaten muss. Die Verabschiedung gerät ungelenk, der Sohn ist viel reifer, abgeklärter, als es Jesse wahrhaben will, die Unterhaltung kommt nicht in Gang und eigentlich weiß keiner der beiden, was er sagen soll. Die gemeinsame Zeit mit seinem Sohn hat Jesse verpasst, das spürt er, er hat das Heranwachsen seines Sohnes nicht miterlebt und er konnte ihm auch nicht allzuviel mitgeben. Nachdenklich schlendert Jesse aus der Flughafenhalle zurück zur wartenden Celine, die am Auto lehnt und auf die schlafenden Zwillinge auf der Rückbank aufpasst.

So fangen Trennungen immer an

Schon auf der Rückfahrt ins Domizil eines befreundeten Schriftstellers, der Jesse und seine Familie nach Griechenland eingeladen hatte, zeigt "Before Midnight", wie gekonnt er die Atmosphäre der ersten beiden Filme aufnimmt und in das Jahr 2013 zu transformieren vermag. Immer noch necken sich die beiden, immer noch können sie mit- und übereinander lachen, immer noch fassen sie sich an, wenn sie sich ansprechen. Immer noch werfen sie sich Anzüglichkeiten zu. Und immer noch reden sie miteinander, die ganze Zeit. Aber da ist noch etwas anderes. Eine Gereiztheit, das Zulassen, dem anderen wehzutun, die mangelnde Bereitschaft, sich auf die Gedanken und Gefühle des anderen einzulassen, ihre Erschöpfung, seine Trauer. Als Jesse laut darüber nachdenkt, dass er eigentlich nach Chicago zu seinem Sohn gehört, ist Celine entsetzt. "Das fasse ich jetzt nicht", konstatiert sie und fügt hinzu, dass dies der Tag sei, der das Ende ihrer Beziehung einläute, denn so finge das immer an mit Trennungen.

Die Hauptdarsteller

Julie Delpy wurde im Dezember 1969 in Paris geboren. Sie arbeitet als Schauspielerin, Drehbuchautorin, Regisseurin und Autorin. Delpy wurde Anfang der 90er Jahre bekannt mit Filmen wie "Hitlerjunge Salomon", "Homo Faber", "Killing Zoe" und "Drei Farben: Weiß". 2007 präsentierte sie auf der Berlinale ihr Regiedebut "2 Tage Paris". Delpy lebt seit 1992 in Los Angeles und Paris, seit 2004 ist sie mit dem deutschen Filmkomponisten Marc Streitenfeld zusammen. Die beiden haben einen gemeinsamen vierjährigen Sohn.

Ethan Hawke kam im November 1970 in Austin, Texas zur Welt. Er stand mit 14 Jahren erstmals vor der Kamera, 1989 gelang ihm mit dem "Club der toten Dichter" der Durchbruch. Hawke schreibt zudem Romane, bei der Verfilmung seines Erstlings "The Hottest State" führte er selbst Regie. Von 1998 bis 2004 war Hawke mit der Schauspielerin Uma Thurman verheiratet, die beiden haben zwei gemeinsame Kinder. 2008 heiratete Hawke erneut. Das Ehepaar hat ebenfalls zwei Kinder.

War also alles nur eine Illusion? Ist es vielleicht nicht möglich, den Zauber einer Nacht, die Intensität eines Augenblickes in die Dauer einer Liebe zu überführen? Das Gelungene an "Before Midnight" ist es, zu zeigen, dass beides geht. Nein, Celine und Jesse sind n icht mehr die Verliebten aus Wien. Und sie sind nicht mehr die sich Wiederfindenden aus Paris. Aber sie haben die beiden Tage und Nächte vor 9 und vor 18 Jahren nicht vergessen.

"Wenn wir uns heute zum ersten Mal in einem Zug treffen würden, fändest du mich dann attraktiv?", fragt sie ihn. Da sind sie schon unterwegs auf einem langen Spaziergang zu einem Hotel am Südzipfel der Mani. Die Freunde wollten ihnen etwas Gutes tun, ein Geschenk, das man nicht zurückweisen kann, auch wenn die beiden keine Lust haben. Die letzte Nacht in Griechenland also, eine Nacht im Luxus, ohne Kinder. Er vergeigt die Antwort, denn sie wollte etwas Romantisches hören. Er kontert stattdessen: "Die eigentliche Frage ist doch, wenn ich dich bitten würde, mit mir aus dem Zug auszusteigen, würdest du mit mir aussteigen?" Nein, dürfte die ehrliche Antwort heißen. Wobei die Frage vermutlich falsch gestellt ist. Sonst würde die Antwort nämlich lauten: Ja. Ja, es war richtig, vor 18 Jahren dem Bauchgefühl, einer Stimmung gefolgt zu sein.

"Ich liebe dich nicht mehr"

Schnell zeigt sich, dass das Hotel wirklich keine sonderlich gute Idee war. Denn als man hofft, dass das Gezicke, dieses Relativierende, diese Sticheleien, die sich in den vergangenen 60 Minuten immer wieder zwischen die Liebe geschoben haben, nun endlich vorbei sind, als Julie Delpy bereits halb nackt ist und die Zuschauer sich darüber freuen, dass die beiden als allererstes übereinander herfallen wollen - da beginnt die eigentliche griechische Tragödie erst und es entspringt aus einer Nichtigkeit ein kammerspielartiger Streit, der sich in mehreren Spiralen nach oben schraubt und ein Verletzungspotenzial birgt, das von Runde zu Runde kaum noch einzufangen ist.     

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Regisseur Richard Linklater wurde für seine Trilogie auf der diesjährigen Berlinale überraschend mit einer Berlinale-Kamera ausgezeichnet.

(Foto: Reuters)

Irgendwann geht Celine wortlos hinaus und knallt die Tür hinter sich zu. Nur um kurze Zeit später wiederzukommen und Jesse ein "Ich glaube, ich liebe dich nicht mehr" an den Kopf zu werfen. Jesse fällt mit einem Seufzer bauchlings auf das Sofa. Was für eine Verschwendung, sagt dieser Seufzer, was für eine Verschwendung an Energie und Zeit, an gemeinsamer Zeit, die unbeschwert nur noch so selten zu erleben ist.

Und das ist es, was uns Linklater in seinem dritten "Before"-Teil mit auf den Heimweg gibt. Eine Erkenntnis, nein, eine Lebenseinstellung. Dass man aus der gemeinsamen Zeit etwas macht. Dass man es zusammen schaffen will. Dass man zusammen glücklicher ist als ohneeinander. Nicht, weil man Angst hat vor dem Alleinsein, nicht, weil man es schaffen will, um nicht zu scheitern. Nein, Celine und Jesse haben vor 18 Jahren ihre Herzen einander zugeworfen. Sie haben das Publikum mit hineingezogen in diesen Bann, den manche kitschig und andere wahrhaftig und romantisch finden. Und auch nach 18 Jahren wohnt den beiden dieser Zauber inne. Man muss es wollen, lautet das Fazit. Man muss nichts tun für eine Liebe, man muss an einer Beziehung nicht arbeiten. Aber man muss den Blick füreinander behalten. Man sollte das Verliebtsein nicht vergessen und das Begehren nicht. Und man sollte sich, wie es Jesse sagt, ein gewisses Maß an Leidenschaft bewahren. Man muss die Liebe zulassen, man muss sie leben.

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Nächtliche Beziehungs-Verhandlungen am Peloponnes. Wer die ersten beiden Teile der Trilogie nicht gesehen hat, dürfte mit "Before Midnight" allerdings nicht allzuviel anfangen können.

(Foto: PROKINO)

Jesse spürt, dass dies wieder einer dieser Momente ist, die man greifen kann oder man lässt sie verstreichen. Vor 18 Jahren hat er seinen Mut zusammengenommen und eine junge Pariserin überredet, mit aus dem Zug zu steigen. In Paris hat er seinen Mut zusammengenommen und ist einfach nicht zurückgeflogen, hat seine Heimat aufgegeben und seinen Sohn in der Obhut der nicht geliebten Mut ter gelassen. Jetzt nimmt er wieder seinen Mut zusammen – und geht hinter Celine her. "Dieser Typ, an den Sie sich vage erinnern, dieser süße, romantische Typ, den Sie im Zug kennengelernt haben, das bin ich." "Tja, ich habe Sie wohl nicht erkannt."

Quelle: ntv.de