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Haußmann & Regener go Trash Hai-Alarm am Müggelsee

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So sehen Hai-Jäger aus: Uwe Dag Berlin alias Snake Müller.

Müggelfilm

Das kann ja hai-ter werden. Ausgerechnet in einem der beliebtesten Badeseen Berlins treibt ein gefräßiger Raubfisch sein Unwesen. Mit anderen Worten: "Hai-Alarm am Müggelsee"! Eins steht definitiv fest: Steven Spielbergs "Weißer Hai" hätte sich eher selbst in die Luft gejagt, als sich für diesen Film casten zu lassen.

Eines vorneweg: Trash ist toll! Der Autor dieses Textes steht unumwunden dazu, dass er sich bei manch abstrusen Splatter-Orgien regelrecht beömmeln kann. Auch ein Film wie "Fraktus" trieb ihm vor nicht allzu langer Zeit die Lachtränen in die Augen. Und ja, er schämt sich noch nicht mal, zuzugeben, dass er sogar bei "New Kids" seinen Spaß haben kann, während sich um ihn herum pubertierende Teenager mit Dosenbier zuschütten, grölen, rülpsen und in die Kinosessel furzen.

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Baden ist nicht - ist doch Hai-Alarm!

(Foto: Müggelfilm)

Grundsätzlich spricht nichts gegen Filme ohne Sinn, Anspruch und Verstand. Solange sie unterhalten. Wenn indes die kindische Freude an der Absurdität einem ungläubigen Kopfschütteln, Gähnen oder gar Blicken auf die Uhr weicht, dann wird der Spaß schon auch mal zur Qual. Denn das ist - wie bei jedem anderen Film auch - die Crux: Langeweile ist der Tod.

Die (Schmerz-)Grenzen hierbei sind zweifellos fließend und individuell sehr verschieden. Bestes Beispiel ist vielleicht Alexander Marcus. Es gibt sicher Menschen, an deren Humorzentrum schon seine YouTube-Clips über die "Papaya" oder den "Hawaii Toast" meilenweit vorbeisegeln. Aus seinem Kinofilm "Glanz und Gloria" wären sie wahrscheinlich endgültig vom Untergang des Abendlands überzeugt herausgerannt. Andere wiederum - wie etwa die 80 Fans, die als Statisten in dem Streifen mitwirkten - könnten sich den auf Kinolänge ausgewalzten Schwachsinn ihres Idols vermutlich in Dauerschleife reinziehen. Und wieder andere geraten zwar noch Jahre später beim Gedanken an die musikalische Obst-Hommage des selbst ernannten "King of Electrolore" ins Schmunzeln, konnten "Glanz und Gloria" über die volle Dauer aber kaum noch ertragen.

"Ein teuflisches Gemisch"

"Hai-Alarm am Müggelsee" passt in ein ähnliches Raster, wenngleich unter ganz anderen Vorzeichen. Schließlich zeichnen für diesen Film keine Geringeren als Leander Haußmann und Sven Regener verantwortlich - beide zugleich Koryphäen und Enfant Terribles für sich. Haußmann, als Schauspieler, Film- und Theaterregisseur ebenso häufig gefeiert wie verflucht. Und Regener, der Pop-Poet von Element Of Crime, Querdenker und Autor von Romanen wie "Neue Vahr Süd" oder "Herr Lehmann". Eben jener "Herr Lehmann" brachte die beiden Kulturrebellen schon vor zehn Jahren einmal hinter der Kamera zusammen - bei der gleichnamigen und großartigen Verfilmung mit Christian Ulmen in der Titelrolle.

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Sven Regener und Leander Haußmann (v.l.) bekleiden in dem Film auch diverse Nebenrollen.

(Foto: Müggelfilm)

Nun also "Hai-Alarm". Alten Schauspiel-Hasen wie Henry Hübchen, Michael Gwisdek oder Benno Fürmann und einem umjubelten Jungstar wie Tom Schilling stehen in dem Film Laiendarsteller zur Seite, gegen die manche Darbietung aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" geradezu oscarreif wirkt. Die "Spezialeffekte" bestehen aus Plastik, Pappmaschee und einem Hai, der nie zu sehen ist. Der Inhalt des Films, so man ihn denn zusammenfassen will, indes geht so: Im Berliner Ortsteil Friedrichshagen herrscht Aufregung. Schließlich ist dem Bademeister (Gwisdek) im Müggelsee - dem größten Berliner See im Südosten der Stadt - die Hand abgebissen worden. Ein aus dem Bürgermeister (Hübchen), einem Fisch-Fachmann von der Uni (Schilling), einer Städtemarketing-Tussi (Anna-Maria Hirsch) und einem Polizisten (Detlev Buck) bestehendes Expertenteam berät, wie mit der Situation umzugehen ist. Auch der Strandbad-Besitzer (Fürmann) und der Hai-Jäger Snake Müller (Uwe Dag Berlin), der ganz zufällig vor Kurzem seinen Anker in den Müggelsee geworfen hat, stoßen dazu.

Als sich die Hinweise verdichten, dass tatsächlich ein Raubfisch, den einst die Kubaner der DDR geschenkt hatten, in dem Gewässer sein Unwesen treibt, ergeht der "Hai-Alarm". Doch siehe da: Statt Katastrophenstimmung macht sich Partylaune breit. Was könnte einem ansonsten unbeachteten Nest wie Friedrichshagen und einem Bürgermeister, der um seine Wiederwahl bangt, auch schon besseres passieren als so ein Krisenszenario? Will man da den Hai eigentlich überhaupt noch ernsthaft fangen und töten? Was daraus folgt, liest sich mit den Worten des Verleihs so: "Ein teuflisches Gemisch aus Intrigen und Zorn, Liebe und Hass, Macht und Städtemarketing entwickelt einen Druck, unter dem der Kessel der Friedrichshagener Zivilisation in einem Inferno des Wahnsinns zu explodieren droht."

Trash, Brecht, Schwachsinn

Nein, ernst gemeint ist hier nichts. Und so lassen sich Regener und Haußmann im Gespräch mit n-tv.de zumindest teilweise auch auf ein paar ebenso nicht ganz ernst gemeinte Fragen ein. "Alles gleichzeitig am besten", antwortet Haußmann etwa auf die Frage, was denn an dem Streifen besonders hervorzuheben sei - die schauspielerischen Leistungen, die Geschichte, die Effekte oder die Sozialkritik. Und Regener ergänzt: "Sie haben noch die schönen Landschaftsaufnahmen vergessen." Und die "endemische Filmmusik". Mit Letzterem hat er Recht. Der Soundtrack kann sich wirklich hören lassen.

Attestiert man "Hai-Alarm am Müggelsee" indes, der pure Trash zu sein, stößt man bei den beiden auf Widerstand. "Für mich ist es kein Trash", sagt Haußmann. "Für mich ist es eine ehrliche Aussage im komischen Bereich. Eine Komödie, ein lustiger Film. Okay, sind Monthy Python, Otto und Loriot Trash? Dann ist es auch Trash", erklärt der Regisseur. Und Regener ergänzt: "Trash ist ein Stilmittel in der Kunst wie jedes andere auch." Letztlich sei das nur eine Metapher für "allegorisches Arbeiten" und "der Stiefbruder des Brecht'schen Verfremdungseffekts".

Auweia. Haben wir etwas übersehen? Ist man als Normalbürger dem "Hai-Alarm am Müggelsee" womöglich intellektuell nicht gewachsen? Ein Glück, dass Regener dann doch beschwichtigt. "Das ist Schwachsinn - ja. Aber konsequent so durchgezogen, dass man sich reinversetzen und mitfiebern kann. Also: Schwachsinn zum Mitfiebern."

Man wünschte, der geschätzte Sven Regener hätte recht. Doch statt mitzufiebern, ertappt man sich beim fatalen Blick auf die Uhr. Zu sehr verfranzt sich der Streifen in Langatmigkeit. Zu sehr ist man an schauspielerischen Dilettantismus schon aus dem Fernseh-Vorabendprogramm gewöhnt, als dass man sich darüber noch hundert Minuten lang königlich amüsieren könnte. Und zu sehr betreibt der Film eine vom Lokalkolorit seiner Macher getriebene Nabelschau. Über vieles darin können vermutlich nur Berliner lachen. Oder vielleicht auch nur Friedrichshagener. "Papaya" und der "Hawaii Toast Song" von Alexander Marcus waren echt lustig. "Glanz und Gloria" hingegen war kaum zu ertragen.

"Hai-Alarm am Müggelsee" läuft ab dem 14. März 2013 in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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