Kino

"Du bist doch nicht ganz echt" Ein Wahnsinnstrip ins weiße Rössl

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Fesch san ma beinand: Diana Amft als Ottilie Giesecke (l.) und Edita Malovčić als Rössl-Wirtin Josepha.

(Foto: Wieduwilt Film & TV / Ziegler Film / Graf Film / Senator Filmverleih)

Theo Lingen, Johannes Heesters und natürlich Peter Alexander - sie alle waren schon "Im weißen Rössl" zu sehen. Ein Remake der Heimatfilm-Schnulze scheint auf den ersten Blick so überflüssig wie ein Kropf. Doch der Streifen, der nun in die Kinos kommt, belehrt einen eines Besseren. Kein Witz.

"Ich will wissen, welche Drogen Sie während der Arbeitszeit nehmen", fährt die Agenturchefin gegen Ende des Films Ottilie Giesecke an - und spricht damit dem Zuschauer aus dem Herzen. Denn was sich die Crew bei der Neuverfilmung des Singspiel-Schinkens "Im weißen Rössl" so alles reingepfiffen hat, fragt man sich so ziemlich von der ersten Minute bis zum Abspann. Bislang hatte sich Regisseur Christian Theede als Spezialist für TV-Produktionen mit Hang zu Märchen einen Namen gemacht. Bei seinem Kinodebüt zimmert er nun ein irrwitziges Wunderland am Wolfgangsee auf die Leinwand, bei dem selbst Alice, der verrückte Hutmacher und die Grinsekatze noch an ihrem Verstand zweifeln dürften. Von Helmut Kohl mal ganz abgesehen.

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Aber hallöchen popöchen - willkommen im "Weißen Rössl".

(Foto: Wieduwilt Film & TV / Ziegler Film / Graf Film / Senator Filmverleih)

Was hat die Klamotte über die österreichische Absteige nicht schon alles auf dem Buckel. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstand die komödiantische Vorlage, aus der Komponist Ralph Benatzky 1930 seine Operette formte - mit Gassenhauern wie "Im weißen Rössl am Wolfgangsee", "Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?" oder "Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein". Zigfach wurde und wird das Stück seither auf die Bühne gebracht. Von den Leinwand-Adaptionen ganz zu schweigen. 1935 durfte in einer Verfilmung schon mal Theo Lingen ran, ehe 17 Jahre später Johannes Heesters zum feschen Dr. Siedler mutierte. 1960 schließlich entstand die bis dato wahrscheinlich bekannteste Version - mit Peter Alexander als Oberkellner Leopold Brandmeyer.

Lingen, Heesters und Alexander würden sich womöglich im Grab umdrehen, könnten sie sehen, was Theede aus dem Schnulzen-Stoff gemacht hat. Dabei ist die Geschichte in ihren Grundzügen unverändert: Die Berlinerin Ottilie (Diana Amft) unternimmt mit ihrem Vater Wilhelm (Armin Rohde) eine Wochenendreise ins "Weiße Rössl". Mit im Gepäck: die Urne der verstorbenen Mutter, die nach dem Willen Wilhelms ihre letzte Bleibe unbedingt im sagenhaften Salzkammergut finden soll. Am Ziel angekommen, sieht sich Ottilie bald mit den Avancen des altmodischen Charmeurs Dr. Otto Siedler (Tobias Licht) konfrontiert. Wirklich funken will es zwischen den beiden jedoch zunächst ebenso nicht wie zwischen Leopold (Fritz Karl) und seiner Chefin, der Rössl-Wirtin Josepha (Edita Malovčić). Erst als der schmierige Sigismund Sülzheimer (Gregor Bloéb) auf den Plan tritt, kommt Bewegung in das Liebesgefüge …

Ironie und Überzeichnung

Es gibt einige wirklich gute Gründe, vor diesem Film reflexartig zurückzuschrecken: Operette, Armin Rohde und natürlich die Story. Nicht ohne Grund, so sollte man meinen, hat sich seit den 60er Jahren keine größere Produktion mehr an der kitschtriefenden Heimatfilm-Posse versucht. Ja, allein die Idee zu einem Remake der Schmonzette scheint so aberwitzig, dass der Stift eigentlich schon automatisch zum Verriss gespitzt ist. Eigentlich. Denn Thede, Amft, Licht und sogar Rohde belehren einen eines Besseren. Klingt komisch, ist aber so.

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Im Salzkammergut ist es wirklich sagenhaft.

Die Erfolgsrezepte des Films sind seine feine Ironie und die gnadenlose Überzeichnung an allen Ecken und Enden: Da tut sich den Großstädtern, nachdem sie stundenlang durch den übelsten Regen gefahren sind, mit einem Schlag ein Bilderbuch-Panorama auf, als sie das Salzkammergut erreichen. Da formt ein Vogelschwarm am Himmel ein Herz, als es gerade romantisch zu werden droht. Da macht Dr. Siedler nur wenige Stunden nach der ersten Begegnung Ottilie beim Fensterln bereits einen Heiratsantrag. Da redet eben jener Dr. Siedler den ganzen Film hindurch derart schwülstig ("Ihre Nasenflügel schmeicheln meinen Fingerspitzen"), dass es einem die Schuhe auszieht. Und da werden der hanebüchene Kitsch ("Du bist doch nicht ganz echt") und das dauernde Gesinge der Protagonisten (denn die Originalsongs aus dem Singspiel dürfen natürlich, wenn auch modern arrangiert, nicht fehlen) fortwährend selbstironisch persifliert. Zum Beispiel, wenn Ottilie mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen erfahren muss: "Jeder singt hier." Oder wenn das Duett zu einer Königsdisziplin hochstilisiert wird, als sei es die Vorstufe zum Beischlaf. Nicht ohne Hintergedanken verpasste man dem Werk auch den Untertitel "Wehe, du singst!".

Brönner, Bela B. und Parov Stelar

Unter diesen Vorzeichen ergibt es dann auch durchaus Sinn, dass sich in diesem Film auch ein paar Leute verewigt haben, denen man wohl erst einmal keine Rössl-Affinität unterstellen würde. So hat Trompeter Till Brönner ebenso zu dem Streifen musikalisch beigetragen wie Oberarzt Bela B. und der österreichische DJ-Star Marcus Füreder, besser bekannt als Parov Stelar.

Ganz im Ernst: "Im weißen Rössl" 2013 macht echt Spaß und ist streckenweise richtig witzig. Wollte man an dem Streifen etwas kritisieren, dann wäre es, dass das Gesinge halt leider - trotz ironischer Brechung - manchmal wirklich nervt. Und dass man den Machern bei manchen surrealen Traum- und Kitsch-Sequenzen mehr Geld zur Verfügung gewünscht hätte, um sie noch etwas professioneller zu animieren. Nicht ins Gewicht fällt indes, dass der Film - im Gegensatz zu den Streifen mit Heesters und Alexander - nicht im echten "Weißen Rössl" gedreht wurde, sondern in einem Gebäudekomplex in der Nähe. Wer nun angefixt ist und sich nach einem Urlaub in der sagenhaften Absteige, die es nach wie vor wirklich gibt, sehnt, kann ja dort ein Zimmer buchen. Kostet schließlich nur schlappe 232 Euro die Nacht - pro Person.

"Im weißen Rössl - Wehe, du singst!" läuft ab sofort in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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