Kino

Zum Kotzen Jackass 3D

Jet_Ski_Johnnyx_smooth_WEB.jpg

Go, Johnny, go: Mr. Knoxville auf dem Jetski.

Diese Rezension ist nichts für zart Besaitete. Schließlich ist "Jackass", zumal im schönsten 3D, das auch nicht. Wenn Ihnen also schon beim Gedanken an Erbrochenes selbst übel wird, brechen Sie hier …, nein, wir meinen, brechen Sie hier ab. Und gehen Sie nicht ins Kino!

"Ich finde Deinen Film wirklich zum Kotzen!" Ob sich Steven Spielberg, George Clooney oder Angelina Jolie über diese Aussage wohl freuen würden? Wir vermuten mal eher nicht. Anders ist das bei der Crew von "Jackass". Für sie scheint ein gediegener Brechreiz ein feines Kompliment zu sein. Darum wurde uns am Eingang zur Vorstellung ihres neuesten Kinostreichs, der am 28. Oktober in die deutschen Lichtspielhäuser kommt, vorsorglich auch gleich mal eine Kotztüte in die Hand gedrückt.

Das heißt doch so, Kotztüte, oder? Oder gibt es da noch einen anderen, sprachlich korrekteren Begriff? Spuckbeutel vielleicht? Oder Brechhilfe? Ach was, egal. Das hier ist ja keine Rezension zur neuesten Rosamunde-Pilcher-Verfilmung. Und Sie wissen, was gemeint ist. Also: Kotztüte, Kotztüte, Kotztüte!

Reiern in 3D

Das müssen Sie schon aushalten, wenn Sie für "Jackass" gewappnet sein wollen. Schließlich wird hier auch auf der Leinwand den lieben langen Film gereiert, was das Zeug hält. In den schönsten Farben. Und nicht nur das: Im dritten Kino-Aufguss der Stunt-, Ekel- und Absurditätenshow von Johnny Knoxville, Bam Margera, Steve-O und Co dürfen wir den Mageninhalt der Protagonisten vor und hinter den Kameras endlich auch dreidimensional genießen und auf uns zu fliegen sehen. So schön war "Jackass" noch nie!

JA3-00882_WEB.jpg

Ich sehe was, was du nicht siehst.

Aber natürlich steht die Kotzerei nicht im Mittelpunkt des Films. Sie ist nur schmückendes Beiwerk von Szenen wie jener, in der Sekret- und Exkremente-Spezialist Steve-O einen Becher voll Schweiß seines dicken Counterparts Preston Lacy hinunter spült. Oder der, in der sich ebenfalls Steve-O an einem Bungee-Seil in einer mobilen Toilettenkabine (landläufig nach dem Marktführer der Branche auch Dixi genannt) voller Fäkalien in die Höhe katapultieren lässt. Oder eben all der anderen Einstellungen, in denen Kackwürste durch die Luft fliegen oder mit Furzen Trompete gespielt wird, und die uns wirklich todtraurig stimmen, dass es inzwischen zwar ein 3D-, aber kein Riech-Kino gibt.

"Jackass" wäre jedoch nicht "Jackass", wenn sich zu all den anderen duften Körperausscheidungen nicht auch noch Blut und Tränen gesellen würden. Und so liefern die insgesamt neun Hauptdarsteller auch wieder mal so manchen aberwitzigen Stunt. Wenn Johnny Knoxville mit dem Jetski durch die Hecke brettert oder vor einem ausgewachsenen Bullen - erwartungsgemäß erfolglos - "unsichtbar" spielt, wenn Dave England von wild gewordenen Bienen zerstochen wird oder sich seine Kollegen mit Sekundenkleber aneinander bappen, dann tut das schon beim Zuschauen weh.

Autsch!

Und nicht nur das: Beim Interview im noblen Berliner "Hotel de Rome", das irgendwie so gar nicht zu ihnen passen will, berichten "Jackass"-Ikone Knoxville und Regisseur Jeff Tremaine nur allzu gerne von all den Verletzungen, die sich die Truppe in den vergangenen Jahren bei ihren gewagten Manövern zugezogen hat. "Ich habe meinen Geruchssinn verloren, weil ich meine Nase so oft gebrochen habe", verrät Knoxville und fügt mit Blick zu Tremaine süffisant hinzu: "Was gut ist, wenn ich den ganzen Tag neben ihm sitzen muss." Und die übelste Verletzung mit der speziell die Dreharbeiten zu "Jackass 3D" aufwarten können?  "Die Schlimmste hatte wahrscheinlich Loomis", sagt Knoxville und meint Nebendarsteller Loomis Fall, der sich einen dreifachen Schulterbruch zuzog, als er sich vom Ausstoß einer Flugzeugturbine in den Boden rammen ließ.

Nein, "Jackass" tut nicht nur so als ob, das ist den Machern wichtig. Dementsprechend ernst wird Knoxville trotz sonstigem Geblödel und Alberei bei der Frage, ob denn das Gezeigte auch wirklich immer echt sei. "Alles ist hundertprozentig real", versichert er. "Nichts ärgert mich mehr, als wenn ich mich im Internet erst über etwas kaputt lache und dann feststellen muss: O.k., das haben die gefakt." Er und die gesamte Crew seien da oberpingelig. "Sonst würden wir die Leute ja betrügen."

"Auf positive Weise dumm"

Und ganz egal, ob man Knoxville und Co nun für die Größten hält oder einfach nur peinlich und pubertär findet, muss man ihnen eines lassen: Zwischen all ihrem Schweiß, Urin und – im wahrsten Sinne des Wortes - Kack schimmert es irgendwie sympathisch durch. Das macht wohl ihr Understatement. "Meistens braucht man dafür nicht viel Begabung", sagt Regisseur Tremaine über die Anforderungen an die Darsteller. "Alles, was ich tun muss, ist stehen bleiben. Einfach stehen bleiben und den Bullen über mich drüber rennen lassen", umschreibt Knoxville seine Kernkompetenz und weist die Frage, ob er mit mittlerweile 39 Jahren nicht allmählich zu alt für solche Scherze sei, brüsk zurück: "Das kann man in jedem Alter machen."

JA3-02224_WEB.jpg

Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund.

Gibt es denn nichts, was er nie tun würde? Doch, beteuert Knoxville, "es gibt tonnenweise Dinge, die ich nie tun würde". Zum Beispiel Unbeteiligte in Mitleidenschaft ziehen. "Bei allem, was wir tun, geht es darum, uns wie Trottel aussehen zu lassen. Wir lassen nie andere wie Trottel aussehen", fügt er erklärend hinzu. Und Tremaine ergänzt: "Uns ist der Spirit sehr wichtig. Es geht darum, positiv zu sein und nicht anderen gegenüber negativ. Es ist lächerlich, aber eben auch positiv." Oder wie wiederum Knoxville es ausdrückt: "Auf positive Weise dumm."

"Bring den nächsten!"

So wenig, wie die Truppe Außenstehende behelligt, so extrem quält sie sich selbst. Und glaubt man Tremaine und Knoxville, gibt es eigentlich nichts, woran man sich nicht heran traut. "Es gab nie eine Idee, die so abgefahren war, dass sie niemand gemacht hätte. Die verrücktesten Ideen werden immer gedreht", erklärt Tremaine. Wenn einer der Crew einen konkreten Stunt scheue, dann übernehme diesen eben ein anderer. So seien auch verletzungsbedingte Ausfälle zu verkraften: "Hey, wir haben neun Typen", sagt Knoxville und spielt die Situation sprachlich nach: "Oh, er ist verletzt?! Bring den nächsten!"

Dass es sich bei den "Typen" tatsächlich ausschließlich um Männer handelt, ist den "Jackass"-Machern zufolge ein Zufall. Die Crew sei schließlich nicht gecastet worden, sondern habe sich einfach so zusammengefunden. "Wir sind ja alle Freunde", sagt Tremaine. "Da war einfach kein Mädchen dabei, dass diesen Schwachsinn mitmachen würde." Die Frage, ob "Jackass" gar homoerotisch sei, kontert Knoxville ironisch: "Ja, wirklich homoerotisch! Wir sitzen auf einem Regenbogen."

The Show must go on

Dabei könnte man beim Besuch der Pressevorstellung von "Jackass 3D" fast meinen, dass das mit der Homoerotik gar nicht so weit hergeholt ist. Selten sind Pressevorstellungen so voll. Und selten besteht das Publikum zu geschätzten 90 Prozent aus Männern. Die meisten von ihnen haben ihren Spaß - das ist trotz 3D-Brille und Surround-Sound zu erkennen und zu hören. Der Verdacht liegt nahe, dass nur wenige Redaktionen einem Mitarbeiter - oder gar einer Mitarbeiterin - die Zwangsverpflichtung zu "Jackass" zumuten wollten. Die, die hier sitzen, sind überwiegend Freiwillige. Und während sich die Frauen wahrscheinlich drei Kinosäle weiter gerade zum 17. Mal "Eat Pray Love" reinziehen, können sich ganz offensichtlich vor allem Angehörige des männlichen Geschlechts über die Fäkalien- und Aua-Aua-Show der Knoxville-Truppe beömmeln.

JACKASS_Plakat01_WEB.jpg

Jackass 3D - ab 28. Oktober in den Kinos.

Noch enger zugeschnitten ist das Publikum bei der Premiere des Streifens am Potsdamer Platz. TV-Papst Oliver Kalkofe, Bloodhound-Gang-Bassist Evil Jared und die Musiker von Boss Hoss und Rammstein sind noch die bekanntesten Namen auf der Gästeliste. Ansonsten wartet auf dem Roten Teppich, der in diesem Fall in Wahrheit ein schwarzer ist, vor allem B- und C-Prominenz auf. Tja, "Jackass" ist eben einfach auch nicht jeder Manns Sache.

Daran wird trotz oder gerade wegen der 3D-Effekte sicher auch der dritte Aufguss nichts ändern. Keiner wird sagen: "Den ersten Teil fand ich doof, aber der dritte ist toll." Und auch nicht umgekehrt. "Jackass 3D" fügt den schon bekannten Geschmacklosigkeiten des vor mittlerweile zehn Jahren als TV-Serie gestarteten Formats noch eine Reihe weiterer hinzu. Nicht mehr und nicht weniger. Das mag man oder eben nicht. Und so oder so wird man sich darauf freuen oder damit leben müssen, dass ein Ende nicht abzusehen ist. Weitere Fortsetzungen sind angeblich schon geplant. "Wir lieben es. Wir lieben es wirklich", sagt Knoxville, dem der Bulle im Film auf den Schädel tritt. Und hat dabei einen Gesichtsausdruck, dass man es ihm wirklich glauben könnte.

Quelle: ntv.de