Kino

"Die Wolken von Sils Maria" Juliette Binoche im alpinen Psychoduell

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Juliette Binoche als Maria Enders und Kristen Stewart (v.l.) als ihre Assistentin Valentine in "Die Wolken von Sils Maria".

(Foto: Pallas Film/NFP Carole Bethuel/dpa)

Eine Theaterdiva und ihre junge Assistentin proben ein neues Stück ein. In der Abgeschiedenheit der Alpen kommt es zum Kampf der Generationen. Kontrahentinnen in dem Drama "Die Wolken von Sils Maria" sind Juliette Binoche und Kristen Stewart.

Die französische Schauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche) ist am Boden zerstört. Ihr Mentor, der legendäre Dramatiker Wilhelm Melchior, ist überraschend gestorben. Eigentlich ein denkbar schlechter Moment für das Angebot, das der gefeierten Mimin von dem aufstrebenden Regie-Star Klaus Diesterweg (Lars Eidinger) unterbreitet wird. Vor 20 Jahren hatte Maria mit der Rolle der jungen, verführerischen Sigrid in einem Bühnenstück Melchiors ihren Durchbruch gefeiert. Nun soll sie in Diesterwegs Neuinszenierung die ältere Helena verkörpern, eine Unternehmerin, die Sigrid verfällt und aus enttäuschter Liebe Selbstmord begeht. Für den Part der Sigrid ist ausgerechnet das vor allem durch Skandale berühmt gewordene Hollywood-Starlet Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) vorgesehen.

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Chloê Grace Moretz spielt die Nachwuchsdarstellerin Jo-Ann Ellis.

(Foto: Pallas Film/NFP Carole Bethuel/dpa)

Maria, die mitten in einer hässlichen Scheidung steckt, nimmt das Angebot trotz schwerwiegender Bedenken an. Mit ihrer jungen Assistentin Valentine (Kristen Stewart) zieht sie sich in ein einsames Anwesen in den Schweizer Alpen zurück. Das eingespielte Team beginnt mit den Proben. Die Idylle ist rasch vorüber. Für Maria schließt sich durch die Neuinszenierung beruflich ein Kreis, den sie zunehmend als Rückschlag empfindet.

Kampf der Generationen

Auch zwei Jahrzehnte später identifiziert sich die Schauspielerin vor allem mit der jungen, begehrenswerten, überlegenen Sigrid. Für die in ihren Augen schwache Helena hat sie nur Verachtung übrig. Während Maria in den Proben tagtäglich mit ihrem Alter und persönlichen Niederlagen konfrontiert wird, übernimmt die willensstarke Valentine den Part der Sigrid. Unweigerlich verschieben sich in der Beziehung der beiden Frauen die Machtverhältnisse. Maria kämpft immer verzweifelter um ihre Dominanz.

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Maria will eigentlich die Überlegene sein, muss aber den Part der Schwachen spielen.

(Foto: Pallas Film/NFP Carole Bethuel/dpa)

"Die Wolken von Sils Maria" mutet zeitweise wie die Verfilmung eines Theaterstücks an. Tatsächlich aber handelt es sich um eine originäre Geschichte, die auch das Verhältnis von Juliette Binoche zu Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas ("Carlos - Der Schakal") widerspiegelt. Der einstige Filmkritiker der legendären Zeitschrift "Cahiers du Cinéma" hatte zu Beginn seiner Karriere mit Regisseur André Téchiné das Drehbuch zum Drama "Rendez-vous" (1984) verfasst. Neben Jean-Louis Trintignant war die 20-jährige Binoche in der Hauptrolle zu sehen.

"Schon damals ging es um das Unsichtbare und um das, was eine junge Schauspielerin auf sich nimmt, um in ihrer Rolle völlig aufzugehen", erinnerte sich Assayas. Den Anstoß zu ihrer mittlerweile dritten Zusammenarbeit gab Binoche. "Es war Juliette, die zuerst das intuitive Gefühl hatte, dass es in unserer gemeinsamen Geschichte eine verpasste Gelegenheit gab, oder vielmehr: einen verpassten Film", so der Regisseur, der daraufhin das Drehbuch zu "Die Wolken von Sils Maria" verfasste.

Theaterbühne vs. YouTube

Herausgekommen ist ein kammerspielartiges Drama, das in seiner Sprödheit perfekt in die raue Alpenlandschaft des Engadins passt. Der Film rückt neben allen tiefenpsychologischen Erwägungen zu Identität, Macht, Alter und Geschlechterrollen auch den inhärent analogen Charakter aufrichtiger Emotionen und zwischenmenschlicher Begegnungen gegenüber. Starlet Jo-Ann ist mit ihrem Hollywood-Blockbuster und ihren bei YouTube für alle Ewigkeit archivierten Skandalauftritten Welten entfernt von der einsamen Alpenhütte oder der flüchtigen, jeden Abend aufs Neue erschaffenen Unmittelbarkeit der Theaterbühne.

Dem drohenden Feuilleton-Snobismus und Alterskonservatismus setzt Assayas durch Kristen Stewarts Figur die Stimme einer jungen Generation entgegen, für die sich kultureller Wert nicht in der Anzahl hervorgerufener Stirnfalten bemisst und die selbst in einem scheinbar seelenlosen Fantasy-Filmchen noch Wahrhaftigkeit entdecken können. Stewart präsentiert sich als durchaus würdige Gegenspielerin der großartigen Juliette Binoche. In weiteren Rollen sind Hanns Zischler, Angela Winkler und Nora von Waldstätten zu sehen.

"Die Wolken von Sils Maria" startet am 18. Dezember 2014 in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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