Kino

"Hanni & Nanni 2" Jungs sind doof - oder?

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Das doppelte Lottchen? Nein, Hanni und Nanni!

(Foto: dpa)

Hanni & Nanni - das ist schon eine Zeitreise. Eine Reise in eine bessere Welt? Vielleicht, denn für die meisten erwachsenen Menschen - überwiegend natürlich Frauen - bedeutet das Zwillingspärchen eine Erinnerung an die doch meist heile Welt ihrer Kindheit und Jugendzeit. Jetzt ist das Gespann wieder im Kino zu sehen. Sogar Väter könnten sich das angucken!

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Frau Mägerlein macht ihrem Namen alle Ehre.

(Foto: dapd)

Ganz ehrlich? Der wahre Star des Films ist Katharina Thalbach als putzige Französischlehrerin Mademoiselle Bertoux. Ihre Interpretation  eines Lehrkörpers im Mireille Mathieu-Look ist so komisch und bezaubernd, dass man sich einen Abend mit dem Fräulein wünscht. Oder nochmal zur Schule gehen möchte. Aber wir wollen mal nicht ablenken, denn es geht um die Zwillinge Hanni und Nanni - und die Frau in den mittleren Jahren, die so tut, als könne sie sich nicht erinnern, weil sie bereits mit 12 Hermann Hesse gelesen hat, ist entweder nicht ganz sauber oder sie lebte am Zeitgeschehen vorbei.

Mädchen ziehen sich seit Jahrzehnten mit den Büchern von Enid Blyton zurück, und ja, auch wenn die Schriftstellerin nicht für die intellektuellen Höhenflüge der Mädchen zuständig war, so schien sie doch zu verstehen, was Mädchen in einem gewissen Alter - alles um die Pubertät herum - lesen wollen. Es geht um Freundschaft, um das Erwachsenwerden, um gute Lehrer und schlechte Lehrer, um Liebe und um Eltern - und da setzt der Film vielleicht am ehesten modern an. Denn diese Eltern hier haben Probleme. "Geschieden", "getrennt lebend" und "alleinerziehend" waren im letzten Jahrhundert keine Begriffe, die in Büchern vorkamen.

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Frau Theobald (l.) versucht zu retten, was zu retten ist! Mademoiselle Bertoux ist den Tränen nah.

(Foto: dpa)

Und auch heute noch ist die Welt der Sullivan-Zwillinge in geschriebener Form in Ordnung. Nur im Film, in diesem schnelllebigen Medium, da wird mal hier, mal da etwas hinzugefügt oder weggenommen, und so kommt es auch, dass "Hanni und Nanni 2" ein durch und durch zeitgemäßes Abenteuer für die ganze Familie geworden ist. Sogar ein Junge spielt mit. Und was für einer - ein Franzose! Er ist der Neffe von Mademoiselle Bertoux, und er wird den Mädchen ge'örig den Kopf verdrehen.

Atemlos und zickig

Verdreht ist so einiges auf dem Lindenhof, dem Internat, auf das die Zwillinge sich nach den Sommerferien eigentlich schon tierisch freuen. Der Haken an der Sache: ihre kleine Cousine, eine liebenswerte Nervensäge mit Hang zu Star-Allüren, ist auch da. Und eine echte Prinzessin soll angekommen sein - ihre Identität jedoch wird geheim gehalten, und so rätseln die Mädchen natürlich, welche der Neuen es wohl sein könnte. Genauso rätselt übrigens ein Gangster-Pärchen in passender Tarnung darüber, welches der Mädchen es wohl sein mag, das ihnen die gewünschte Summe an Lösegeld einbringen wird? Ein krimineller Handlungsstrang entspinnt sich also auch noch. Überhaupt ist vieles anders: Internatsleiterin Frau Theobald (atemlos wie immer, aber gut: Hannelore Elsner) muss verreisen und übergibt zum Ärger von Frau Mägerlein (zickig wie selten, aber gut: Susanne von Borsody) die Schulleitung an die liebenswerte, doch sehr chaotische Französischlehrerin Mademoiselle Bertoux.

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Starke Frauen in jeder Größe: von Borsody, Thalbach, Schöneberger, Kebekus.

(Foto: dpa)

Die scheint mit der Aufgabe überfordert – das Budget ist knapp und dann muss sie sich auch noch um ihren Neffen Philippe, den frischen Franzosen, kümmern. Und um die Küche, aus der Köchin und Helferin aufgrund des großen Chaos' geflohen sind. Wenn Mademoiselle Bertoux mit ihrem hübschen französischen Akzent also 'ühnschen bestellt, und die anderen dann "Hündchen" verstehen, kann man schon froh sein, dass nicht wirklich kleine Hunde geliefert werden, sondern tatsächlich Hühnchen - wenn auch lebendige.  Diese hat Katharina Thalbach allerdings sehr positiv in Erinnerung: "Die Zusammenarbeit mit dem Federvieh lief ausgezeichnet, das waren bezaubernde Hühner."

Ganz normale Zwillinge?

Überhaupt ist die Arbeit an diesem Set wohl eine der angenehmsten Dreherfahrungen für alle Beteiligten: Kindliche und erwachsene Darsteller verstanden sich bestens. Jana und Sophia Münster schwärmen von ihren großen Kollegen, und auch diese sind voll des Lobes für den Nachwuchs. Und auch wenn man von niemandem hört, dass Internate der tollste Ort auf Erden seien - hier stimmt die Chemie.

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Die Darstellerinnen Jana Münster (l.) und Sophia Münster sind Hanni und Nanni.

(Foto: dpa)

Wenn die Münster-Twins dann wieder nach Hause fahren, erwartet sie auch dort die pure Harmonie: Weder Klassenkameraden noch Lehrer missgönnen den beiden ihren Erfolg. Die bodenständig aufwachsenden Vierzehnjährigen widmen sich daheim (bei Mannheim) ihren Aufgaben wie alle Schüler: Hausaufgaben, Drehs nur in den Ferien, Gitarren-  und Klavierunterricht und Chillen mit den Freundinnen steht auf dem Programm. Sie lieben Emma Watson und stehen auf "Die Tribute von Panem", nicht so sehr auf Vampir-Filme. Die Mädchen sind sich ähnlich, schätzen an der anderen aber jeweils ihre Andersartigkeit ("Jana singt viel besser", sagt Sophia). Papa ist immer dabei, wenn sie Interviews geben, und essen tun sie auch vernünftig, wie wir mit eigenen Augen gesehen haben. Ganz normal alles also?

Vielleicht nicht ganz, denn bald - in den Sommerferien - gehen die Dreharbeiten für den dritten Teil los. Doch zurück zum zweiten Teil: Nanni (Sophia Münster) plagen große Sorgen, sie hat das ungute Gefühl, dass ihre Eltern in einer Ehekrise stecken. Die Eltern versuchen zwar, mit allen Mitteln zu verhindern, dass die Zwillinge etwas von ihren Problemen mitbekommen. Aber warum ist der Vater ins Hotel gezogen und taucht auf einmal als Aushilfskoch im Internat auf? Zu allem Überfluss hat die Karriere-Caterin und Mutter einer Mitschülerin, Daphne Diehl (großartig mit den Hüften wackelnd: Barbara Schöneberger), auch noch ein bis zwei Augen auf den charmant-trotteligen Loser geworfen, der mit seinen Kochbüchern nicht wirklich Geld verdient. Auch das vielleicht ein großer Unterschied zum Original - dort wäre man wohl im Traum nicht darauf kommen, einen Vater dermaßen erfolglos und zweifelnd darzustellen.

Lehrer oder Schauspieler - egal

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Eltern sind auch nur Menschen.

(Foto: dpa)

Wenn man "Hanni und Nanni"-Kenner oder zumindest Leser aus einer lang zurückliegenden Zeit ist, dann weiß man, dass die beiden sich in vielem unterscheiden: Hanni ist ein echter Hitzkopf, und Nanni ist die Zurückhaltende. Wie im wahren Leben von Zwillingen sind sie sich sehr nah, aber respektieren die andere. "Wir müssen zum Beispiel nicht immer zusammen Geburtstag feiern", erzählt Sophia. Und überhaupt: "Wir haben jeder einen eigenen Freundeskreis - der sich allerdings an manchen Stellen auch überschneidet, ist ja klar", ergänzt Jana. 

Enid Blyton

Enid Blyton, 1897 in London geboren, begann im Alter von 14 Jahren, Gedichte zu schreiben. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1968 verfasste sie über 700 Bücher und mehr als 10.000 Kurzgeschichten, die in über 40 Sprachen übersetzt wurden. Bis heute gehört Enid Blyton zu den meistgelesenen Kinderbuchautoren der Welt und mit den "Fünf Freunden" hat sie die bekanntesten Helden aller Zeiten geschaffen.

2009 zeigte die BBC eine Dokumentation über die Autorin, die ihre "dunkle Seite" beschreiben sollte. Helena Bonham-Carter glänzt in der Titelrolle: "Die Rolle hat mich gereizt, weil Enid Blyton schlicht bekloppt war", erklärte sie der "Daily Mail". "Sie war ein emotionales Wrack und einfach komplett irre." So ähnlich sieht das auch ihre jüngere Tochter, Imogen Smallwood: Während die ältere, Gillian, die Mutter als "gerecht und liebevoll" beschrieb, lässt Smallwood kein gutes Haar an Blyton: "Sie war arrogant, unsicher und anmaßend." Fest steht jedoch, dass wohl kaum ein Kind noch nie eine Erzählung oder Geschichte von Enid Blyton gehört oder gelesen hat.

Was war denn jetzt die größte Herausforderung an dem Film? Katharina Thalbach weiß es: "Der Beruf des Schauspielers ist dem des Lehrers gar nicht mal so unähnlich: Ich muss sowohl die in der ersten als auch in der letzten Reihe erreichen, sonst hat das alles gar keinen Sinn." Thalbach weiß, wovon sie spricht, sie liebt das Theater. Da passt auch ihre nächste Rolle - sie soll wohl die Kanzlerin in einem Film über den ehemaligen Verteidigungsminister  Karl-Theodor zu Guttenberg spielen. "Dazu sage ich nichts", lächelt jedoch la Thalbach und spricht viel lieber über ihre Interpretationen von Männern, die sie mittlerweile nur zu gewohnt ist.

Sie macht das auf die joviale Art wie in "Zwei auf einer Bank", sie macht das royal wie in "Friedrich - Ein deutscher König" und sie inszeniert, sie singt, sie lebt - hach, sie ist einfach ein Naturereignis. Am besten übrigens daran festzumachen, dass sie während des Interviews mit dem Klempner telefonieren muss, der genauso große Terminfindungsschwierigkeiten hat wie die Prominente mit dem tropfenden Wasserhahn.

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Einer für alle - alle für einen!

(Foto: dapd)

"Hanni und Nanni 2" mit fechtenden, schmachtenden, pubertierenden und zickigen jungen Mädchen, die aber auch die Freundschaft, Loyalität und die Liebe zur Familie ganz groß schreiben, kommt am 17. Mai in die Kinos. Dort kann man sich davon überzeugen, dass es ein Spaß sein kann, etwas zu lernen, wenn die Bedingungen stimmen.

Quelle: ntv.de