Kino

Da lacht die Zahnspange Justin Bieber Superstar

JUSTIN_BIEBER_Szenenbild13.jpg

Ein Star wie aus dem Bilderbuch: Justin Bieber.

Ach, wäre man doch nur ein Mädchen im Zahnspangen-Alter. Dann wäre alles Just-in-Ordnung und die Welt rosarot. Glauben Sie nicht? Dann haben Sie das Phänomen Justin Bieber nicht begriffen. Aber: Never say never - Sie können es lernen. Oder es zumindest versuchen.

Es ist ein bisschen wie diese Werbung für eine Bausparkasse. Die, in der die Tochter ihrem Vater in der Wagenburg erklärt: "Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden." Oder die, in der der lederbejackte Daddy gerade mit seinem Motorrad-Kumpel an Teilen schraubt, als ihm seine "Prinzessin" ihren neuen gescheitelten Freund in Bootsschuhen und mit Umhängepullover vorstellt. So oder so ähnlich dürfte es manchen (potenziellen) Eltern gehen, wenn sie die heranwachsenden Sprösslinge beim Anblick von Justin Bieber ausflippen sehen. Oder sagen wir es - wie die Werbung - konkreter: Vor allem so manchen Vätern und ihren Kumpeln.

Denn da liegt schon ein Teil des Geheimnisses von Justin Bieber: Der 17-Jährige ist eigentlich nicht der Teeniestar, als der er gepriesen wird, sondern "nur" ein Mädchenschwarm. Wer sich den von einer ungeheuren Marketing-Kampagne begleiteten Kinofilm "Never Say Never" des Bubs aus dem kanadischen Örtchen Stratford gibt, bekommt es nahezu im Minutentakt und in schier unendlichen Massen auf Augen und Ohren gedrückt: Mädchen im pubertären und vorpubertären Alter mit Pickeln und Zahnspangen, die "I love him so much" kreischen und felsenfest davon überzeugt sind, dass sie und Justin einmal heiraten werden. Dass sich unter diese Schar immer mal auch vereinzelt ein Junge oder eine quasi betagte Anhängerin jenseits der 20 mischt, kann getrost als normale Ausfallerscheinung verbucht werden.

Weil ich (k)ein Mädchen bin

Mädchen und Jungs, Frauen und Männer haben - nicht im Einzelfall, aber im Gros - ein unterschiedliches Verhältnis zur Musik und ihren Stars. Deswegen spielt bei Justin Bieber auch weniger seine 08/15-Tralala-Musik eine Rolle als dass er ja "sooo süüüß" ist. Deswegen gewinnen bei "Deutschland sucht den Superstar" - bis auf eine, ironischerweise lesbische, Ausnahme - immer die Kerle. Deswegen sind es meist Männer und selten Frauen, deren größter Stolz ihre in Klarsichthüllen verpackte Plattensammlung (oder mittlerweile die akribisch sortierte MP3-Bibliothek) ist. Und deswegen liegt bei Männern das jahrzehntealte Ramones-, Motörhead- oder Nirvana-T-Shirt mit Löchern im Achselbereich noch immer ganz oben im Kleiderschrank, während es als reines Mode-Accessoire bei H&M insbesondere in den Kinder- und Damenbekleidungsabteilungen seine Wiederauferstehung feiert.

JUSTIN_BIEBER_Szenenbild04.jpg

Der Sänger und seine - zumeist weiblichen - Fans.

Was (potenzielle) Väter und Mütter von Kindern im Bieber-ischen Alter indes eint, ist, dass sie im Schnitt irgendetwas zwischen Anfang 30 und Ende 40 sind. Und was haben sie nicht alles miterlebt und mitgemacht: Sie probten den Aufstand mit dem Punk, aalten sich zum New Wave im Narzissmus, schüttelten beim Grunge ihr volles Haupthaar und frönten zu Technoklängen dem Hedonismus. Dazu wurde schon mal ordentlich gepichelt, gekifft oder die eine oder andere Pille geschmissen.

Eine schrecklich nette Familie

Und jetzt das! Ein Jüngelchen, das - egal ob musikalisch, sozial oder kulturell - das glatte Gegenteil von jeglicher Individualität, Lässigkeit und Rebellion zu sein scheint. Ein Bürschchen, das Justin gerufen wird, aber auch Kevin oder Marvin heißen könnte. Ein Steppke, dessen Nachname an ein Nagetier erinnert. Das scheinbar Ausgefallenste an Justin Bieber ist noch seine Frise, die ihn bis vor einiger Zeit (inzwischen hat er den Pony kürzer) noch nötigte, vor lauter Aus-dem-Gesicht-Schütteln eine Genickstarre zu riskieren. Aber was ist das schon im Vergleich zu den auftoupierten und wallenden Mähnen, die die Generation 30 Plus seinerzeit dem Establishment entgegenschleuderten? Biebers Haare sind in etwa so ausgefallen und rebellisch wie einstmals die von Heintje. Doch es gibt einen Unterschied: Während Heintje der Liebling aller Großmuttis war, jubeln Justin Bieber seine Altersgenoss(inne)n zu. Verrückte Welt!

AP081127010031.jpg

Justin Bieber 1.0: Heintje 1969.

Er hat die Haare schön. Und eines dieser "Ich krieg' die Zähne schön"-Mädchen im Film sagt genau das, was als Überschrift über (fast) dem gesamten Streifen und dem Bild von Justin Bieber stehen könnte: "He's just like a regular kid." Weil das so ist, begrüßt uns der Hauptdarsteller zu Beginn von "Never Say Never" auch gleich mal vor einem Simpsons-Poster, so unspektakulär wie der Rest von seinem Zuhause bei Mama in Stratford. Nach und nach lernen wir Justins Familie kennen: Nicht nur seine allein erziehende Mutter, sondern auch seine Großeltern und seinen Vater, der kein Schuft sein kann, weil er ja auch zum Konzert des Buben kommt und den Auftritt mit Pipi in den Augen verfolgt.

Konzertfilm mit biografischen Erläuterungen

Wir sehen Justin in allen ganz normalen bisherigen Lebenslagen eines 17-Jährigen - als sabberndes Kleinkind ebenso wie als mit seinen Freunden herumtollender Junge, der einen Anschiss von Oma kassiert, weil sein Zimmer nicht aufgeräumt ist. Alles ganz normal also, wäre da - selbstredend - nicht dieses außergewöhnliche musikalische Talent: Schon als Dreikäsehoch spielt Justin scheinbar wie ein Großer Schlagzeug. Als Zwölfjähriger begeistert er mit der Klampfe die Passanten vor dem "Avon Theatre" in seinem Heimatort Stratford (der nach der englischen Shakespeare-Stadt benannt wurde und ihr kulturell nacheifert). Und als seine Mutter schließlich ein Video von ihm auf YouTube postet, ist es schon bald nicht mehr nur um ein paar Fußgänger geschehen, sondern um nahezu die halbe Welt.

Es kommt, wie es offenbar ganz einfach kommen musste: Der Musikmanager Scooter Braun wird auf den talentierten Burschen aufmerksam, bringt ihn mit R&B-Megastar Usher zusammen und bei einem großen Plattenlabel unter Vertrag. Von da an gibt es endgültig kein Halten mehr. Die Bieber-Mania schwappt über den Planeten - bis hin zum Auftritt in der "World's Most Famous Arena", den rund 20.000 Zuschauer fassenden "Madison Square Garden" im Herzen von New York, den Bieber binnen Minuten ausverkauft. Dieses Konzert am 31. August 2010 ist es dann auch, das das Herzstück von "Never Say Never" bildet. Die Geschichte vom Aufstieg des kleinen begabten Jungen aus Kanada zum weltweiten Superstar mit einer - so der Tourmanager - "Karriere wie nie zuvor" wird komplett darum herum erzählt. Selbstverständlich in 3D, denn das schafft zusätzliche Momente der Überhöhung.

Die Maschinerie des Erfolgs

Aber natürlich stimmt die Darstellung (noch) nicht so ganz. Denn in seiner jungen Karriere hat Bieber bislang eigentlich nur die (Mädchen-)Herzen im angelsächsischen Raum im Sturm erobert. In Deutschland etwa gelang ihm bisher noch kein einziger Top-Ten-Hit, und auch in den Album-Charts schaffte er es nicht weiter als auf Platz sieben. Nicht zuletzt deshalb dürfte das Getöse um "Never Say Never" auch so laut sein wie es ist - der Funke soll endlich auch hierzulande vollends überspringen und die Zahnspangen in ganz Europa zum Glühen bringen.

JUSTIN_BIEBER_Szenenbild06.jpg

In Usher hat Justin Bieber einen Mentor gefunden.

Justin Bieber mag bestimmt nicht ohne Begabung sein, für den erwachsenen Zuschauer offenbart sich zwischen den Zeilen des Films aber, was natürlich viel entscheidender für einen Erfolg wie den des 17-Jährigen ist. Um den Jungen gruppiert sich eine ganze Maschinerie an Unterstützern und Teilhabern des Hypes - von Managern, Stylisten und Technikern bis hin zu Musiker-Kollegen wie Usher, Snoop Dogg und Miley Cyrus. Was, so Biebers persönliche Stimmtrainerin, der Knabe vor allem begreifen müsse, sei: "He's a working man." Erfolg kommt eben selten von ungefähr - und globaler Superstar wird auch dieser Junge nicht allein durch ein paar schnucklige Internet-Videos.

Dennoch: Biebers Aufstieg basiert nicht unerheblich auf seinen Anfängen und fortwährenden Verankerungen in den digitalen Medien. Das zeigt auch der Film ganz unprätentiös. Auf YouTube - Justin Biebers Clip "Baby" ist heute das dort meistgesehene Video aller Zeiten - folgten Facebook und Twitter. Mit Hilfe von Social Media schuf sich der Kanadier eine stetig wachsende Fangemeinde und hält diese auch bis heute bei der Stange. Glaubt man dem Filmverleih von "Never Say Never", verbringt er pro Tag allein mit Twitter "mindestens zwei Stunden". Der Dank sind knapp acht Millionen Follower. Nur eine hat mehr: Lady Gaga.

Der Kreis schließt sich

So ist Justin Bieber Superstar tatsächlich auch eine Ausgeburt der schönen neuen digitalen Welt. Die im Film aufgestellte These, seine Fans sähen in ihm ein Idol, das sie selbst geschaffen und nicht vorgesetzt bekommen hätten, dürfte nicht ganz von der Hand zu weisen sein. Ein wenig schließt sich hier auch der Kreis zu dem Teenagern scheinbar innewohnenden Drang nach Rebellion und Abgrenzung. Ihre Eltern mögen Lederjacken tragen und Slayer hören - mit Facebook, Twitter und Co aber wissen viele von ihnen nichts anzufangen.

JUSTIN_BIEBER_Filmplakat.jpg

"Never Say Never" läuft ab 10. März 2011 in den deutschen Kinos.

Dass es nun ausgerechnet ein so glatt gebügelt daherkommender Typ wie Justin Bieber sein muss, der die Kids in seinen Bann zieht, sei verziehen. Vielen Eltern wird das (und wenn auch nur insgeheim) am Ende doch lieber sein, als wenn sich ihre Tochter in Lady-Gaga-Outfits wirft. Zudem muss erst noch einmal abgewartet werden, ob das Bieber-Phänomen wirklich auch diesseits des großen Teichs so richtig zündet. Irgendwie ist diese Saubermann-Masche des Kanadiers doch sehr US-amerikanisch. Einer im Film verbreiteten Annahme wollen wir jedenfalls schon einmal den Wind aus den Segeln nehmen. Nämlich der, dass der 17-Jährige definitiv gekommen sei, um zu bleiben. Schlägt er nach seinem Großvater, dann dürfte er schon in wenigen Jahren mit einer beginnenden Halbglatze zu kämpfen haben. Just zu der Zeit, in der seine von den Zahnspangen befreiten Anhängerinnen ihr schönstes Lächeln präsentieren werden. Das wird schwer für Justin.

Quelle: ntv.de