Kino

She kissed a girl and we like it Katy Perry ungeschminkt

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"Thank you so much for believing in my weirdness": Katy Perry.

(Foto: Paramount Pictures)

Mit "I Kissed A Girl" ging es los. Von da an gab es für Katy Perry kein Halten mehr. Binnen kürzester Zeit wurde die Sängerin zum weltweiten Megastar. Die Film-Dokumentation "Part Of Me" zeichnet Perrys Blitzkarriere nach. Interessant ist sie jedoch vor allem auf Grund ihrer intimen Einblicke.

Abba haben ihren eigenen Film. Die Spice Girls haben ihren eigenen Film. Ja, sogar Justin Bieber hat seinen eigenen Film. Weshalb also sollte nicht auch Katy Perry diese Ehre zuteil werden? Okay, vielleicht hätte man in diesen Tagen noch eher einen Leinwandausflug von Lady Gaga erwartet. Aber abwegig ist dies auch im Falle von Katy Perry nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man sich die Karriere der mittlerweile 27-Jährigen in den USA vor Augen führt.

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Binnen kürzester Zeit wurde die Sängerin zu everbody's darling.

(Foto: Paramount Pictures)

Nach ihrem Durchbruch mit der im Mai 2008 veröffentlichten Single "I Kissed A Girl" avancierte Perry binnen kürzester Zeit zu everybody's darling. Bereits ihr darauf folgendes Album "One Of The Boys" wurde zum Millionenseller. So richtig ab ging es für die Sängerin allerdings erst mit dem Nachfolger "Teenage Dream", der unter anderem die Songs "California Gurls", "Firework" und "E.T." enthielt. Mit den Singles aus dem Album schrieb Perry in den USA Musikgeschichte. Fünf Lieder in Folge eroberten die Spitzenposition der Billboard-Charts. Als Erste überhaupt schaffte es Perry, ein komplettes Jahr am Stück in den US-amerikanischen Top Ten zu verbringen.

Plattenindustrie, Radiostationen und sonstige Medien, darunter nicht zuletzt MTV, schienen sich über Nacht in das California Girl aus Santa Barbara verliebt zu haben. So sehr, dass man sie auch sogleich auf Mission nach Europa schickte. Wiederum als bislang Erste und Einzige durfte Perry 2008 und 2009 die Europe Music Awards zweimal nacheinander moderieren. Gerade mal ein Jahr nach ihrem ersten Hit absolvierte die Sängerin zudem eines der prestigeträchtigen MTV-Unplugged-Konzerte. Österreichische Telefonanbieter rissen sich nun ebenso um Perry als Testimonial wie deutsche Fernsehsender. Mit einem Jahreseinkommen von laut Forbes geschätzten 45 Millionen Dollar stieg die Kalifornierin ruckzuck zur Top-Verdienerin im Musikgeschäft auf.

Drei-, zwei- und eindimensional

Natürlich liefert die Dokumentation "Katy Perry - Part Of Me" keine wirkliche Analyse dieses Erfolgs. Dass sich der Film in erster Linie an Fans und nicht an Musikhistoriker richtet, wird schon beim Blick auf seine Hintermänner klar. Im Großen und Ganzen sind das die gleichen, die bereits für Justin Biebers Kino-Denkmal "Never Say Never" 2011 verantwortlich zeichneten - von MTV über den Konzertveranstalter AEG Live (ja, genau der, der auch Michael Jacksons letzte Tour organisieren sollte) bis hin zum Filmvertrieb Paramount. Dementsprechend ähnlich ist die Machart.

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Schrill, bunt und irgendwie doch auch ziemlich amerikanisch - Katy Perry auf der Bühne.

(Foto: Paramount Pictures)

Im Zentrum des Streifens steht ein dreidimensionaler Konzertmitschnitt von Perrys Auftritt im Staples Center von Los Angeles am 23. November 2011. Darum herum geht es indes bestenfalls zweidimensional zu. Nicht nur, was die Filmbilder angeht, sondern auch mit Blick auf die Handlung. Ein Erzählstrang lässt abrissartig die Ereignisse während der "California Dreams"-Welttournee der Sängerin Revue passieren - inklusive der Herz-Schmerz-Geschichte ihrer gescheiterten Ehe mit Schauspieler Russell Brand. Der andere beschreibt ziemlich eindimensional Perrys Aufstieg zum Megastar - als Ergebnis von Durchhaltevermögen, Fleiß und Chuzpe.

Schon mit neun Jahren habe die gebürtige Katy Hudson von einem Leben als Popstar geträumt, erfahren wir da. Doch als Tochter streng christlicher Eltern - beide sind Pastoren - landet sie erst einmal bei der Kirchenmusik. Mit 17 veröffentlicht sie ein Gospel-Album, von dem zum damaligen Zeitpunkt so gut wie niemand Notiz nimmt. Schwer beeindruckt von Alanis Morissette, entschließt sich Perry schließlich kurzerhand bei deren Produzent Glen Ballard an die Tür zu klopfen. Ballard wiederum ist seinerseits von Mut und Talent der jungen Sängerin so schwer beeindruckt, dass er sie unter seine Fittiche nimmt.

Doch dann verlässt Perry erst einmal wieder das Glück. Zwei Plattenfirmen lassen sie fallen, noch bevor ein Song von ihr veröffentlicht ist. Als ihre vielleicht schlimmste Stunde beschreibt ihr jüngerer Bruder den Moment, in dem sie sogar ihn um Geld anzupumpen versuchte. Erst das dritte Label gibt Katy Perry eine Chance - mit "I Kissed A Girl". Der Rest ist bekannt.

Der amerikanische "Teenage Dream"

Natürlich ist diese Selfmade-Geschichte nach dem Prinzip "Vom Tellerwäscher zum Millionär" und der Philosophie "Wer es wirklich will, kann es auch schaffen" nur ein Teil der Wahrheit. Der Rest lässt sich zwischen den Pixeln des Films herauslesen. Perrys knallbuntes Auftreten ist ebenso abgedreht, wie es zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten gut passt. Ihr christlicher Hintergrund wirkt dabei auch auf konservative Kreise versöhnlich. Nur Lady Gaga kommt derzeit noch verrückter rüber. Das macht sie - gemessen an den Forbes-Zahlen - zwar noch erfolgreicher als Perry, aber zugleich auch unberechenbarer - das belegen zahlreiche Anekdoten vom Fleisch-Kleid über das "Judas"-Video bis hin zu ihrem jüngsten Streit mit den Tierschützern von Peta über das Tragen von Pelzen.

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Mit Haarnetz ...

(Foto: Paramount Pictures)

Während Perry ihr fast beschämt klingendes "I kissed a girl and I liked it" flötet, ist Lady Gaga in ihren Videos schon beinahe beim Geschlechtsverkehr angelangt - mit Männlein wie Weiblein. Und: Perry ist zweifelsohne hübscher als Gaga. Deswegen darf man sie im Kino auch ruhig mal mit einem Haarnetz und (weitgehend) ungeschminkt zu Gesicht bekommen. Ihrer Außenwirkung tut das keinen Abbruch.

So gesehen, ist Katy Perrys Erfolg tatsächlich der vielleicht noch einen Tick perfekter wahr gewordene amerikanische "Teenage Dream" - weil er doch ziemlich clean daher kommt. Ja, man muss anerkennen, dass ihre Karriere ein gutes Stück auch auf das eigene Konto der Sängerin geht, die viele ihrer Lieder selbst schreibt. Zugleich jedoch passt ihre vergleichsweise brave Andersartigkeit bestens ins Popstar-Raster, das von Medien und Öffentlichkeit in den USA gern goutiert wird. "Thank you so much for believing in my weirdness", ruft Perry im Film ihrem Publikum zu. Besser hätte man es nicht ausdrücken können.

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... und abgeschminkt - so bekommt man den Popstar in "Part Of Me" auch zu sehen.

(Foto: Paramount Pictures)

Nein, Perry ist kein durchgängig "gemachter" Popstar, auch wenn Lily Allen ihr das aus Wut einmal unterstellt hat. Mit Perry habe man wohl eine "amerikanische Version" von ihr erschaffen wollen, giftete die Britin Allen in Richtung der Kalifornierin. Allerdings war dies eine Retourkutsche auf eine vorangegangene Bemerkung Perrys, sie sei so etwas wie eine "dünnere Version" von Allen. Eine Bemerkung, für die sich die US-Amerikanerin später entschuldigte. Doch allein, dass sie sich selbst als "Version" bezeichnete, sagt schon so Einiges aus.

Schwamm drüber. Im Nachhinein ist die Diskussion, wie groß oder klein nun der Eigenanteil Perrys an ihrem Aufstieg zum Mega-Popstar war, müßig. Wesentlich interessanter ist da eigentlich der zweite Erzählstrang des Films, der zeigt, wie es sich denn nun nach diesem Aufstieg so lebt. "Um den Jungen gruppiert sich eine ganze Maschinerie an Unterstützern und Teilhabern des Hypes" - das hatten wir geschrieben, als wir uns vor rund einem Jahr mit Justin Biebers "Never Say Never" auseinandergesetzt haben. Und im Prinzip lässt sich das eins zu eins auf die junge Frau Katy Perry übertragen.

Apparat, Maschine, Roboter

Wenn in der Dokumentation Manager, Produzenten, Assistenten, Stylisten, Fotografen oder Make-Up-Artists die Sängerin unablässig über den grünen Klee loben, macht dies zweierlei deutlich. Zum einen, wie groß der Apparat hinter einem Weltstar wie Perry ist. Zum anderen, wie komplett abhängig der ganze Apparat von dem Fixstern ist, um den er kreist. "Part Of Me" heißt die Doku - ein Versprechen an die unzähligen anonymen Fans, dass sie für rund eineinhalb Stunden zu echten Teilhabern am Leben ihrer Ikone werden dürfen. Doch ebenso gut ließe sich der Titel auf die Menschen im unmittelbaren Umfeld der Sängerin übertragen. Sie alle sind ein Teil der Maschine, die den Megastar-Erfolg am Leben erhält. Und sie alle wollen nicht nur an diesem Erfolg teilhaben, sie müssen es auch. Schließlich verdienen sie damit ihre Brötchen.

Kaum deutlicher könnte dies werden als in der Szene des Films, die Perry vor ihrem Auftritt im brasilianischen Sao Paulo im September 2011 zeigt und die durchaus authentisch wirkt. Nach monatelanger Tour scheint die Sängerin ohnehin schon reichlich ausgelaugt zu sein. Die Probleme in ihrer Beziehung mit Russell Brand bringen sie vor dem Konzert jedoch offenbar sogar an den Rand eines Zusammenbruchs. Während Zehntausende Fans in der Freiluftarena auf ihren Auftritt warten, ist Perrys Stab damit beschäftigt, sie mental aufzurichten. Eine wirkliche Alternative dazu gibt es nicht. Alles und alle sind auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass der Star allen Widrigkeiten zum Trotz hier und jetzt funktioniert.

Und Perry funktioniert. Noch als sie in den Aufzug steigt, mit dem sie auf die Bühne gefahren wird, wischt sie sich die Tränen vom Gesicht. Nur wenige Augenblicke später, auf die Sekunde genau, in der der Lift sie an die Oberfläche bringt, hat sie ein strahlendes Lächeln aufgelegt, als sei sie gerade der glücklichste Mensch auf Erden. Doch auch eine wie Katy Perry ist kein Roboter. Als die Menge sie in "Katy, wir lieben dich"-Sprechchören feiert, kann sie die Tränen abermals nicht länger unterdrücken. Es sind Einblicke wie diese, die eine derartige Dokumentation interessant machen. Das überzeichnete Brimborium darum herum kann man indes getrost vergessen.

Die Dokumentation "Katy Perry - Part Of Me" wird vom 23. bis 29. August 2012 deutschlandweit in diversen Kinos im Rahmen spezieller Fan-Vorführungen gezeigt (Termine bitte den Kinoprogrammen entnehmen). Reguläre Kinovorstellungen sind derzeit nicht geplant. Ein Termin für eine mögliche DVD-Veröffentlichung in Deutschland ist noch nicht bekannt (die US-DVD erscheint am 18. September 2012).

Quelle: n-tv.de

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