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"Das Vergangene" - Marie wird von alten Beziehungen eingeholt. Darstellerin Bejo wurde für ihre Leistung in Cannes prämiert.
"Das Vergangene" - Marie wird von alten Beziehungen eingeholt. Darstellerin Bejo wurde für ihre Leistung in Cannes prämiert.(Foto: Camino Filmverleih / Carole Bethuel)
Donnerstag, 30. Januar 2014

"Das Vergangene" zerreißt die Familie: Im Gestrüpp der Gefühle

Von Markus Lippold

Fernab von Eiffelturm und Champs-Élysées lebt Marie in einem Pariser Vorort. Als Ex-Mann Ahmad auftaucht, um die Scheidung zu vollziehen, eskalieren die Konflikte in der Patchwork-Familie. Regisseur Farhadi macht daraus großes Kino.

Marie (Bejo) und Ahamd (Mosaffa) treffen nach vier Jahren wieder aufeinander.
Marie (Bejo) und Ahamd (Mosaffa) treffen nach vier Jahren wieder aufeinander.(Foto: Camino Filmverleih / Carole Bethuel)

Die Familie - sie kann der Ort größter Liebe, aber auch schmerzlichster Verletzungen sein. Ein Ort der Geborgenheit, aber auch der unbarmherzigen Zerfleischung. In "Le Passé - Das Vergangene" von Regisseur Asghar Farhadi ist sie beides.

Das sieht man schon an den beiden Hauptpersonen: Ahmad (Ali Mosaffa) und Marie (Bérénice Bejo, "The Artist") sind seit vier Jahren kein Paar mehr. Damals kehrte er in den Iran zurück. Nun kommt er jedoch noch einmal nach Paris, um die Scheidung abzuschließen.

Die Frau liegt im Koma

Schon bei der ersten Begegnung am Flughafen sieht man, wie nah sich beide einst standen, wie vertraut sie mit den Eigenheiten des jeweils anderen sind. Aber auch, dass alte Konflikte und Streitigkeiten jederzeit wieder aufbrechen können. Das gilt erst recht, da Ahmad nicht ins Hotel zieht, sondern in dem Haus einquartiert wird, in dem er einst mit Marie und ihren beiden Kindern aus erster Ehe lebte. Es ist ein trister Pariser Vorort, fernab vom glamourösen Zentrum - die Straßen und die zwischenmenschlichen Beziehungen sind hier gleichermaßen mit Schlaglöchern übersäht.

Doch inzwischen ist Marie mit Samir (Rahim) zusammen.
Doch inzwischen ist Marie mit Samir (Rahim) zusammen.(Foto: Camino Filmverleih / Carole Bethuel)

Erschwert wird das Wiedertreffen von Ahmad und Marie durch die Präsenz von Samir (Tahar Rahim), von dem Marie schwanger ist. Auch er lebt in diesem Haus, zusammen mit seinem kleinen Sohn Fouad (Elyes Aguis). Dass hier alle zusammenkommen, hat einen Grund: Marie möchte, dass Ahmad herausfindet, warum Teenager Lucie (Pauline Burlet) derzeit so unausstehlich ist.

Nur widerwillig will Ahmad in diese Familienprobleme hineingezogen werden - schließlich hat er mit diesem Kapitel abgeschlossen. Doch die Vergangenheit holt ihn wieder ein. So werden nach und nach die schwierigen Beziehungen der Protagonisten entschlüsselt, kommen immer neue Geheimnisse ans Tageslicht. Etwa, dass Samir noch verheiratet ist, seine Frau aber im Koma liegt. Und dass Lucies und Marie daran nicht ganz unschuldig sind.

Familiendrama und Kriminalstück

Regisseur Farhadi erweist sich dabei erneut als Meister der Erzählkunst. Schon sein letzter Film "Nadir und Simin" erzählte von der Komplexität familiärer und zwischenmenschlicher Beziehungen. Er gewann damit den Goldenen Bären und den Oscar für den besten fremdsprachigen Film - der erste für den Iran überhaupt.

Ahmad ist ruhig und ausgeglichen - er versteht sich auch mit den Kindern gut.
Ahmad ist ruhig und ausgeglichen - er versteht sich auch mit den Kindern gut.(Foto: Camino Filmverleih / Carole Bethuel)

Hatte dieser Film aber noch einen politischen Hintergrund, weil er im Iran spielt, konzentriert sich Farhadi in "Le Passé - Das Vergangene", der in Frankreich produziert wurde, ganz auf die Familie. Selbst die Tatsache, dass Ahmad im Iran lebt, wird nicht thematisiert, über sein gegenwärtiges Leben erfährt man - leider - nichts. Stattdessen ergreift die Vergangenheit zunehmend Besitz von den Figuren.

Gefühlschaos mit Wendungen

Der Zuschauer wird tief hineingezogen in dieses Gefühlschaos. Dafür sorgen schon die geschickt platzierten Wendungen. Durch sie wandelt sich das Familiendrama fast schon zum Kriminalstück. Einem Detektiv gleich entwirrt Farhadi das Gestrüpp aus Verletzungen, Eifersucht und Schuld, in dem die Personen gefangen sind. Mit kleinen Gesten und pointierten Dialoge spielt er dabei seine Klasse als Meistererzähler des Kinos aus, auch wenn der Film am Ende doch etwas zu lang wirkt.

Dafür ist das große Glück des Regisseurs, dass er sich auf seine Schauspieler verlassen kann - sie liefern glänzende Leistungen ab. Mosaffa und Bejo etwa harmonieren als Paar zwischen Scheidung und neu erwachenden Gefühlen. Der Iraner spielt den ruhigen, vermittelnden Ahmad, dem die Auseinandersetzungen mit Marie zu schaffen machen. Marie dagegen enthüllt nie ihre wahren Beweggründe, sondern schwankt zwischen den verschiedenen Konfliktherden hin und her. Für diese Leistung wurde die argentinisch-französische Schauspielerin in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet. Daneben überzeugen aber auch Burlet als Lucie und Aguis als Fouad - beide Kinder drohen an den Ereignissen zu zerbrechen. Sie sind es, die unter der Vergangenheit der Erwachsenen am meisten zu leiden haben.

"Le Passé - Das Vergangene" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de