Kino

Bruce Willis in "Moonrise Kingdom" Steck den Finger in die Steckdose

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"Moonrise Kingdom" mit Bruce Willis und Bill Murray ist ein Meisterwerk. Die eigentlichen Stars sind aber Sam und Suzy - mit Luftgewehr, Plattenspieler und Katze machen sie sich auf den Weg.

Skurril, verschroben, kurios, bizarr, komisch, grotesk: Es gibt viele Wörter, die Figuren aus "Moonrise Kingdom" zu beschreiben. Regisseur Wes Anderson verfrachtet sie alle auf eine kleine Insel. Und da beginnt der großartige Spaß, zwischen Pfadfindercamp und Sturmtief. Bill Murray macht es richtig: Er nimmt eine Axt und sucht sich einen Baum.

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Die Pfadfinder fragen sich: Wo ist Sam?

"Auch kluge Kinder stecken manchmal ihre Finger in die Steckdose", heißt es in Wes Andersons großartigem neuen Film "Moonrise Kingdom". Die klugen Kinder heißen Sam (Jared Gilman) und Suzy (Kara Hayward) und die Steckdose ist nicht wörtlich gemeint - für solche Fingerübungen sind beide nun wirklich zu intelligent. Nein, die Steckdose steht für ihre Liebe, die die Erwachsenen als Dummheit abtun. Doch den beiden ist es sehr ernst. So ernst, dass sie durchbrennen. Es könnte so schön sein, in diesem Sommer 1965, in dieser malerischen Bucht namens "Moonrise Kingdom".

Wo soll Sam auch hin? Seine Eltern sind gestorben und seine Pflegefamilie hat beschlossen, ihn nicht zurückzunehmen, wenn er aus dem Sommerlager seiner Pfadfinder, den "Khaki Scouts", zurückkommt. Das Jugendamt (personifiziert in Tilda Swinton) ist schon in Lauerstellung, um sich des schwierigen Jungen anzunehmen. Suzy dagegen hat zwei verschrobene Eltern (Frances McDormand, Bill Murray) und drei Brüder. Weg will sie trotzdem.

Luftgewehr, Katze, Plattenspieler

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Inselpolizist Sharp kann schon mal handfest werden.

(Foto: Tobis Film)

Als Sam Suzy begegnet, trifft ihn der Blitz. Sie spielt in einem Kirchenspiel mit, auf jener Insel vor der Küste Neuenglands, auf der Suzy lebt und auch das Sommercamp der "Khaki Scouts" steht. Suzy ist als Rabe verkleidet, Sam liebt Raben, folglich ist es um ihn geschehen. Fortan schreiben sich die beiden Kinder Briefe und planen die gemeinsame Flucht. Als Sam im folgenden Sommer erneut das Sommercamp besucht, setzen beide ihren Plan in die Tat um. Sie hauen ab, eine Campingausrüstung, ein Luftgewehr, eine Katze, einen Plattenspieler und jede Menge Fantasy-Bücher im Gepäck.

Suzys aufgebrachte Eltern, Inselpolizist Sharp (Bruce Willis) und Pfadfinder-Betreuer Ward (Edward Norton) begeben sich auf die Suche nach den Ausreißern. Sie sind der festen Überzeugung, dass zwei Zwölfjährige unmöglich etwas von Liebe wissen können. Dabei wissen sie es selber nicht. Suzys Mutter hat eine Affäre mit Sharp und Suzys Vater davon keine Ahnung. Die Ehe der beiden Anwälte ist am Ende, im Bett gehen sie nochmal ihre Fälle durch. Das sind keine guten Voraussetzungen, um die beiden Kinder jemals wiederzufinden. Zumal sich ein heftiger Sturm auf die Insel zubewegt. Eine Hilfe bei der Suche sind wenigstens die übrigen Pfadfinder, sie sind schließlich vom Fach. Und sie sind bewaffnet.

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Mann für skurrile Filme: Wes Anderson.

(Foto: Tobis Film)

So weit so gut. Es ist eigentlich wie immer bei Wes Anderson: Man nehme geniale, altkluge Kinder, packe sie in verkorkste Familien (die Väter sind immer schuld), lasse die Familien auseinanderbröseln und dann langsam wieder zu sich selbst finden. Das wird unfassbar detailverliebt und authentisch erzählt, mit viel Gefühl für die Zeit und die Figuren, mit viel skurrilem Witz, unzähligen Anspielungen (als kämen die Pfadfinder grad aus dem Vietnamkrieg), unvorhersehbaren Wendungen und einer Handvoll Action. Fertig ist ein wunderbarer Film.

Namhaftes Ensemble

Tatsächlich könnte man Anderson vorwerfen, dass seine Filme immer um ähnliche Probleme kreisen. Man könnte ihm vorwerfen, dass seine Mittel sich immer ähneln: Kamerafahrten durch halb aufgeschnittene Szenerien - man denke nur daran, wie Bill Murray in "Tiefseetaucher" sein Schiff vorstellt -, Spiele mit der Perspektive, sorgsam komponierte Bilder, Erklärungen aus dem Off und eine volle Packung 60s-Musik obendrauf. Man kennt das mehr oder weniger aus "Die Royal Tenenbaums", "Die Tiefseetaucher", "Darjeeling Limited" und selbst aus dem wunderbaren Trickfilm "Der fantastische Mr. Fox".

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Fans fragen sich bereits, warum Bruce Willis (hier mit Frances McDormand) plötzlich wie Willie Tanner aussieht.

(Foto: Tobis Film)

Wie gesagt: Man könnte ihm all das vorwerfen. Man sollte es aber lassen. Denn Anderson gelingt mit "Moonrise Kingdom" ein wunderbarer, warmherziger Film. Das liegt nicht nur an dem namhaften Ensemble: Bruce Willis und Bill Murray (der das sechste Mal mit Anderson zusammenarbeitet), Frances McDormand und Tilda Swinton, Edward Norton und Harvey Keitel haben sichtlich Spaß an ihrem Spiel. "Moonrise Kingdom" überzeugt auch nicht nur, weil Anderson seine Liebesgeschichte stringent und konzentriert erzählt, was ihm in früheren Filmen nicht immer gelang.

Küsse und France Gall

Der Film entfaltet vor allem deshalb seine Pracht, weil nicht die Erwachsenen im Vordergrund stehen, denen langsam ihr Leben entgleitet. Es liegt daran, dass die Kinder die Hauptrolle spielen. Es ist ein Spaß, wie die altklugen Zwölfjährigen konsequent an ihren Träumen und Idealen festhalten, wie sie trotz widriger Umstände an die Liebe glauben und damit die Erwachsenen locker ausstechen. Sam und Suzy sind trotz (oder wegen) ihrer Verschrobenheit die eigentlichen Stars des Films. Dabei ist es sowohl für Gilman als auch für Hayward die erste Kinorolle.

Doch wie die beiden in ihrer kleinen Bucht stehen, unbeholfen zu France Gall tanzen, sich zum ersten Mal küssen und die Funken sprühen wie beim Griff in die Steckdose - das gehört zu den schönsten Momenten des Films. Und dieser Film ist reich an schönen Momenten, wenn man etwa Bill Murray mit einer Axt, einer Flasche Wein und einem Baum kombiniert. Wes Anderson ist vielleicht weniger ein Regisseur als ein Dirigent, der sein Ensemble auf wunderbare Weise durch die Wirrungen und Irrungen des Lebens geleitet. Mit "Moonrise Kingdom" beweist er dies aufs Neue. Schöner, komischer, phantasievoller ist Kino selten.

"Moonrise Kingdom" startet am 24. Mai in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de