Kino

Aynur und ihre Brüder "Nur eine Frau" - wichtigster Film des Jahres

In Berlin wird eine junge Frau von ihrem Bruder auf offener Straße erschossen. Nicht weit vom Tatort entfernt schläft ihr kleiner Sohn in der Wohnung. "Nur eine Frau" erzählt Hatun Aynur Sürücüs Geschichte, Regisseurin Sherry Hormann spricht mit n-tv.de über eine Hinrichtung, die "Ehrenmord" genannt wird.

Wohl wissend, welche Verantwortung auf ihren Schultern lastet, wenn sie sich eines solchen Themas annimmt, hat Sherry Hormann einen Film gedreht, der - leider - hochaktuell ist. Obwohl ein Fall behandelt wird, der fast 15 Jahre zurückliegt, geht der Film unter die Haut und lässt uns an manchen Stellen verzweifeln. "Nur eine Frau" ruft dazu auf, dranzubleiben: am Thema, an unseren Mitmenschen, und an unseren Unterschieden und Ansichten nicht zu verzweifeln. Regisseurin Hormann liefert mit "Nur eine Frau" nicht nur einen Film ab, in dem es um das Thema "Ehrenmord" geht, sie hat einen genauestens recherchierten Film - produziert von Sandra Maischberger - gedreht, in dem es auch um häusliche Gewalt und Gewalt an Frauen geht, wie sie täglich unter uns stattfindet. Der Film schafft es, mit einer ungewöhnlichen Erzählweise, nämlich aus der Sicht des Opfers, und trotz der Schwere, dass der Zuschauer nicht erschlagen aus dem Film herausgeht, auch wenn er von Anfang an weiß, wie schrecklich er enden wird. Wir erleben eine junge Frau voller Optimismus und Lebensmut, dargestellt von der fantastischen jungen Schauspielerin Almila Bagriacik, die uns trotz allem lehrt, dass wir kämpfen und mutig sein müssen und dass wir die Hoffnung nicht aufgeben sollen. Ihre Lebensfreude ist ansteckend, sie nimmt den Zuschauer an die Hand, weil sie sich nicht als Opfer sieht, sondern als erwachsene Person, die ein Recht auf ihr Leben hat. Hormann ("Wüstenblume") hat einen fast unmöglichen Spagat geschafft mit diesem Film. Sie entwirft das authentische Bild einer lebenshungrigen, freiheitsliebenden und mutigen jungen Frau, die darum kämpft, selbstbestimmt leben zu können. Darüber spricht n-tv.de mit ihr.

ntv.de: Sie erzählen die Geschichte von Hatun Aynur Sürücüs aus ihrer persönlichen Perspektive, obwohl sie doch gar nicht mehr unter uns ist … Warum?

Sherry Hormann: Genau deshalb. Dieser Film ist eine wirkliche Herzensangelegenheit und ich glaube und hoffe, dass man das auch spürt. Wir erzählen immer so viel über die Täter, wir sprechen über einen "Fall", wir fragen uns: Wie konnte es dazu kommen? Ich wollte mich auf nur einen Aspekt fokussieren, weil man, wenn man sich auf nur einen Aspekt fokussiert, alles andere vielleicht besser verstehen kann.

Und dieser eine Aspekt ist in dem Fall die Sicht der Dinge aus der Perspektive des Opfers.

Genau. Aynur ist ein absolutes Vorbild, finde ich, sie hat für mich etwas von einer Kriegerin. Einer fragilen Kriegerin, aber einer, die ihre Stimme erhebt.

2c5b2ca4626bc20afdc4895222e725b7.jpg

Sherry Hormann, Almila Bagriacik, Aram Arami, Rauand Taleb und Sandra Maischberger (v.l.) bei der Premiere im Berliner Kino International.

(Foto: dpa)

Ich weiß gar nicht, welche Person ich toller finden soll: die Schauspielerin oder die echte Person. Immerhin lebt Aynur durch Almila Bagriacik weiter, wie ich finde, und das macht sie großartig.

Wirklich unglaublich, wie Almila Aynur spielt. Aynur, die vom eigenen Bruder erschossen wurde, dessen Windeln sie gewechselt hat, im Namen der Ehre. Von einem Bruder, den sie geliebt hat, den sie mit großgezogen hat. Ich weiß, dass es für Almila nicht einfach war, an dieser Bushaltestelle zu stehen. Dort, wo der Mord passierte, wo sie diese Waffe ins Gesicht gehalten bekommen hat.

Zu wissen, dass man am Original-Tatort ist, stelle ich mir auch sehr hart vor. Zu wissen, dass das eine wahre Geschichte ist, ist unglaublich. Und auf der anderen Seite ist sie so grausam, dass man sie fast nicht glauben würde, wenn sie ausgedacht wäre. Man bleibt, auch wenn man das Ende der Geschichte kennt, atemlos dran an der Story, auch wenn man immer reinrufen möchte: "Hau ab, bring' dich in Sicherheit!! Höre auf deinen anderen Bruder!"

Ja, es war auch beim Dreh fast nicht auszuhalten, dass die Dinge so ihren Lauf genommen haben, wie sie sie nun mal nehmen mussten.

Haben Sie beispielsweise mit dem älteren Bruder sprechen können?

Nein, wir haben mit niemandem aus der Familie, aber mit Freunden und den Jugendberatern gesprochen. Wir haben Gespräche mit den Anwälten geführt, beider Seiten, wir haben die Gerichtsakten gelesen. Dadurch bekommt man ein gutes Bild einer Person. Wenn man dann noch an die Original-Schauplätze geht, um zu drehen, dann verdichtet sich der Eindruck. Wir haben viele Menschen getroffen, die Aynur kannten, die sich an sie erinnerten, und immer wenn wir uns gefragt haben, war es wirklich so, war sie wirklich so, dann kam jemand und hat uns bestätigt.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel wurde uns bestätigt: Ja, dieses Mädchen, diese Frau, war voller Lebensfreude.

Es ist wirklich überaus schmerzhaft, dabei zuzugucken, wie dieses junge Leben ausgelöscht wird, weil es so klar ist, dass sie noch so viel hätte erreichen können. Mal abgesehen davon, dass sie eine Mutter war, ist ihr Tod eine so unglaubliche Verschwendung von Leben, von Energie, von Liebe ...

Man muss sich einfach immer wieder klarmachen, dass Aynur eine von uns ist, dass das in der Stadt passiert ist, in der ich lebe. Dass so etwas immer wieder passiert, immer noch, ist unvorstellbar.

Es ist eine Welt, in der man eigentlich nicht leben möchte. Jeder, der kann, wird doch versuchen, aus Gegenden, in denen so etwas passiert, wegzuziehen.

18cd8d3b9379521d7544b8ae6ea19067.jpg

Almila Bagriacik als Hatun Aynur Sürücü.

(Foto: dpa)

Ja, man zieht sich zurück, man scheut irgendwann die Konfrontation, und das ist falsch.

Aber es gibt noch andere Welten im Film außer der, wo ein "Ehrenmord" am Ende steht.

Ja, deswegen war es mir auch wichtig, die Geschichte von Evin und ihrer Mutter, einer selbstbewussten, selbstständigen Türkin, zu erzählen. Auch die des Meisters, der Aynur immer gefördert und sie nicht anders behandelt hat als andere Auszubildende. Mir war wichtig zu zeigen, dass es nicht nur die Familie Sürücü gibt, sondern auch liberale Muslime. Und die Zivilcourage, die Menschen wie Evin und ihre Mutter gezeigt haben, ist wirklich bewundernswert. Für mich sind sie die wahren Helden.

Sind Sie eigentlich 2017 nochmal auf das Thema aufmerksam geworden, als der Prozess beendet war?

Ich bin bereits vor 14 Jahren darauf aufmerksam geworden, als das alles durch die Presse ging. Ich wollte unbedingt wissen, wer diese Frau war, weil ich ihr Gesicht so interessant fand. Und mich hat auch die Geschichte ihres Kindes interessiert: seine Mutter, eine junge Frau, will nur schnell ihren Bruder zur Bushaltestelle bringen und kurze Zeit später ist das Kind Waise, weil der Onkel seine Mutter erschossen hat. Als das Kind wach wurde, schaute es in die Augen von Polizisten. Das treibt mich total um. Deswegen ist mir auch das Lied von Jasmin Shakeri am Schluss sehr wichtig.

Was weiß man von dem Sohn?

Nichts, zum Glück. Er lebt mit neuer Identität in kompletter Anonymität.

Er müsste jetzt 18 oder 19 sein - rechnen Sie damit, dass er diesen Film sieht?

Er wird sich sicher nicht äußern, aber ich wünsche mir sehr, dass er ihn sieht. Das hat uns auch angetrieben, den Film zu machen, ihm auch zeigen zu können, was für eine einzigartige Mutter er hatte. Damit er weiß, wie sehr sie ihn geliebt hat.

Wurden Sie bei den Dreharbeiten bedroht oder "angemacht"?

Das passiert einem immer wieder. Jede Form der Radikalität ist unerträglich: Seien es Neonazis, Fanatiker, die ihren Glauben radikal interpretieren - wenn man als Filmemacher das Thema Fanatismus behandelt, muss man mit Aggressionen rechnen. Als ich "Wüstenblume" gedreht habe, sind wir mit Steinen beworfen worden. Da hieß es, was maßt ihr euch an, dieses Thema aufzugreifen, das ist unsere Kultur, das geht euch nichts an! Jetzt ist es ähnlich: Du bist keine Türkin, schon gar keine Kurdin, was maßt du dir an? Das werde ich übrigens auch gerne von deutschen Journalisten gefragt.

Von mir nicht.

(lacht) Das ist gut. Ich kann sogar einen Film über einen Mann machen, obwohl ich eine Frau bin.

Es ist schwer, dabei zuzugucken, wie Aynur in ihr Verderben rennt.

Ja, und herzzerreißend, wie sie ihre Familie immer wieder aufsucht, immer wieder den Kontakt und die Nähe braucht. Es hat mich lange beschäftigt, dass sie das macht. Und ich habe lange gebraucht, das zu verstehen, letztlich ist es aber glaube ich der Wunsch, so anerkannt zu werden, wie sie ist. Sie ist ja mit einer unglaublichen familiären Nähe aufgewachsen, auf engstem Raum, mit ihren Schwestern und Brüdern. Da war nicht immer alles grau und fanatisch.

Diese Begriffe "Schuld", "Schande" oder "Ehre" - die finden in unserem Sprachgebrauch ja gar nicht so statt …

Obwohl die christliche Religion auf einem Begriff wie "Schuld" ja durchaus aufbaut. Und Schuldgefühle kann ich auch haben, wenn ich weder katholisch noch protestantisch bin. Den Begriff "Ehrenmord" halte ich für extrem schwierig, das möchte ich an dieser Stelle noch einmal explizit sagen. Dass die deutsche Sprache diesen Begriff so aufgenommen hat, quasi akzeptiert, ist ein Unding. Der Mord an Aynur war eine Hinrichtung, das hat nichts mit Ehre zu tun.

6b6a59c4ca7602c7995384703c159295.jpg

Regisseurin Hormann mit Hauptdarstellerin Bagriacik und Produzentin Maischberger.

(Foto: imago images / Future Image)

Der Satz des einen Bruders "Sie lebt wie eine Deutsche" - darin spiegelt sich die ganze Verachtung wider, die er für alles hat, was er in dem Land erlebt, in dem er aufgewachsen ist. Das ist unfassbar.

Ja, und wie begegnet man dem? Mit Ohnmacht? Mit lauten populistischen, mit rechten Parolen? Oder wollen wir uns nicht doch besser an einen Tisch setzen und uns auseinandersetzen? Denn wir sind ein "Wir", wir sind eine Gesellschaft.

Man kommt sich manchmal ein bisschen doof vor, wenn man das Gespräch sucht mit anderen, die einen grundsätzlich ablehnen.

Deswegen darf man trotzdem nicht aufhören. Wir müssen es hinkriegen, dass wir nebeneinander leben, miteinander. Dass wir uns aneinander freuen können und dass wir dennoch den Ernst der Lage erkennen. Dass wir vor allem unsere fragile Demokratie schützen. Ich habe diesen Film auch für junge Menschen gemacht. Das werden einige nun auch wieder anmaßend finden, aber ich möchte, dass junge Menschen nachfragen, wenn plötzlich eine Klassenkameradin ein Kopftuch tragen muss, oder wenn sie eines Tages nicht mehr zu Schule kommt. Zugegeben - es ist anstrengend, zu differenzieren und nicht jedes Kopftuch bedeutet Unterdrückung, aber wir dürfen nicht aufhören, uns zu interessieren.

Mit Sherry Hormann sprach Sabine Oelmann

"Nur eine Frau" startet am 9. Mai im Kino.

Quelle: n-tv.de