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Man zollt ihm Respekt: Kapitän Richard Phillips (r.).
Man zollt ihm Respekt: Kapitän Richard Phillips (r.).(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Freitag, 15. November 2013

In der Gewalt von Piraten: Richard Phillips: "Ich bin kein Held"

Der Film "Captain Phillips" mit Tom Hanks erzählt seine Geschichte. Die Geschichte, wie er 2009 zur Geisel somalischer Piraten wurde. Im Interview erklärt der "echte" Richard Phillips nicht nur, was er über die Verfilmung denkt. Er schildert auch sein ganz reales Martyrium.

In "Captain Phillips" übernimmt der zweimalige Oscar-Gewinner Tom Hanks die Hauptrolle des Kapitäns Richard Phillips - des Mannes am Steuer des US-Containerschiffs "Maersk Alabama", das 2009 von somalischen Piraten entführt wurde. Phillips wurde dabei als Geisel genommen und sah sich auf hoher See inmitten einer scheinbar ausweglosen Situation gefangen. Doch er überstand das Martyrium und schrieb seine Erlebnisse später im Buch "Höllentage auf See: In den Händen von somalischen Piraten - gerettet von Navy Seals" nieder. Im Interview nimmt er nicht nur zu der Verfilmung seiner Geschichte durch Regisseur Paul Greengrass Stellung. Er schildert auch, wie es damals zu dem Überfall auf sein Schiff gekommen ist.

Captain Phillips, wie war es für Sie, Ihre eigene Geschichte auf der großen Leinwand zu erleben?

Wissen Sie, ich habe das alles wirklich hinter mir gelassen. Das ist für mich ein für alle Mal abgeschlossen. Aber während ich mir den Film ansah, kam an manchen Stellen wieder etwas davon zurück. Die Anspannung und der Stress werden sehr gut vermittelt. Ich konnte es in Tom Hanks' Augen sehen, besonders in dem Moment, als die Piraten an Bord kommen - seine Angst und wie er versucht, sich ein kleines Stück Kontrolle zu bewahren. Ich finde, dass sie es sehr gut hinbekommen haben, den unglaublichen Stress zu vermitteln.

Kapitän Richard Phillips

Der US-Amerikaner wurde 1955 in Winchester (Massachusetts) geboren und machte im Jahr 1979 seinen Abschluss an der Massachusetts Maritime Academy. Mit seinen über 33 Jahren Berufserfahrung (22 davon als Kapitän) kehrte er erst vor einigen Wochen von einer Seefahrt zurück, die über Häfen in Japan, Singapur, Pakistan, Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien, Ägypten, Belgien, Schweden und Deutschland führte.

War es schwierig für Sie, sich den Film anzusehen?

Nein, das war kein Problem. Ich habe mir das Ganze mehr oder weniger einfach angesehen und auf einen guten Film gehofft - und das ist er auch. Die Darstellung meiner Crew und der Handelsmarine allgemein ist überaus gelungen.

Wie gut gibt der Film Ihre Geschichte wieder?

Sehr gut, würde ich sagen. Paul Greengrass hat die Geschichte kompakt auf den Punkt gebracht. Die Story dreht sich um eine gefährliche Situation auf dem Meer, und das vermittelt er ausgezeichnet. Der Druck, die Belastung und selbst die Enge im Rettungsboot - das alles haben sie authentisch eingefangen. Tolle Arbeit, muss ich sagen.

Über Ihre Erlebnisse haben Sie ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu?

Als ich zurückkehrte, war das öffentliche Interesse sehr groß. Mit diesem enormen medialen Rummel hatte ich nicht gerechnet. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich in diesem Boot saß und nur dachte: "Richard, du sitzt hier echt in der Patsche. Dir stehen vier Schwachköpfe mit Knarren gegenüber und keiner weiß, dass du hier draußen bist." Wissen Sie, ich hatte diesen anschließenden Trubel einfach nicht erwartet - das war sicher ein bisschen naiv von mir. Dieser ganze Medien-Trubel um meine Person. Als ich dann nach Hause kam, war ich sehr überrascht. Und noch überraschender waren die vielen Anfragen, Briefe, Anrufe, E-Mails, dieses außerordentlich große Interesse an der Story. Offenbar waren viele Leute davon berührt - und deswegen gab es auch diese enorme Aufmerksamkeit.

Phillips beriet die Filmemacher bei ihren Dreharbeiten.
Phillips beriet die Filmemacher bei ihren Dreharbeiten.(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Welchen Input haben Sie zur Umsetzung des Films beigesteuert?

Am Anfang hatte ich Gespräche mit Billy Ray (der Drehbuchautor, Anm. d. Red.). Er hat mehrere Entwürfe geschrieben und bei mir zwischendurch immer wieder wegen bestimmter Details nachgefragt. Ich erhielt auch einige Auszüge aus dem Skript. Mit den Leuten von der Requisite hatte ich ebenfalls viel zu tun, da gab es eine Menge Telefonate. "Welche Art von Brille? Welche Ringe? Was für Hosen? Was für eine Uhr?" Lauter solche Sachen. Und dann kam Tom Hanks dreimal nach Vermont zu mir nach Hause. Wir unterhielten uns jeweils zwischen zwei und fünf Stunden. Er kannte die Geschichte und hatte das Buch gelesen, wollte mich jedoch einfach auch selbst treffen und ein paar Fragen stellen: wie die Abläufe auf dem Schiff sind, wie der Alltag zwischen Meer und Zuhause so läuft, wenn ich manchmal drei Monate am Stück mit dem Schiff weg bin. Er fragte auch nach Fachbezeichnungen - also nach der Sprache, die wir auf See sprechen.

Wie war das für Sie, als Tom Hanks Sie in Ihrem Haus besuchte?

(Lacht) Er ist ein ziemlich geradliniger Typ. Bei uns im Fernsehen lief gerade "March Madness" (die US-College-Meisterschaft im Basketball, Anm. d. Red.). Er kam zur Tür rein und sagte: "Okay, dann packen wir's mal an. Ich bin Tom Hanks - na los, macht doch mal ein Foto." (lacht) Das Basketball-Spiel lief immer noch und ich sagte: "Sobald das Spiel zu Ende ist, können wir uns unterhalten." Meine Tochter meinte zu ihm: "Ich fand Sie toll in 'Toy Story'". Und er antwortete scherzhaft: "Ja, das höre ich oft." (lacht) Er ist ein ziemlich normaler, bodenständiger Kerl und genau deswegen kann er wahrscheinlich alle diese Rollen so toll spielen. Bei ihm gibt es kein komisches Getue und er hat auch kein großes Gefolge im Schlepptau. Einfach ein guter Typ.

Nach seiner Befreiung 2009 schloss er seine Kinder in die Arme.
Nach seiner Befreiung 2009 schloss er seine Kinder in die Arme.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wie hat Ihnen seine Performance gefallen?

Er hat das sehr gut gemacht. Um das noch einmal zu betonen: Als die ganze Sache losgeht und die Piraten auf die Brücke kommen ... - man sieht es einfach in seinen Augen. Ich konnte darin etwas erkennen, das die Erinnerung in mir wachgerufen hat. Es war die Angst, die ich sehen konnte. Und wie sein Gehirn daran arbeitet, sich etwas einfallen zu lassen, wie er ein Stück Kontrolle zurückgewinnen kann - egal, wie wenig das auch sein mag. Also, er hat wirklich eine tolle Vorstellung geliefert.

Haben Sie den Set besucht?

Ich habe nur einen der Sets besucht, und zwar das in Massachussetts.

Wie war das Treffen mit Paul Greengrass?

Er ist auch so ein guter Typ. Wissen Sie, er nimmt sich selbst nicht zu ernst, seine Arbeit dafür aber umso mehr.

Welchen Input konnten Sie ihm geben?

Bevor der Film gedreht wurde, gab es E-Mails und Telefonate zwischen uns. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das wissen, aber sein Vater ist bei der Handelsmarine. Er hat zu diesem Film also ebenfalls einen engen Bezug. Wie gesagt, wir haben viel hin und her telefoniert, bevor die Dreharbeiten begannen - es ging dabei also mehr um das Drehbuch: "Ist dies passiert? Ist das passiert? Könnte das gesagt worden sein?" Um solche Sachen ging es.

Tom Hanks sieht dem echten Richard Phillips im Film nicht unähnlich.
Tom Hanks sieht dem echten Richard Phillips im Film nicht unähnlich.(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Während des Films war ich überrascht, dass eine kleine Gruppe von Männern so ein riesiges Schiff kapern kann. Wie haben die das geschafft? Und warum war zu dieser Zeit niemand auf dem Schiff bewaffnet?

Dieses Schiff war für mich das erste überhaupt, auf dem niemand bewaffnet war. Auf anderen Schiffen hatte ich mehrere Waffen zur Verfügung. Auf diesem gab es aber gar keine. Und zu der Sache mit dem kleinen Piratenboot: Ich möchte das Ganze mal mit der Jagd der Urmenschen auf Mammuts vergleichen. Wie haben die diese Riesen erlegt? Ein wichtiger Faktor bei solchen Piraterie-Vorfällen ist übrigens wirklich das Wetter. An diesem Morgen, bevor alles losging, war es sehr ruhig. Es gab kaum Wellengang und es war fast windstill. Bei Piratenüberfällen wie diesem ist das ein zentraler Punkt. Die Wettersituation ist außerordentlich wichtig für den Erfolg solcher Aktionen.

Wurden als Folge dieser Attacke die Sicherheitsvorkehrungen verändert?

Ich denke, es gab von vielen Leuten zahlreiche neue Ideen, aber wirklich geändert wurde eher nicht so viel. Das Problem an sich rückte jedoch mehr in den Fokus. Man sieht jetzt genauer hin, beobachtet, überprüft und inspiziert. Das hat nach diesem Vorfall sicher zugenommen. Vielen ist nicht klar, dass wir Piraterie überall auf der Welt bekämpfen. Selbst heute haben wir damit noch in der Straße von Malakka, in Indonesien, Java, an der Ost- und Westküste Afrikas sowie an der Ost- und Westküste von Südamerika zu tun. Das Thema ist jetzt wieder auf die Tagesordnung gerückt und die Leute denken mehr darüber nach. Deswegen wird es einige Veränderungen auf den einzelnen Schiffen geben.

Vielleicht können sich Hanks (l.) und Phillips ja schon bald auch über einen Oscar freuen.
Vielleicht können sich Hanks (l.) und Phillips ja schon bald auch über einen Oscar freuen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ist die Lage heute sicherer als 2009?

Zuletzt wurden zwar noch Boote entführt, aber seit über 14 Monaten keine Schiffe mehr. Koalitionskräfte, die Seestreitkräfte verschiedener Länder sind in der Region jetzt wesentlich präsenter als zuvor. Die Schiffe haben aufgerüstet. Es gibt bewaffnete Sicherheitsteams auf vielen Schiffen der pro-aktiv handelnden Länder. Das hat viel mit diesem Vorfall zu tun. Ich glaube nicht, dass es eine Patentlösung ist, und das bedeutet auch nicht, dass ihnen nicht dasselbe passieren kann. Es ist aber ein neuer Lösungsansatz, den man nun verfolgt.

14 Monate nach dem Vorfall haben Sie Ihre Arbeit wieder aufgenommen. Wie schwierig war das für Sie?

Es war ziemlich einfach. Damals, vor vier Jahren, fuhr ich schon seit 30 Jahren zur See. Das ist einfach meine Arbeit. Diese 14 Monate zu Hause waren für mich die längste Zeit am selben Ort überhaupt. Deswegen tat es mir gut, endlich wieder in meine gewohnte Umgebung zurückzukehren. Angst hatte ich nicht. Aber ich war wachsam - so, wie schon vor der Entführung, egal wo ich gerade unterwegs war. Piraterie wird auch in anderen Regionen bekämpft und an Bord eines Schiffes gibt es wahrlich auch noch andere Dinge, um die man sich sorgen muss. Man darf einfach keine Angst haben. Man muss umsichtig sein, beobachten und Sachen bemerken. Als ich wieder auf dem Meer war, fühlte ich mich also wirklich gut. Ich hatte endlich meinen normalen Alltag zurück.

Was sollten die Zuschauer aus diesem Film mitnehmen?

Ich bin ein ganz normaler Typ. Kein Held. Ich bin auch nicht überintelligent oder besonders mutig oder irgend so was. Einfach nur ein normaler Kerl. In Wirklichkeit sind wir alle aber stärker, als wir denken. Es ist uns nicht bewusst, was wir alles vollbringen können, weil wir tatsächlich mehr Kraft in uns haben als vermutet. Und wenn wir uns schlicht weigern aufzugeben, können wir eine Menge Probleme bewältigen. Diese zwei Sachen vermittelt der Film aus meiner Sicht sehr anschaulich.

Mit Richard Phillips sprach Steven Goldman

Quelle: n-tv.de