Unterhaltung
Montag, 06. Februar 2012

François Truffaut zum 80. Geburtstag: Schießen Sie auf den Regisseur!

von Markus Lippold

Während in Deutschland Heimat- und Schlagerfilm die Leinwände in Beschlag nehmen, macht sich in Frankreich eine Gruppe Kritiker daran, dem starren Kino auf die Sprünge zu helfen. Mittendrin: François Truffaut. Er lässt nicht nur auf Pianisten schießen, sondern treibt auch Antoine Doinel durchs Leben. Nur ausziehen dürfen sich seine Schauspieler nicht.

Truffaut im Jahr 1969.
Truffaut im Jahr 1969.(Foto: AP/AP/dapd)

Ja, es gab diese Zeit, als Hollywood noch nicht die Welt bedeutete. Als das europäische Kino Maßstäbe setzte und Kinosäle füllte. Es war die Zeit, als François Truffaut, der heute 80 Jahre alt geworden wäre und nun mit einem Google-Doodle geehrt wird, zur Speerspitze jener jungen Filmemacher gehörte, die zwischen den Kontinenten zu stehen schienen. Denn auch das stimmt: Ohne Hollywood hätte die Nouvelle Vague, die "neue Welle" des französischen Kinos in den 50er Jahren, anders ausgesehen. Nicht nur der italienische Neorealismus eines Erinnerungen an Rossellini oder Vittorio de Sica oder die Poetik eines Jean Renoir prägte die jungen Künstler, sondern auch der US-amerikanische Film Noir der 30er und 40er Jahre, im besten Falle als B-Film.

Truffauts Kindheit und Jugend allerdings hätte ganz gut die Vorlage für einen eigenen Film abgeben können. Seine alleinerziehende Mutter vernachlässigte den 1932 Geborenen, die ersten zehn Jahre verbrachte er bei der Großmutter. Erziehungsheime und Gelegenheitsjobs folgten, er landete gar im Gefängnis. Aus der Armee wurde er unehrenhaft entlassen, nachdem er versucht hatte, zu desertieren. Seine intellektuellen Fähigkeiten, seine Liebe zur Literatur, für die er später bekannt wurde, brachte sich Truffaut selbst bei.

Über André Bazin kam er schließlich als Filmkritiker zum Kinomagazin "Les Cahiers du Cinéma". Hier traf er jene Filmverrückten, die später die Nouvelle Vague prägen sollten: Godard feiert 80. Geburtstag , Kinolegende Chabrol gestorben und Regisseur Rohmer ist tot . Sie verabscheuten das damals etablierte, starre Kino, in ihren Texten setzten sie sich auch theoretisch mit ihm auseinander. Truffaut selbst war es, der 1954 mit dem Aufsatz "Eine gewisse Tendenz im französischen Film" für Aufruhr sorgte. Von den Regisseuren forderte er darin nicht weniger, als dass sie zu Filmautoren werden sollten. Sie sollten unabhängig werden von Produzenten und Drehbuchschreibern, sie sollten ihren Film von der Idee bis zur Premiere begleiten, in allen Schritten die künstlerische Leitung übernehmen.

(Foto: wikimedia)

Der Autorenfilmer wurde zum Idealbild der Nouvelle Vague: Die Filme trugen seine subjektive Handschrift, die Filmographie wurde zu einem wiedererkennbaren Gesamtwerk. Neben Jean Renoir galt Alfred Hitchcock mit seinen Thrillern als Vorbild. Ende der 50er schließlich wechselten die Kritiker in den Regiestuhl, um ihre Theorien selbst in die Praxis umzusetzen. Truffaut ging es in seinen gut zwei Dutzend Filmen allerdings - anders als etwa bei Godard - nie um den großen Skandal, um die wütende Gesellschaftskritik. Seine Filme sind poetisch statt radikal, ironisch statt sarkastisch. Zum übergreifenden Thema wurde dabei die detailgenaue Schilderung der Außenseiter der Gesellschaft, denen Truffaut mit viel Zuneigung begegnete.

"Sie küssten und sie schlugen ihn"

Schon sein erster Film, "Sie küssten und sie schlugen ihn" von 1959, wird in Cannes gefeiert. Truffaut eröffnet damit seinen Antoine-Doinel-Zyklus, der über nahezu zwanzig Jahre vier Spielfilme (und einen Kurzfilm) umfasst. Im Mittelpunkt steht das Leben von Antoine Doinel, immer dargestellt von Jean-Pierre Léaud. Während Truffauts Regiedebüt von Antoines Kindheit erzählt, schildert der Regisseur 1968 in "Geraubte Küsse" dessen Begegnung mit Christine. Zwei Jahre später teilen beide "Tisch und Bett", 1978 in "Liebe auf der Flucht" lassen sie sich scheiden, für Antoine beginnt ein neues Kapitel.

Doch Truffaut konnte auch anders: "Schießen Sie auf den Pianisten", Truffauts zweiter Film von 1960, ist eine ironische und überaus schwarzhumorige Hommage an den amerikanischen Gangsterfilm mit Charles Aznavour in der Hauptrolle. Dabei spielt Truffaut auch mit den moralischen Vorstellungen der Zeit, als er eine Bettszene mit der ironischen Zeile garniert: "Was tust du da? In einem Film ist das doch gar nicht erlaubt!"

Den größten Erfolg feierte Truffaut zwei Jahre später mit "Jules und Jim", einem Film über eine tödlich endende Dreiecksbeziehung. Der Film gilt heute ebenso als Klassiker wie die Literaturverfilmung "Fahrenheit 451" von 1966 mit Oskar Werner in der Hauptrolle. Es war Truffauts einziger amerikanischer Film. Er entstand zu einer Zeit, als auch Hollywood daranging, das alte Studiosystem abzuschütteln. Die neue Garde - "New Hollywood" - stand in den Startlöchern. Sie nahm sich auch jene französischen Filme zum Vorbild, mit denen Truffaut und Co. einst die Kinoleinwände erobert hatten. Vielleicht auch deshalb erhielt Truffaut einen Oscar, 1974 für den besten fremdsprachigen Film "Die amerikanische Nacht". Den Durchbruch des Independentfilms, sozusagen der "Enkel" der Nouvelle Vague, erlebte Truffaut freilich nicht mehr. Er starb 1984 mit 52 Jahren an einem Hirntumor.

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Quelle: n-tv.de