Kino

Kompromisslos, düster, epochal Stieg Larssons Trilogie

Schweden hat mehr zu bieten als Elche oder Ikea. Krimis und Thriller von Mankell, Dahl oder Marklund sind der Beweis. Stieg Larsson überragt sie aber alle: Seine "Millennium“-Trilogie, ein Millionenseller, schafft den Sprung auf die große Leinwand - und nun als Director’s-Cut-Box in die Heimkinos.

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Nach und nach erfährt der Zuschauer immer mehr Einzelheiten aus Salanders Vergangenheit. (Copyright: Yellow Bird Pictures, Foto Knut Koivisto)

Richtig gute Bücher gelten als schwer verfilmbar. Schaffen sie es doch auf die Leinwand, scheiden sich an dem Ergebnis oft die Geister. Das war bei J.R.R. Tolkiens "Herr der Ringe“ so, bei Patrick Süskinds "Das Parfum" oder auch bei Dennis Lehanes "Shutter Island". Aber von jeder Regel gibt es die berühmte Ausnahme. In diesem Fall ist es die "Millennium"-Trilogie des Schweden Stieg Larsson: "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung". Drei Bücher, zusammen mehr als 2300 Seiten, allesamt Millionenseller, verfilmt in drei Teilen, mehr als 8 Stunden Film, allesamt Kinohits.

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In "Verblendung" rettet Lisbeth Salander Mikael Blomkvist das Leben. (Copyright: Yellow Bird Pictures, Foto Knut Koivisto)

Aber der Reihe nach: "Verblendung". Alles beginnt mit der Frage: Was geschah mit Harriet Vanger? Die Nichte des einflussreichen Industriellen Henrik Vanger ist verschwunden. Seit mehr als 40 Jahren bereits. Aber jedes Jahr zum Geburtstag erhält Henrik per Post eine getrocknete Blume hinter Glas. Lebt seine Nichte also noch? Oder erlaubt sich jemand einen geschmacklosen Scherz? Steckt die Konkurrenz dahinter?

Schwedens finsterste Seiten

Vanger engagiert den investigativen Stockholmer Journalisten Mikael Blomkvist, um das Rätsel zu lösen. Dieser beginnt, das zu tun, was er am besten kann: recherchieren - und lernt dabei eher unfreiwillig Lisbeth Salander kennen. Beide forschen in der Geschichte der Vanger-Familie und fördern dabei jede Menge dunkle Geheimnisse des altehrwürdigen Clans zu Tage, die besser ungelüftet geblieben wären. Vor allem Blomkvist bekommt die dunkle Seite der Vangers am eigenen Leib zu spüren. Kann sich aber auf die Hilfe Salanders verlassen.

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In "Verdammnis" nimmt es Salander auch mit einer Motorradgang auf. (Copyright: Yellow Bird Pictures, Foto Knut Koivisto)

In "Verdammnis" ist es genau umgekehrt. Zunächst recherchiert Blomkvist wieder einmal. Es geht um Mädchenhandel, Schwedens politische Elite, Korruption, Kindesmissbrauch, Mord und Verschwörung. Am Ende steht nicht nur Blomkvists berufliche Existenz auf dem Spiel, sondern auch das Leben Salanders. Sie wird des dreifachen Mordes beschuldigt. Eine nicht nur mediale Hetzjagd auf die "Psychopatin" beginnt.

Nun ist die verschlossene Hackerin auf die Hilfe Blomkvists angewiesen. Er ist einer der wenigen Menschen, die von ihrer Unschuld überzeugt sind und versucht diese auch mit allen Mitteln und unter Hochdruck zu beweisen.

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Düsterer Finalteil der "Millennium"-Trilogie: "Vergebung" (Copyright: Yellow Bird Pictures, Foto Knut Koivisto)

Gemeinsam holen Blomkvist und Salander dann in "Vergebung" zum entscheidenden finalen Schlag aus. Sie decken das gegen Salander geschmiedete Komplott auf - gegen alle Widerstände aus Politik, Geheimdienst und Medien. Salander, die ihrem Vater eine Kugel im Kopf verdankt, muss sich zum Schluss in einem letzten großen Showdown ihrem Halbbruder stellen. Aber das Gröbste ist zu diesem Zeitpunkt bereits überstanden.

2300 Seiten in rund 500 Minuten

Das ist der Stoff, der die Grundlage für die gleichnamigen Kinofilme der "Millennium"-Trilogie liefert, die nun wiederum im Director’s Cut als DVD und Blue-ray erscheint. Aus insgesamt rund 2300 Buchseiten werden mehr als 8 Stunden cineastische Hochspannung, düster und kühl umgesetzt. Trotz der Länge von zum Teil rund 180 Minuten kommt bei keinem der drei Filme Langeweile auf. Eine Gefahr, die angesichts der sich streng an den Büchern orientierenden Handlungsdichte und Erzähltiefe durchaus bestanden hätte. Aber wie die Bücher schaffen es auch die Filme, von Beginn an zu fesseln.

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In "Vergebung" gibt Salander dann den Racheengel. Hollywood wird auf Salander-Darstellerin Noomi Rapace aufmerksam. (Copyright: Yellow Bird Pictures, Foto Knut Koivisto)

Das liegt neben der jederzeit greifbar scheinenden Spannung, der immer wieder hervorbrechenden unverfälschten und unmissverständlich geäußerten Gesellschaftskritik sowie den zum Teil schockierenden Bildern rund um die Abgründe der menschlichen Seele; aber vor allem an der unglaublichen Präsenz der beiden Hauptdarsteller Michael Nyqvist (Mikael Blomkvist) und Noomi Rapace (Lisbeth Salander). Vom ersten Aufeinandertreffen in "Verblendung" bis zur letzten Begegnung in "Vergebung" ist eine unvergleichliche Energie zwischen ihnen zu spüren. Auf gut deutsch: Da stimmt die Chemie.

Aufblende für eine große Karriere?

Dass die beiden es verstehen, schwierige Stoffe schauspielerisch gekonnt umzusetzen, beweist auch die Tatsache, dass namhafte Hollywood-Regisseure auf die Darsteller aufmerksam geworden sind. So wünscht sich "Alien"-Schöpfer Ridley Scott Rapace für das Prequel "Prometheus". Zudem spielt sie bereits in der Fortsetzung von "Sherlock Holmes". Nyqvist wiederum wird in "Mission Impossible 4" den Bösewicht geben.

Die "Millennium"-Trilogie endet mit einer Aufblende auf Salander, die sich in ihrer Wohnung ans Fenster setzt, eine Zigarette anzündet und versonnen in die leuchtend-schöne Stockholmer Nacht blickt. Kurz zuvor hatte Blomkvist noch an ihrer Tür gestanden. Das allzu hollywoodeske Happy-End erspart die schwedische Produktion dem Zuschauer. Gleichzeitig bleibt so auch offen, wie sich die Beziehung der beiden Protagonisten weiterentwickelt, im Bett landeten sie bereits im ersten Film. Genug Stoff für eine packende Fortsetzung?

"Pageturner“ fürs Heimkino

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Die "Millennium"-Trilogie im Director's Cut bietet knapp 100 Minuten zusätzliche Szenen. Näher beleuchtet wird etwa die Affäre zwischen Blomkvist und der Redaktionskollegin Erika Berger.

In der Theorie auf alle Fälle. Rein praktisch scheint sie aber ausgeschlossen: Stieg Larsson ist Ende 2004 an einem Herzinfarkt gestorben, kurz nach der Fertigstellung der "Millennium“-Trilogie und auch bevor überhaupt eines der drei Werke in Schweden zu kaufen war. Ohne Larssons hervorragende Buchvorlage ist ein vierter Teil des epochalen Werks rund um den kompromisslosen, straighten Journalisten Mikael Blomkvist und die verschwiegene, toughe Einzelgängerin Lisbeth Salander nicht denkbar. Leider. Damit bleibt nur der wiederholte Griff ins Bücherregal, oder - was in diesem Fall noch befriedigender erscheint - der Griff zu den Film-Silberlingen.

Je öfter man sich die einzelnen Filme anschaut, desto mehr verschiedene Einsichten erschließen und neue Blickwinkel eröffnen sich, desto mehr Facetten an Handlung und Hauptpersonen sind zu erkennen, desto ersichtlicher wird, dass die "Millennium"-Trilogie etwas epochales an sich hat.

Nicht zuletzt ist die Trilogie aber eine filmische Hommage an den viel zu früh gestorbenen Schriftsteller Stieg Larsson. Die "Millennium"-Trilogie im Director’s Cut ist gewissermaßen ein "Pageturner" für das Heimkino.

Quelle: n-tv.de