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Brachial, schonungslos, aufgeräumt wird später! "Cleanskin": Wenn der Terror regiert

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Knallhart: Ex-Elitesoldat Ewan (Sean Bean)

(Foto: WVG Medien)

Ein Land vor den Wahlen, die Stimmung ist angespannt. Unbekannte stehlen Semtex und kurz darauf fliegt ein Touristen-Cafe in die Luft, Menschen sterben: Es ist der blutige Auftakt einer brutalen Terroristen-Agenten-Hatz der alten Schule. Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt und die Gewalt regiert. Aber wer zieht die Fäden?

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"Cleanskin": Wer zieht die Fäden? Wer profitiert von einem Terroranschlag?

(Foto: WVG Medien)

In wenigen Wochen finden in den USA Präsidentschaftswahlen statt. Spätestens seit dem blutigen Anschlag vom 11. September 2011 spielt das Thema Sicherheit bei der Abstimmung über den Posten des mächtigsten Mannes der Welt eine übergeordnete Rolle. Mag sein, dass Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesundheitspolitik wichtige Themen sind - sobald Selbstmordattentäter sich auch nur in der Nähe von US-Bürgern in die Luft sprengen, rückt das Thema Sicherheit wieder in den Vordergrund. Die Angst regiert und mit ihr lässt es sich auch gut regieren. Das ist in Großbritannien nicht anders als in den USA, spätestens seit auch dort unzählige tote Soldaten aus Afghanistan in Särgen in ihr Heimatland zurückkehren und auch in London Bomben explodieren wie am 7. Juli 2005, als bei Selbstmordanschlägen auf den Londoner Nahverkehr mehr als 50 Menschen getötet werden.

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Ewan kann den Diebstahl des Semtex nicht verhindern.

(Foto: WVG Medien)

Nach einer moralisch angehauchten Schaffenspause wegen "9/11" wird das Thema Terrorismus seit Jahren wieder filmisch aufgegriffen. Das Spektrum reicht von Hollywood-Blockbustern wie "World Trade Center" oder "Flug 93" bis hin zu nachdenklicheren Werken à la "Syriana“ oder "Der Mann, der niemals lebte". Großbritannien steuerte etwa die Persiflage "Four Lions" oder den unkonventionellen "The Veteran" bei. Mit "Cleanskin" erscheint nun ein weiterer britischer Terror-Film auf DVD und Blu-ray, der sich locker mit den Größen des Genres messen kann, vor allem weil Sean Bean ("Herr der Ringe", "The"Hitcher“, "Soldiers Of Fortune") darin eine der Hauptrollen spielt und den knallharten und kompromisslosen Spezialagenten Ewan mimt, der das Wort Handarbeit in seinem Job noch wörtlich nimmt.

Ein typischer Brite?

Ewans Frau ist bei den Anschlägen 2005 ums Leben gekommen. Er selbst hat seinem Land in Afghanistan gedient. "Ich habe drüben gekämpft, damit so etwas hier nicht passiert", sagt Ewan. Doch als er bei einem Undercover-Einsatz nicht verhindern kann, wie maskierte Männer einen Koffer Plastiksprengstoff stehlen, kurz darauf ein beliebtes Touristen-Cafe in der Londoner Innenstadt explodiert und dabei 20 Menschen sterben, weiß er, dass das erst die blutige Ouvertüre gewesen ist. Der Grund: Die Täter sind sogenannte Cleanskin. Sie sind den Sicherheitsbehörden nicht bekannt, sind bisher unter dem Radar des Geheimdiensts geblieben. Unbeschriebene Blätter, namenlos, unauffällig - die perfekte Waffe.

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Ewan und seine Chefin Charlotte (Charlotte Rampling): Sie sorgt am Ende des Films für eine böse Überraschung.

(Foto: WVG Medien)

Ewan bekommt nur Rückendeckung von Charlotte (Charlotte Rampling; "Babylon A.D.", "Swimming Pool"), seiner direkten Vorgesetzten. Von ihr erhält er den Auftrag, die Terrorzelle aufzuspüren - koste es, was es wolle: "Wir müssen nach vorne schauen. Das Leben geht weiter. Nur das Jetzt zählt", sagt sie. "Räumen Sie auf. Tun Sie es gründlich!" Und Ewan ist gründlich. Es dauert nicht lange und er hat die erste Spur, aus einer Frau brutal herausgeprügelt - die gute alte Handarbeit. Auch einer der am Diebstahl beteiligten Männer bekommt sie schmerzhaft zu spüren, als er mit einem Messer durch die Hand an die Wohnzimmerwand genagelt wird. Kurz darauf ist er tot.

Wie wird man zum Selbstmordattentäter?

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Mark (Tom Burke) wird Ewan als Partner zur Seite gestellt.

(Foto: WVG Medien)

So besorgt sich Ewan die nötigen Informationen, die ihn und seinen neuen Partner Mark (Tom Burke), der ihm von Charlotte zugewiesen wurde, nach und nach auf die Spur von Ash (Abhin Galeya; "Wimbledon") führen. Der ehemalige Jurastudent ist vor Jahren einem islamischen Prediger aufgefallen, als er in einer Vorlesung die Meinung vertreten hat, dass die Staaten Israel und USA nur durch Gewalt ihre Daseinsberechtigung erhalten haben: "Weil Gewalt die oberste Autorität ist, von der alle anderen Autoritäten ihre Macht und Legitimation ableiten. Das Gesetz ist vollkommen irrelevant, angesichts echter Gewalt. Das gilt für jedes Land!"  

Der Prediger Nabil (Peter  Polycarpou; "O Jerusalem") nimmt Ash nach der Vorlesung zur Seite, macht ein paar Witze und lädt ihn zu einem Treffen ein. Dort wird Ash schnell klar, dass er bisher eine Lüge gelebt hat, dass Großbritannien nicht seine wahre Heimat ist und dass, obwohl im Fußballstadion alle das gleiche Trikot mit den Three Lions tragen, am Ende es doch darauf hinausläuft, dass man nach dem Spiel wieder der "dreckige Paki" oder "Nigger" ist. Ash wird radikalisiert. Nabil baut ihn langsam und behutsam auf, denn er hat Großes mit ihm vor.

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Jurastudent Ash (Abhin Galeya) wird zum Selbstmordattentäter. Dennoch ist seine Figur sympathisch.

(Foto: WVG Medien)

Ash selbst wird immer wieder von Selbstzweifeln ob seiner wahren Bestimmung geplagt. Etwa, als ein mit Nabil befreundeter Terrorist für einen Mordauftrag nach London kommt und kurz darauf ein Mann, eine Frau und ein Baby brutal ermordet aufgefunden werden. Der tote Mann soll im Auftrag Großbritanniens Ashs "Schwestern und Brüder" gefoltert und getötet haben. Aber für Ash rechtfertigt das nicht den Tod einer Frau und eines unschuldigen Babys. Nabil schafft es aber immer wieder, Ash zurück auf Spur zu bringen.

Wegen Ewans Ermittlungen zur Eile getrieben, macht sich Ash auf, zum Märtyrer zu werden. Er legt behutsam seinen Bombengürtel an, dreht sein Abschiedsvideo und macht sich auf, seiner wahren Bestimmung zu folgen - in einem Hotel bei einem politischen Bankett. "Ich bin Gottes einsamer Mann …" Doch bevor Ash den Auslöser drücken kann, wird er von Ewan in allerletzter Sekunde zur Strecke gebracht. Das Happy End täuscht, denn als Ewan das Hotel verlässt, hält ein schwarzer Lieferwagen davor, ein Koffer landet im Gepäckwagen und nur wenige Sekunden darauf explodiert die Eingangshalle des Hotels. Ewan ist perplex - doch dann zählt er eins und eins zusammen und das Ergebnis schmeckt ihm gar nicht …

Brachial - bis zum Anschlag

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"Cleanskin" ist auf DVD und Blu-ray bei Entertainment One erschienen.

(Foto: Entertainment One)

"Cleanskin" hält den Zuschauer bis zur letzten Sekunde unter Hochspannung. Der Film des Cutters, Drehbuchautors, Regisseurs und Produzenten Hadi Hajaig wartet dabei nicht etwa mit einem Hochgeschwindigkeits-Erzähltempo auf, bei dem sich brachiale Actionsequenzen im Sekundentakt ablösen. Es ist vielmehr die kühle Atmosphäre, gepaart mit zahlreichen erklärenden Rückblenden und dem Schauspiel der beiden Hauptdarsteller, die den Film so außergewöhnlich machen. Die beiden tragenden Figuren bekommen von Hajaig genügend Unterbau, um die Story, die zwar brandaktuell ist, aber eben nicht mehr neu, zu tragen. Die klassische "Gut und Böse"-Einordnung gelingt dabei nicht. Ewans Figur, die Frauen und Männer foltert, hat ebenso schwarze Seiten, wie Ashs Rolle weiße, denn vor allem bei den Rückblenden in seine Uni-Zeit wird überdeutlich, dass Ash ein völlig normaler Student ist, der raucht, trinkt und den Frauen nicht abgeneigt ist. Eigentlich vollkommen in die Gesellschaft integriert, zeichnet Hajaig seinen Weg zum Selbstmordattentäter nach. Es ist ein nachvollziehbarer Weg, der gesellschaftskritisch die Ignoranz des Westens offenbart.

"Cleanskin", dessen Budget mit rund zwei Millionen Pfund für diese Art von Film sehr gering ausgefallen ist, bleibt beim Zuschauer im Gedächtnis - aus vielen Gründen: etwa wegen der Old-School-Actionszenen mit viel Handarbeit, Nahkampf und Schusswechseln; wegen der in kühlen Bildern gezeichneten bedrückenden Atmosphäre; wegen der außergewöhnlich gut durchdachten Charaktere; wegen der noch besseren Schauspielkunst der Hauptdarsteller; wegen der aufgeworfenen gesellschaftskritischen Fragen und der zumindest in Ansätzen gleich mitgelieferten Antworten; wegen des ab und an aufblitzenden typischen britischen Humors (In welchem Film lacht ein babymordender Terrorist schon über das Gummigesicht und de Fratzen von "Mr. Bean"?); und wegen der wendungsreichen Story - die am Ende eine kleine Überraschung bereithält, die allen Verschwörungstheoretikern gefallen dürfte, denn schließlich stehen in den USA bald Wahlen an.  

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Quelle: n-tv.de

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