Unterhaltung
Ein Musiker in der Großstadt: Graf von Unheilig.
Ein Musiker in der Großstadt: Graf von Unheilig.(Foto: Universal Music)
Montag, 19. März 2012

"Alles außer Schlager": Unheilig entfliehen dem Chaos

Er ist "der kleine Junge vom Land", der früher stotterte und Außenseiter war. Doch seit "Geboren um zu leben" ist alles anders - jetzt ist Unheilig-Sänger Graf einer der größten Popstars des Landes. Mit dem Album "Lichter der Stadt" verarbeitet er den Karriere-Schock. Und mit n-tv.de spricht er über den Rummel, Rammstein und die Angst vorm Scheitern.

n-tv.de: "Lichter der Stadt" heißt das neue Album. Ist die Assoziation zu Charlie Chaplins Film "Lichter der Großstadt" verkehrt?

Graf: Nein, die ist schon richtig. Ich habe schon immer ein wenig damit gespielt - es gab ja auch schon mal ein Album namens "Moderne Zeiten". Ich nutze die alten Chaplin-Filme oder auch so einen Film wie Fritz Langs "Metropolis", um bei den Menschen ein paar Bilder im Kopf zu erzeugen. Zugleich soll natürlich jeder auch seine eigenen Ideen mit einbringen - wie beim letzten Albumtitel "Große Freiheit". Jeder war schon einmal am Meer, jeder hat schon mal ein Schiff vor Augen gehabt.

Chaplins Paraderolle war die des Tramps. Gibt es Parallelen zwischen ihm und dem Grafen?

Ich würde jedenfalls nicht sagen, dass es gar keine gibt. Im Film "Lichter der Großstadt" erscheint er mir wie ein Mensch, der sich zurechtfinden muss und seine Heimat sucht. Für mich ist es ähnlich. Ich bin der kleine, unerfahrene Musiker, der in diese Großstadt kommt. Der kleine Junge vom Land, für den in der Stadt alles fremd und neu ist. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Da sind Hochhäuser, Industrialisierung und Dreck. Und dort gibt es ganz viele Menschen, die alle irgendetwas von einem wollen. Das ist mein Leben der letzten zwei Jahre.

Das heißt, hinter dem Titel des Albums und dem Thema "Stadt", das sich darauf beinahe komplett durchzieht, verbirgt sich ein richtiges Konzept …

"Lichter der Stadt" ist sein "musikalisches Tagebuch" der vergangenen zwei Jahre.
"Lichter der Stadt" ist sein "musikalisches Tagebuch" der vergangenen zwei Jahre.(Foto: Universal Music)

Ja, das Album ist mein musikalisches Tagebuch der letzten zwei Jahre. Deswegen musste es auch "Lichter der Stadt" heißen. Die Großstadt, in der ich mich befand, ist durch den Erfolg entstanden. Ich bin zu Radioterminen gefahren, Fernsehterminen, Preisverleihungen … Durch "Geboren um zu leben" konnten wir Piano-Konzerte in Krankenhäusern geben und wurden in Hospize eingeladen - viele Menschen, die die Musik begleitet hat, wollten mich gerne treffen. Wir haben all diese Termine wahrgenommen. So war ich nur noch unterwegs und weit weg von zu Hause. Und irgendwann merkte ich, dass es zu viel wurde. Ich konnte das alles nicht mehr verarbeiten und brauchte ein Ventil. Das war für mich die Musik.

Wie muss man sich das vorstellen?

Egal, ob im Hotelzimmer, im Backstage-Bereich oder im Nightliner - wo wir auch waren, haben wir ein kleines Studio aufgebaut. So konnte ich, immer wenn ich Luft dazu hatte, überall Musik machen. Ich brauchte das, um alles zu reflektieren. Und ich habe immer gesagt: "Darüber muss ich jetzt ein Lied und einen Text schreiben."

Worüber zum Beispiel?

Man kann jedes Lied auf dem Album mit einer Situation in Verbindung bringen, die ich die letzten beiden Jahre erlebt habe. "Ein guter Weg" etwa wurde durch die Hospiz-Besuche inspiriert. Der Song "Lichter der Stadt" beschreibt einen anderen Blickwinkel auf das Chaos um mich herum. Und in "Eisenmann" wünsche ich mir eine Rüstung aus Stahl, um mich stärker und sicherer zu fühlen - ohne die ständige Angst, in diesen für mich neuen Situationen eventuell zu scheitern. Man darf nicht vergessen: Ich bin ein Mensch, der als Kind extrem gestottert hat. Das ist auch heute noch häufig da.

Was heißt für dich Scheitern in diesem Zusammenhang?

Wenn du dein Leben lang stotterst, hast du Angst davor, hängen zu bleiben. Radiotermine, Fernsehauftritte und öffentliche Auftritte sind da eine Herausforderung. Der möchte ich mich immer stellen. Aber es ist nicht einfach. Du musst immer mit der Niederlage rechnen, hängen zu bleiben. Das würde dann zum Aufhänger für eine Story, bei der es nicht darum ging, was du tust, sondern um die Schwäche. Oder die Behinderung - so kann man es ja auch nennen. Das war für mich die letzten zwei Jahre schon extrem. Aber ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe. Durch die Musik, die mir immer die Erklärung geschenkt hat, dass das, was ich tue, gut und richtig ist.

Die erste Single aus dem Album ist "So wie du warst". Insbesondere wenn man das Video dazu sieht, scheint es ums Älterwerden und Zurückblicken zu gehen …

"Die Musik war mein Ventil."
"Die Musik war mein Ventil."(Foto: picture alliance / dpa)

Aber es geht nicht um den Tod. Es ist keine Weiterführung von "Geboren um zu leben" oder dem Vorgängersong "An deiner Seite". "So wie du warst" hat eine durchweg positive Botschaft. Der Grundgedanke ist, dass du nach einer ziemlich langen Reise weit weg von zu Hause irgendwann wieder zurückkehrst - an den Ort, an dem du gerne bist, und zu den Menschen, die du liebst.

Hast du Angst vorm Älterwerden?

Nein. Es gehört für mich zum Leben dazu. Und wenn ich gesund bin, freue ich mich darauf. Ich freue mich, dass mein Bart langsam an einigen Stellen grau wird. Und auch die eine oder andere Falte finde ich nicht schlimm. Das Älterwerden hat auch etwas Positives. Man ist erfahrener, ein bisschen reifer und kann etwas mehr über den Dingen stehen. Mir hat das gerade im Umgang mit mir selbst sehr geholfen.

Zugleich ist "So wie du warst" ein Stück über Freundschaft - ein Thema, das du häufiger in Songs anschneidest. Was bedeuten dir Freundschaften?

Wenn ich sage, dass ich eine Freundschaft mit einem Menschen habe, hat das für mich einen sehr hohen Stellenwert. Deswegen passiert das auch nicht häufig. Eine Freundschaft ist für mich schon eine Art Bund. Man ist füreinander da und geht gemeinsam durch dick und dünn. Ich habe nicht viele Freunde. Aber von denen, die ich habe, weiß ich, dass es wirkliche und wahre Freunde sind.

Du schirmst dein Privatleben strikt ab. Zugleich giltst du als jemand, der sehr stark Kontakt zu seinen Fans hält. Wie kriegst du den Spagat hin?

Stimmt, ich nehme meine Fans gerne in den Arm, mache gerne ein Foto, gebe gerne Autogramme - und wenn es acht Stunden dauert. Diesen engen Bezug zu ihnen kann ich haben, gerade weil ich mein Privatleben aus der Öffentlichkeit halte. So kann ich mich jederzeit, wenn ich das möchte, zurückziehen. Die Leute wissen nicht, wie es bei mir zu Hause aussieht und wie ich wirklich heiße. Ich habe noch nie etwas dokumentiert. Ich habe nie gesagt: "Ja, ich heiße soundso." Das haben immer nur die Zeitungen geschrieben. Und manchmal ist es wirklich lustig, zu lesen, wie mein Familienstand angeblich so ist, wie viele Kinder ich habe und wie die alle heißen. Das ist alles nicht wahr.

Im Song "Ein guter Weg" singst du: "Es hat so oft geholfen, wenn man zusammen weint". Wann hast du das letzte Mal geweint?

Als ich bei Menschen in einem Hospiz am Bett gesessen und mich von ihnen verabschiedet habe. Danach ist auch der Text zu dem Song entstanden. Du musst dir das vorstellen: Du gehst in ein Hospiz zu einem Menschen, den du noch nie gesehen hast. Er ist jung, manchmal noch unter 30, eventuell sogar noch ein Kind. Du bist dort mit seinen Eltern und den engsten Bekannten dieses Menschen, die sich in diesem Augenblick von ihm verabschieden. Sie sind dankbar, dass du demjenigen, der sterben wird, die Freude machst, vorbeizukommen. Was erzählst du da? Du kannst nicht viel sagen - außer, dass es dir leid tut. Aber die Leute wollen kein Mitleid.

Mit den Fans geht Graf gern auf Tuchfühlung.
Mit den Fans geht Graf gern auf Tuchfühlung.(Foto: REUTERS)

Sondern?

Sie wollen dir sagen, was die Musik ihnen bedeutet. Sie wollen dir erzählen, wie sie gelebt haben und ihre Beerdigung planen. Und: Sie wollen nicht alleine gelassen werden. Da weinst du einfach mit ihnen zusammen, weil es so traurig ist. Wenn man das erlebt hat, verschiebt sich das komplette Bild von einem selbst und davon, wie man das Leben betrachtet.

"Ein guter Weg" ist eine Ballade. Relativ viele Songs auf dem neuen Album sind Balladen ...

Nun, aber es gibt da doch auch zum Beispiel "Herzwerk", "Feuerland" und "Eisenmann". Insgesamt sind es 16 Lieder. Es ist eine Mischung aus Höhen und Tiefen und akustisch völlig unterschiedlichen Liedern. Auf "Lichter der Stadt" ist genau ein harter Song weniger als auf "Große Freiheit".

Dennoch: Manche beschreiben Musik und Texte von Unheilig als melancholisch und düster, andere als pathetisch oder sogar kitschig …

… und viele nennen es auch Schlager.

Ja, das sagen auch manche. Wo würdest du da mitgehen und wo widersprichst du?

Bei "Unser Song für Deutschland" saß Graf einmal in der Jury.
Bei "Unser Song für Deutschland" saß Graf einmal in der Jury.(Foto: picture alliance / dpa)

Ich finde, es ist alles außer Schlager. Kitsch, Pathos - das ist alles okay. Aber Schlager? Das ist für mich etwas, was auf Mallorca abgeht. Und da finde ich nicht statt. Ich sag mal: Wenn Herbert Grönemeyer, Xavier Naidoo, Silbermond, Selig, Christina Stürmer und wie die ganzen deutschsprachigen Künstler alle heißen, Schlager sind, dann bin ich auch Schlager. Genauso gut könnte man aber sagen: Unheilig ist wie Rammstein. Ich meine: "Eisenmann", "Herzwerk" und "Feuerland" - da gibt es ganz klare Rammstein-Einflüsse. Und Rammstein sind ja wohl kaum Schlager.

Stimmt, das ist das andere Extrem. Schon bei "Große Freiheit" sprachen manche in Anlehnung an Rammstein-Sänger Till Lindemann von einer "Lindemannisierung" Unheiligs ...

Das finde ich total in Ordnung. Ich bin Rammstein-Fan! Es gibt Rock, Pop, Hip-Hop, Metal - und es gibt Rammstein. Wenn ich ein Lied produziere, dann mache ich das in dem Stil, der in meinen Augen der aktuelle Metal-Stil ist. Und das ist Rammstein. Ich will nicht, dass ein Lied wie Metallica vor zehn Jahren klingt. Also werden die Gitarren so groß und so fett gemacht wie bei Rammstein. Wenn man dann noch deutsch und tief singt, ist das eben diese Art von Musik. Ich habe Rammstein sogar mal getroffen und sie meinten zu mir: "Was du machst, ist vollkommen okay."

Egal, ob Unheilig, Rammstein oder viele andere Bands: Gerade in Deutschland scheint Musik mit einem gewissen Hang zu Melancholie und Düsterheit sehr erfolgreich zu sein. Wie erklärst du dir das?

Ich denke mal: Wir sind ja das Land der Dichter und Denker. Von daher gibt es vielleicht eine kleine Verwurzelung, dass wir sehr nachdenklich sind. Aber ich glaube nicht, dass das ein Trend ist. Das war schon immer so. Was ich hingegen wirklich am Aufblühen sehe, ist, dass sich die Menschen hier wieder für deutsche Musik interessieren. Es sind so Bands und Sänger wie Juli, Silbermond, Xavier Naidoo, Peter Fox, die Söhne Mannheims und vielleicht auch Rammstein, die die deutsche Musik wieder nach vorne gebracht haben. Das finde ich gut.

Du selbst siehst dich ja als Teil der Gothic-Szene …

Ja, da komme ich her.

Die ist in den 80er-Jahren entstanden und hat immer noch starken Zuspruch. Kaum eine andere Jugend-Subkultur hat derart überdauert. Was macht die Faszination dieser Szene aus?

Ich glaube, es ist das Abschotten und Anderssein - fernab des Mainstreams. Deshalb haben viele in dieser Szene auch ein großes Problem damit, dass Unheilig auf einmal so erfolgreich ist. Da geht es, glaube ich, gar nicht um die Musik. Wenn ich etwa lese, "Ich habe dich bei 'The Dome' gesehen und danach fand ich deine Musik blöd", frage ich mich schon: Und wäre ich dort nicht aufgetreten, wäre die Musik jetzt weiter super oder was? Was hat das denn mit der Qualität der Musik zu tun? Gar nichts!

Das Album "Lichter der Stadt" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Lichter der Stadt" ist ab sofort erhältlich.(Foto: Universal Music)

Nicht wirklich der Gothic-Szene entstammen die Gastsänger, die auf dem neuen Album bei zwei Songs mit dabei sind: Andreas Bourani und, man höre und staune, der von dir schon erwähnte Xavier Naidoo. Wie kam es dazu?

Dem Konzept des Albums entsprechend, wollte ich zwei Künstler dabei haben, die ich die letzten beiden Jahre kennengelernt habe. Andreas Bourani habe ich beim Echo 2011 getroffen. Wir haben ihn mit auf Tour genommen. Ich dachte mir: Es wäre doch toll, wenn man den Leuten auf der Tour auch ein gemeinsames Lied präsentieren könnte. Also fragte ich ihn, ob er nicht Lust auf ein Duett hätte. Er hat direkt zugesagt. Den Song haben wir auch zusammen getextet.

Und Xavier Naidoo?

Bei ihm war es so: Nachdem wir uns zweimal getroffen hatten, fiel ein Satz, den sich Musiker wahrscheinlich immer nach dem zweiten Treffen sagen: "Sollen wir nicht mal was zusammen machen?" Normalerweise wird daraus nie etwas. Aber ich habe ihm dann eine E-Mail geschrieben. Daraufhin haben wir telefoniert und ich habe ihm das Lied als MP3 geschickt. Er sagte, es sei ihm eine  Riesenehre - und am nächsten Tag hatte er das Ding getextet, eingesungen und fertig gemacht. Wow! Das habe ich noch nie erlebt! Wir haben uns menschlich wie musikalisch wirklich sofort verstanden.

Xavier Naidoo war gerade Juror in der Casting-Show "The Voice of Germany". Du selbst warst schon mal eine Sendung lang Jury-Mitglied, als es um Lenas Song für Düsseldorf ging. Könntest du dir auch eine größere Juroren-Rolle mal vorstellen?

Nein. Das würde ich nie machen. Es sei denn, es würde von vornherein festgelegt, dass Leute gesucht werden, die ihre Songs selbst schreiben. Ich halte nichts davon, Leute zu casten, die nur vorgegebene Lieder singen. Ihnen zu applaudieren, ist, wie sich beim Kellner dafür zu bedanken, dass er super gekocht hat. Er präsentiert das Essen aber nur. Der eigentliche Star ist hinten in der Küche. Für mich ist es wichtig, Künstler zu unterstützen, die ihre eigenen Lieder schreiben. Und von ihnen gibt es eine ganze Menge in Deutschland.

Vielleicht macht es ja eh keinen Sinn, noch große Pläne zu schmieden. Heute ist der 21. Februar. Das heißt: In exakt zehn Monaten geht die Welt unter. Glaubst du daran?

Eigentlich nicht. Aber selbst wenn die Welt untergehen würde, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.

Mit Unheilig-Sänger Graf sprach Volker Probst

Unheilig befinden sich im Sommer 2012 auf Deutschland-Tournee: Meppen (30.06.), Magdeburg (06.07.), Flensburg (07.07.), Leipzig (13.07.), Nürnberg (14.07.), Stuttgart (20.07.), Köln (21.07.), Hannover (27.07.), Rostock (28.07.), Zwickau (04.08.), Passau (05.08.), Saarbrücken (10.08.), Hemer (11.08.), Weilburg (18.08.), Berlin (01.09.), München (08.09.)

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Quelle: n-tv.de