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"Du läufst wie ein Mädchen" Verflucht: Fluch der Karibik 4

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Jack Sparrow mit neuer Gespielin: Johnny Depp und Penélope Cruz.

Captain Jack Sparrow sticht wieder in See. Für alle, die beim dritten Teil von "Fluch der Karibik" schon nach der Hälfte nicht mehr wussten, um was es eigentlich geht, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Der vierte Aufguss "Fremde Gezeiten" hat eine relativ stringente Story. Die schlechte: Das macht den Film nicht unbedingt besser.

Schlechtes über "Fluch der Karibik" zu sagen, grenzt schon beinahe an Blasphemie. Johnny Depp - zweifellos nach wie vor einer der besten Schauspieler Hollywoods und eine coole Sau - scheint in Captain Jack Sparrow schließlich so etwas wie sein Alter Ego gefunden zu haben. "Er ist absolut unabhängig, schert sich um nichts, ein wirklicher Freigeist", begründet Depp seine Liebe zu dem Piraten, den er wohl auch noch in 15 weiteren Fortsetzungen ohne Murren verkörpern würde. Natürlich ist da die Gage von mehr als 50 Millionen Dollar, die er für "Fremde Gezeiten" in bester Freibeuter-Manier eingesackt hat, nur schmückendes Beiwerk.

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Sucht er die Handlung?

Doch auch das Publikum scheint von dem leicht trotteligen, tuckigen und tollpatschigen Piraten nicht genug zu kriegen. So werden bereits Teil 2 und 3 der Saga zu den zehn erfolgreichsten Filmen aller Zeiten gezählt. Und es gibt wenig Grund daran zu zweifeln, dass Captain Jack Sparrow auch mit seinem vierten Abenteuer früher oder später die Top Ten der Kassenschlager entern wird - schließlich kommt es erstmals auch im schicken 3D daher.

Dafür, dass das Interesse nicht abreißt, sorgt zudem eine gigantische Marketing-Maschinerie. Klar, dass mittlerweile kaum noch ein als Blockbuster auserkorener Streifen ohne dazugehöriges Videospiel in die Kinos kommt. Doch zu "Fluch der Karibik" gibt es noch dazu zum Beispiel ganze Lego-Welten, eine Schmuckkollektion und reihenweise Actionfiguren, "sogar mit LED-Funktion", wie der Hersteller betont. Und weil trotz oder wegen all dieses Nippes die Spannung auf "Fremde Gezeiten" ja kaum auszuhalten war, luden zahlreiche Lichtspielhäuser in Deutschland in der Nacht zum Donnerstag um 00.01 Uhr zur Vorpremiere. Zwar barst das Kino am Berliner Alexanderplatz, in dem wir uns den Streifen angesehen haben, da nicht aus allen Nähten. Trotzdem lümmelte sich für diese nachtschlafende Uhrzeit doch eine durchaus beachtliche Schar an Menschen mit 3D-Brillen auf ihren Nasen in die Kinosessel.

Geschichte als Nebensache

Ob auch nur einer von ihnen den Handlungsstrang des dritten Teils "Am Ende der Welt" noch hätte nacherzählen können, wissen wir nicht. Aber darauf kommt es ja offenbar auch gar nicht an. Die Geschichte ist in den Fortsetzungen des grandiosen "Fluch der Karibik"-Originalstreifens von 2003 zur Nebensache degradiert worden. Das gilt leider auch für Captain Jack Sparrows neues Leinwandabenteuer. Mit einem Unterschied: So abstrus verworren wie die Story des Vorgängers war, so simpel und einfach gestrickt ist nun die Handlung von "Fremde Gezeiten".

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Sparrow, Anjelica und Blackbeard (r.) jagen nach der "Quelle der ewigen Jugend".

Um diese zu umreißen, reichen tatsächlich wenige Sätze: Engländer, Spanier und Bösewicht Blackbeard, in dessen Gefolge sich mehr oder minder freiwillig auch Jack Sparrow befindet, liefern sich einen Wettlauf um die Suche nach der "Quelle der ewigen Jugend". Auf dem Weg dahin sammeln sie ein, was man halt so für die Aktivierung eines solchen Jungbrunnens braucht - zwei spezielle Kelche und die Träne einer Meerjungfrau - und beharken sich um diese Dinge. Schließlich treffen sie zum finalen Showdown an der Quelle zusammen und legen alles in Trümmer, so dass niemand etwas von der duften Entdeckung hat. Niemand außer einer, Sparrows alte Bekannte Anjelica, bei der bis zum Schluss unklar bleibt, ob sie nun Blackbeards Tochter ist oder nicht. In jedem Fall darf sie sich auf Kosten ihres vermeintlichen Vaters (denn die Quelle gibt einem nur die Lebensjahre, die sie einem anderen nimmt) am Ende ein paar zusätzliche Lenze antrinken. Wenn das mal nicht genügend Spielraum für weitere Fortsetzungen bietet.

Anjelica, die neue weibliche Hauptfigur bei "Fluch der Karibik", wird gespielt von Penélope Cruz. Denn anders als Johnny Depp und Geoffrey Rush als Captain Hector Barbossa hatte Keira Knightley, die als Elizabeth Swann bis dahin eine zentrale Rolle in der Filmreihe spielte, offenbar keine Lust, auch noch ein viertes Mal das Gewand der Piratenbraut überzustreifen. Auch Orlando Bloom alias William "Will" Turner ist nicht mehr mit von der Partie. Dafür darf abermals Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards - angeblich Depps Realvorlage für seine Jack-Sparrow-Verkörperung - einen Kurzauftritt als Vater des Piratenkapitäns absolvieren.

Kaum mehr als ein Schmunzeln

Statt auf eine zumindest einigermaßen originelle Handlung zu setzen, ruht sich die "Fluch der Karibik"-Reihe inzwischen allzu sehr auf ihrem originellen Hauptcharakter aus. Genauer gesagt: auf ihrem einstmals originellen Hauptcharakter. Keine Frage: Johnny Depp ist mit seiner Piraten-Parodie seinerzeit ein Meisterstück gelungen. Doch irgendwann setzt auch die robusteste Zugmaschine Rost an. So sehr der 47-Jährige sich auch in die Rolle verliebt haben mag, so wenig bietet sie ihm inzwischen Spielraum für eine Weiterentwicklung. Bei "Fremde Gezeiten" kommt erschwerend hinzu, dass sogar den Gag-Schreibern allmählich die Puste auszugehen scheint. Über ein Schmunzeln kommt man während des mit einer Länge von 136 Minuten wieder einmal nahezu episch geratenen Films jedenfalls kaum hinaus. Wenn Jack Sparrow da zu Anjelica sagt "Du läufst wie ein Mädchen" und sie ihm antwortet "Da kenn ich noch jemand", gehört das schon beinahe zu den witzigsten Dialogen. Aber mal ehrlich, ein Schenkelklopfer ist das nach drei Streifen, in denen man den Piratenkapitän tuntig über die Leinwand tippeln sehen durfte, auch nicht mehr.

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Sticht er noch einmal in See? Teil 5 ist nicht ausgeschlossen.

Noch eine weitere Vorwarnung scheint am Rande angebracht: Johnny Depp hat in der deutschen Fassung des Films eine neue Synchronstimme. Das heißt, nein, eigentlich hat er seine alte. In den ersten drei Teilen von "Fluch der Karibik" übernahm die deutsche Vertonung nämlich ein anderer Sprecher als der, der Depp normalerweise hierzulande seine Stimme verleiht. In "Fremde Gezeiten" wurde nun allerdings geswitcht - zumindest für eingefleischte Jack-Sparrow-Fans dürfte das gewöhnungsbedürftig sein.   

Wem es reicht, Popcorn futternd mit der Repetition alter Muster berieselt zu werden, hat womöglich trotz alledem einen vergnüglichen Kinoabend. Denn in Sachen optischer Opulenz steht der Film seinen Vorgängern in nichts nach. Die riesigen Piratenschiffe und die Schlacht-Getümmel sind in 3D natürlich erst recht ein besonderer Augenschmaus, ebenso wie die aufwändig gestalteten Fantasie-Figuren. Und damit meinen wir nicht nur die Meerjungfrauen. Aber selbstredend die auch. Darauf reduziert ließen sich auch noch zehn weitere Teile von "Fluch der Karibik" ertragen.

Quelle: n-tv.de

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