Kino

"Kleine wahre Lügen" Viel geredet, nichts gesagt

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Ein Tisch, Wein, Austern und reden: eine typische Filmszene.

(Foto: Tobis)

Freunde sitzen und reden, trinken Wein, reden noch mehr, ab und zu brüllt einer, nach Streitigkeiten wird kurz geschwiegen, bis jemand sagt "Jetzt brauche ich erstmal einen Schluck", Griff zur Flasche, alle halten ihre Gläser hin – so weit, so französisch. Der Film "Kleine wahre Lügen" ist in Frankreich ein Renner. Nun kommt er zu uns.

Guillaume Canet kann einem eigentlich leidtun. Denn der Regisseur des Films "Kleine wahre Lügen" (und Ex-Ehemann von Diane Kruger) wurde im Vorfeld der Premiere nicht müde zu betonen, WIE persönlich dieser Film sei, sein allerpersönlichster bisher: "Einen persönlicheren Film als 'Kleine wahre Lügen' werde ich niemals drehen".… Und wenn das, was im Film vor sich geht, wirklich sein persönliches Leben widerspiegelt, kann er einem leidtun. Worum geht es? Um Lebenslügen, um Selbstbetrug und Selbstbezogenheit, um Fassadenwahrung und Freundschaft, wahre und falsche.

Es geht um einen Haufen alter Freunde, die sich schon seit vielen Jahren kennen, und um einen schweren Unfall. Es wird – wie ja meist in französischen Filmen – viel geredet, getrunken und geraucht. Und noch mehr geredet, aber nicht viel gesagt. Kaum einer hört dem anderen zu. Und wenn doch mal etwas Wahres, Persönliches direkt und offen ausgesprochen wird, kommt es zum Eklat.

Heikles Geständnis

So etwa, als der Physiotherapeut Vincent (Benoit Magimel) dem älteren Restaurantbesitzer Max (gespielt von Dustin-Hoffman-Lookalike Francois Cluzet) seine Zuneigung gesteht, die über eine normale Männerfreundschaft hinausgeht. Obwohl sie sich schon so lange kennen, obwohl Max Patenonkel von Vincents Sohn ist, glaubt Vincent sich in den alten (und älteren) Freund verliebt zu haben. Max rastet aus, Vincent tut es leid. Sie versuchen es totzuschweigen, "tun wir, als hätte ich nie was gesagt, als wäre es nie geschehen", aber natürlich ist es geschehen, jede sonst so normale Berührung, jedes Schulterklopfen bekommt eine andere Bedeutung und ihr Verhalten zueinander wird verkrampft, so dass es die anderen merken. Denn alle hocken aufeinander – fast alle, denn einer fehlt: ihr Freund Ludo, der einen lebensbedrohlichen Verkehrsunfall hatte und deswegen auf der Intensivstation liegt. Die Clique fährt dennoch zusammen in die Sommerferien, wie immer, aber diesmal nur zwei Wochen, wegen Ludo.

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Der Sommerurlaub findet trotzdem statt, wenn auch anders als sonst.

(Foto: Tobis)

Ein schlechtes Gewissen hat man ja schon. Aber da Max jedes Mal einlädt in sein Haus am Meer – wer kann dazu schon nein sagen ... Max, der erfolgreiche Geschäftsmann, Restaurantbesitzer, Bauherr, mit Haus und Boot und Familie, der eigentlich alles hat, aber dennoch nicht zufrieden ist. Im Gegenteil: Er rastet aus wegen Nichtigkeiten, staucht Personal und Freunde zusammen und lässt alle spüren, WIE wahnsinnig großzügig er doch ist, sie alle jedes Jahr einzuladen in sein Anwesen an der südlichen Atlantikküste. Aber wer anderen seine Großzügigkeit aufs Brot schmiert, ist nicht wirklich großzügig. Er nervt alle – und nicht nur er.

Frauen-Probleme

Da ist Antoine (Laurent Lafitte), der die Trennung von seiner Freundin nicht verwinden kann und damit allen auf die Nerven geht: Sie hat eine SMS geschrieben, was hat das wohl zu bedeuten, soll ich zurückschreiben, was soll ich ihr denn zurückschreiben, vielleicht warte ich noch ein bisschen ... Er dreht sich nur um sich, um seine eigenen Probleme und hat daher kein Ohr für die der anderen. Und da ist Eric (Gilles Lellouche), als Schauspieler mäßig erfolgreich, als Schürzenjäger um so mehr – was ihm seine Freundin verjagt. Sie beschließt in letzter Sekunde, nicht mitzukommen – was dem Freundeskreis dann mit "Sie konnte nicht kommen, hat beruflich zu tun" erklärt wird. So besteht ein großer Teil der Kommunikation zwischen den Freunden – die doch eigentlich diejenigen sind, denen man sich anvertraut – aus Lügen, Halbwahrheiten und Verschweigen. Um die Fassade zu wahren, die Probleme zu verdrängen.

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Max (rechts) reagiert seit dessen Geständnis sehr gereizt auf Vincent.

(Foto: Tobis)

In dem Anwesen von Max lässt es sich allerdings auch trefflich verdrängen: da wird getafelt und getrunken, ständig stehen Weinflaschen auf dem Tisch und natürlich bergeweise Austern, man fährt mit der Jacht aufs Meer (wenn man nicht wegen der Gezeiten im Schlamm stecken bleibt) und zum Austernzüchter Jean-Luis. Der gehört nach all den Jahren zum Freundeskreis dazu und stellt den bodenständigen Gegenpart dar: mit zupackenden, kräftigen Händen, wettergegerbtem Gesicht und zerzaustem, drahtigem Haar. Eine recht klischeebeladene Figur, die dennoch einen wohltuenden Ausgleich zu den anderen Figuren bildet, da er als Einziger ehrlich und geradeheraus seine Meinung sagt.

Es lohnt sich, sitzenzubleiben

So drehen sich die Figuren weiter im Kreis und um sich selbst und man will den Film schon als belanglose Plapperei abtun – da gewinnt er in der zweiten Hälfte (der Streifen ist mit 154 Minuten recht lang geraten) an Fahrt und Tiefe. Konflikte brechen aus und werden endlich offen ausgetragen, Meinungen werden gesagt, Gefühle offengelegt, Frauen zurückgewonnen oder für immer verloren. Anteilnahme und Verständnis machen sich breit. Das Ganze endet dann leider in einem allzu rührseligen Ende, das fast schon italienisch anmutet in seinem tränenreichen Schluchz-Schmerz.

Aber die Musik, die ist durchgängig gut. Überhaupt fast das Beste an dem Film – neben der grandiosen, atemberaubend schönen Landschaft. Überraschenderweise kommt nicht ein einziger französischer Song in dem ganzen Film vor, wo die Franzosen sonst doch so auf die Bewahrung ihrer eigenen Sprache aus sind – vielleicht ein Zugeständnis an den internationalen Filmmarkt?

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Marion Cotillard wirkt im Film häufig etwas abwesend. Aber gut sieht sie aus.

(Foto: Tobis)

Immerhin ist mit der Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard (2008 für "La vie en rose") ja ein Zugpferd vertreten – sie hat allerdings schauspielerisch hier nicht allzu viel zu leisten. (Sie ist derzeit mit Regisseur Guillaume Canet liiert, aber das nur am Rande.) Hauptsächlich schaut sie überaus hübsch und mit großen Augen in die Gegend, kifft den halben Film über, trinkt viel Wein, ist lieb zu ihren Freunden und garstig zu ihren Liebschaften, egal welchen Geschlechts, egal wie attraktiv, egal wie verständnisvoll. Sie rennt vor allen davon, ihre Motive bleiben jedoch im Dunkeln, da sie darüber nicht spricht. Wenn es um sich und ihre Gefühle geht, macht sie zu, schottet sich ab. Ein Glas Wein, ein Joint, eine DVD, sitzen, gucken, rauchen, schweigen.

Gut für einen Sommerurlaubsabend

Sonst wird ja sehr viel geredet in "Kleine wahre Lügen", aber kaum, wenn es nötig wäre. Ebenso verhält es sich mit dem Zuhören: Selbstbespiegelung ist vorherrschend, aber ohne Konsequenzen aus Fehlern zu ziehen. Der Regisseur Guillaume Canet (der auch als Schauspieler und Drehbuchautor tätig ist) sagt dazu: "Sich selbst zu betrügen ist nicht schwer. ... Feigheit, Routine oder Angst vor dem Unbekannten führen oft dazu, dass wir durchs Leben gehen, ohne uns ... Fragen zu stellen, ohne auf unser Bauchgefühl oder unsere tiefsten Überzeugungen zu achten – vor allem aber, auf das zu hören, was unser Herz uns sagt."

Diesen seinen Film, seine "extrem persönliche Angelegenheit" haben sich in Frankreich bisher bereits mehr als fünf Millionen Menschen angesehen. In Deutschland kommt er am 7. Juli 2011 in die Kinos, pünktlich zur Haupt-Urlaubszeit. Perfekt für einen Sommerabend: schöne Bilder, französische Savoir vivre, flotte Musik, es gibt auch ein paar durchaus komische und lustige Szenen und man sieht anderen Leuten bei ihren Problemen und Streitereien zu. Und wenn das Licht angeht, kann man erleichtert aufseufzen und sich sagen: Gott sei Dank, so sind wir nicht.

Quelle: n-tv.de

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