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Mehr als nur ein YouTube-Hit Walk Off The Earth erobern die Welt

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Wer hat das noch nicht gesehen? Walk Off The Earth in ihrem YouTube-Video.

picture alliance / dpa

Vier Männer, eine Frau, eine Gitarre. Mit ihrer Version von Gotyes "Somebody That I Used To Know" wurden Walk Off The Earth zur YouTube-Sensation. Hinter der Formation verbergen sich die Kanadier Gianni Nicassio, Joel Cassady, Sarah Blackwood, Ryan Marshall (von seinen Bandkollegen Marshall genannt) und Mike Taylor (von seinen Bandkollegen Taylor genannt). Im n-tv.de Interview sprechen die drei Letztgenannten über das perfekte Video, Magie und Visionen, aber auch über Pannen, Schmerzen und Horror.

n-tv.de: Wisst ihr, wie viele Abrufe eure Version von Gotyes "Somebody That I Used To Know" gerade bei YouTube hat?

Mike: Ja, es sind knapp 74 Millionen.

Exakt. Und zwar nur das Hauptvideo. Wenn man die Duplikate noch dazu zählt, sind es bestimmt 80 Millionen. Theoretisch hieße das in etwa, dass in einem Land wie Deutschland jeder Einwohner das Video angeklickt hat … 

Sarah: Ah, so viele Menschen leben also in Deutschland. (lacht)

Ryan: Ich habe noch eine Zahl: Eine einzelne Person bräuchte 536 Jahre, um sich das Video derart häufig am Stück anzusehen. Das ist echt irre.

Ihr habt das Video im Januar gepostet - und plötzlich gab es diesen Boom von Millionen und Abermillionen Abrufen. Wie habt ihr das erlebt? Wann war der Moment, in dem ihr dachtet: "Verdammt, was geht eigentlich ab"?

Sarah: Das ist wirklich lustig. Wir haben das Video sehr spät, um 4 Uhr in der Nacht, online gestellt. Als wir um etwa 8 Uhr wieder aufgestanden sind, war die Abrufzahl schon eingefroren - YouTube friert die Zahl bei einer bestimmten Abrufmenge ein, weil sie sie nicht so schnell ausweisen können. Zugleich haben uns eine ganze Reihe Leute angerufen: "Hey, sie haben euch heute Morgen im Radio gespielt." Da haben wir ein paar Nachforschungen angestellt: Aufgrund der "Likes", die unter der Abrufzahl bei YouTube angezeigt werden, schätzen wir, dass es eine Million Abrufe waren.

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Das sind sie ohne Gitarre: Joel Cassady, Gianni Nicassio, Sarah Blackwood, Ryan Marshall und Mike Taylor (v.l.n.r.).

(Foto: Manfred Esser / Sony Music)

Schon am ersten Morgen?

Sarah: Ja. Und es hörte nicht auf. Marshall und ich sind total ausgeflippt. Wir sind zu Gianni gegangen und durch seine Küche getobt: "Was ist hier los? Was passiert hier?" Dann haben wir tonnenweise E-Mails bekommen. Da wussten wir, dass es ein Renner werden würde.

Das Video zu "Somebody That I Used To Know" war ja nicht das erste, das ihr bei YouTube eingestellt habt. Wie viele hattet ihr zuvor schon hochgeladen?

Ryan: Ungefähr 50.

Mike: Und in unserem Channel sind es inzwischen etwa 60.

Was war denn euer Ziel dabei? Habt ihr auf einen Durchbruch, wie ihr ihn jetzt habt, gehofft, damit vielleicht sogar gerechnet - oder ist das für euch alles eine totale Überraschung?

Ryan: Gianni hat vor rund zwei Jahren angefangen, sich in diese YouTube-Sache zu vertiefen. Er hatte da schon eine Art Vision. Er meinte, wir sollten so viele Videos wie nur möglich hochladen, denn YouTube würde irgendwann wichtiger als das Fernsehen sein. Unsere Idee war, Songs, die wir mögen und wirklich gut finden, zu covern - unabhängig davon, ob das populäre Songs sind oder nicht. Also haben wir eine Reihe solcher Videos gemacht. Nachdem sich Leute die angesehen hatten, kamen sie in unseren Channel und sahen sich dort dann auch unsere eigenen Songs an. Das hat wirklich gut funktioniert. Aber auch bevor das alles passiert ist, hatten wir uns schon als Independent-Band auf YouTube ganz gut durchgeschlagen - wir haben zum Beispiel mit Leuten wie den Gregory Brothers oder Roomie zusammengearbeitet, die bei YouTube schon große Namen haben.

Ihr seid ja aus Kanada - wie Justin Bieber, der den Durchbruch auch via YouTube geschafft hat …

Sarah: Ja. Und er ist cool. Ich mag ihn. Der Junge kann echt singen. Und Schlagzeug spielen.

Euer Leben hat sich in den vergangenen Wochen sicher extrem verändert. Wie würdet ihr das beschreiben?

Sarah: Am wichtigsten ist wohl, dass wir unsere regulären Jobs nicht mehr machen müssen. Das ist cool. Zugleich lernen wir gerade rasant viel über das Musikbusiness, was wir vorher nicht gewusst hatten. Wir sind alle ziemlich unabhängig - mehr so "Underground". (lacht) Es ist gerade alles sehr intensiv. Aber zugleich ist das vielleicht auch mit der beste Weg, um etwas zu lernen - ins kalte Wasser geschmissen zu werden, einzutauchen und in der Zeit, die einem gegeben ist, das Beste daraus zu machen.

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Original-Sänger Gotye ist voll des Lobes für die Band.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gotye hat eure Version von "Somebody That I Used To Know" via Twitter als "hinreißend" und "brillant" gelobt. Hattet ihr mit ihm inzwischen auch mal direkt Kontakt?

Mike: Ja, er hat sich kurz nach der Veröffentlichung unseres Videos mit uns in Verbindung gesetzt. Er war sehr nett und charmant. Und er hat uns zu seinem Konzert in Toronto Ende März eingeladen. Hoffentlich erlaubt uns jetzt unser Zeitplan, dass wir das wahrnehmen können.

Stimmt es, dass ihr zu dem Video von anderen Aufnahmen bei YouTube inspiriert wurdet, bei denen vier Mann an einer Gitarre zu sehen sind?

Ryan: Nein. Es gibt wohl diese Aufnahmen, aber Gianni hatte diese Idee schon länger. Er ist verrückt! Wir experimentieren schon seit vielleicht fünf Jahren in unseren Live-Shows damit herum, mehrere Leute an einer Gitarre zu beschäftigen. Da haben Gianni und ich schon zusammen auf einer Gitarre gespielt. Oder er hat meine Gitarre als Schlagzeug benutzt. Er wollte die ganze Zeit immer mehr Leute an einer Gitarre zusammenbringen. Und schließlich waren es wir fünf.

Sarah: Wir haben es in jedem Fall getoppt!

Die Grundidee des Videos ist ja an sich ganz einfach - ihr benutzt keine Pyrotechnik oder fackelt ein Feuerwerk ab. Dennoch habt ihr 14 Stunden daran gearbeitet und 26 Mal neu angesetzt. Das ist nicht nur Spaß, sondern richtige Arbeit …

Sarah: Ja, absolut. Wenn du fünf Menschen für so etwas in einen Raum steckst, funktioniert das nicht auf Anhieb perfekt. Da verhaut sich der eine oder andere bei seinem Teil immer mal wieder. Man muss wirklich zusammenarbeiten und darf sich nicht frustrieren lassen. Mit einem mittelmäßigen Ergebnis wären wir alle nicht zufrieden - wir wollen das bestmögliche Ergebnis haben. Von daher hören wir nicht auf, solange wir uns nicht einig sind: "Ja, so ist es perfekt."

Geht das immer friedlich ab - oder geht ihr euch, wenn nach 13 Stunden Dreh einer fünf Sekunden vor Ende einer scheinbar perfekten Aufnahme patzt, auch mal an die Gurgel?

Mike: Nein, nein. Das Äußerste ist, dass vielleicht mal jemand die Augenbraue verzieht. Wenn wir uns zu sehr gegenseitig anstänkern würden, wäre das kontraproduktiv. Die Fäuste fliegen also nicht, falls du das gemeint haben solltest. (lacht)

Es soll euch auch schon mal das eine oder andere Missgeschick beim Videodreh passiert sein …

Sarah: Ja, und nicht nur da. Wie in unseren Videos schmeißen wir ja auch in unseren Liveshows Dinge durch die Gegend. Als wir neulich mal geprobt haben, habe ich meine Ukulele durch die Luft geworfen. Hinter mir sollte sie jemand auffangen. Er war aber nicht da. Also ist sie auf den Boden gekracht und komplett auseinandergebrochen. Aber sie funktioniert noch und ich spiele weiter auf ihr. Ich habe sie geklebt, Duct Tape sei Dank! Doch so etwas passiert schon mal - dass Sachen auf deine Füße fallen oder dich im Gesicht treffen. Hin und wieder ist das Ganze schon mit Schmerzen verbunden. (lacht)

Wie habt ihr euch eigentlich alle kennengelernt?

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Nein, hängen lassen will sich die Gruppe in der nächsten Zeit bestimmt nicht.

(Foto: Manfred Esser / Sony Music)

Ryan: Gianni und ich kennen uns seit sieben Jahren - durch die Musik und das Studium. So hat es mit "Walk Off" angefangen.

Sarah: Wir kommen eigentlich alle aus der gleichen Gegend. Ich kenne Gianni seit drei oder vier Jahren, auch durch die Musik, weil er ja auch als Produzent arbeitet. Als "Walk Off" in einem Song eine Frauenstimme brauchten, habe ich diese eingesungen. Dabei bin ich dann auch mit Giannis Ideen zu der ganzen Video-Kiste in Berührung gekommen. Taylor kam dann vor eineinhalb oder zwei Jahren dazu, genauso wie unser Schlagzeuger Joel. Und …

Ryan: … und dann ist das hier passiert.

Sarah: Ja, dann ist das passiert. Und jetzt sind wir für immer verheiratet. (lacht)

Wo habt ihr euren Umgang mit den verschiedensten Musikinstrumenten gelernt? Habt ihr Unterricht gehabt, euch das selbst beigebracht - oder seid ihr nur außerordentlich talentiert?

Ryan: Wir haben alle etwas unterschiedliche Hintergründe. Aber speziell Gianni hat dafür ein unglaubliches Händchen. Er kann einen beliebigen Sound sofort spielen und musikalisch umsetzen. Der Sound muss noch nicht mal von einem Instrument stammen - es kann auch das Geräusch beim Schließen der Mikrowellen-Klappe sein. Gianni würde ohne Probleme einen Weg finden, dass es sich melodisch anhört und in einen Song passt. Das hat etwas Magisches.

Und wie ist das bei euch anderen in der Band?

Sarah: Taylor hat sehr jung Piano gelernt - er ist, so gesehen, sehr klassisch ausgebildet. Unser Schlagzeuger Joel hat Musik eine Zeit lang studiert. Bei mir war es so, dass mein Vater mir ein paar Akkorde beigebracht hat. Ich habe Gitarre gelernt und hatte mit acht Klavierunterricht - der mir aber keinen Spaß gemacht hat. Und: Ich kann noch immer keine Noten lesen. Tatsächlich kann ich kein Instrument besonders gut spielen. (lacht) Ich kann die Basics, ich kann gut auf etwas draufhauen und ich bin super mit der Rassel.

Ryan: Ja, du bist eine wirklich gute Rassel-Spielerin!

Zugleich hattest du, Sarah, mit "The Creepshow" ja bisher auch noch deine eigene Psychobilly-Band am Start …

Sarah: Oh, ja, in der spiele ich auch nach wie vor noch. Jedenfalls, solange ich das alles noch unter einen Hut bekomme. Das gehört natürlich auch zu meinem Hintergrund. Mit der Band bin ich viel getourt und habe ich viele Shows gespielt.

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Sarah Blackwood ist auch mit eigener Band und solo schon eine Zeit lang im Musikgeschäft unterwegs.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ich habe gelesen, dass sich die Songs von "The Creepshow" vor allem um Horrorfilme drehen …

Sarah: Ich weiß nicht, wie die Leute darauf kommen. Das stimmt so nicht. Zumindest nicht für die letzten beiden Alben.

Also magst du gar keine Horrorfilme?

Sarah: Doch, ich liebe Horrorfilme.

Was ist dann dein Lieblings-Horrorfilm?

Sarah: Nightmare On Elm Street 3 - Dream Warriors.

Sarah spielt in einer Psychobilly-Band. Und die Künstler, von denen ihr Songs gecovert habt, reichen von LMFAO und Lady Gaga bis Radiohead und den Beatles. Auf was für Musik steht ihr eigentlich?

Ryan: Alles. Auch hier haben wir alle in der Band wieder sehr unterschiedliche Hintergründe und Einflüsse. Ich zum Beispiel höre viel Musik von Singer-Songwritern und Folk, aber auch Jazz und Hip-Hop. Gianni mag gern Reggae, Jazz, Funk und verrücktes Zeug - wie Frank Zappa. Wir mögen einfach gute Musik - egal, ob es Pop, Hip-Hop, Top-40-Musik oder was auch immer ist.

Inzwischen betteln euch Leute ja sogar regelrecht an, diesen oder jenen bestimmten Song zu covern. Wonach entscheidet ihr, ob ihr euch einen Song vornehmt oder nicht?

Ryan: Wir haben bisher eigentlich keinen Song nur deshalb gecovert, weil uns jemand darum gebeten hat. Normalerweise machen wir es, weil uns der Song gefällt.

Gibt es Songs, die für euch auf keinen Fall in Frage kämen?

Sarah: Ja, tonnenweise. Schlechte Songs eben. Wir sind da schon sehr wählerisch. Wirklich jeder in der Band muss einen Song mögen. Zugleich muss es ein Lied sein, das wir weiterentwickeln und dem wir unseren eigenen Stempel aufdrücken können. Das kann man nicht mit jedem Lied machen.

Wie ist das eigentlich rechtlich? Müsst ihr vorher um Erlaubnis fragen, wenn ihr einen Song covert?

Ryan: Die Informationen, wie man da vorgehen muss, kann man alle im Internet finden. Man gibt dort nur den Song ein, den man machen möchte, und zahlt dafür einen bestimmten Betrag.

Sarah: Ja, man muss dafür zahlen. Aber das ermöglicht es einem schließlich, seine ganz eigene Version von etwas zu machen.

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"Somebody That I Used To Know" von Walk Off The Earth gibt es jetzt auch als CD.

(Foto: Sony Music)

Stört es euch eigentlich, dass so viel über eure Coverversionen gesprochen wird? Schließlich schreibt ihr ja auch eure eigenen Songs …

Ryan: Stimmt. Und wir sehen uns auch nicht als Cover-Band. Unsere Coverversionen machen wir so, wie sie sich unserer Ansicht nach auch anhören würden, wenn das unsere eigenen Songs wären. Coverversionen gibt es in der Musik schon immer. Bob Dylan, Jimi Hendrix, Led Zeppelin - jeder gute Musiker und jede gute Band, die es je gegeben hat, hat viele Coverversionen gemacht. Oft weiß man gar nicht, dass ein Song eine Coverversion ist. Aber wir glauben auch an unsere eigenen Songs. Sie sind sehr stark. Und es ist toll, dass wir sie nun auch zu Gehör bringen können. Dennoch werden wir coole Songs auch in Zukunft noch immer covern.

Wer schreibt eure Songs?

Sarah: Das ist ziemlich cool. Seit dem Video sind wir als Band zusammengerückt. Und seither schreiben wir zusammen. Zugleich gibt es ein paar ältere Songs, an denen Marshall und Gianni schon seit dem vergangenen Jahr arbeiten. Das heißt: Die Songs sind alle schon da. Wir müssen sie nur noch ein wenig bearbeiten, so dass jeder in der Band in sie integriert wird. Das wird gut!

Das heißt, es wird demnächst auch ein neues Album von euch geben …

Ryan: Ja, geplant ist das für den Sommer.

Ihr habt ja bereits zwei Alben veröffentlicht - allerdings bei einem kleinen Independent-Label. Jetzt seid ihr mit Columbia indes bei einer wirklich großen Plattenfirma gelandet. Ihr nutzt die Möglichkeiten des Internets so gekonnt - ist es da nicht geradezu ein Rückschritt, bei einem "Dinosaurier" wie einem Major-Label zu unterschreiben?

Mike: Nein, wir sehen sie nicht als Dinosaurier. Es stimmt: Wir machen ein paar Dinge wirklich gut. Das Label weiß das zu schätzen. Sie werden uns also sicher nicht erzählen, wie man ein gutes YouTube-Video macht. Aber genauso gibt es Dinge, von denen sie tonnenweise mehr Ahnung haben als wir. Das wollen wir gerne zusammenbringen, so dass die Band noch größer und besser wird, als sie es jetzt schon ist.

Ryan: Wir sind da nicht hineingedrängt worden. Wir hatten viele Optionen, als das jetzt alles passiert ist. Wir haben das gründlich abgewogen. So, wie die Leute von Columbia auf uns zugekommen sind, waren sie jedoch die einzige richtige Wahl für uns. Das ist jetzt einfach wie eine Erweiterung unserer Familie.

Mike: So sehr wie wir unseren bisherigen Erfolg auch genossen haben, so haben wir doch festgestellt, dass es da einen Unterschied zu anderen Künstlern gibt. Ob Adele, Bruce Springsteen oder Leonard Cohen - sie alle sind bei Columbia unter Vertrag. Die Hallen, in denen sie spielen, sind doch etwas größer als die, in denen wir bisher aufgetreten sind. (lacht) Wenn uns Columbia dabei helfen kann, dort hinzukommen, wären wir darüber wirklich glücklich.

Was sind denn sonst eure weiteren Pläne - vielleicht eine Version von Beethovens Neunter Symphonie zu fünft auf dem Akkordeon?

(Allgemeines Gelächter)

Sarah: Nein, nein. Wir werden jetzt erst einmal nur noch an dem neuen Album arbeiten. 20 Tage oder so. (lacht) Das hat jetzt Toppriorität. Danach werden wir hoffentlich eineinhalb Jahre nur noch touren, Konzerte geben - und die Welt erobern!

Mit Sarah Blackwood, Ryan Marshall und Mike Taylor sprach Volker Probst

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Quelle: n-tv.de

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