Kino

Das letzte Glitzern der Diva Whitney Houston in "Sparkle"

Szenenbild_08(1400x933).jpg

Noch ein letztes Mal auf der Leinwand: Whitney Houston.

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

"Sparkle" - das heißt zu Deutsch so viel wie "Glitzern" oder "Funkeln". Und "Sparkle" - so heißt auch der letzte Kinofilm mit Whitney Houston. Darin mimt die gealterte Diva allerdings nicht die Titelfigur, sondern deren strenge und gottgläubige Mutter. Wenige Wochen nach Abschluss der Dreharbeiten war Houston tot.

"It's better to burn out than to fade away" - es ist besser auszubrennen als zu verblassen. Angelehnt an den Text eines Neil-Young-Songs schrieb dies einst Nirvana-Sänger Kurt Cobain in seinem Abschiedsbrief, ehe er sich mit einer Schrotflinte selbst das Gesicht wegschoss. Anders als er schied Whitney Houston vermutlich nicht freiwillig aus dem Leben. Ihr Tod am 11. Februar 2012 in einer Hotel-Badewanne in Beverly Hills war ein Unfall, so das abschließende Urteil der Ermittler - all den Drogen und Medikamenten in Houstons Blut zum Trotz. Dennoch könnten auch über ihrem Leben und Sterben die zwischen Resignation und Zynismus schillernden Abschiedsworte Cobains prangen. In ihrer Sucht und Verzweiflung waren die Soul-Diva und der Grunge-Rocker vereint.

Szenenbild_01(1400x933).jpg

Houston spielt die Mutter der Titelfigur Sparkle (Jordin Sparks).

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Im Falle Houstons hatte das Verblassen schon weit vor ihrem Tod eingesetzt. Ihre ständigen Drogen- und Alkohol-Eskapaden, ihre zerstörerische Ehe mit Gesangskollege Bobby Brown, ihr derangiertes Auftreten in der Öffentlichkeit - all das hatte zum Sinken des Sterns der Sängerin geführt, die an die 200 Millionen Tonträger verkauft und mehr Preise eingeheimst hat als jeder andere weibliche Popstar vor ihr. Aus dem unschuldigen Mädchen, das mit gerade mal Anfang 20 und Hits wie "Saving All My Love For You", "How Will I Know" oder "I Wanna Dance With Somebody" Mitte der 80er die Herzen des Publikums im Sturm erobert hatte, war unter den Augen desselben Publikums schon zur Jahrtausendwende ein physisches und psychisches Wrack geworden. Den traurigen Höhepunkt bildete wohl das Desaster bei Houstons letzter Welttournee 2010. Dass die Frau, die einst eine Jahrhundertstimme hatte, auf der Bühne nur noch ein Krächzen aus der Kehle hervorbrachte, quittierten Kritiker und Zuhörer mit Hohn, Spott und Buhrufen, aber auch mit Fassungslosigkeit und Bedauern.

Von "Bodyguard" zu "Sparkle"

Doch Houston war nicht nur Sängerin, auch wenn die Zahl ihrer Ausflüge ins Filmgeschäft überschaubar geblieben ist. Neben ein paar kleineren TV-Rollen absolvierte sie lediglich eine Handvoll Leinwand-Auftritte - allesamt in den 90ern. Ihr erster war und ist zugleich ihr berühmtester, wenn auch nicht unbedingt aufgrund der Story. Vor allem bleibt die Schnulze "Bodyguard", in der Houston 1992 an der Seite von Kevin Costner zu sehen war, wegen ihres Soundtracks in Erinnerung - inklusive des ewigen Schmachtfetzens "I Will Always Love You". Drei weitere Streifen und fünf Jahre später ist die Kinokarriere des Soul-Stars beendet. Der Ausstieg beziehungsweise Ausschluss aus dem Filmgeschäft fällt zusammen mit dem Anfang vom Niedergang der Sängerin. 2001 macht sie ihre erste gescheiterte Entziehungskur.

Szenenbild_09(1400x933).jpg

Das Trio "Sister And Her Sisters" entführt einen in das Detroit der 60er-Jahre.

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Umso tragischer ist es, dass ausgerechnet Houstons Leinwand-Rückkehr rund 15 Jahre später mit dem drastischen Ende ihres Niedergangs einhergehen sollte. Die Dreharbeiten zu "Sparkle", ein Remake eines gleichnamigen Films aus den 70er-Jahren, fanden im Herbst 2011 statt. Nur wenige Wochen nach ihrem Abschluss war Houston tot. Dabei hätte der Streifen, für den sie nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als ausführende Produzentin in die Bütt stieg, ebenso den Beginn ihrer strahlenden Rückkehr als Phönix aus der Asche markieren können. Das hätte man ihr nicht nur gewünscht, das hätte "Sparkle" auch leisten können - auch wenn sich das "Funkeln" im Titel nicht auf Houstons Rolle in dem Film bezieht, sondern auf ihre von Jordin Sparks verkörperte Tochter.

"Sparkle" ist ein Sozialdrama und eine Milieustudie des Lebens der Schwarzen im Detroit der 60er-Jahre. Inspiriert von der realen Geschichte der "Supremes" schildert der Film den Aufstieg der drei Anderson-Schwestern Sparkle, Tammy "Sister" (Carmen Ejogo) und Delores "Dee" (Tika Sumpter) als "Sister And Her Sisters" im Musikbusiness der legendären Motown-Ära. Aber nicht nur den Aufstieg, sondern auch den Fall - bedingt durch Drogen, prügelnde Ehemänner und gnadenlose Manager. Dass viel von dem beinahe wie ein Abziehbild des wiederum realen Lebens von Whitney Houston wirkt, macht ihr Erscheinen als Mutter Emma des Trios in dem Film umso denkwürdiger.

Houston mimt eine gestrenge und tief gläubige Frau, die alles daran setzt, ihre Töchter vor der Unbill des Musikgeschäfts zu bewahren. Als solche darf sie in dem Film auch zum Gesangsmikrofon greifen - zu einem Gospel vor der Kirchengemeinde. Weder bekleidet Houston in "Sparkle" eine Hauptrolle (aber durchaus eine gewichtige) noch ist ihre schauspielerische Leistung herausragend (aber durch und durch solide). Faszinierend ist ihr Auftritt trotzdem - vor allem, weil man in ihrer Darstellung der vom Leben gezeichneten, altersweisen und ihr Seelenheil in der Religion suchenden Frau immer wieder die "echte" Whitney Houston erkennt. Oder zumindest sie zu erkennen glaubt. Denn wäre es um die Soul-Diva im realen Leben so bestellt gewesen wie um ihren Filmcharakter, dann wäre sie wohl kaum betäubt mit dem Gesicht unter Wasser elendig in der Badewanne eines x-beliebigen Hotels ertrunken.

Wer nur seinen Voyeurismus befriedigen will, in der Erwartung, auf Houstons finalen Filmbildern die endgültige Selbstdemontage einer kaputten Künstlerin zu erleben, kann sich den Gang ins Kino getrost sparen - das gibt es nicht zu sehen. Doch auch der letzte Schauspieleinsatz der Sängerin allein wäre noch kein ausreichendes Argument für den Filmbesuch. Was "Sparkle" gleichwohl allemal sehenswert macht, ist die enorme Spielfreude des gesamten Ensembles - allen voran die der Hauptdarstellerin Jordin Sparks und ihrer beiden "Schwestern". Sie nimmt den Zuschauer mit auf eine glaubwürdige Zeitreise zurück in die 60er-Jahre, in ein den meisten unbekanntes Milieu - zwischen coolem Soul und musikalischer Glitzerwelt auf der einen sowie persönlichen Abstürzen und Dramen auf der anderen Seite. Mit Blick auf Houston indes bleibt vor allem eine Erkenntnis - wie jammerschade, ja, geradezu unglaublich es ist, dass für diese Frau auf der Leinwand auch die allerletzte Klappe bereits gefallen ist.

"Sparkle" läuft ab 11. Oktober 2012 in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema