Unterhaltung
Den Schauplatz gibt es wirklich, die Handlung ist nur Quatsch: "Chernobyl Diaries".
Den Schauplatz gibt es wirklich, die Handlung ist nur Quatsch: "Chernobyl Diaries".(Foto: Warner Bros. Pictures)
Freitag, 22. Juni 2012

Horror im Sperrbezirk: Zum Gruseln: "Chernobyl Diaries"

Von Volker Probst

Prypjat gibt es wirklich. Einst lebten dort rund 50.000 Menschen. Doch heute ist es eine Geisterstadt. Denn: Prypjat liegt in Sichtweite von Tschernobyl und ist verseucht. "Chernobyl Diaries" macht den schaurigen Ort in der Ukraine zum Schauplatz eines Horrorfilms. Gar keine schlechte Idee. Eigentlich.

Keine Frage: Der Titel knallt. "Chernobyl Diaries" - das springt einem sofort ins Auge, löst ein gewisses Unbehagen, gepaart mit ziemlicher Neugier, aus. Jene fatale Mischung also, die voyeuristische Begierden in einem weckt, die man eigentlich nicht haben sollte. Leider geil. Vorausgesetzt, man ist nicht so abgestumpft, dass man statt der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl als erstes die "Vampire Diaries" mit dem Titel assoziiert. Denjenigen, denen es auch jenseits des Zahnspangen-Alters so geht, ist aber wohl nicht zu helfen.

Blick auf die Reaktor-Ruine - im Film.
Blick auf die Reaktor-Ruine - im Film.(Foto: Warner Bros. Pictures)

Oder vielleicht doch? Schließlich haben die auf die Kinoleinwand gebrachten "Tagebücher" aus "Chernobyl" keinerlei real-dokumentarischen Charakter. Jedenfalls, was die Handlung angeht. Der Streifen von Regie-Debütant Brad Parker ist schlechterdings ein Horrorfilm. Die Story dazu lieferte Oren Peli, bislang vor allem als Regisseur und Produzent der überaus erfolgreichen Schauer-Trilogie "Paranormal Activity" in Erscheinung getreten.

Gleichwohl werden reale Bezüge von den Filmemachern natürlich ganz bewusst suggeriert. Zum einen über die Machart. In der Tradition von Streifen wie dem Kult-Klassiker "The Blair Witch Project" oder eben "Paranormal Activity" tut "Chernobyl Diaries" so, als handele es sich um eine Art Dokumentation. "Horror Mockumentary" lautet die Genre-Bezeichnung für solche Filme, die in den vergangenen Jahren wie Untote aus dem Erdreich geschossen sind.

Das schöne Prypjat

Zum anderen ist auch der Schauplatz der Geschichte, die ukrainische Stadt Prypjat in Sichtweite zum Unglücksreaktor von Tschernobyl, keine Hollywood-Erfindung. Sie gibt es wirklich. Hier lebten einmal rund 50.000 Menschen, die meisten von ihnen AKW-Arbeiter und ihre Familien. Als sich am 26. April 1986 der atomare GAU im benachbarten Kernkraftwerk ereignete, wurden sie evakuiert - mit eineinhalb Tagen Verspätung, dann aber Knall auf Fall. Mit der Zusage, bald wieder in ihre Häuser zurückkehren zu können, hinterließen sie beinahe jegliches Hab und Gut. Doch in das radioaktiv verseuchte Prypjat ist nie wieder jemand eingezogen. Stattdessen wurde daraus eine verlassene Geisterstadt, die von der Natur zurückerobert, von Sicherheitskräften bewacht und von Unbefugten abgeschirmt wird.

Blick auf - das echte - Prypjat. Die Aufnahme entstand 2011.
Blick auf - das echte - Prypjat. Die Aufnahme entstand 2011.(Foto: REUTERS)

Zunächst. Denn auch in dieser Hinsicht ist "Chernobyl Diaries" kein reines Hirngespinst: Mittlerweile hat die Ukraine das Potenzial des Areals für - im wahrsten Sinne des Wortes - Katastrophentourismus ausgemacht. Wer furcht- und skrupellos genug ist, kann tatsächlich einen Ausflug ins schöne Prypjat buchen. Ja, im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft nahm man die Gegend um Tschernobyl gar ins offizielle Tour-Programm auf. Die Besichtigung erfolgt selbstredend auf eigene Gefahr. Denn auch wenn die radioaktive Belastung zurückgegangen ist - der Landstrich ist und bleibt noch auf hunderte Jahre kontaminiert.

Das reale Grauen, wie es das Reaktorunglück und seine Folgen hervorgebracht haben, zur Basis eines Horrorfilms zu machen, ist an sich keine schlechte Idee. Und die Ausstattung ist zweifellos die größte Stärke des Films. Parker, Peli und ihre Mitstreiter haben sich das heutige Prypjat offenbar sehr genau angesehen und fangen das gespenstische Flair, das schon allein von Fotos der zerfallenden Stadt im sozialistischen Beton-Stil ausgeht, überzeugend ein. Ja, auch das verrottende Riesenrad, das im Film zu sehen ist, gibt es wirklich. Während es jedoch im echten Prypjat aus Eisen und Stahl ist, ist es auf der Leinwand zu großen Teilen eine Computer-Animation. Nur der untere Teil wurde nachgebaut. So wie die übrigen Kulissen auch - gedreht wurde natürlich nicht am verseuchten Original-Schauplatz, sondern in Belgrad und der Umgebung von Budapest.

Griff in die Mottenkiste

Doch so gut wie die Grundidee ist, wenn man einen wahren Schocker produzieren will, so mangelhaft, plump und öde ist die übrige Ausführung geraten. In erster Linie liegt das am Drehbuch, das tief in die Horror-Mottenkiste greift. Es lohnt sich überhaupt nicht, auf die Handlung näher einzugehen. Kennst du einen, kennst du alle - erzählt wird die schon in hunderten Genre-Zwillingen in allen nur erdenklichen Variationen durchgekaute Geschichte nach dem Prinzip der zehn kleinen … Oops, wie drückt man das denn politisch korrekt aus? Halten wir es mit den Toten Hosen: nach dem Prinzip der zehn kleinen Jägermeister. Die Gefahr geht dabei nicht in erster Linie von der unsichtbaren Radioaktivität aus, sondern - oh Wunder - von durchaus sichtbaren Gegnern. Auch wenn sie im Film nicht allzu sichtbar gemacht werden.

Hinzu kommt, dass sich die US-amerikanischen Filmemacher nicht scheuen, auf der gleichen Klaviatur von Klischees zu spielen, die etwa schon in "Hostel" angestimmt wurde. Klar, der Schauplatz ist vorgegeben. Aber natürlich reicht das noch nicht, um die gruselige Unwirtlichkeit da in Osteuropa zum Ausdruck zu bringen. Dafür muss es gleich zu Beginn des Films schon auch erst einmal Stress mit den ukrainischen Einheimischen geben. Dafür muss "Reiseleiter" Uri (Dimitri Diatchenko) schon auch noch ein zwielichtiger sowjetischer Ex-Militär sein. Dafür müssen die Opfer, unter ihnen eine dickbusige Blondine (Olivia Taylor Dudley) und ihr wie Leonardo DiCaprio aussehender Freund (Jesse McCartney), schon durchweg US-Amerikaner und Norweger sein (in "Hostel" waren es US-Amerikaner und ein Isländer). Und dafür muss am Ende schon der Eindruck entstehen, als wären auch höhere Stellen des Landes in den ganzen Horror verstrickt.

Selbst die Sache mit Prypjat ist bei näherer Betrachtung nicht ganz neu. Zumindest im Computerspiel-Rahmen wurde die Thematik schon vor "Chernobyl Diaries" aufgegriffen. In der Ego-Shooter-Reihe "S.T.A.L.K.E.R." aus einer - ironischerweise - ukrainischen Entwickler-Schmiede muss man sich bereits seit einigen Jahren im Umfeld der Reaktorruine dem Kampf gegen Mutanten stellen.

Genre-Enthusiasten wird das alles nicht weiter jucken. Wen es nicht stört, zum x-ten Mal das gleiche Motiv in Abwandlung vorgesetzt zu bekommen, kann sich für den Film sicher begeistern. Denn, dabei bleibt es, die Grundatmosphäre ist für einen Horrorstreifen gut gewählt. Wem das jedoch nicht reicht, für den ist "Chernobyl Diaries" allerdings leider nur zum Gruseln - in doppelter Hinsicht.

"Chernobyl Diaries" läuft seit 21. Juni 2012 in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de