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Selbst Drohnen freuen sich in Klings Roman über zehn Sterne.
Selbst Drohnen freuen sich in Klings Roman über zehn Sterne.(Foto: dpa)
Sonntag, 24. September 2017

Marc-Uwe Klings "Quality Land": Die Zukunft könnte schräg werden

Von Solveig Bach

In "Quality Land" regieren Algorithmen, selbstfahrende Autos wissen, wo Menschen hinwollen, Drohnen liefern, was Menschen gar nicht mehr bestellen müssen. Aber dem Maschinenverschrotter Peter kommen trotzdem Zweifel.

Peter Arbeitsloser lebt in einer Welt, in der Menschen als Nachnamen den Beruf der Eltern zum Zeitpunkt des Zeugungsaktes tragen und nach ihrem Nutzen gelevelt werden. Eine Welt, in der alles über Computeralgorithmen läuft, intelligente Androiden, selbstfahrende Autos und Lieferdrohnen längst normaler Alltag sind.

"Quality Land" ist das "Land der Superlative", in dem Peter lebt. Und genau so heißt auch der neue Roman von Marc-Uwe Kling. Der frühere Poetryslammer und Kleinkünstler entwirft darin eine Zukunftsvision, in der nicht mehr ganz klar ist, ob künstliche Intelligenz den Menschen noch dient oder sie schon dominiert. Das Problem sind dabei nicht etwa böse werdende Maschinen. Peter fragt sich: "Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass es auch ein Segen sein kann, wenn man etwas nicht genau weiß? Dass man vielleicht den Freiraum braucht, den das Unbestimmte schafft? Ich meine, können wir wirklich frei sein, wenn alles genau vermessen und festgelegt ist? Was, wenn wir in einer Welt leben, in der alles exakt, aber falsch ist?"

Der Individualverkehr ist abgeschafft, dafür steht jederzeit ein Auto parat, das bereits die Lieblingsmusik spielt und sogar Smalltalk macht. Ein riesiger Internethändler erkennt die Wünsche der Menschen bereits, bevor sie diese überhaupt selbst aussprechen. Alles wird mit Drohnen innerhalb kürzester Zeit ausgeliefert, immerzu muss etwas oder jemand mit Sternen bewertet werden. Bargeldloses Bezahlen ist natürlich selbstverständlich, die Partnersuche erfolgt für alle digital, ebenso wie die spätere Partnerverbesserung und die Genoptimierung von Kindern.

Ein "Nutzloser" wird sauer

Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen und kostet 11,95 Euro.
Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen und kostet 11,95 Euro.(Foto: Hörbuch Hamburg)

Gerade herrscht in Quality Land Wahlkampf, weil die amtierende Präsidentin allen Berechnungen zufolge demnächst einer schweren Krankheit erliegen wird. Die beiden Kandidaten sind ein abgehalfterter Fernsehkoch für die "Qualitätsallianz" und ein Androide für die "Fortschrittspartei".

Leider verschlechtern sich die Bedingungen von Peter, weil seine Partnerin ihn verlässt und er dadurch Levelpunkte verliert. Das macht ihn, der einen Second-Hand-Laden mit Schrottpresse von seinem Großvater geerbt hat, endgültig zu einem "Nutzlosen". Doch ausgerechnet ausrangierte elektronische Geräte, deren Reparatur dank neuer Konsumschutzgesetze verboten ist, bieten Peter ein anderes Leben. In seinem Keller existieren ein Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung, ein Sexdroide mit Erektionsstörungen, ein 3D-Drucker, der nur noch 2D druckt, eine Drohne mit Flugangst und weitere gestörte Maschinen. Mit denen kann er immerhin Mahjong spielen, eines der wenigen Spiele, bei denen angeblich auch Menschen noch mithalten können.

Doch dann bekommt Peter etwas geliefert, das er definitiv nicht haben wollte. Und statt sich der unumstößlichen Wahrheit zu beugen, dass er sich einen rosa Delfinvibrator dann eben unterbewusst gewünscht hat, versucht er, das Gerät wieder zurückzugeben. Parallel dazu laufen die Dinge im Wahlkampf etwas aus dem Ruder.

Immer ein bisschen Känguru

Seit seinen Känguru-Bestsellern ist Marc-Uwe Kling der Inbegriff für etwas schrägen und absurden Humor. Davon gibt es auch in "Quality Land" reichlich und gerade weil Kling das Hörbuch selbst liest, kann man kaum anders, als das Känguru immer ein bisschen mitzuhören. Kling zitiert fröhlich Adorno, Lenin und Kant, streut dabei immer wieder computerhistorisches Wissen ein und macht natürlich auch Witze auf seine eigenen Kosten.

Das ist immer unterhaltsam, aber nie ohne doppelten Boden. Diesmal sogar nochmal verdoppelt, denn "Quality Land" gibt es in einer Version für Optimisten und einer für "Apokalyptiker", gekennzeichnet als helle und dunkle Ausgabe. Kling erklärt dies als Versuch, seinem Roman eine Art Personalisierung angedeihen zu lassen. Immerhin bekommt man die jeweils alternative Version gratis dazu, per Internetlink.

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Quelle: n-tv.de