Hörbücher

"So dunkel der Wald" Wenn Kinder plötzlich verschwinden

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"So dunkel der Wald" schürt Ur-Ängste.

(Foto: Audible Studios)

Gehorchen sie nicht, wirft Paps sie ins Loch - eine metertiefe, dunkle und eiskalte Felshöhle. Mehrere Mädchen starben dort bereits. Auf die Schliche ist Paps noch niemand gekommen. Jannik und Ronja können das ändern. Doch als sich die Machtverhältnisse im Haus verschieben, ist das Loch ihr kleinstes Problem.

Seine Kinder nennen ihn Paps. Das klingt liebevoll. Aber eigentlich haben sie alle Angst vor ihm - die Jugendlichen Jannik und Ronja ebenso wie die beiden jüngeren Kinder Theo und Henna. Das hat gute Gründe, denn Paps führt ein hartes Regime. Wer nicht artig ist, gegen seine Regeln verstößt, landet in einem dunklen Loch. Eine metertiefe Felshöhle, so dunkel wie die schwärzeste Nacht, so kalt, feucht und unheimlich, als ob es nicht von dieser Welt ist. Keiner will da hinein.

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Michaela Kastel, die Autorin der Buchvorlage.

(Foto: Emons Verlag)

Doch Lola hat es in Paps' Augen nicht anders verdient. Sie wollte abhauen. Jetzt liegt sie seit mehreren Tagen im Loch. Eine Flucht ist unmöglich, Hilfe eine Illusion. Jannik und Ronja wissen das aus eigener Erfahrung. Lolas Leiche ist daher keine Überraschung für die beiden Jugendlichen. Lola ist auch nicht das erste Mädchen, das in der Düsternis der Felshöhle stirbt.

Jannik und Ronja haben aufgehört zu zählen. Es hat auch keinen Sinn. Zu lange befinden sie sich in Paps' Obhut. Zu lange leben sie von ihren eigentlichen Familien getrennt. Jahrelang fristen sie nun schon ihr Dasein in diesem alten Haus, irgendwo weit abgeschieden und versteckt gelegen im Wald. Ronja war zehn, als Paps sie entführte. Sie war zehn, als er sie das erste Mal missbrauchte. Nun hat sie das Schlimmste hinter sich: Sie ist zu alt für Paps. Der mag nur junge Mädchen.

Seelischer Missbrauch und die Folgen

Ronja hat jahrelang kleine Mädchen kommen und im Loch verrecken sehen. Die Hoffnung auf Rettung ist mit ihnen gestorben. Nicht, dass die Polizei es versucht hätte. Aber ihre Ermittlungen liefen immer ins Leere. Niemand weiß, wo das Haus im Wald steht, nur wenige kennen es, noch weniger haben je davon gehört. Dass keiner kommt und sie rettet, hat Spuren bei den Kindern hinterlassen. Das merkt der Zuhörer von "So dunkel der Wald" von Michaela Kastel dann, als sich die Machtverhältnisse im Haus auf einen Schlag verändern.

Das ist dann auch der Punkt, wo sich Kastels Plot von einem handwerklich ordentlichen Krimi zu einem grausam guten Thriller dreht. Klar gibt es den Erzählstrang der polizeilichen Ermittlungen. Doch der ist bei Kastel Nebensache. Ihr Augenmerk legt die Autorin vielmehr auf die Geschehnisse im Haus, auf das aufwühlende Leben der vier Kinder. Ihre Arbeit im Winter, ihre gemeinsamen Stunden, ihre kleinen Freuden tagsüber - und ihre Angst vor dem Hereinbrechen der Dunkelheit, vor dem Zubettgehen, vor den nächtlichen Besuchen von Paps.

Kastel deutet die körperlichen Grausamkeiten weitestgehend nur an und erzeugt so eine noch bedrückender Stimmung beim Zuhörer. Dessen Fantasie ist dann für das Malen der schrecklichen Bilder selbst verantwortlich. Leichter Tobak ist "So dunkel der Wald" nicht. Kastels Werk ist intensiv, düster, es legt sich wie ein dunkler Schatten auf die eigene Seele.

Eiskalte Dunkelheit, wärmstens empfohlen

Michaela Kastel

Michaela Kastel, geboren 1987, studierte sich quer durch das Angebot der Universität Wien, ehe sie beschloss, Schriftstellerin zu werden. Sie arbeitet zudem in einer Buchhandlung. Die Filmrechte zu "So dunkel der Wald" wurden bereits vor Erscheinen ihres Debüts verkauft.

"Ich finde das Buch sehr bewegend und feinfühlig geschrieben", sagt Peter Lontzek ntv.de, der das Hörbuch liest. "Ich schätze sehr, dass es der Autorin nicht um Voyeurismus geht, sondern vielmehr um die verzweifelte Suche ihrer Protagonisten nach einem 'normalen' Zuhause", so Lontzek weiter. "Mir selbst ging es bei der Umsetzung darum, die Sprache der Autorin möglichst transparent für sich wirken zu lassen."

Und Kastels Sprache verfehlt ihre Wirkung beim Zuhörer nicht: Immer wenn eines der Kinder "Paps" sagt, klingt das nicht nach einem Vergewaltiger, Kinderschänder, Kriminellen, Bösen. Es klingt vielmehr nach Normalität, nach Zuhause, nach Wäre, nach Familie, nach Liebe. Für den Zuhörer klingt das verstörend. Es macht etwas mit einem.

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So dunkel der Wald: Thriller
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Kastels Debüt erschien 2018 und wurde direkt mit dem "Viktor Crime Award" ausgezeichnet, den Thriller-Bestsellerautor Sebastian Fitzek ins Leben gerufen hat. Das nun bei Audible Studios erschienene Hörbuch, gelesen von dem ebenfalls mehrfach ausgezeichneten Sprecher Lontzek, hätte besser nicht ausfallen können. Knapp achteinhalb Stunden Spannung, Klaustrophobie, Angst und Dunkelheit mögen vielleicht nicht jedermanns Sache sein und auch den nächsten Waldspaziergang wird man wohl mit anderen Augen sehen. Uneingeschränkt empfehlen kann und muss man es aber, dafür ist es einfach viel zu gut!

Quelle: ntv.de