Nackt, echt und ein MädchenAura Dione lässt die Hüllen fallen

Erst ließ Aura Dione im Video zu "I Will Love You Monday" die Schuhe tanzen. Jetzt steppt bei ihrem Nummer-1-Hit "Geronimo" und dem zugehörigen Album "Before The Dinosaurs" der Bär. Im n-tv.de Interview spricht die dänische Sängerin über ihren Kleiderschrank, die Tränen ihres Vaters und nackte Tatsachen.
Erst ließ Aura Dione im Video zu "I Will Love You Monday" die Schuhe tanzen. Jetzt steppt bei ihrem Nummer-1-Hit "Geronimo" und dem zugehörigen Album "Before The Dinosaurs" der Bär. Im n-tv.de Interview spricht die dänische Sängerin über ihren Kleiderschrank, die Tränen ihres Vaters und nackte Tatsachen.
n-tv.de: Auf dem Cover deines neuen Albums "Before The Dinosaurs" bist du nackt. Warum?
Aura Dione: Das ist ja mein zweites Album. Und das gilt immer als besonders schwierig. Während ich es gemacht habe, war mir klar, dass ich zurück zu meinen Wurzeln gehen muss - den Wurzeln des Songwritings und meiner Identität. Als ich angefangen habe, Songs zu schreiben und Musik zu machen, bin ich nur meinen Instinkten gefolgt. Inzwischen bin ich getourt, habe hunderte Konzerte gegeben und die Welt gesehen. Dadurch ist mir natürlich der "Job" viel bewusster geworden. Jetzt wollte ich herausfinden: Wer bin ich eigentlich? Nackt zu sein, war eine Möglichkeit, spirituell und mental noch einmal ganz von vorne anzufangen.
Es geht dir also nicht in erster Linie darum, mit dem Foto Aufmerksamkeit zu erzielen?
Natürlich ist mir klar, dass das ein Bild ist, bei dem die Leute hinsehen: Oh, sie ist nackt. Aber ich habe nie meine Sexualität benutzt, um dort zu sein, wo ich heute bin. Ich mag das Bild. Ich finde es schön. Und ich dachte mir: Ich kann mich gar nicht so nackt fühlen wie in dem Moment, in dem ich auf die Bühne gehe und meine Songs vortrage. Da fühle ich mich am verletzlichsten.
In der Biografie, die auf deiner Facebook-Seite hinterlegt ist, heißt es, du würdest alles, was du tust, mit einem Sinn für Humor tun. Würdest du dich als humorvoll beschreiben?
Ja, ich habe gerne Spaß. Und ich glaube, das ist auch meine Art, mich über die sexuellen Implikationen lustig zu machen, die sich daraus ergeben, ein Popstar zu sein. Ich bin kein Fan davon. Meine Integrität ist mir sehr wichtig. Wenn jemand das Bild sexy findet - okay. Aber für mich bedeutet es nur, nackt und damit echt und ein Mädchen zu sein.
Worüber kannst du denn sonst lachen?
Weißt du, ich glaube, ich mag es, mich manchmal in meine eigene Realität zu flüchten ... Aber ich mag Monty Python. Und ich kann lachen, wenn Menschen gegen eine Laterne laufen, die sie übersehen haben. Und sonst … Ich glaube, die lustigsten Menschen sind normalerweise entweder die dümmsten oder die intelligentesten Menschen - über beide lacht man gleichermaßen.
Die erste Single aus dem neuen Album ist "Geronimo". Der echte "Geronimo" war ja ein Indianer-Häuptling, der sich den Invasoren in Amerika entgegengestellt hat. Ist er ein Idol für dich?
Manchmal ist es so, als ob nicht ich einen Song schreibe, sondern der Song mich. Das fliegt mir dann einfach so zu. Das ganze Thema von "Geronimo" … (sie setzt an und singt den Refrain - wow, was für eine Stimme) Das ist einfach so gekommen. Insofern gab es da keine große Suche nach der Bestimmung. Zugleich jedoch tauchte das in einem Moment auf, in dem ich Kraft brauchte - seine Kraft, um die Freiheit zu kämpfen, ich selbst zu sein. Aber tatsächlich habe ich über den Freiheitskämpfer Geronimo erst gelesen, nachdem ich den Song geschrieben hatte.
Du schreibt ja Songs seit deiner Kindheit - deinen ersten hast du tatsächlich schon mit fünf oder sechs Jahren verfasst. Hat sich deine Herangehensweise beim Songwriting über die Jahre hinweg verändert?
Ja, als ich jünger war, habe ich nur geschrieben, wenn ich etwas gefühlt habe. Ich hätte mir damals nie vorstellen können, etwas zu schreiben, ohne es zu fühlen. Es ging für mich also darum, eine bestimmte Emotion loszuwerden. Inzwischen habe ich meine Fähigkeiten verfeinert. Heute kann ich immer schreiben. Es ist, als ob man eine kreative Ader in sich öffnet und schließt. Trotzdem glaube ich, dass die besten Songs immer dann entstehen, wenn man es am wenigsten erwartet.
Also zum Beispiel in der Dusche oder so?
Ja, wenn man relaxt und nicht darüber nachdenkt - oh, ich muss einen Song schreiben oder ein Album vollenden. Wenn man einfach loslässt und Spaß hat.
Würdest du zustimmen, dass das ziemlich poppige "Geronimo" nicht unbedingt typisch für dein neues Album ist?
Nein. Ich glaube, das war auf meinem vorherigen Album auch schon so: Dem einzelnen Song wird immer mit enormem Respekt begegnet. Ich setze mich nicht hin und sage: Ich möchte ein Album machen, das sich genau so oder so anhört. Ich möchte ein Genre namens "Progressive Pop Poetry" kreieren. Für mich wird das Album vor allem durch meine Stimme und meine starken Lyrics definiert. Und dadurch, dass man ein Gefühl entwickelt, dass dahinter ein wirklich starkes Mädchen steht, das Popmusik mit Integrität macht. Ich will die Zuhörer nicht überfordern. Aber ich möchte auch nicht, dass sich alles gleich anhört. Jeder Song sollte für sich stehen - und nicht in der Produktion untergehen.
Du versuchst eigentlich über alles selbst die Kontrolle zu behalten - von deiner Musik über deinen Style bis hin zu deinen Videos. Ist das seit deinem Erfolg mit dem Debütalbum "Columbine" und dem Hit "I Will Love You Monday" eigentlich leichter oder schwerer geworden?
Einiges ist leichter geworden, einiges schwerer. Je mehr Verantwortung man hat, umso gestresster wird man natürlich. Ich hatte nie die Ambition, ein Art-Direktor zu sein - oder ein Fotograf, ein Stylist, ein Make-Up-Artist, eine Geschäftsfrau … Aber ein Popstar zu sein bringt genau das mit sich. Das ist, was hinter der Bühne passiert. Für mich ist es sehr wichtig, mich in dieser Hinsicht von vielen anderen weiblichen Künstlern zu unterscheiden. Wenn man es als richtigen Job begreift, muss man sich einfach den Hintern aufreißen.
Empfindest du Druck, den Erfolg von "I Will Love You Monday" zu wiederholen oder gar zu toppen?
Musik ist kein Wettbewerb. Aber natürlich ist es immer schön, Anerkennung zu finden - für etwas, das einem ja selbst unglaublich viel bedeutet. Die Musik ist mein Leben. Es ist fantastisch, das mit der Welt zu teilen. Und natürlich hoffe ich, es mit so vielen Menschen wie möglich teilen zu können. Schließlich glaube ich, dass meine Musik viele wichtige Dinge zu sagen hat. Und lustige. Und schöne.
Nahezu jeder kennt natürlich das Video zu "I Will Love You Monday" mit all den Schuhen. Jetzt will ich es aber wissen: Wie viele Paar Schuhe hast du?
Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung. Ich glaube, es sind über 300. Aber trotzdem habe ich deswegen keinen Schuhtick. Ich habe einfach von allem viel. Ich habe viele Gürtel, viel Schmuck, viele Jacken … Ich bin eine Sammlerin. Das ist auch ein Teil der "Aura-Welt" neben der Musik: Ich drücke mich auch privat auf jede nur erdenkliche Weise aus. Mein Zuhause gleicht in gewisser Weise einem Abenteuerpark. Und nicht anders ist es bei meinem Kleiderschrank.
Okay, aber 300 Paar Schuhe reichen schon aus, um dich als Expertin zu befragen: Welche Schuhe sollten Männer tragen - und welche gehen gar nicht?
(lacht) Was ich an Schuhen tatsächlich liebe, ist, dass sie viel über den Charakter einer Person aussagen können. Wenn ich sehe, was für Schuhe jemand trägt, weiß ich irgendwie, mit was für einer Person ich es zu tun habe. Sportliche Schuhe oder High Heels - dahinter verbergen sich zwei unterschiedliche Charaktere. Deswegen habe ich wahrscheinlich auch so viele Schuhe, weil ich gerne verschiedene Rollen spiele und mir einen Spaß daraus mache.
Das beantwortet die Frage nach den Männerschuhen aber noch nicht …
Ich sage es mal so: Der Charakter eines Mannes, den ich liebe, sollte sich auf jeden Fall auch in seinen Schuhen widerspiegeln. Man sollte sehen, dass er sich selbst nicht zu ernst nimmt, leidenschaftlich ist und keine Angst davor hat, einen langen Weg zu gehen. Ich glaube, Sneakers finde ich an Männern cooler als Lederschuhe …
Puuh, dann habe ich Glück, dass ich heute Sneakers anhabe ...
"Ich auch", ruft der ebenfalls anwesende Kollege der Plattenfirma.
Das hast du doch vorher abgecheckt …
(lacht) Nein! Es ist doch auch so: Wenn es ein schöner, klassischer Lederschuh ist, dann passt der vor allem zum Anzug. Dann müssten wir aber auch noch gleich über den ganzen Bereich der Anzüge sprechen …
Nee, das würde dann doch den Rahmen sprengen. Sprechen wir lieber noch über deine Biografie. Du bezeichnest deine Eltern selbst immer als "Hippies". Inwiefern hat dich das deiner Meinung nach beeinflusst?
Es gibt ja diese drei Worte: Peace, Love & Harmony. Und ich würde noch Bio-Nahrung hinzufügen. Meine Eltern haben sich immer sehr für Menschen eingesetzt, die nicht viel haben und gesellschaftlich benachteiligt sind. Als ich aufgewachsen bin, war ich stets von bedürftigen Menschen umgeben, um die sich meine Eltern gekümmert haben. Das reichte von Obdachlosen bis hin zu Drogenabhängigen. Ich glaube, das ist das Beste, was aus ihrer "Hippie"-Einstellung hervorgegangen ist. Meine Eltern sind sehr gute Menschen. Und sie haben nicht nur mir, sondern vielen Menschen Raum gegeben, sie selbst zu sein. Für sie waren alle Menschen gleich. Dafür bewundere ich sie. Und das hat mir viel gegeben.
Und was haben sie gesagt, als du dich mit gerade mal 17 Jahren entschieden hast, von Dänemark nach Australien zu gehen, dort Musik zu machen und von den Aborigines zu lernen?
Ich muss sagen, dass ich ein echt wilder Teenager war. Nicht durchgeknallt, aber ich hatte immer eine Vorstellung von meinem Schicksal. Ich wusste schon als Kind, dass ich Musikerin werden würde - auch wenn es durchaus Phasen gab, in denen ich darunter gelitten habe und mir vielleicht einfach nur ein normales Leben gewünscht hätte. Meine Eltern haben mich dabei immer sehr unterstützt. Aber natürlich war das damals schwierig. Ich habe mit 17 die Schule geschmissen und gesagt: Ich möchte in die Welt hinausgehen. In meiner Klasse sieht niemand aus wie Britney Spears, da ist doch was falsch. Ich gehe nach Australien, 20.000 Kilometer entfernt, spiele Gitarre und schlage mich so durch. Da habe ich meinen Vater weinen gesehen. Aber darüber ist es nie hinausgegangen. Danach sind meine Eltern cool damit umgegangen.
Du bist fast zweieinhalb Jahre in Australien geblieben. Warum bist du dann doch wieder zurückgegangen?
Weil ich eine grundsätzliche Entscheidung treffen musste, in Australien zu bleiben oder zu gehen. Und ich war immer noch zu jung. Ich war 19, als ich damit angefangen habe, mein erstes Album aufzunehmen. Aber ich habe Australien geliebt. Für mich war es ein Ort, an dem ich wirklich frei sein konnte, weil dort niemand war, der meinen Hintern hätte retten können. Ich habe dort viel über das Leben gelernt.
Du hast einmal folgendes gesagt: "Ich muss dauernd etwas tun. Meine Traumvorstellung ist: Um 5.30 Uhr morgens aufstehen, ab 7.30 Uhr drei Stunden tanzen, dann vier Stunden Musik machen, danach eine Stunde Fitness und dann ein großes Konzert spielen. Und das jeden Tag, 31 Tage im Monat. Das ist das, was ich will." Bist du hyperaktiv?
(lacht) Stimmt, das ist sehr ambitioniert. Aber da ist schon etwas Wahres dran. Das ist, wie ich mein Leben verbringen will. Ich habe keine Zeit dafür, Kaffee zu trinken, rumzuhängen und dabei älter zu werden. Während ich hier bin, möchte ich so viel wie möglich sehen und erleben. Ich möchte das Gefühl haben: Wenn ich morgen sterbe, habe ich, verdammt noch mal, mein Bestes gegeben.
Mit Aura Dione sprach Volker Probst
Aura Dione ist im Dezember 2011 in Deutschland auf Tour: Köln (12.12.), Berlin (13.12.), Hamburg (14.12.), Darmstadt (15.12.), Flensburg (18.12.)