Musik

Liebes Väterchen Frost ...CD-Wünsche: Von Elvis bis Nigel Kennedy

01.01.2011, 15:49 Uhr
imagevon Manfred Bleskin

Weihnachten ist vorbei, aber viele CD-Wünsche sind offen geblieben. Vielleicht kann Väterchen Frost die ja erfüllen? Manfred Bleskin versucht sein Glück und stellt eine Liste mit hörenswerten Neuerscheinungen zusammen.

Liebes Väterchen Frost,

eigentlich bist Du ja gar nicht für mich zuständig. Aber da Dein Kollege Weihnachtsmann für dieses Jahr schon seine Schotten dicht gemacht hat, sehe ich keinen anderen Weg. Außerdem spricht meine Kanzlerin ja immer von den guten Beziehungen zu Russland, so dass ich meine, auch ein klein wenig davon profitieren zu können. Ich hätt’ da nämlich noch ein paar Wünsche offen, die Du noch rechtzeitig bis zum orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Januar erfüllen könntest. Vielleicht freut sich ja auch Guido Westerwelle über die eine oder andere Scheibe. Am 6. Januar, den wir hier als Dreikönigstag begehen, findet nämlich das Dreikönigstreffen seiner FDP statt. Da es gut sein kann, dass er seine Königskrone verliert, zumindest aber ein paar Zacken aus selbiger herausgebrochen werden, könnte ihm die Musik ein bisschen Trost spenden.

Da wäre zunächst Elvis, der ja, wie Du, Guido und ich wissen, lebt. Aber wir drei kennen nicht alles vom einstigen King of Rock and Roll, besonders jene Aufnahmen, die entstanden, nachdem er seine Königskrone gegen eine Armeemütze eingetauscht hatte. In jener Zeit konzentrierte sich der Mann aus Tupelo/Mississippi aufs Filmemachen, und es gelangen auch ein paar wundervolle Songs wie "Are You Lonesome Tonight?", "Surrender", "Good Luck Charm", "His Latest Flame", "Guitar Man" oder "Stuck On You". Fakt aber ist, dass sich der Mann musikalisch einfach nicht mehr zurechtfand in dieser Zeit, in der die British Invasion begann. Dies ist wohl auch dem Einfluss seines herrischen Managers "Colonel" Parker zu danken, der mit dem "Yeah, Yeah, Yeah" ebenso wenig anfangen konnte wie Walter Ulbricht. Da braucht man nur in Elvis’ Version von "Hey, Jude" hinein zu hören. So ist mit "Elvis – From Nashville To Memphis" ein Zeitdokument entstanden, dass die wundervolle Stimme eines Ausnahmekünstlers erleben lässt, der von Beatlessongs über alte Blues- und Rock 'n' Roll-Nummer bis zur Ballade so ziemlich alles sang, was ihm übers Klavier lief. Leider haben die Herausgeber der Box die Supernummer "Suspicion" vergessen, die auf Elvis’ 62er Album "Pot Luck" erschienen war und erst zwei Jahre später in der Aufnahme eines One-Hit-Wonders namens Terry Stafford in den USA ein Riesenhit wurde.

Freuen würde ich mich auch über Syd Barrett: "An Introduction To …”. Das ist ein Album, das erleben lässt, wie eine der größten Rockbands einst begann. Barrett war der erste Leadsänger von Pink Floyd. Stücke wie "Arnold Lane", "See Emily Play oder "Bike" zeugen von einer Revolution in der Beatrevolution, die einen sphärischen Touch bekam. Auch einige Beispiele der drei Soloplatten von Syd Barrret hat’s auf der Scheibe: "Baby Lemonade", "If It’s In You" oder "Dark Globe" zeugen von der ungebrochenen Kreativität des leider viel zu früh von dieser Welt Gegangenen. Einige Tracks wie "Here I Go" sind in diesem Jahr neu abgemischt worden. Verantwortlicher Produzent ist David Gilmour, der einstige Pink-Floyd-Gitarrist. Ein Zuckerstückerl der besonderen Art, das kannst Du glauben.

Wie auch die von George Harrison produzierten "Collaborations", auf der er mit seinem Freund Ravi Shankar und vielen, vielen anderen zu hören und zu sehen ist. Entstanden ist eine Art musikalischer "West-östlicher Diwan", der dem Geheimrat aus Weimar ganz sicher auch gefallen hätte. Es ist erstaunlich, wie sich ein Arbeitersohn aus Liverpool/England in die komplizierten Strukturen der indischen Klassik hineinfinden konnte. Dem gleichfalls viel, viel zu früh gestorbenen Leadgitarristen der Beatles gebührt das unsterbliche Verdienst, diese Klänge mit dem Rock 'n' Roll verbunden und die Töne des Subkontinents zum Teil der westlichen Kultur gemacht zu haben. Ein Spektakulum der Farben und Töne die DVD, auf der ein Konzert mit Ravi Shankar und indischen Musikerkollegen in der berühmten Londoner Royal Albert Hall festgehalten ist.

Ich weiß nicht, liebes Väterchen Frost, ob Dir Nigel Kennedys "Very Best Of …" nur deshalb so gut gefallen würde, weil er den "Hummelflug" Deines Landsmannes Nikolai Rimski-Korsakow so toll eingespielt hat. Ganz sicher fänden "Der Herbst" aus Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten" und Johannes Brahms' "Ungarischer Tanz Nr. 5" auch Gnade vor Deinen Ohren. Ob Du Dich zu den Ausflügen des Mannes aus dem südenglischen Brighton in die Welt des Jazz freust, musst Du selbst herausfinden. Ich hab' da so meine Schwierigkeiten. In jedem Fall aber gehört dieser Teil von Kennedy ebenso zu ihm wie seine eigensinnig und kraftvoll vorgetragenen klassischen Stücke.

Da wir gerade bei der Klassik sind und bei Vivaldi waren, wünsche ich mir noch die "Pergolesi Collection", die Meister Claudio Abbado zusammen mit dem Wiener Mozart Orchestra und dem Chor des italienischsprachigen Schweizer Fernsehens auf vier CDs eingespielt hat. Giovanni Battista Pergolesi wurde nur 26 Jahre, ist ein Zeitgenosse von Vivaldi und gehört mit diesem zu den bedeutendsten italienischen Komponisten des 18. Jahrhunderts. Zu hören ist eine teils opernhafte Musik, die vielfach auf liturgischen Elementen basiert. "Dixit Dominus", eine Lobpreisung Jesu Christi, "Salve Regina" eine an dessen Mutter Maria. Das Violinkonzert mit Giuliano Carmignola gehört zu den schönsten Stücken der Edition. Hör einfach mal rein, bevor Du sie mir unter den immer noch aufgestellten Weihnachtsbaum in unserem Wohnzimmer legst.

Sehr schön wäre es, wenn Du noch die Reedition von Jethro Tulls zweiter LP "Stand Up" aus 1969 dazutun könntest. Das Werk markiert die Hinwendung der Gruppe des Ian Anderson zur klassisch beeinflussten Rockmusik, die mit altenglischen und keltischen Elemente vermischt zu ihrem Markenzeichen wurde. Dazu gibt es jede Menge Bonusmaterial, eine CD mit einem Konzertmitschnitt in der New Yorker Carnegie Hall aus 1970, das dann auch noch einmal auf einer DVD leider nur zu hören ist. Sehen und hören kann man aber den Meister, der erklärt, wie das Album damals entstand. Leider sitzt er ganz normal auf einer braunen Ledercouch. Wir hätten ihn gern gesehen, wie er sein rechtes Bein anwinkelt und auf seiner Flöte herumkaut wie auf einem Chewing Gum. Aber spannend ist es allemal, schließlich gehört Jethro Tull wie Pink Floyd zu jenen Bands, die dem Rock Ende der 60er neues Leben einhauchten. Ein Album von gestern, das klingt, als wäre es morgen aufgenommen. Also, bitte …

Ein "altes” Album ist auch "The Promise” von Bruce Springsteen. Die Doppel-CD enthält mit einer Ausnahme Studioaufnahmen, die in der Zeit nach dem Erscheinen von "Born To Run" 1975 und "Darkness At The Edge Of Town" 1978 entstanden, folglich auch so klingen und nun erstmals veröffentlicht wurden. Da gibt’s nur wenig Gitarre, die Mundharmonika dominiert an vielen Stellen, an anderen ist es das gute alte Piano. So kann man erleben, wie sehr Master Bruce an seinen Vorbildern hing: Der Song "Gotta Get That Feeling" ist eine Hommage an das unvergängliche "Be My Baby" von der schwarzen Girlgroup "The Ronettes", das zu Beginn der Sixties von Phil Spector produziert wurde. "Outside Looking In" hat ein wirbelndes Schlagzeug wie Buddy Hollys unsterbliche "Peggy Sue", manche Akkordfolge sind kongenial geklaut.

Nicht ganz so gelungen sind die digital eingespielten Neuaufnahmen des legendären US-Bandleaders Billy Vaughn, der mit seinem Orchester unzählige Male in den Albumcharts vertreten war und neben Ray Conniff, Henry Mancini und Hugo Montenegro zu den wichtigsten Vertretern orchestraler Tanzmusik gehört. Unvergesslich sein "Sail Along Silvery Moon", sein "Blue Hawaii" oder der Rockstandard "Raunchy" aus der Feder seines Kollegen Billy Justis. Leider klingen die DDD-Aufnahmen zu sauber, zu glatt, um den Geist der späten 50er und 60er Jahre wiederzugeben. Doch nehmen wir’s als eine "Introduction To Billy Vaughn".

So, liebes Väterchen Frost, das soll’s gewesen sein. Vergiss mir die 20.000 obdachlosen Kinder in Moskau nicht, die frieren und hungern, während sich die Herren Medwedew und Putin den Hintern in der warmen Stube wärmen.

Dein deutscher Freund Manfred

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